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Einige Anmerkungen zu den Petersburger Pavesen und Tartschen

Von Richard Zschille1

 

(siehe zu besprechenden Artikel hier)

 

Wem wäre nicht schon aufgefallen, welche große Schwierigkeiten die photographische Wiedergabe der Tartschen, Pavesen und Schilde bietet: In fast allen Veröffentlichungen von Waffen bemerkt man unangenehm die ganz mangelhafte, beinahe unkenntliche Wiedergabe ihres bildlichen Schmucks, was jedes eindringendere Studium unmöglich macht. Desto freudiger und dankbarer muss man also einige Fingerzeige zur Abhilfe dieses Übelstandes begrüßen, auch wenn einer, wie der erste der hier angeführten, nicht gerade als empfehlenswert bezeichnet wird. Aber faute de mieux führt dieses Verfahren doch zuweilen zu besseren als den gewöhnlichen Resultaten. Was auf Seite 226 gesagt wird, verbürgt wenigstens, dass das Studium des Wesentlichen in der Zeichnung wohl möglich ist.

 

Das zweite Verfahren setzt vor der Aufnahme peinliche Reinigung und darauffolgende Abdeckung der Figur mit hellblauer Aquarellfarbe voraus. Dabei ist Rücksicht auf die bekannte Tatsache genommen, dass in der Photographie die Wiedergabe des Hellblau sehr aufhellend wirkt. Vielleicht würde man zu noch günstigeren Resultaten kommen, wenn man statt des Blaulasierens die Aufnahme durch eine blaue Glasscheibe vornähme, weil dann die Nachteile eines vielleicht nicht ganz gleichmäßigen Auftragens der blauen Farbe umgangen und durch eine gleichmäßige blaue Belichtung ersetzt würden. Jedoch ist dies nur ein Vorschlag, der erst noch durch Versuche gestützt werden muss.

 

Auch die bei der Besprechung der Figur 4 angedeutete Methode der Verdeutlichung mit Weiß dürfte zuweilen für die Wiedergabe günstige Resultate ergeben, und zwar, indem man die eingeritzten Konturen — vgl. Fig. 4 und 11 — mit weißem Pulver, etwa Schlemmkreide, einreibt und so hervorhebt, oder indem man weiße Aquarellfarbe aufträgt, das Überflüssige an Farbe aber so abwischt, dass nur die Vertiefungen ausgefüllt sind. Ja sogar die Bemalung eines Schildes mit ungenügend fein verriebener also rauer Farbe dürfte mit einer solchen Behandlung, gleichgültig ob man das Pulver oder die Aquarellfarbe gebraucht, günstig zur nachfolgenden Photographie vorbereitet werden.

 

Da sich die blaue wie die weiße Farbe ohne Schaden für den Gegenstand, selbst bei eingeritzten Zeichnungen, mittels Wasser und einer weichen, vorsichtig gehandhabten Bürste leicht wieder beseitigen lassen, wären derartige Verfahren möglichst immer bei der Aufnahme der Schilde anwendbar. Nach diesen technischen Erörterungen über die Wiedergabe wenden wir uns nun zu den Pavesen selbst.

 

Zunächst habe ich zu erwähnen, dass ich zu den sechs großen in Abschnitt 4 besprochenen Pavesen ein siebentes sehr gut erhaltenes Exemplar anführen kann, welches sich früher in meiner ziemlich umfangreichen Sammlung befunden hat. Dasselbe entsprach den Abbildungen 5 und 6 vollständig, sowohl innen wie außen in allen Details, nur in Bezug auf die Bemalung habe ich Abweichungen zu erwähnen. Die scharfe und deutliche Wiedergabe der rechten Seite berechtigt mich zu der Annahme, dass neben Schwarz und Grau auch wohl noch Rotbraun auftritt und die Bemalung also Pelzwerk oder Fell stilisiert darstellen dürfte. Dass früher Fell zum Überziehen der Schilde verwandt wurde, ist sicher überliefert, wenn auch ein derartiges Stück nicht erhalten ist. Die Anbringung von Wappenbildern mag dann mehr zur Anwendung von Bemalung geführt haben, und da für sie auch der Schilderer oder Schildmacher zu sorgen hatte — eine schwierige Aufgabe, der er sich entledigte, so gut, oder schlecht er es eben konnte —, so mögen die dachziegelförmigen Schuppen der Schildbemalungen entstanden sein, die weiterhin in stilisierter Form verwendet wurden und auch in der Heraldik Aufnahme fanden. Auch die Schuppenmuster auf Fig. 1 und 2 gehören hierher. Möglich wäre ja auch, dass außer dem feineren Pelzwerk auch die Panzerschuppen der stilisierten Form zu Grunde lägen (man vergleiche dazu Lentner und Kettenhemd des hl. Wenzeslaus auf Fig. 2).

 

Einen ähnlichen Schild wie den auf Fig. 2 dargestellten habe ich vordem besessen. Dargestellt war der hl. Georg. Da die Pavese aber vielfache Spuren späterer Nachhilfe in der Bemalung und weniger gute Erhaltung aufwies, so sei nicht näher auf sie hier eingegangen. Nur möge noch erwähnt werden als die obenerwähnte Abweichung der Bemalung, dass die beiden oberen Ecken mit je einem kleinen Wappenschild geziert waren, deren rechtes das Wappen der bayerischen Stadt Deggendorf, das linke aber ein Weberschiffchen oder auch Schützen genannt zeigt, also wohl das Innungswappen der Deggendorfer Weber. Da nun dieses Schiffchen an beiden Enden umgebogene Spitzen hat, so könnte dies auch auf eine Unterabteilung dieses Berufszweiges deuten, nämlich auf die Bandweber, die bekanntlich der geringeren Breite des zu erzeugenden Produktes halber diese kleinere und handlichere Form ihres Werkzeuges benützen, was aber im vorliegenden Fall von keiner weiteren Bedeutung für uns ist.

 

Wir hätten dann also in diesen sieben Deggendorfer Pavesen die Schuhmacher, die Bäcker und Weber vertreten, gewiss ein sehr seltener und lehrreicher Beleg für die Rekrutierung der Streitkraft einer Stadt aus den verschiedensten Zünften der Bürgerschaft. Dass diese Streitkräfte aus Fußvolk und Berittenen bestanden haben, zeigt Fig. 4, denn die Tartsche gehörte offenbar einem Reiter, der den Einschnitt an derselben für die Lanze brauchte. Tartschen von Berittenen sind schon selten genug; dass gleichzeitig sechs vorkommen, ist aber ganz außergewöhnlich, und die Seltenheit wird erhöht, dass hier noch sieben Pavesen des Fußvolkes gleichzeitig hinzukommen.

 

Die Aufbewahrung im Zeughaus erklärt aber den Zusammenhang. Eine ähnliche Gruppe bilden die Pavesen der schweizerischen Stadt Winterthur, die gleichfalls durch zwei in den oberen Ecken angebrachte Wappenschilder charakterisiert sind, nämlich das Schweizer Wappen und das Winterthurer Stadtwappen. Von ihnen ist mir auch eine größere Anzahl, ich glaube sechs bis sieben Exemplare, bekannt geworden.

 

Auch einer österreichischen Stadt verdanken wir mehrere ähnlich unter sich zusammenhängende Schilde. Dieselben zeigen den die ganze Oberfläche einnehmenden damaszierten österreichischen Bindenschild in Rot und Weiß und am Schildeshaupt ein kleines Wappen mit einem gelben Stern im grünen Feld, wohl das Stadtwappen. Auch mit dem Nürnberger Wappen versehen kommen derartige Pavesen vor, sowie mit dem Wappen der sächsischen Stadt Zwickau, von denen sich drei Stück, wenn ich mich recht erinnere, im Besitz jener Stadt erhalten haben.

 

Jedenfalls lassen sich diese Beispiele mit der Zeit noch erheblich vermehren; hier sei nur ein Anfang mit der Aufzählung solcher Gruppen gemacht. Aber auch auf künstlichem Weg hat man derartige Gruppen neuerdings entstehen lassen. So sollen z. B. auf einer Versteigerung einer Waffensammlung zu Meersburg am Bodensee eine ganze Anzahl alter Pavesen mit dem neu aufgemalten Wappen des Besitzers der Sammlung aufgetaucht sein, ein, wenn auf Wahrheit beruhend, nicht genug zu brandmarkender Vandalismus, der umso unerquicklicher wirkt, als er wohl in schlecht angebrachter persönlicher Eitelkeit seinen Grund hat.

 

1 Man vergleiche dazu die sehr gehaltvollen Ausführungen des Herrn Staatsrates von Lenz im vorigen Hefte. S. 224 ff., auf die im folgenden immer Bezug genommen wird.


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 7. Dresden, 1900-1902.