Die Frage nach dem Ursprung der Welt gehört zu den ältesten und grundlegendsten Problemen der Menschheit. Lange bevor Philosophen versuchten, die Entstehung des Kosmos mit Vernunft und
Naturgesetzen zu erklären, entwickelten die Kulturen des Alten Orients umfangreiche Kosmogonien – Erzählungen über die Entstehung von Himmel, Erde, Göttern und Menschen. Diese Schöpfungslehren
waren keine bloßen Märchen. Sie dienten dazu, die Ordnung der Welt zu erklären, die Stellung der Menschen im Universum zu bestimmen und die Herrschaft von Königen und Göttern zu
legitimieren.
Alfred Jeremias widmet in seinem Werk "Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients" den außerbiblischen Kosmogonien besondere Aufmerksamkeit, weil sie einen wichtigen Vergleichshintergrund für
die biblischen Schöpfungsvorstellungen darstellen. Dabei untersucht er vor allem die babylonischen, ägyptischen, phönizischen und etruskischen Überlieferungen. Trotz erheblicher Unterschiede
zeigen sich bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: Fast überall beginnt die Welt in einem Zustand des Chaos oder der Urflut. Die geordnete Schöpfung entsteht erst durch das Wirken göttlicher Mächte.
Himmel und Erde werden voneinander getrennt, kosmische Gegensätze geordnet und schließlich die Grundlage menschlicher Existenz geschaffen.
Die bedeutendste und am besten überlieferte Kosmogonie des Alten Orients stammt aus Babylonien. Dort entwickelte sich über Jahrtausende hinweg ein komplexes System religiöser Vorstellungen, das
schließlich im berühmten Schöpfungsepos "Enuma elisch" seinen klassischen Ausdruck fand. Bereits die ältesten mesopotamischen Traditionen gingen davon aus, dass am Anfang keine feste Erde, keine
Menschen und keine bekannten Götter existierten. Stattdessen herrschte ein ursprünglicher Zustand ungeformter Wasser. Dieses Urmeer war nicht bloß eine Naturerscheinung, sondern eine göttliche
Wirklichkeit. Die Babylonier unterschieden zwei Urwasser: Apsu, das süße Wasser der Tiefe, und Tiamat, das salzige Meer. Beide existierten bereits vor der Schöpfung. Aus ihrer Verbindung
entstanden die ersten göttlichen Wesen. Diese Vorstellung ist bemerkenswert, weil sie keinen absoluten Anfang kennt. Die Welt entsteht nicht aus dem Nichts, sondern aus einer bereits vorhandenen
Urmaterie. Wasser gilt als älteste und ursprünglichste Realität.
In einem babylonischen Weltschöpfungsbericht, der älter ist als das eigentliche "Enuma elisch", erscheint die Entstehung der Welt als ein Prozess zunehmender Differenzierung. Aus dem
ursprünglichen Chaos entwickeln sich Himmel und Erde, die später voneinander getrennt werden. Die Götter ordnen den Kosmos Schritt für Schritt. Hier zeigt sich bereits ein Grundgedanke des
altorientalischen Denkens: Schöpfung bedeutet nicht Erschaffung aus dem Nichts, sondern Ordnung des Chaos. Die Welt wird nicht gemacht wie ein Handwerker ein Werkzeug herstellt, sondern
organisiert wie ein König sein Reich. Diese Vorstellung findet sich in vielen altorientalischen Kulturen wieder und bildet einen wichtigen Hintergrund für das Verständnis der späteren
Schöpfungserzählungen. Den Höhepunkt der babylonischen Kosmogonie bildet das berühmte Siebentafel-Epos "Enuma elisch". Sein Name leitet sich von den Anfangsworten ab: „Als droben ...“ Das Werk
wurde wahrscheinlich im zweiten Jahrtausend v. Chr. in seiner klassischen Form zusammengestellt und spielte im religiösen Leben Babylons eine zentrale Rolle. Während des Neujahrsfestes wurde es
öffentlich rezitiert.
Das Epos beginnt mit einer Schilderung des Urzustandes. Noch existieren weder Himmel noch Erde. Es gibt lediglich die Urwasser Apsu und Tiamat. Aus ihrer Vereinigung entstehen mehrere
Generationen von Göttern. Die jüngeren Gottheiten entwickeln sich zunehmend selbstständig und stören die Ruhe des Apsu. Dieser beschließt, sie zu vernichten. Doch der weise Gott Ea erfährt von
diesem Plan und kommt ihm zuvor. Er tötet Apsu und errichtet seine eigene Wohnstätte auf dessen Körper. Die eigentliche Handlung beginnt jedoch erst mit dem Zorn der Tiamat. Sie will den Tod
ihres Gefährten rächen und erschafft ein Heer gewaltiger Ungeheuer. An ihrer Seite steht Kingu, den sie zum Anführer ihrer Streitkräfte erhebt. Die jüngeren Götter geraten in Panik. Keiner wagt
es, sich Tiamat entgegenzustellen.
Schließlich tritt Marduk hervor. Marduk war ursprünglich der Stadtgott Babylons. Im "Enuma elisch" wird er jedoch zum universalen Weltherrscher erhoben. Er erklärt sich bereit, gegen Tiamat zu
kämpfen, verlangt dafür aber die höchste Macht über alle Götter. Die Versammlung stimmt zu. Es folgt einer der eindrucksvollsten Kämpfe der altorientalischen Literatur. Marduk zieht mit
Sturmwaffen, Netz und Bogen gegen Tiamat in den Krieg. Er fängt sie in seinem Netz und zwingt sie, ihren Leib zu öffnen. Dann treibt er ihr einen Pfeil ins Herz. Mit dem Tod Tiamats beginnt die
eigentliche Schöpfung. Marduk spaltet ihren gewaltigen Körper in zwei Hälften. Aus der einen bildet er den Himmel, aus der anderen die Erde. Diese Vorstellung besitzt enorme symbolische Kraft.
Die geordnete Welt entsteht aus dem besiegten Chaos. Kosmos und Chaos stehen einander als Gegensätze gegenüber.
Nachdem Himmel und Erde geschaffen sind, ordnet Marduk die Gestirne. Er weist Sonne, Mond und Sternen ihre Bahnen zu. Die Kalenderordnung wird festgelegt, ebenso die Bewegungen der
Himmelskörper.
Damit erklärt das Epos nicht nur die Entstehung der Welt, sondern auch die astronomische Ordnung, die für die Babylonier von zentraler Bedeutung war. Besonders wichtig ist die Erschaffung des
Menschen. Marduk beschließt, die Götter von ihren Arbeitslasten zu befreien. Deshalb wird Kingu, der Anführer der Rebellen, geopfert. Aus seinem Blut erschafft Marduk die Menschheit. Der Mensch
besitzt somit einen doppelten Ursprung. Er stammt aus göttlicher Substanz, trägt aber zugleich die Schuld des Aufstandes gegen die göttliche Ordnung in sich. Die Aufgabe der Menschen besteht
darin, den Göttern zu dienen, Tempel zu errichten und die göttliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Am Ende des Epos erhält Marduk fünfzig Ehrennamen und wird als oberster Herr des Universums
anerkannt.
Für Babylon hatte diese Erzählung eine klare politische Bedeutung. Der Aufstieg Marduks spiegelte den Aufstieg der Stadt Babylon wider. Die Kosmogonie wurde damit zugleich zur Legitimation
politischer Herrschaft.
Eng verwandt mit diesen Vorstellungen ist die Erzählung vom Kampf gegen den Labbu. Der Labbu erscheint in mesopotamischen Texten als gewaltiges Chaosungeheuer. Seine genaue Gestalt variiert, doch
meist handelt es sich um eine riesige schlangen- oder drachenartige Kreatur. Der Mythos gehört zu einer weit verbreiteten Tradition des Alten Orients. Immer wieder begegnet dort die Vorstellung
eines Gottes, der ein chaotisches Ungeheuer besiegt. In Babylonien kämpft Marduk gegen Tiamat. In Ugarit besiegt Baal den Meeresgott Jam. In späteren israelitischen Texten erscheint
Leviathan.
Der Kampf gegen den Labbu gehört in denselben Vorstellungsbereich. Chaos wird als lebendige Macht dargestellt. Die Welt entsteht oder bleibt nur bestehen, wenn diese Macht besiegt wird. Die
Bedeutung solcher Mythen liegt weniger in ihrer äußeren Handlung als in ihrer symbolischen Aussage. Die Welt erscheint als ständiger Sieg der Ordnung über das Chaos. Auch die ägyptische
Kosmogonie beginnt mit einem Zustand ursprünglicher Unordnung. Die Ägypter bezeichneten diesen Zustand als Nun, das grenzenlose Urwasser. Vor der Schöpfung existierte nichts außer diesem dunklen,
unendlichen Wassermeer.
Aus dem Nun erhob sich schließlich ein erster Hügel. Diese Vorstellung hängt wahrscheinlich mit den jährlichen Überschwemmungen des Nils zusammen. Nach dem Rückzug der Fluten tauchte das Land
wieder auf.
Der erste Schöpfergott wurde je nach Tradition unterschiedlich benannt. In Heliopolis war es Atum. In Memphis trat Ptah an seine Stelle. In Hermopolis existierte ein komplizierteres System von
Urgottheiten. Die bekannteste ägyptische Kosmogonie stammt aus Heliopolis. Atum entsteht aus dem Nun und bringt durch eigene Kraft weitere Gottheiten hervor. Aus ihm gehen Schu, der Gott der
Luft, und Tefnut, die Göttin der Feuchtigkeit, hervor. Diese erzeugen wiederum Geb, den Erdgott, und Nut, die Himmelsgöttin. Schließlich entsteht die berühmte Neunheit von Heliopolis. Besonders
charakteristisch für die ägyptische Vorstellung ist die Trennung von Himmel und Erde.
Auf zahlreichen Darstellungen wird Nut als Himmelsgewölbe gezeigt, das sich über die Erde spannt, während Schu beide Bereiche voneinander trennt. Die Schöpfung erscheint hier weniger als
dramatischer Kampf denn als geordnete Entfaltung göttlicher Kräfte. Zwar existieren auch in Ägypten Vorstellungen von Chaosmächten, doch die Betonung liegt stärker auf Harmonie und kosmischer
Ordnung. Ein zentraler Begriff der ägyptischen Religion war die Maat. Maat bedeutete Wahrheit, Gerechtigkeit und Weltordnung zugleich. Die Schöpfung war gelungen, solange die Maat erhalten
blieb.
Könige und Menschen hatten die Aufgabe, diese Ordnung zu bewahren. Ganz anders, aber dennoch verwandt, erscheint die phönizische Kosmogonie. Unsere Kenntnisse stammen vor allem aus den Berichten
des Philo von Byblos, der wiederum ältere phönizische Traditionen überliefert haben will. Die ursprüngliche Welt wird als dunkles, windbewegtes Chaos beschrieben. Es existieren Finsternis, Luft
und ungeordnete Materie. Durch die Einwirkung eines schöpferischen Prinzips entstehen erste Lebensformen. Nach und nach entwickeln sich Himmel, Erde und die Götter. Die phönizische Kosmogonie
wirkt teilweise erstaunlich rationalistisch. Einige antike Autoren glaubten sogar, sie enthalte frühe naturphilosophische Elemente.
Dennoch bleibt der religiöse Charakter deutlich erkennbar. Auch hier beginnt die Welt mit Chaos und Dunkelheit. Die Ordnung entsteht erst durch einen schöpferischen Prozess. Die Phönizier standen
in engem Kontakt mit Mesopotamien, Ägypten und dem Mittelmeerraum. Ihre Kosmogonie zeigt daher Einflüsse unterschiedlicher Traditionen. Besonders bemerkenswert ist die starke Betonung von Zeugung
und Entwicklung. Die Welt entsteht nicht durch einen einzigen Schöpfungsakt, sondern durch eine Kette von Hervorbringungen. Schließlich behandelt Jeremias auch die etruskische Kosmogonie.
Die Etrusker, die vor dem Aufstieg Roms große Teile Mittelitaliens beherrschten, hinterließen nur wenige direkte Quellen. Vieles ist nur durch spätere Autoren überliefert. Nach etruskischer
Vorstellung war die Geschichte der Welt in festgelegte Zeitalter eingeteilt. Die Schöpfung erfolgte stufenweise. Bestimmte Teile des Kosmos wurden an verschiedenen Tagen oder Zeitabschnitten
geordnet. Dabei zeigt sich eine bemerkenswerte Nähe zu anderen altorientalischen Vorstellungen.
Auch hier erscheint die Welt als Ergebnis göttlicher Planung. Die Götter strukturieren Raum und Zeit. Besonders wichtig war die Vorstellung, dass nicht nur die Welt einen Anfang besitzt, sondern
auch eine festgelegte Lebensdauer. Die Geschichte folgt einem göttlichen Plan und bewegt sich auf ein vorherbestimmtes Ziel zu. Diese Idee unterscheidet sich von vielen mesopotamischen
Vorstellungen, die stärker zyklisch geprägt waren. Vergleicht man die babylonischen, ägyptischen, phönizischen und etruskischen Kosmogonien miteinander, so treten sowohl Gemeinsamkeiten als auch
Unterschiede deutlich hervor. Fast überall beginnt die Welt mit einem Zustand ungeordneter Urmaterie. Häufig erscheint Wasser als ursprüngliches Element.
Chaos geht der Ordnung voraus. Die Schöpfung besteht meist nicht in einer Erschaffung aus dem Nichts, sondern in einer Strukturierung bereits vorhandener Wirklichkeit. Götter spielen dabei die
zentrale Rolle. Sie ordnen Himmel und Erde, bestimmen die Bewegungen der Gestirne und schaffen die Grundlagen menschlicher Existenz. Gleichzeitig spiegeln die Kosmogonien die jeweiligen
kulturellen Erfahrungen ihrer Völker wider. Die Babylonier betonen den Sieg über das Chaos. Die Ägypter sehen die Entfaltung harmonischer Ordnung. Die Phönizier stellen Entwicklung und
Hervorbringung in den Mittelpunkt. Die Etrusker verbinden Schöpfung mit einem festgelegten geschichtlichen Ablauf.
Für die Menschen des Alten Orients waren diese Erzählungen keine bloßen Legenden. Sie erklärten die Struktur der Wirklichkeit selbst. Warum die Sonne aufgeht, warum Könige herrschen, warum
Menschen arbeiten, warum Chaos und Ordnung einander gegenüberstehen – all dies fand seine Antwort in den großen Kosmogonien der Antike.
Gerade deshalb gehören diese Schöpfungslehren zu den bedeutendsten geistigen Leistungen der frühen Hochkulturen. Sie zeigen den Versuch, die Welt als sinnvolle Ordnung zu verstehen und den Platz
des Menschen innerhalb eines von göttlichen Mächten geprägten Kosmos zu bestimmen. Ihre Wirkung reichte weit über die Grenzen ihrer Ursprungskulturen hinaus und beeinflusste religiöse
Vorstellungen des Mittelmeerraumes und des Vorderen Orients über Jahrtausende hinweg.
Textquelle: Alfred Jeremias: Das Alte Testament im Lichte des alten Orients; Handbuch zur biblisch-orientalischen Altertumskunde. Leipzig, 1904.
