Der Burgenbau aus Stein setzte sich in Deutschland erst im Verlauf des 10. Jahrhunderts durch. Zuvor dominierten einfache Erd- und Holzbauten, da die Technik des Steinbaus noch relativ selten und
aufwendig war. Erst nachdem sich das Wissen über Steinbearbeitung und Mauerbau verbreitet hatte und die Vorteile dauerhafter Befestigungen erkannt wurden, begann man, auch in Oberösterreich
größere Anlagen aus Stein zu errichten.
In der Anfangsphase wurde nur der Turm in Stein errichtet, während die Umfassungsmauern und Wohnhäuser der Burgherren zunächst weiterhin aus Holz und Erde bestanden. Erst nach und nach wandelte
sich der Burgenbau zu vollständig steinernen Anlagen, wobei zunächst die militärisch entscheidenden Teile – Turm und Wehrmauern – Vorrang hatten.
1. Die Umfassungen von Ens im frühen 10. Jahrhundert
Die historische Überlieferung zeigt, dass die Befestigung von Ens zu Beginn des 10. Jahrhunderts keine steinerne Ringmauer besaß. Entgegen älteren Annahmen handelte es sich vielmehr um eine Erd-
und Holzumwallung. Steinringmauern waren damals in Deutschland fast unbekannt, ausgenommen einige römische Relikte entlang des Rheins, die noch aus der Antike stammten.
Die wenigen vorhandenen Steinmauern konnten nur dank römischer Traditionen oder durch die Berufung ausgebildeter Handwerker aus Frankreich errichtet werden. Auch Mönche großer Klöster, die auf
königlichen Befehl hin Verteidigungsanlagen gegen die Ungarn bauen sollten, hatten mit der Errichtung steinerner Ringmauern größte Schwierigkeiten. Die Baumaßnahmen dauerten lange, Teile der
Mauern stürzten während des Baus ein, und das Ergebnis war oft unvollständig und instabil.
Dies belegt, dass die schnellen Feldbefestigungen der bayerischen Feldtruppen in Oberösterreich, wie sie bei Ens notwendig waren, kaum aus Stein errichtet werden konnten. Erd- und Holzumwallungen
waren praktikabel, schnell errichtet und reichten aus, um die ungarischen Raubzüge abzuwehren.
2. Zeitdruck und militärische Notwendigkeit
Der Chronist beschreibt die Arbeiten an Ens mit dem Ausdruck: et citissime mildissimam urbem muro obposuerunt. Dies zeigt, dass die Befestigung sehr eilig geschah (citissime). In der damaligen
Zeit konnte ein Heer im eigenen Land nicht lange zusammenbleiben, besonders in von den Ungarn verwüsteten Gebieten. Die Annahme, dass man in dieser Geschwindigkeit eine massive Ringmauer
errichten konnte, ist historisch nicht haltbar. Es fehlten sowohl Zeit, erfahrene Baumeister als auch die technischen Mittel.
Selbst wenn große Werksteine in der Nähe, etwa in römischen Ruinen, vorhanden waren, gab es keine Maschinen zur schnellen Hebung der Steine. Erst im 11. Jahrhundert wurden Mauerhaspeln erfunden,
wie sie in Belgien genutzt wurden. Zuvor mussten schwere Steine mühsam über schiefe Ebenen oder Walzen bewegt werden.
3. Die Bedeutung der ersten Umwallungen
Die ursprüngliche Befestigung von Ens war daher eher ein Erdwall oder Damm, möglicherweise mit Holz verstärkt. Der Chronist wählte bewusst das Wort muro, das sowohl Wall als auch Mauer bedeuten
konnte. Steinmauern waren selten und galten als große Seltenheit, sodass präzise Ausdrucksweise nötig war.
Diese einfache Umwallung war völlig ausreichend: Sie konnte die Ungarn, die nur mit Pferden und minimaler Ausrüstung unterwegs waren, abschrecken. Die Ungarn hielten sich nicht lange auf,
belagerten keine Orte, sondern zogen schnell weiter, um Raubzüge zu vollenden. Selbst die simplesten Befestigungen konnten daher eine sehr wirksame militärische Funktion erfüllen.
4. Verlust der militärischen Bedeutung und Aufstieg zum Handelsort
Nach der Schlacht auf dem Lechfeld 955 und der endgültigen Vertreibung der Ungarn aus Niederösterreich 984 verlor Ens seine strategische Bedeutung als Grenzbefestigung. Die Verteidigungsanlagen
verfielen allmählich, und der Ort wandelte sich zu einer offenen, wehrlosen Siedlung mit verschiedenen Ortsnamen:
Um 1150: locus Attests
1185: Attests
1191: villa Anttsensis
1210: rillo Anesum
Erst im 11. und frühen 12. Jahrhundert wurde Ens wieder befestigt, diesmal mit Mauerwerk, als Markt- und Handelsplatz sowie Versammlungsort bedeutend. 1212 erhielt Ens den Status einer freien
Stadt mit Bürgerrechten und einer steinernen Umfassung.
5. Bauweise der frühen steinernen Burgen
Die frühen steinernen Befestigungen bestanden aus:
Rohen Bruch- und Feldsteinen, nur an Spitzen leicht behauen
Dick aufgetragenem, unregelmäßig gemischtem Mörtel
Ausgleich der Fugen durch Polierbretter und Kellenarbeit
Innere Mauerbereiche meist mit kleineren Steinen und reichlich Mörtel ausgefüllt
Diese Bauweise entwickelte sich aus der römischen Tradition, insbesondere durch den sogenannten Mauerguss und den Häringsgrätenverband. Dabei wurden Bruchsteine ährenförmig geschichtet,
horizontale Bänder verstärkten die Stabilität. Fenster- und Türrahmen zeigten präzise gearbeitete Meißelführung, was die Qualität der Konstruktionen unterstrich.
Im Laufe des 11. Jahrhunderts wurde zunehmend auf regelmäßige horizontale Lagerung geachtet, und das Mauerwerk kombinierte behauene Steine mit unregelmäßigen Bruchsteinen, wodurch Stabilität und
Dauerhaftigkeit verbessert wurden.
6. Vom Holzwall zur steinernen Stadt
Die Entwicklung von Ens zeigt anschaulich, wie der Burgenbau in Oberösterreich auf die militärische Lage, technische Möglichkeiten und verfügbares Material reagierte.
Anfangs reichten Holz- und Erdwerke zur Verteidigung.
Im 10. Jahrhundert wurde Stein nur punktuell eingesetzt.
Erst ab dem 11. Jahrhundert konnten größere, dauerhafte steinerne Umfassungen gebaut werden.
Gleichzeitig wandelte sich Ens vom militärischen Zufluchtsort zum Handels- und Verwaltungszentrum, was die Bedeutung von Befestigungen im urbanen Kontext zeigte.
Damit spiegelt Ens die technische, militärische und gesellschaftliche Entwicklung des mittelalterlichen Burgenbaus in Oberösterreich wider: vom improvisierten Wall gegen die Ungarn bis zur
steinernen Stadt des Hochmittelalters.
Quelle: Johann Nepomuk Cori: Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter. Darmstadt, 1899.
