Die nordböhmische Kurstadt Teplitz (heute Teplice) zählte im 19. Jahrhundert zu den bedeutenden europäischen Heilbädern. Ihre Thermalquellen waren seit dem Mittelalter bekannt, doch erlangte der Kurort insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert eine herausragende Stellung innerhalb der mitteleuropäischen Bäderkultur. Zeitgenössische Kurführer und medizinische Beschreibungen verdeutlichen, dass die therapeutische Praxis in Teplitz nicht ausschließlich auf der Nutzung der warmen Mineralquellen beruhte. Vielmehr bildete sie ein komplexes medizinisches System, in dem balneologische Anwendungen, diätetische Maßnahmen sowie verschiedene physikalische und chirurgische Verfahren miteinander kombiniert wurden. Zu diesen ergänzenden Behandlungsmethoden gehörte auch das Schröpfen.
In den medizinischen Darstellungen des 19. Jahrhunderts erscheint das Schröpfen als etabliertes Verfahren der sogenannten ableitenden Therapie. Seine Anwendung beruhte auf der Annahme, dass durch eine gezielte Reizung der Haut sowie eine lokale Blutverlagerung krankhafte Prozesse im Organismus beeinflusst werden könnten. Diese Vorstellung knüpfte sowohl an humoralpathologische Konzepte als auch an spätere Reiztheorien an, die der Haut eine vermittelnde Rolle zwischen inneren Organen und äußerer therapeutischer Einwirkung zuschrieben.
Innerhalb der Kurpraxis wurde das Schröpfen insbesondere bei jenen Krankheitsbildern eingesetzt, die auch zu den häufigsten Indikationen für eine Kur in Teplitz zählten. Dazu gehörten vor allem chronische rheumatische Beschwerden, Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie neuralgische und entzündliche Leiden. Der therapeutische Nutzen wurde in einer Förderung der lokalen Durchblutung und einer damit verbundenen „Ableitung“ krankhafter Prozesse gesehen. Gerade bei chronischen Stauungszuständen oder schmerzhaften Muskel- und Gelenkerkrankungen erachtete man diese Form der Behandlung als unterstützend.
Die Durchführung des Schröpfens folgte den damals allgemein gebräuchlichen medizinischen Praktiken. In der Regel wurden Schröpfgläser auf bestimmte Körperregionen – häufig im Bereich des Rückens, der Schultern oder der Lenden – aufgesetzt. Durch die Erzeugung eines Unterdrucks innerhalb des Gefäßes kam es zu einer Ansaugung der Haut und zu einer deutlichen lokalen Hyperämie. Je nach therapeutischer Zielsetzung unterschied man zwischen dem sogenannten trockenen und dem blutigen Schröpfen. Während beim trockenen Schröpfen lediglich eine verstärkte Durchblutung des Gewebes hervorgerufen werden sollte, ging dem blutigen Schröpfen eine leichte Inzision der Haut voraus, sodass eine begrenzte Blutentziehung möglich war. Diese Praxis stand in enger Beziehung zu älteren Verfahren der Blutentziehung, wie etwa dem Aderlass, die noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein Bestandteil ärztlicher Therapie waren.
Im Rahmen der Kurbehandlung wurde das Schröpfen selten isoliert angewandt. Vielmehr bildete es einen Bestandteil eines umfassenderen therapeutischen Programms, das neben den eigentlichen Thermalbädern auch Bewegung, diätetische Vorschriften sowie weitere physikalische Anwendungen einschloss. Die Kurmedizin verfolgte damit ein integratives Behandlungskonzept, in dem unterschiedliche Reize – thermischer, mechanischer oder diätetischer Art – gezielt kombiniert wurden, um eine nachhaltige Wirkung auf den Organismus zu erzielen.
Aus medizinhistorischer Sicht ist das Schröpfen im Teplitzer Kurwesen ein anschauliches Beispiel für die Übergangssituation der Medizin im 19. Jahrhundert. Traditionelle therapeutische Verfahren blieben weiterhin fest in der ärztlichen Praxis verankert, zugleich begann jedoch eine zunehmend kritischere Auseinandersetzung mit ihrer theoretischen Begründung und ihrer tatsächlichen Wirksamkeit. Kurorte wie Teplitz fungierten dabei als besondere Schnittstellen zwischen traditioneller Heilpraxis und sich entwickelnder wissenschaftlicher Medizin.
Die Erwähnung des Schröpfens in zeitgenössischen Kurführern verweist somit weniger auf eine isolierte Behandlungsmethode als vielmehr auf die Breite des therapeutischen Instrumentariums, das den Kurgästen zur Verfügung stand. Innerhalb der historischen Kurmedizin erscheint das Schröpfen folglich als Bestandteil eines umfassenden balneologischen Behandlungssystems, dessen Ziel es war, chronische Leiden durch eine Kombination verschiedener physikalischer und medizinischer Maßnahmen zu lindern.
Quelle: Teplitz und seine Umgebungen: geschichtlich, topographisch, naturhistorisch, statistisch, medizinisch und malerisch. Teplitz: Kunsthandlung des J. H. Spengler; A. Helm und V. Fischer, 1834.
