Die Geschichte der Burgen in Oberösterreich reicht weit zurück. Die ersten belegbaren Befestigungsbauten stammen aus der Zeit um 900 n. Chr., als die Stadt Enns als Schutz gegen ungarische
Einfälle entstand. Kurz darauf, um 980, wird die Entstehung der Styraburg, dem späteren Stadtgebiet von Steyr, historisch erwähnt. Auch zahlreiche Legenden verweisen auf Burgen wie Ebelsberg,
Wildenau, Reichersberg und Hohenchuchen bei Waldzell, die ebenfalls zum Schutz gegen Feinde errichtet worden sein sollen. Vermutlich existierten schon früher befestigte Amtssitze der Gaugrafen in
Wels, Lambach und sogar eine Burg am Attersee.
Die frühen Burgen waren in erster Linie militärische Einrichtungen, die Schutz für Menschen, Güter und strategisch wichtige Punkte bieten sollten. Sie markierten Machtzentren der örtlichen
Adeligen und dienten als Verwaltungs- und Stützpunkte in einer Zeit, in der Oberösterreich noch weitgehend unbesiedelt oder von Urwäldern geprägt war. Insbesondere das Mühlviertel war noch stark
bewaldet, während im Süden der Donau viele Gebiete durch ungarische Raubzüge verödet waren.
1. Die Blütezeit des Burgenbaus im 11. und 12. Jahrhundert
Mit dem Einwandern von Kolonisten und Adelsfamilien aus Bayern, Franken, Sachsen und Niederösterreich im 11. und 12. Jahrhundert nahm der Burgenbau stark zu. Diese neuen Bewohner errichteten
Burgen als Schutz vor Angriffen, aber auch als Repräsentationsbauten und Herrensitze. Viele dieser Anlagen mussten sich im 13. Jahrhundert bewähren, als die Region durch innere Unruhen und fremde
Einfälle besonders gefährdet war.
Unter der Herrschaft von Friedrich dem Streitbaren (1280–1246) litt das Land unter ständigen Angriffen und inneren Konflikten. Nach seinem Tod ohne direkten Erben blieb Oberösterreich zeitweise
herrenlos. Zahlreiche Bewerber um die Herzogswürde versuchten, die lokalen Adelsfamilien zu gewinnen, was zu einer Zunahme von Fehden, Raub und Willkürherrschaft führte. Burgen mussten jederzeit
verteidigungsbereit sein; viele wurden erstürmt, zerstört oder von raubgierigen Rittern besetzt, um die im Land gesammelte Beute zu sichern.
In dieser Zeit wurden auch neue Burgen als Raub- oder Schutzveste errichtet. Die Besitzer nutzten oft sowohl untertänige Bauern als auch Söldner zur Errichtung der Bauten, wobei harte Abgaben,
Lebensmittel und Frondienste eingefordert wurden. Manche Söldner zwangen sie sogar, in der Bauphase zu arbeiten, nur um sie anschließend weiter zu verkaufen.
2. Friedenszeiten und strikte Bauvorschriften
Mit der Wahl Otakar von Böhmen zum Herzog von Österreich und der Kaiserwahl Rudolfs von Habsburg 1276 kehrte langsam der Frieden zurück. Rudolf ordnete die Verwaltung des Landes an und sorgte für
eine feste öffentliche Ordnung. In diesem Zusammenhang wurden auch die Bauaktivitäten reguliert:
Die Errichtung neuer Burgen wurde verboten.
Bestehende, ohne Genehmigung zerstörte oder verfallene Burgen durften wieder aufgebaut werden.
Burgen, die während der herrenlosen Zeit neu errichtet worden waren, sollten nach Anordnung von Rudolfs Sohn Albrecht wieder abgebrochen werden.
Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts blieb das Land Oberösterreich relativ friedlich. In dieser Zeit kam es nur zu vereinzelten Burgenbauten, etwa Piberbach (1341), Werfenstein bei Grein (1354),
Oberwallsee am Pösenbach (1364) und eine Burg auf dem Falkenberg (1368).
3. Burgen in Zeiten von Fehden und Raub
Gegen Ende des 14. Jahrhunderts verschärften sich die Konflikte erneut. Der Streit zwischen Herzog Albrecht III. und den Grafen von Schaunberg führte 1380 zum offenen Krieg. Burgen der
Schaunberger sowie jene ihrer Verbündeten, aber auch die Burgen der Anhänger des Herzogs, wurden mit neuen Befestigungswerken verstärkt, um Angriffen standzuhalten.
Weitere Anlässe zur Verstärkung oder zum Neubau von Burgen ergaben sich aus Raub und Bedrohungen: So zerstörte Herzog Albrecht III. die Raubburg Leonstein, die den Rorern gehörte, worauf diese
sich mit anderen Rittern zusammenschlossen und Besitzungen von loyalen Adligen attackierten. Erst der Frieden von 1392 beendete diese Übergriffe.
Im 15. Jahrhundert herrschten in Oberösterreich erneut Raub, Willkür und rechtlose Zustände. Einzelne oder verbündete Adelsgeschlechter rebellierten gegen Herzog und Kaiser Friedrich IV., und
fremde Mächte wie Böhmen und Ungarn griffen ein. Zudem zogen Söldnerbanden, die von Kaiser oder Adel nicht bezahlt worden waren, plündernd durchs Land. In diesen unruhigen Zeiten wurde es
dringend notwendig, bestehende Burgen zu verstärken, neue zu errichten und verwüstete Anlagen wiederherzustellen.
4. Organisation, Finanzierung und Gemeinschaftsbau von Burgen
Der Bau und die Unterhaltung einer Burg waren kostspielig. Rohmaterialien wie Holz oder Stein wurden oft durch Frondienste der Untertanen bereitgestellt, doch die Verpflegung der Bauleute und die
Bezahlung von erfahrenen Bau- und Werkmeistern erforderte große Summen. Häufig reichten die Mittel einzelner Adelsfamilien nicht aus, weshalb mehrere Familien gemeinschaftlich eine Burg
errichteten.
Diese gemeinschaftlich genutzten Burgen wurden durch Burgfriedensurkunden, Familienteilungen und Servituten geregelt. Die Verbindung mehrerer Familien oder Adelsgeschlechter zu einem
gemeinschaftlichen Besitz hieß in Deutschland Gauerbenschaft. So konnte nicht nur der Bau, sondern auch die Erhaltung, Bewachung und Verteidigung der Burg gesichert werden.
Burgen waren somit nicht nur militärische Einrichtungen, sondern auch soziale und politische Instrumente, die Eigentum, Macht und Einfluss ihrer Besitzer festigten. Sie spiegelten die Komplexität
der mittelalterlichen Gesellschaft Oberösterreichs wider und prägten die Landschaft sowohl militärisch als auch kulturell.
Quelle: Johann Nepomuk Cori: Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter. Darmstadt, 1899.
