Zur Ergänzung der in Nr. 12 des „Anzeigers“ 1863 gebrachten kurzen Notiz von der Auffindung eines Totenfeldes zwischen den Dörfern Nehasitz, Welmschloss, Moraves und Wisotschan in der Nähe der
königl. Kreisstadt Saaz in Böhmen folgt nun die Darstellung der weiteren Forschungen auf dieser interessanten Gräberstätte. Das Totenfeld bei Nehasitz hat bei 150 W. Klafter Länge 100 W. Kl.
Breite. Unter der 1 W. Schuh mächtigen Ackerkrume liegt die Gräberschicht von wechselnder Dicke 3–5 W. Schuh, darunter der natürliche Boden, roter Lehm. Die Erde der Gräberschicht zeigt durchaus
im trockenen Zustand ein aschenartiges, graues Ansehen; die chemische Untersuchung ergab den großen Gehalt derselben an kohlensaurem Kalk. Die Gräber sind teils Skelettgräber, teils Urnengräber.
In ersteren liegen die wohlerhaltenen Skelette 3–5 W. Schuh tief unter der Oberfläche, mit dem Kopf nach Norden, teils mit dem Angesicht, teils mit dem Rücken auf dem roten Lehm auf. In zwei
Fällen ruhte die Leiche auf einer von unbehauenen Feldsteinen pflasterartig zusammengelegten Steinlage; mehrere Gräber waren mit behauenen, platten, großen Steinen umlegt. In der Nähe der Leiche
befinden sich je drei Steine, einer beim Kopf, und je einer an den Brustseiten; unter letzteren befindet sich häufig eine 9 Zoll hohe, vierseitige, der Breiteachse nach durchbohrte, aus Ton
gebrannte Pyramide, (ganz ähnlich dem in Wagner’s „Tempel und Pyramiden der Urbewohner auf dem rechten Elbufer“, Taf. II, Fig. 28 abgebildeten Objekte). Die mitgegebenen Grabgefäße sind
größtenteils zerdrückt; sie zeigen eine zierliche Form, sind an der Innen- und Außenfläche schwarz, graphitartig glänzend, schalen-, krug-, napfförmig. Beigaben von Metall finden sich in dieser
Schicht selten; häufiger kommen bei Nehasitz nur Bronzenadeln mit einfachem Knopf vor; sehr selten bronzene Armbänder; Eisengegenstände finden sich nirgends, desto häufiger Mitgaben aus Stein und
Bein, Reibsteine zum Zermalmen des Getreides, nebst den erwähnten Tonpyramiden, Tonwirtel, Äxte und starke Lanzenspitzen ähnliche Stechinstrumente aus Hirschhorn, durchbohrte Pferde- und
Eberzähne, Pfriemen und Nadeln aus schwachen, zugespitzten Knochen, Röhrchen aus gebranntem Ton. In den Urnengräbern sind die Urnen in eine Steinumlegung beigesetzt und mit einem flachen Stein
zugedeckt; sie enthalten Asche, Knochenstückchen, selten Bronzeringe oder Nadeln; ihre Form ist zumeist krugartig, am häufigsten mit einem Henkel, sehr selten doppelgehengelt, zuweilen auch ohne
Henkel. In der über den Skeletten und Urnen aufgehäuften aschenhaltigen Erde finden sich Tausende Fragmente von thönernen Gefäßen der verschiedensten Natur, daneben zahlreiche Tierknochen (man
könnte ganze Wagenladungen davon wegfahren), jedoch kein einziges ganzes Tierskelett. Die Untersuchung des von mir an Ort und Stelle ausgehobenen Materials ergab folgende Tiergattungen: Rind
(Schenkelknochen eines ausgewachsenen Exemplars kleiner Rasse und Stirnknochen mit ansitzendem Horn vom Kalb), Pferd (Zähne und Schulterblatt von sehr starken Exemplaren), Edelhirsch (Gehörn und
Rückenwirbel von großen, alten Tieren), Rehe (Gehörn, Fußknochen und Wirbel von schwachen, jungen Tieren), Eber (einzelne Zähne, vollständiges Gebiss von ungeheuren Tieren). Letztere drei
Tiergattungen: Edelhirsch, Reh und Wildschweine, finden sich durchweg in überwiegender Mehrzahl. Einzelne Knochen dieser Tiere sind halb verbrannt; wahrscheinlich war die Gräberstätte bei
Nehasitz zugleich auch Opferstätte; jedenfalls fand das Volk, dem diese Gräber angehören, neben den Früchten des Ackerbaus seine Hauptnahrung noch in den wilden Tieren des Forstes. Ferner fand
ich in den Nehasitzer, sowie in allen ähnlichen Gräbern, die ich untersuchte, immer runde, kugelförmige Steine von der Größe einer Nuss bis zur Größe einer Faust. Obgleich sich diese Steine immer
nur als auf natürlichem Wege (durch Wasserlauf) abgerundete Geschiebe herausstellen, so müssen sie doch, da sie sich so häufig in den Gräbern, oft weit entfernt vom Flussbett der Bäche finden, zu
einem besonderen Zwecke mit Sorgfalt aufgelesen worden sein; selbst eine runde, mehr als faustgroße Kugel von Thoneisenstein fand sich in einem Grabe. Somit stimmen meine Untersuchungen mit
anderen in Böhmen aufgefundenen Gräber- und Opferstätten vollkommen überein. Aber Nehasitz, sowie das 1 Wegstunde nördlich davon gelegene Moraves, zeigen eine besondere Eigentümlichkeit. Auch bei
Moraves findet sich eine ganz ähnliche, nur etwas größere Gräberstätte; aber hier wie dort liegt unter der eben beschriebenen eine zweite Leichenschicht. Zwei bis drei Schuh tief in dem roten
Lehm finden sich nämlich brunnenartige Gräber, 3 W. Schuh im Durchmesser, kreisrund; eines von dem anderen je 5–6 Schritte entfernt. Auch in dieser Schicht finden sich Skelettgräber neben
Urnengräbern, bei Nehasitz aber Skelettgräber vorherrschend, bei Moraves Skelettgräber ausschließlich. Diese tieferen Gräber laufen bei Moraves nach unten spitz zu, so dass die Beckenknochen der
Leichen die tiefste Lage einnehmen; in den Nehasitzer Gräbern befinden sich die Leichen in hockender Stellung. In diesen Skelettgräbern fanden sich sehr viele Bronzeobjekte, Arm- und Fußspangen,
Fibeln, Doppelspiralen aus Bronzedraht von bekannter Form, Bronzestängelchen, Ringe aus schwarzem Horn; auch einen Bronzedolch will man gefunden haben. In der Nähe der Gräberstätte fand sich
ferner auf freiem Felde ein bronzenes, sichelartiges Instrument, (ähnlich dem in Hallstadt gefundenen; Gaisberger, „die Gräber bei Hallstadt“, Taf. VII, Fig. 6), ferner ein Bronzecelt von sehr
primitiver Form. Ähnliche Gräberstätten finden sich in der Nähe der eben genannten Orte noch in Welmschloss, Wisotschan, Horatitz, Schiesselitz; doch trifft man an diesen Orten nur Gräber an, die
der oberen Nehasitzer und Moraveser Schicht analog sind, nie aber Gräber der tieferen Schicht. Auch in diesen Gräberstätten finden sich Urnen, Tonpyramiden, Gefäßfragmente, Tierknochen, nie
Bronzeobjekte. An den letztgenannten Orten überwiegen zudem die Urnengräber.
Eine andere Bestattungsart traf ich am rechten Egerufer, ebenfalls unweit der Stadt Saaz, bei dem Dorfe Pressern. In geringer Tiefe, kaum 6–8 Zoll, stößt man auf runde Lager reiner Asche, 1 W.
Klafter im Durchmesser, 3–4 Schuh tief, mit Gefäßfragmenten, Holzkohlen und Tierknochen angefüllt, eines von dem anderen 10–15 Schritte entfernt. Die Untersuchung solcher Aschenlager ergab eine
wohlerhaltene, krugartige, mit Asche angefüllte, einhenkelige Urne, in unmittelbarer Nähe des Brandplatzes zwischen Steinen eingeschlichtet und mit einem flachen Stein bedeckt; daneben Pfriemen
von Bein, runde Kiesel, einen Korb voll Gefäßfragmente feinerer und roherer Gattung, Hirsch- und Eberknochen. Auch in der Nähe des Schlosses Petersburg deckte ich im Laufe des Sommers 1865 einen
ähnlichen Brandplatz auf. Er hatte runde Form, 1 W. Klafter Durchmesser, 3 Schuh Tiefe. Als Fundobjekte ergaben sich in großer Menge Gefäßtrümmer, runde Kieselsteine, durchbohrte Eberzähne,
bestimmt, an einem Faden aufgereiht zu werden, einige Flussmuscheln, ein ziemlich großes, flaches Stück Rotheisenerz; von Menschenknochen ein Kiefer und Schulterblattfragmente, endlich zwei
vollkommen erhaltene Gebisse von sehr starken Ebern. Weiter führe ich als Fundorte heidnischer Gräberstätten längs des Laufes des Egerflusses, in der Umgegend der Stadt Saaz noch an: Soběsak,
Straupitz, Libotschan, Bẽzdiek, Stẽknitz, endlich die Stadt Saaz selbst, in deren Weichbilde heidnische Gräber häufig aufgedeckt werden. So stieß man im Laufe des Frühjahrs 1865 bei Erdgrabungen
behufs des Neubaues eines Hauses in der Prager Vorstadt auf Gräber der spätheidnischen Periode. Die Leichen lagen 8 W. Schuh tief unter dem Straßenpflaster mit dem Gesicht gegen die Erde
gewendet, beim Kopf und in der Brustgegend einzelne Basaltsteine. Im Verlauf der Grabungen traf man ein Grab, in dem die Leiche in sitzender Stellung beerdigt war. Neben ihr standen 4 Thongefäße,
ein sehr zierlich geformtes krugförmiges, ein flaches schalenförmiges und zwei kleine, kaum einen Zoll im Durchmesser haltende napfförmige Gefäße, alle sehr wohl erhalten.
Die Gegend um die Stadt Saaz ist eine der schönsten und fruchtbarsten Böhmens. Schon der älteste böhmische Chronist Kosmas († 1125) war von dem Reichtum des Saazer Landes entzückt; er preist es
als „pulcherrima visu et utilissima usu ac uberrima satis nec non abundantissima pratis regio“. Hier war ehedem der stolzeste der slavischen Stämme in Böhmen, der der Lučaner („superbissima gens,
quibus et hodie a malo innatum est superbire“, heißt es von ihnen bei Kosmas) sesshaft; er führte diesen Namen von den vielen Wiesen (slav. lučí), die seine Ansiedelungen umgaben. Die Lučaner
bildeten ein eigenes Fürstentum, das aber später seine Selbstständigkeit an den Prager Herzog Neklan verlor, der nach der Besiegung der Lučaner die Burg Draguš an der Eger erbaute. Die Stadt Saaz
selbst scheint aber erst in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts aufgekommen zu sein; der Name kommt, wenn ich nicht irre, das erste Mal zum Jahre 1004 bei Tietmar vor. Die zahlreichen hier
erwähnten Gräberstätten sprechen dafür, dass die Saazer Gegend schon frühzeitig sehr dicht bevölkert war; die Stadt Saaz selbst, sowie die einzelnen Orte, in deren Nähe sich solche Gräberstätten
finden, entwickelten sich sicher aus diesen alten, slavischen Ansiedlungen, und die Verschiedenheiten in der Bestattungsweise, bald vorwiegend Skelettgräber, bald vorwiegend, bald ausschließlich
Urnengräber, mögen auf zeitlich getrennte Perioden hinweisen. Auffallend ist das gänzliche Fehlen des Eisens in diesen Gräbern; es müsste demnach die reine Bronzeperiode bei den Slaven Böhmens
ziemlich weit heraufgerückt werden. Ob nun die beiden Gräberschichten bei Nehasitz und Moraves demselben Volke angehören, darüber dürfte die Untersuchung der Schädel aus beiden Schichten wohl
noch einiges Licht verbreiten.
Wien, 31. Dezember 1865.
Quelle: Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 13. Jahrgang. Nürnberg, 1866. Februar.
