Die Burgen des Mittelalters waren weit mehr als nur Wohnsitze des Adels. Sie waren zentral für Schutz, Verteidigung und Verwaltung und dienten als Symbol von Macht, Einfluss und territorialer
Kontrolle. Der Begriff „Burg“ hatte ursprünglich eine umfassendere Bedeutung als heute: Er bezeichnete jeden befestigten Ort, der der Sicherung von Menschen, Eigentum oder strategisch wichtigen
Punkten diente.
So war etwa die frühe Anesburg, später die Stadt Ens in Oberösterreich, von Anfang an kein einfacher Wohnturm, sondern ein ausgedehnter, befestigter Platz mit stadtähnlicher Umfassung, der sowohl
militärische als auch administrative Funktionen erfüllte. In den ersten Quellen wird sie nicht als Burg, sondern als „urbs“, „civitas“ oder „oppidum“ bezeichnet – Hinweise darauf, dass sie mehr
städtischen als rein militärischen Charakter hatte.
1. Von Stadtburgen zu adeligen Landsitzen
Mit der Zeit entwickelte sich die Burg zu einem einzeln stehenden, dauerhaften Wohnsitz für Adelige, sowohl des hohen als auch des niederen Standes. Sie war von Ringmauern, Türmen und oft auch
Gräben umgeben und konnte mehrere Familien aufnehmen. Burgen dienten nicht nur der Verteidigung gegen Angreifer, sondern auch der Verwaltung von Ländereien und der Sicherung von Handel und
Verkehr.
Nicht selten besaßen Adlige auch stadtnahe Burgen, die sich entweder innerhalb der Stadt oder etwas abseits befanden. Stadtburgen standen oft direkt an der Ringmauer, um in Zeiten der Not schnell
Truppen aufnehmen zu können. Burgen außerhalb der Stadt lagen meist auf Anhöhen und waren über Schutzmauern oder befestigte Wege mit der Stadt verbunden. Sie boten nicht nur militärische
Sicherheit, sondern auch einen repräsentativen Wohnsitz, von dem aus die umliegenden Ländereien kontrolliert werden konnten.
Die meisten Stadtburgen entstanden vor der Stadt selbst; unter ihrem Schutz entwickelten sich die späteren Siedlungen. In Oberösterreich waren Burgen in Städten wie Braunau, Eferding, Enns,
Freistadt, Linz, Schärding, Steyr und Wels von zentraler Bedeutung. In Enns etwa befand sich die älteste Burg auf der Höhe des heutigen Schlossparks, die von der Kapelle St. Georg ihren Namen
erhielt. Hier residierten die Markgrafen von Steiermark, und nach ihrem Aussterben wurde innerhalb der Stadt die landesfürstliche Ensburg errichtet, die bis ins 15. Jahrhundert ihre
fortifikatorische Bedeutung behielt.
2. Ursprung und rechtliche Grundlagen des Burgenbaus
Der Name „Burg“ wird auf mehrere Wurzeln zurückgeführt:
Berg – Bezug auf die Lage der Burg auf Anhöhen.
Bergen – im Sinne von „sichern, schützen“.
Byrgen – „verschließen, sichern“.
Im Mittelalter unterschied man zwischen dem festen Wohnhaus („Schloss“) und dem befestigten Platz („Burg“) mit militärischer Funktion. Historisch ist der Begriff „Burg“ älter als die deutschen
Burgen. Schon bei den Byzantinern bezeichnete „Pyrgos“ einen Turm oder ein herausragendes Gebäude, im 6. Jahrhundert auch eine Burg. Bei den Römern existierte das „burgum“ als kleines
Kastell.
Zunächst hatten nur karolingische Kaiser das Recht, Burgen zu errichten. Ende des 9. Jahrhunderts ging dieses Privileg auf weltliche und geistliche Fürsten über, und im 10. Jahrhundert durften
auch Grafen und Barone Burgen bauen, insbesondere zur Verteidigung eigener Güter. Wer Burgen auf fremdem Grund errichtete, handelte illegal. Später wurde die Regel gelockert, doch die Genehmigung
des Landesherrn war weiterhin meist erforderlich.
Das österreichische Landrecht des frühen 13. Jahrhunderts regelte Burgenbau detailliert: Innerhalb eines Gebiets durften nur Häuser von zwei Stockwerken mit Graben gebaut werden, ohne Wehrgang
oder Zinnen. Um eine Burg zu errichten, musste der Bauherr nachweisen, dass er über ausreichende Einkünfte verfügte, die Nachbarschaft keinen Schaden erleiden würde und keine Burg in der
unmittelbaren Umgebung bestand.
3. Funktion und Ausbau der Burgen im Mittelalter
Die ersten Burgen des 8. und 9. Jahrhunderts hatten rein militärische Zwecke: Sie dienten der Unterwerfung von Sachsen, der Bewachung von Grenzen und dem Schutz gegen Ungarn und andere Slawen.
Mark- und Grenzgrafen nutzten sie als Amts- und Verwaltungszentren, in denen Gerichte abgehalten, Abgaben eingetrieben und militärische Entscheidungen getroffen wurden.
Die Familiensitze großer Adelsgeschlechter bestanden zunächst aus mehreren niedrigen Holzgebäuden, die von einfachen Einpfählungen umgeben waren. Diese dienten weniger der Verteidigung als der
Kennzeichnung des Familienbesitzes. Wohnhäuser der Familie, Gästehäuser, Stallungen, Werkstätten und Küchen gruppierten sich innerhalb der Hofanlage.
Ab dem 10. Jahrhundert entstanden die ersten erblichen, wehrhaften Wohnsitze großer Familien. Herrenhöfe wurden durch Gräben, Schanzen und Türme verstärkt. Besonders bevorzugt wurden strategisch
günstige Anhöhen, die Schutz vor Überfällen boten. Neue Burgen wurden nun von Grund auf wehrhaft errichtet und boten nicht nur militärischen Schutz, sondern auch einen repräsentativen
Familiensitz.
Mit dem 11. und 12. Jahrhundert nahm die Zahl der Burgen stark zu. Ursachen waren das Wachstum neuer Adelsgeschlechter, der Erwerb von Land und die Ausbreitung des Lehnswesens. Viele Burgen
entstanden in anarchischen Zeiten, um Ländereien zu sichern und Fehden abzuwehren.
4. Burgen des niederen Adels und wirtschaftliche Motive
Nach dem Untergang der Hohenstaufen und der sogenannten kaiserlosen Zeit im 13. und 14. Jahrhundert stieg die Zahl der Burgen erneut stark an. Diesmal bauten auch niedere Adlige Burgen, die aus
Erwerbs- oder sogar Raubmotiven entstanden. Sie dienten nicht nur als Schutz, sondern auch zur Sicherung von Eigentum, zur Erhebung von Abgaben und zur Kontrolle von Handelswegen.
Burgen wurden somit zu Instrumenten sozialer, wirtschaftlicher und politischer Macht. Sie ermöglichten es ihren Besitzern, Freiheit, Eigentum und Einfluss zu behaupten. Gleichzeitig bildeten sie
den Nährboden für gesellschaftliche Hierarchien: Wer eine Burg besaß, konnte seinen Status sichern und sich gegenüber anderen Adligen, Städten oder gar Landesherren behaupten.
Über Jahrhunderte hinweg waren Burgen damit nicht nur militärische Anlagen, sondern auch Symbolträger von Macht und Prestige, die sowohl die architektonische als auch die soziale Landschaft
Oberösterreichs prägten.
Quelle: Johann Nepomuk Cori: Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter. Darmstadt, 1899.
