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Das Burgstall – Wohnsitz und Wehrbau des niederen Adels

Nicht jeder Ritter des Mittelalters verfügte über die Mittel, eine große Burg oder einen repräsentativen Herrensitz zu errichten. Der niedere Adel musste beim Bau seines Wohnsitzes Kosten sparen und gleichzeitig die Verteidigung auf wenige bewaffnete Personen beschränken. Die Folge war der Bau kleiner, aber wehrhafter Anlagen, die für plötzliche Angriffe oder Überfälle geeignet waren, aber nicht für langwierige Belagerungen.

Solche Bauten wurden als Burgstall bezeichnet – kleinere, befestigte Rittersitze, manchmal auch schlicht „Burg“. Anders als große Burgen dienten sie eher als Wohnhaus mit Verteidigungsfunktion. Ein Beispiel aus der Geschichte ist das Burgstall Trateneck, das 1316 Herzog Friedrich von Österreich Elisabeth, der Ehefrau des Schenken Dietrich von Dobra, als Lehen gab. Auch hochadlige Grundbesitzer errichteten kleinere Burgställe, etwa Heinrich von Schaunberg 1386 am rechten Donauufer, um den Fluss zu kontrollieren.

Aufbau und Verteidigung
Der Burgstall bestand meist aus einem Bergfried, einem schmalen Hof und einer Umfassung aus Ringmauer oder Erdwall mit Graben. Diese einfachen Verteidigungsanlagen reichten aus, um das Anwesen gegen Überfälle zu sichern. Zwinger, Vorwerke oder ausgeklügelte Verteidigungsanlagen fehlten. Manchmal wurden Spitzpfähle jenseits des Grabens aufgestellt.

Stallungen für das Gesinde waren oft direkt an die Ringmauer angebaut. Diese einfache Struktur spiegelte die Notwendigkeit wider, mit minimalem Personal und begrenzten Mitteln für Sicherheit zu sorgen.

Der Bergfried als Wohnstätte
Der Bergfried war nicht nur Wehrbau, sondern häufig die einzige Familienwohnung. Das unterste Stockwerk diente als Keller, Speisegewölbe, Zisterne oder Gefängnis. Im ersten Stock befanden sich die Küche und Wohnräume für das weibliche Gesinde, ausgestattet mit Wandschränken und verschließbaren Bettstellen.

Das zweite Stockwerk war der zentrale Lebensraum: Wohn-, Speise- und Schlafzimmer des Burgherrn und seiner Familie. Hier gab es Kamin, Einbauschränke und verschließbare Betten. Das große Ehebett der Herrschaft stand im Mittelpunkt, während Kinder in Wiegen oder kleineren Betten schliefen. Die dicken Mauern boten tiefe Fensternischen, die als Arbeits- und Aufenthaltsplätze der Frauen dienten, teilweise auch als abgeschlossene Toilette- und Ankleideräume. Erker konnten die Nischen ergänzen und die Funktion von Frauengemächern übernehmen.

Im dritten Stockwerk wurden – sofern vorhanden – Frauengemächer oder Prunkräume eingerichtet. Dort empfing man wertvolle Gäste und veranstaltete kleinere Festmahle. Breitere Fenster und Erker sorgten für bessere Beleuchtung und Komfort.

Alltag und Gastfreundschaft
Die Bewohner des Burgstalls mussten sich mit bescheidenen Verhältnissen arrangieren. Luxus, Raum und Diskretion waren begrenzt, und bei der Aufnahme von Gästen war die Etikette eingeschränkt. Gäste wurden freundlich begrüßt, von den Frauen des Hauses versorgt und zum Kamin zum Geplauder geführt. Schlafgelegenheiten waren oft gemeinsam mit der Familie – je nach Nähe der Beziehung auch im Ehebett.

Um Privatsphäre zu schaffen, wurden Betten mit Teppichen abgeschirmt oder kleine, abgetrennte Räume eingerichtet. Trotz der kleinen Dimensionen erfüllte der Burgstall die Bedürfnisse des niederen Adels, der seine Ressourcen effizient nutzen musste.

Raumaufteilung und Architektur
Die Architektur des Burgstalls war auf Verteidigung und Zweckmäßigkeit ausgerichtet:

Untergeschoss: Keller, Zisterne, Vorratsräume oder Gefängnis.
Erstes Stockwerk: Küche, Wohnräume für Gesinde, Wandschränke, verschließbare Betten.
Zweites Stockwerk: Wohn- und Schlafbereich des Burgherrn, Kamin, Ehebett, Fensternischen für die Frauen, Arbeitsplätze.
Drittes Stockwerk: Prunkraum oder Frauengemach, größere Fenster, Erker, Empfangsbereich für wertvolle Gäste.

Die Bauweise war kompakt, die Mauern dick, die Fenster klein, um die Verteidigung zu sichern. In flacheren Regionen wuchsen die Bergfriede breiter und erschienen eher wie thurmartige Steinhäuser.


Quelle: Johann Nepomuk Cori: Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter. Darmstadt, 1899.