Eine der ältesten lustigen Figuren unserer Vorzeit, und wahrscheinlich eine Tradition des vorchristlichen Altertums, ist der Niemand, dem man alles in die Schuhe schiebt, der alle häuslichen Fatalitäten angerichtet haben, an jedem persönlichen Missgeschick schuld sein soll. Diesem armen Helden widerfuhr von jeher die Ehre, in Reim und Versen, nie in Prosa, verherrlicht zu werden, und seine Großtaten wurden nicht bloß dem größeren Publikum, sondern auch der kleinen Familienwelt nach Gebühr in Holzschnitt wie in Kupferstich vorgezeichnet. Schon um das Jahr 1510 dichtete ein gewisser Jörg Schan, Scherer zu Straßburg:
Niemanis hais ich, was iederman tut das zucht man mich
ein großes Folioblatt mit coloriertem Holzschnitt und 130 dreispaltigen Verszeilen, an deren Schluss genannt ist: „Albrecht Buchdrucker zu Memmingen“, einer unserer ältesten deutschen Buchdrucker und der erste in Memmingen, Albrecht Kunne von Duderstadt. Der Anfang dieses in der Münchener Hof- und [S. 180] Staatsbibliothek befindlichen seltenen, wahrscheinlich einzigen Blattes lautet:
Einen anderen Bilderbogen sah ich vor zwei Jahren bei dem bekannten Antiquar Butsch in Augsburg. Er rührt von einem dortigen Holzschneider her, der ungefähr von 1577 bis 1596 arbeitete, und der mit seinen Kollegen jener Zeit tausende von ähnlichen zur Belehrung des bilderlustigen Volkes ausgehen ließ. Die 40 Verszeilen, welche den Inhalt bilden, haben die Überschrift:
und fahren gleich so fort:
Als Adresse steht angegeben: Zu Augsburg, bei Bartholme Käppeler, Brieffmaler, im kleinen Sachsen geslin.
Ein Gedicht von Heinrich Göttingi wurde in Casp. Dornavii Amphitheatrum sapientiae socraticae joco-seriae (Hannover, 1619) wieder abgedruckt:
Niemand: Wie fast jedermann an ihm will Ritter werden. Allen Hausherren und Frauen, so stets mit Gesinde umgehen … kurzweilig zu lesen, und in deutsche Reimen verfasst. Erfurt, 1585. 8. mit Holzschn. — Ein Exemplar in der Berliner kön. Bibliothek.
Aus der Zeit von 1620 bis 1650 kenne ich drei undatierte Kupferblätter, das erste mit 30 Verszeilen auf der Erlanger Universitätsbibliothek:
mit folgendem Anfang:
Das zweite ehemals auf dem Antiquar Heerdegen’schen Lager zu Nürnberg, einen Mann mit einer Laterne und mit Vorlegeschloſs am Munde vorstellend und also anfangend:
Das dritte im german. Museum mit 32 Verszeilen:
beginnt wie folgt:
Auch die neuere Zeit hat ihren, und zwar einen politischen Niemand, von welchem die Nürnberger Stadtbibliothek ein Exemplar besitzt:
Der unschuldige Niemand, dieser ist der Urheber des französischen Krieges. — Gedruckt in Frankfurt 1794.
Dieses zwei Quartblätter einnehmende Gedicht schließt mit folgenden Zeilen:
Nürnberg.
Emil Weller.
Quelle: Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 13. Jahrgang. Nürnberg, 1866. Mai.
