
Von M. v. Ehrenthal in Dresden.
(Schluss.)
Wie bereits bemerkt, sind alle Trutzwaffen, mit Ausnahme mehrerer Geschützrohre, dem Zeitlauf zum Opfer gefallen. Von 66 Geschützen, die unter den Fürsten Karl III. Stanislaus (1734 — 1790), bez.
Hieronymus III. (1758—1787) noch inventarisiert waren, sind nur noch 21 Rohre vorhanden, unter denen sich aber solche von hohem Wert, wahre Meisterwerke der Gießkunst befinden, die den Arbeiten
der berühmtesten deutschen und italienischen Gussmeister getrost an die Seite gestellt werden können. Eine eingehendere Besprechung der Stücke an dieser Stelle erscheint daher gerechtfertigt. Die
beiden ältesten der sämtlich aus Bronze gegossenen Kanonenrohre tragen die Jahreszahl 1529, bez. 1533, daneben aber das Wappen der Stadt Lemberg; an dem älteren ist überdies noch, zwischen
Schildzapfen und Zündloch, das Wappen von Polen und Litauen zu sehen. Die Länge des ersten Rohres beträgt 2,74 m, das Kaliber 6 cm; die Länge des anderen 1,79 m, das Kaliber 4,5 cm. Außer diesen
beiden, dem erwähnten Wappen zufolge in Lemberg hergestellten Geschützrohren sind aber noch drei andere mit demselben Stadtwappen gekennzeichnete Stücke aufzuführen, die uns den Namen eines
dortigen Gussmeisters überliefern.
Das eine der Rohre zeigt nämlich um die Mündung herum die Inschrift; «Lenhard here». (hier); das andere die Inschrift: «Lenhardt hiere hat mich gossen»; das dritte, von gleicher Arbeit wie die
vorgenannten mit der Jahreszahl 1541, das Monogramm C. L. Der Name des um 1540 zu Lemberg arbeitenden Gussmeisters deutscher Herkunft lautete daher C.Lenhardt oder Leonhardt. Die beiden ersten
Rohre haben eine Länge von je 1,81 m und ein Kaliber von 5 cm; das dritte Rohr eine Länge von 1,60 m und ein Kaliber von 5 cm. Letzteres trägt nahe der Mündung die polnische Inschrift: «Dóbra to
obrona z kirn Pan Bóg», zu Deutsch: «Gut ist die Verteidigung, mit wem Gott ist».
Doch noch ein zweiter, ebenfalls bisher unbekannter und noch bedeutenderer Stückgießer als Lenhardt ist hier vertreten: Hermann Molzer zu Nieswiez. Aus seiner Werkstatt stammen fünf Geschützrohre
von künstlerisch ganz hervorragender Arbeit, von denen wir drei in der Abbildung bringen. Fig. 1 gleicht in seiner Gestalt einer leicht gewundenen korinthischen Säule, die zum Teil mit einer
Weingirlande en relief umgeben ist, zwischen welcher man als belebendes Element zierliche Eidechsen wahrnimmt. Auf dem Kapitäl der Säule, das den Kopf des Rohres bildet, befindet sich das Kreuz
von Jerusalem, womit die Waffe besonders für den Kampf gegen die Ungläubigen, die Türken und Tataren, geweiht sein sollte. Die Schildzapfen laufen in Löwenköpfen aus; auf dem hinteren,
geriffelten Teil des Rohres, der technischer Schwierigkeiten wegen auf der Abbildung keinen Platz finden konnte, befindet sich der lateinische Hexameter; «Hostem flammiferae consumunt colla China
erae», zu Deutsch: «Den Feind verzehren die Hälse der flammenspeienden Chimaera» —, ferner Wappen und Namen des Nicolaus Christophorus Radziwill D. G. Olicae et in Nieswiez Dux MDC. Am Rand des
Bodenstückes aber hat der Gussmeister seinen Namen mit den Worten verewigt: «Mit Gottes Hilfe goss mich Hermann Molzer zu Neswisch MDC», Die Länge des Rohres beträgt 2,62 m, das Kaliber 10 cm.
Sonach handelt es sich hier schon um ein größeres Geschütz, das mehr für die Verteidigung und Belagerung als für den Feldkrieg bestimmt war.
Fig. 2 zeigt uns eine besonders originelle Idee des Meisters, nämlich eine geborstene ionisch-römische Säule, die scheinbar von Stricken zusammengehalten wird, die gleichzeitig auch die Henkel
des Rohres bilden. Unter dem Kapitäl, dem Kopf des Rohres, sieht man wiederum das Kreuz von Jerusalem, und darunter, innerhalb eines en relief hervortretenden Schriftbandes, die Inschrift
«Murmure non vano Circe quos tango profano», die in freier Übersetzung lautet: «Circe heiße ich und nehme mir die zum Opfer, die meiner Stimme nicht leerer Schall trifft». Auf der hinteren Hälfte
des Rohres sind Namen und Wappen des Fürsten genauso wie bei Nr. 1 (wo sie auf der Abbildung nicht sichtbar waren), angebracht. Bemerkt sei, dass der Adler, dessen Brust das eigentliche
Wappenschild trägt, der Familie Radziwill bei ihrer Erhebung in den Fürstenstand des Heiligen Römischen Reiches durch Kaiser Maximilian I. 1518 verliehen worden ist.
Fig. 3 hat wieder die Gestalt einer korinthischen Säule, deren oberes Drittel, von dem hier besonders stilvoll modellierten Kapitäl bis ziemlich an die Schildzapfen kanneliert ist; auf der Mitte
des Rohres tritt in Hochrelief eine fünfköpfige Hydra hervor, auch die Schildzapfen laufen in Hydraköpfe aus. Der mittelste des siebenfachen Schwanzes von dem Ungeheuer schlingt sich um das
fürstliche Wappenschild sowie um eine Kartusche mit dem Namen des Fürsten Nicolaus Christophorus, hier mit der Jahreszahl MDCIX. Unterhalb des Wappens erblickt man als Devise des Geschützes den
Vers: «Hydra paro luctus piceos, dum concito fluctus», zu Deutsch: Hydra genannt, bereite ich Trauer, wenn ich die schwarzen Fluten errege». Obgleich die Inschrift des Verfertigers an den beiden
zuletzt genannten Stücken fehlt, ergibt sich doch aus der allgemeinen Form, sowie aus vielen stilistischen Details mit Sicherheit, dass Hermann Molzer der Schöpfer auch dieser Meisterwerke der
Gießkunst gewesen ist.
Von der Hand des vortrefflichen Stückgießers stammen jedenfalls noch zwei andere Rohre in Nieswiez, das eine in der Gestalt eines Baumstammes, auf dem wiederum eine Hydra en relief angebracht
ist; das andere, ein Rohr gewöhnlicher Form, von einer Weinrebe mit Blättern und Trauben umschlungen und mit dem Wappen und Namen des Fürsten Nicolaus Christophorus nebst der Jahreszahl MDC in
derselben Ausführung und an derselben Stelle gekennzeichnet wie an den vorgenannten Rohren.
Durch diese Arbeiten ist die Tätigkeit Molzers in Nieswiez von 1600 bis 1609 nachgewiesen und es handelt sich sonach nicht um einen kurzen Aufenthalt des Meisters am Ort, etwa um die Ausführung
eines Auftrages des Fürsten Nicolaus Christophorus, sondern um das Vorhandensein einer ständigen Geschützgießerei, deren Inhaber und Leiter während des obigen Zeitraumes der genannte Meister war.
Bei der Bedeutung der Stadt während des 16. und 17. Jahrhunderts, als sie 30—40.000 Einwohner zählte, an der großen beliebten Handelsstraße Moskau—Warschau lag und über Wilna mit der Ostsee, über
Bobonisk mit Kiew und dem schwarzen Meer verbunden war, als in ihr jährlich zwei bedeutende Messen abgehalten wurden, bei denen sich nicht nur Kaufleute aus allen Teilen des Reiches, sondern auch
aus fernen Ländern des Ostens und Südens, des Nordens und Westens einfanden; als zu jener Zeit nicht allein das Handwerk, sondern auch das Kunstgewerbe blühte, wie einige vortreffliche, in der
Orusheinaja Paláta zu Moskau bewahrte Goldschmiedearbeiten, deren Ursprung verbürgt ist, bestätigen: bei dieser Bedeutung ist es sogar wahrscheinlich, dass sich daselbst auch dauernd oder
wenigstens während eines längeren Zeitraumes eine Geschützgießerei befand, der es sicherlich nicht an Kundschaft fehlte. Dem deutschen Waffenhistoriker aber wird es zur besonderen Freude
gereichen, dass deutsche Kunst und deutscher Gewerbefleiß sich auch hier wiederum in fernen Landen betätigten und dass der Name Hermann Molzer zu Nieswiez der Reihe namhafter deutscher
Stückgießer als ebenbürtig hinzugefügt werden kann.
Zum Schluss mögen noch zwei der Rohre Erwähnung finden, die mehr von historischem, als kunstgewerblichen Interesse für uns sind. Das ältere von ihnen, dessen Länge 1,71 m, dessen Kaliber 5 cm
beträgt, ist dem Stil seiner Ornamente nach italienischer Herkunft. Zwischen Schildzapfen und Zündloch tritt en relief ein Wappenschild hervor, das eine gekrönte Schlange, welche ein Kind
verschlingt, umschließt, das bekannte Wappen der Sforza zu Mailand. Das Stück, welches die Jahreszahl 1537 trägt, war ursprünglich wohl ein Geschenk der Bona Sforza an ihren Gemahl, König
Sigismund I. in Polen und kam dann vielleicht als Geschenk des Königs Sigismund II. August, der mit Barbara Radziwill vermählt und sonach mit der Familie verschwägert war, an diese.
Das andere, ein Rohr von einem Wallgeschütz (es misst in der Länge 3,18 m und hat ein Kaliber von 0,12 m) zeigt nahe der Mündung en relief einen Adler mit Blitzbündel, dahinter die lateinische
Inschrift: «Tonantis fulmina vibrat», zu Deutsch: «er schüttelt die Blitze des Donnerers» —, hinter den Schildzapfen die Wappen von Polen und Litauen, darunter ein Band mit den Worten: «Mediis
pulcherrimus armis («Der Schönste mitten unter den Waffen»), schließlich aber die Inschrift: «Joannes III. D. G. Rex Poloniae Magnus Dux Lituan. etc., fortalitiorum munimento hostium tormento me
fieri jussit, ut ignita Domini proferam eloquia nomenque ejus resonem coram gentibus. Anno D. MDCXCII regni vero anno XVIII», zu Deutsch: «Johannes III., von Gottes Gnaden König von Polen,
Großherzog von Litauen usw., ließ mich zum Schutz der Tapferen (?) und zur Plage der Feinde herstellen, damit ich die feurige Rede des Herrn weitertrage und seinen Namen widerhallen lasse vor den
Völkern. Im Jahre des Herrn 1692, des Königtums aber im achtzehnten».
Diese Kanone war neben drei anderen gleichen Stücken, die indes nicht mehr vorhanden sind, ein Geschenk des Königs Johann III. Sobieski an seinen Neffen, den Fürsten Karl I. Stanislaus Radziwill
(1669—1719), der in seinen jungen Jahren, nämlich 1688 und 1689, rühmlichen Anteil an den Kämpfen gegen die Türken genommen hatte.
Hiermit beschließen wir die Beschreibung der Rüstkammer zu Nieswiez. Trotz mancher Stürme, die zum Nachteil ihrer Bestände über sie hinweggegangen sind, bietet dieselbe heute noch dem
Waffenhistoriker sowohl als auch dem Freund historischer Forschungen eine Fülle wertvollen und anregenden Materials, von dem wir im Vorstehenden das Wesentlichste für die Leser unserer
Zeitschrift gebracht haben.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 3. Dresden, 1900-1902.
