Von k. u. k. Oberstleutnant P. Sixl in Kaschau.
(Fortsetzung.)
Als Beispiele für die angestellten Untersuchungen seien mehrere Hakenbüchsen vorgeführt, welche zweifellos dem 15. Jahrhundert angehören und zwei große Hauptgruppen unterscheiden lassen. Die erste Hauptgruppe umfasst alle jene Hakenbüchsen, deren Handhabung noch durch einen Mann möglich war.
Nach den Wiener Kämmerei-Rechnungen wurden dieselben als «Hackenpuchsen klain» bezeichnet; in den Zeugsbüchern des Kaisers Maximilian I. werden dieselben als «gemain Hackhen» angeführt, «gehörend zu den fuessknechten, wann man in dem feld wil fechten.»
Die zweite Hauptgruppe enthält alle größeren Hakenbüchsen, von schwerem Gewicht und großem Kaliber; diese sind manchmal auch als Steinbüchsen eingerichtet, wurden bei der Verteidigung von befestigten Örtlichkeiten verwendet, «auf den mauern braucht man uns seer», und auch beim Angriff auf dieselben, «wann man ein flecken stürmen thuet.»
In der Konstruktion zeigen dieselben die bisher beobachteten drei Formen, und zwar:
1. Hakenbüchsen mit Stangenschaft.
2. Die geschäfteten Hakenbüchsen, und
3. Eiserne Hakenbüchsen.
Hervorzuheben wäre noch die zunehmende Verlängerung der Seele; bisher war das Verhältnis des Kalibers zur Seelen-Länge 1 : 8 : 10 : 20, jetzt wird dieses Verhältnis bis 1 : 30 : 40 und noch höher gesteigert.
Es ist natürlich, dass durch diesen Umstand das Gewicht der Waffe vergrößert wurde; bei der Handhabung der größeren Stücke wurde schließlich ein zweiter Mann notwendig.
Es sollen nun einige Hakenbüchsen, welche dem Gewicht nach der ersten Hauptgruppe angehören, näher betrachtet und beschrieben werden. Zu dieser tabellarischen Zusammenstellung ist noch zu bemerken:
a) die Läufe bei Nr. 1, 2, 3, 4 und 12 sind glatt geschmiedet und recht gute Arbeit; bei den übrigen Hakenbüchsen ist der Lauf einfach, oft ganz roh gearbeitet.
b) Bei Nr. 1, 3, 4, 10 und 11 ist in der rückwärtigen Laufhülse noch ein Teil des ursprünglichen Schaftes vorhanden, derselbe ist aus Eichenholz und mit Leinwand umwickelt. Die jetzt eingesteckten Schäfte sind durchweg jüngeren Datums; dieselben haben Luntenkammern, einzelne auch Ladestockrinnen.
Die Nr. 3, 4, 10 und 11 sind vollkommen geschäftet, haben jedoch jetzt noch die am rückwärtigen Laufende befindliche Tülle. Der Stangenschaft wurde, wie Löcher in der Tülle und einzelne erhaltene Nägel dartun, mit 1 bis 2 Nägel befestigt; die Tülle ist 12 cm bis 18 cm tief.
c) Die älteste Hakenform zeigen die Nr. 4 und 6. Bei Nr. 7 ist der Haken abgebrochen und ein roh gearbeiteter eiserner Ringhaken aufgesteckt, welcher in glühendem Zustand über die Mündung gegeben wurde, daher ist derselbe jetzt wohl beweglich, kann aber nicht abgenommen werden. Bei Nr. 6 ist auf der rechten Seite des Hakens das Kamel des Pilsener Stadtwappens angebracht, was auf das zweite Viertel des 15. Jahrhunderts deutet.
Hervorgehoben muss werden, dass bei allen Hakenbüchsen, mit Ausnahme von Nr. 11, der Haken kein Loch hat; es ist daher unrichtig, wenn behauptet wird, dass der Haken immer mit einem Loch versehen war.
d) Bei Nr. 9 ist oberhalb am rückwärtigen Laufende ein gotisches o, — (a?) — eingraviert, wahrscheinlich das Kaliber-Zeichen.
e) Nr. 11 hat überdies an der rechten Schaftseite ein Luntenschnappschloss; es ist sehr wahrscheinlich, dass Lauf, Schaft und Schnappschloss erst später in die jetzige Verbindung kamen. Derselben Zeit gehörte eine Hakenbüchse an, welche sich im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag befindet (Fig. 67).
Diese Hakenbüchse ist aus Schmiedeeisen, von einfacher Arbeit, 107 cm lang und 10,65 kg schwer. Die Länge der Seele beträgt 88,5 cm, das Kaliber 25 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge 1 : 35,4.
Der Lauf ist außen achteckig, nach vorne verjüngt, und endet rückwärts in eine 17 cm tiefe und 8 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich rechts seitwärts und ist muldenförmig eingetrieben. Unterhalb am Lauf, 15,5 cm von der Mündung entfernt, ist ein Haken, ohne Loch, angeschweißt; derselbe ist 16 cm lang. Der Schaft fehlt.
Eine andere hierher gehörige Hakenbüchse befindet sich im Museum -Rudollinums zu Klagenfurt. Dieselbe ist aus Schmiedeeisen, von einfacher Arbeit, hat eine Lauflänge von 109 cm und ein Gewicht von 8,1 kg. Die Länge der Seele beträgt 93,4 cm, das Kaliber 20 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge 1:46,7.
Der Lauf ist außen vorn achteckig, vor dem Zündloch sechseckig, an der Tülle rund; derselbe verjüngt sich nach vorn und hat an der Mündung eine ringartige Verstärkung; nach rückwärts endet der Lauf in eine 13 cm lange und 5 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich oberhalb, ist rund und ohne Deckel. Unterhalb am Lauf, 18 cm von der Mündung entfernt, ist ein Haken, ohne Loch, angeschweißt; derselbe ist 7 cm lang, und im oberen Teil 6 cm breit. Der Schaft fehlt. Diese Hakenbüchse wurde vor einigen Jahren in Arnoldstein gefunden.
Eine ähnliche hierher gehörige Hakenbüchse befindet sich im Germanischen Museum zu Nürnberg und wurde daselbst in zutreffender Weise mit 1480—1490 datiert1 (Fig. 68).
Diese Hakenbüchse ist aus Schmiedeeisen, von genauer Arbeit, hat eine Lauflänge 89 cm und ein Gewicht von 13,1 kg. Die Länge der Seele beträgt 70 cm, das Kaliber 24 mm, daher das Verhältnis des Kalibers zur Seelenlänge 1 : 29.
Der Lauf ist außen vorn achteckig, über dem Zündloch sechseckig; derselbe verjüngt sich nach vorn und hat an der Mündung eine ringartige Verstärkung; nach rückwärts endet der Lauf in eine 15 cm tiefe und 5 cm breite Tülle. Das Zündloch befindet sich oberhalb am Lauf, ist rund und ohne Deckel. Unterhalb am Lauf, 12 cm von der Mündung entfernt, ist ein Haken mit Loch angeschweißt; derselbe ist 9 cm lang und im oberen Teil 6 cm breit. Der Schaft ist rückwärts in die Tülle eingesteckt und zeigt die ovale Kolbenform; der Schaft ist 75 cm lang und sehr wahrscheinlich jüngeren Datums als der Lauf.
Ähnliche Hakenbüchsen befinden sich: zwei in den kunsthist. Sammlung, d. A. H. Kaiserhauses zu Wien, je eine im ungarischen Nationalmuseum zu Budapest und im historischen Museum zu Kaschau, zweiundzwanzig im Stiftsmuseum zu Klosterneuburg, sieben auf Schloss Kreuzenstein usw.; dieselben sind auch sonst wahrscheinlich nicht selten und dürften in größerer Anzahl erhalten sein.
Die zweite Unterabteilung der ersten Hauptgruppe umfasst
2. die geschäfteten Hakenbüchsen.
1Vgl. „Quellen“ 113 u. T. B. IV f.

Bei diesen liegt der Lauf in der Schaftrinne, Lauf und Schaft sind mittels Querstifte oder mittels Eisenbänder verbunden (Fig. 69).
Zu der tabellarischen Zusammenstellung wäre zu bemerken:
a) Bei den Nr. 1, 2, 4 und 5 ist der eingeschweißte viereckige Zapfen mit einem Loch versehen, welcher offenbar zur besseren Verbindung von Schaft und Lauf benutzt wurde,
b) das Zeichen 6 ist die Kaliber-Marke; in der Nürnberger Kriegsordnung aus der Mitte des 15. Jahrhunderts heißt es im Abschnitt: «Von den Zeichen der püchsen».
«Die sibenden sind gezaichnet mit den c, sind hockenpuchsen. Die achten sind gezaichnet mit dem b, sind hockenpüchsen. Die neunten sind gezaichnet mit dem e, sind simbel hantpuchsen und ain tail hockenpuchsen.»1
c) Die Schäfte sind, ebenso wie oben, in späterer Zeit hinzugekommen; dieselben haben meist auch die Luntenkammer, bei Nr. 2, 4 und 5 auch Ladestockrinnen.
d) Die Läufe Nr. 1 und 3 sind besonders gute Arbeit; — alle Läufe haben gegen die Mündung eine mäßige Verjüngung, an der Mündung die ringartige Verstärkung.
Drei andere hierher gehörige Hakenbüchsen befinden sich im Museum des Königreichs Böhmen zu Prag (Fig. 70).
1«Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert.» 1863 Bd. I, 292.




Hier ist noch beizufügen:
a) alle drei Hakenbüchsen haben vorn oben am Lauf ein von der Seite eingeschobenes Korn, bei Nr. 1 auf 5 cm, bei Nr. 2 auf 7 cm, bei Nr. 3 auf 4 cm von der Mündung entfernt; das Korn selbst ist länglich und oben schmalkantig.
Rückwärts oben am Lauf, bei Nr. 1 auf 8 cm, bei Nr. 2 auf 13 cm, bei Nr. 3 auf 11 cm vom hinteren Laufende entfernt, ist ein Absehstöckel oben aufgesetzt, welches in der Richtung des Laufes mit einem Visiereinschnitt versehen ist.
Die Visierlinie ist daher 89 cm, bzw. 105 cm und 100 cm lang.
b) Nr. 2 ist rückwärts durch eine Eisenschraube, Nr. 1 durch einen eingeschweißten Eisenkern, Nr. 3 sehr wahrscheinlich durch eine Eisenschraube geschlossen, es lässt sich dies hier nicht deutlich konstatieren. Das hintere Ende der Schraube, bzw. des Zapfens steht 4 cm über das rückwärtige Laufende vor.
c) Unterhalb am Lauf, auf 25 cm, bzw. 28 cm und 31 cm von der Mündung ist ein länglicher Haken, mit Loch nahe am Lauf, angeschweißt.
d) Unterhalb am Lauf ist ein Öhr eingeschweißt; dieses sowie das Loch im Haken dienten zur Verbindung von Schaft und Lauf, indem Querstifte eingesteckt wurden.
e) Bei Nr. 1 ist der Originalschaft teilweise erhalten, bei Nr. 2 und 3 fehlt derselbe.
f) Das Zündloch befindet sich rechts seitwärts, bei Nr. 1 mit Zündpfanne und Deckel; dieser fehlt, es ist jedoch der Stift vorhanden, um welchen der Deckel drehbar war. Bei Nr. 2 und Nr. 3 sieht man, dass auch die Pfanne angeschweißt war.
g) Als besonderes Zeichen hat Nr. 2 unterhalb an der Mündung drei kleine in vier Teile geteilte Kreise; Nr. 2 hat unten an der Mündung zwei Hufeisen stark eingetrieben.
Nach Arbeit und Einrichtung gehören diese Hakenbüchsen in das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts; — ähnliche Hakenbüchsen befinden sich: sieben im ungarischen Nationalmuseum zu Budapest, ein Stück in den kunsthist. Sammlung. des A. H. Kaiserhauses zu Wien, sechs im Stiftsmuseum zu Klosterneuburg, zehn auf Schloss Kreuzenstein usw.; auch diese geschäfteten Hakenbüchsen dürften in größerer Anzahl, wenn auch meist ohne oder mit jüngerem Schaft, erhalten sein.
(Fortsetzung folgt.)


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 7. Dresden, 1900-1902.
