Der Burgenbau im Mittelalter war von Anfang an eng mit der Funktion und Bestimmung der Anlage verknüpft. Bereits seit dem 13. Jahrhundert war der Bauplan einer Burg nicht zufällig, sondern wurde
primär durch ihre militärische, politische und wirtschaftliche Rolle bestimmt. Burgen konnten als Landesveste, Herrensitze, Grenzbefestigungen oder als Schutzwehr für Städte, Dörfer, Land- und
Wasserstraßen sowie für Engpässe dienen. Sie konnten auch als Gefängnisse, als Rückzugsorte für Raubritter oder sogar als geheime Zufluchtsorte für kriminelle Banden konzipiert sein.
Besonders jene Vesten, die nur für Raub und Überfälle genutzt wurden, wählte man bewusst in versteckten Lagen, etwa in tiefen Felsschluchten. Diese Anlagen waren meist klein, aber stark
befestigt, um rasch errichtet werden zu können und gleichzeitig dem Feind standzuhalten.
1. Einfluss der Geländebeschaffenheit
Der Bauplan hing zudem stark von der Beschaffenheit des Geländes ab. Burgen wurden bevorzugt auf Bergen, Felsen oder Anhöhen errichtet. Die Baumeister nutzten jede natürliche Erhebung, jeden
Vorsprung, jede Windung des Felsgesteins, um den passiven Widerstand zu maximieren und den Angreifern den Zugang so schwer wie möglich zu machen. Dabei blieb die Wohnbequemlichkeit und
architektonische Schönheit oft auf der Strecke.
Die Umfassungen der Burg waren daher meist unregelmäßig, doch die innere Anordnung und äußere Gestaltung zeigten eine bewundernswerte Kühnheit und Vielfalt. Jeder Grundriss war individuell, nur
bei gleichförmigem Terrain konnten gewisse Wiederholungen auftreten. Dennoch wurden einige allgemeine Grundprinzipien eingehalten, die bei größeren Burgen typisch waren: Platzierung von Turm,
Wohnhaus, Ringmauer und Graben folgte einer logischen militärischen Ordnung, auch wenn die architektonische Symmetrie fehlte.
2. Erweiterung und Umbau im Laufe der Zeit
Oft begann eine Burg klein, doch mit dem Aufstieg der Adelsfamilie, der Einführung neuer fortifikatorischer Techniken oder dem gesteigerten Luxusbedürfnis wurde sie erweitert oder umgebaut. Nach
Belagerungen, Bränden oder teilweiser Zerstörung wurden Burgen oft regellos erweitert, sodass keine Burg aus dem frühen Mittelalter in ihrer ursprünglichen Form erhalten blieb.
Je älter eine Burg war, desto rauher und unregelmäßiger erschien ihre Struktur:
Niedrige, enge Stuben
Kleine, wenige Fensteröffnungen
Dicke Mauern
Unzugängliche, aber sehr stabile Lagen
Die ältesten Höhenburgen wurden meist auf der höchsten oder steilsten Stelle errichtet, spätere Zubauten folgten staffelartig entlang des Hangs.
3. Frühe fortifikatorische Anlagen
Bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts waren Burgen noch relativ einfach befestigt. Typische Elemente:
Eine Umfassung, die durch das Terrain bestimmt war
Ein Turm auf der dominanten Stelle
Ein Wohnhaus in der Nähe oder auf die Ringmauer gestützt
Gegebenenfalls ein Graben mit Zugbrücke
Die Ringmauern verfügten über Wehrgänge, aber keine komplexen vertikalen oder horizontalen Schussanlagen. Strebepfeiler unterstützten die Mauern, während der Turm meist viereckig und frei stehend
war, mit Plattform und Zinnen. Das Wohnhaus blieb funktional, aber karg, der architektonische Schmuck fehlte fast vollständig.
4. Neue Befestigungsformen aus dem Orient
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts, insbesondere im 13. und 14. Jahrhundert, kamen zahlreiche neue Verteidigungsformen hinzu:
Zwinger und Friesbögen
Schutzdächer und Wehrgänge
Bergfried oder Schildmauern
Erker, flankierende Türme
Maschikulis oder Gießlöcher
Diese Innovationen stammten meist aus dem Orient, wohin Kreuzfahrer während der Kreuzzüge gekommen waren. Besonders das Oströmische Reich hatte seit dem 6. Jahrhundert unter Justinian viele
Burgen entlang der Mittelmeerküste errichtet, die den abendländischen Burgenbaumeistern als Vorbild dienten. Die abendländischen Ritter übernahmen viele dieser zweckmäßigen Befestigungselemente,
die sich über Jahrhunderte im heimischen Burgenbau etablierten.
5. Einführung des Tabor im 15. Jahrhundert
Im 15. Jahrhundert wurde in Österreich ein neuer Typ von Befestigungsanlage bekannt: der Tabor. Dieses von böhmischen Soldtruppen eingeführte befestigte Feldlager diente zur Aufnahme größerer
Truppen. Im Gegensatz zu Burgen standen hier Wehrhaftigkeit und militärische Zweckmäßigkeit im Vordergrund, nicht Wohnkomfort.
Beispiele in Oberösterreich:
Steyr 1466: Böhmische Söldner unter Jörg von Stein errichteten ein befestigtes Lager
Kronstorf 1485: Ein Doppeltabor an beiden Ufern der Ens, errichtet unter Wilhelm von Tot
Diese Anlagen ermöglichten schnelle Ausfälle in die Umgebung, Rückzug bei Gefahr und Aufnahme von Beute. Häufig wurden sie nach der Kampagne oder nach Eroberung zerstört oder übernommen.
6. Die ersten deutschen Burgen unter den Karolingern
Die karolingischen Kaiser bauten im 8. und 9. Jahrhundert die ersten deutschen Burgen. Sie bestanden aus:
Erd- und Holzwällen
Dornen- oder Holzpalisaden
Holztürmen, verstärkt mit Lehm oder Ton
Innenbefestigungen aus Baumstämmen und Erde, teilweise mit Rasen bedeckt
Diese Bauweise war nicht feuerfest, daher wurden dieselben Plätze oft wiederholt erkämpft. Karl der Große führte die Kunst des Steinbaus ein, doch die aufwendigen Materialien (Quadern, Marmor,
Säulen) mussten aus Italien importiert werden. Daher entstanden zunächst nur einige Paläste und Kirchen, während die meisten Kirchen und Klöster weiterhin Holzbauten waren.
7. Frühe Bauschulen und kirchliche Architektur
Kurz nach Karl dem Großen wurden in einigen Klöstern Deutschlands Bauschulen gegründet, die sich vor allem der kirchlichen Architektur widmeten. Ihre Entwicklungen verliefen langsam; die meisten
Bauten sind heute nicht mehr nachweisbar. In Oberösterreich gibt es keine bedeutenden Überreste solcher frühen Steinbauten, während in Städten wie Augsburg, Regensburg oder Eichstätt noch
rudimentäre Bauten aus dem 11. Jahrhundert erhalten sind.
Dieser Text zeigt deutlich: Der Burgenbau in Oberösterreich war eine dynamische, sich ständig wandelnde Kunst, die stark von militärischer Notwendigkeit, Gelände, Eigentumsverhältnissen und neuen
Verteidigungstechniken geprägt wurde. Jede Burg spiegelt die historischen, sozialen und technologischen Bedingungen ihrer Zeit wider – von einfachen Holz- und Erdwerken bis zu komplexen
Steinfestungen und Taboren.
Quelle: Johann Nepomuk Cori: Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter. Darmstadt, 1899.
