Von Dr. R. Forrer.1
Wie jedes Ding, so hat auch die Frage der Rekonstruktion alter Denkmäler ihre zwei Seiten. Und für beide Seiten finden sich stets eifrige und, wie nicht zu leugnen ist, kompetente Verfechter. Was ist nicht alles für und gegen die Rekonstruktion des Römerkastells Homburg geschrieben und gesprochen worden? Was gegen die vom deutschen Kaiser angeregten Ergänzungen antiker Statuen für und gar erst für und gegen die von derselben Stelle ins Werk gesetzte Restauration bzw. Rekonstruktion der Hohkönigsburg. Dazu treten die nun vollendeten Rekonstruktionen der Marienburg in Preußen, der Jung-St. Peterskirche zu Strasburg, der projektierte Wiederaufbau des Heidelberger Schlosses u. a. m.
Die zahlreichen Gegner dieser Rekonstruktionen bringen für ihre Ansichten durchaus triftige Gründe bei und sie werden zum nicht geringsten Teil von all jenen Monumenten «in natura» unterstützt, welche sich in älterer und neuerer Zeit Rekonstruktionen gefallen lassen mussten und — ach — nach oft nur kurzer Zeit schon als verfehlt bezeichnet werden mussten.
Es ist entsetzlich, was an alten Bauwerken von unseren «Rekonstruktoren» gesündigt worden ist, und viele dieser Rekonstruktionen sind uns heute weit eher ein Denkmal dafür, wie man nicht rekonstruieren soll, als umgekehrt, nachahmenswerte Vorbilder für moderne Wiederhersteller und solche, die es werden wollen. Am guten Willen und an der festen Überzeugung der «Stiltreue» hat es natürlich den Restauratoren nie gefehlt, und auch die Mitwelt war sehr oft darin einig, dass hier der Zenit an stilgetreuer Rekonstruktion erreicht sei — aber die Nachgeborenen haben oft sehr bald schon erkannt, dass dies und das wohl besser anders gemacht worden wäre und dass nicht selten die angebliche Stilechtheit nur ein äußerer Firnis war, unter dem sich gänzliches Verkennen des wahren Wesens des alten Stils verbarg.
Ich erinnere, um nur ein Beispiel zu nennen, an das 1825—29 vom Prinzen Friedrich von Preußen restaurierte Schloss Rheinstein bei Bingen, ich erinnere aber auch, um ein anderes Gebiet zu streifen, an die Renaissance- und Empire-Rekonstruktionen antiker Bildwerke. Heute reißt man diese alten Ergänzungen wieder herunter — so gut es geht. Bei alten Bauwerken geht das minder leicht, als bei Marmorstatuen u. dergl., doch hat auch das sein Gutes: sie zeigen uns, wie man es nicht machen soll, und sie bleiben uns Monumente des Könnens und Nichtkönnens gewisser Kunstperioden.
Rheinstein z. B. ist mir in seiner verballhornisierten Gotik, der «Romantiker-Gotik», ebenso interessant, als wenn es überaus stilgerecht (nach heutigen Begriffen) restauriert wäre. Unter diesem Gesichtspunkt werden auch einmal unsere neueren Burgenrekonstruktionen interessant werden, ja künstlerischen Wert erhalten. Bedauerlich bleibt dabei natürlich immer, dass es gerade ein altes Bauwerk ist, das darunter zu leiden hat, dass man damit nicht selten ein altes Monument zur Hälfte vernichtet, statt ganz einfach die erstrebte Rekonstruktion als Neubau daneben oder auf einen benachbarten Bergrücken zu setzen — gerade so, wie man etwa in Museen gelegentlich einen Torso und daneben in Gips seine Rekonstruktion sieht.2
Zweifellos ist es theoretisch richtiger oder, um mich noch schärfer auszudrücken, das allein Richtige, niemals ein altes Denkmal im Original zu rekonstruieren, nie das Denkmal, sei es nun eine alte Burg-, Tempel- oder Klosterruine, sei es ein Gemälde, eine Statue, sei es eine alte Waffe, eine alte Tonschüssel oder ein altes Schmuckstück, zu restaurieren und das Fehlende zu rekonstruieren.
Theoretisch genommen, ist dies stets und in allen Fällen zu verdammen, denn in neun auf zehn Fällen werden Restauration und Rekonstruktion das Fehlende des Originals nicht absolut ersetzen, — in sehr vielen Fällen liegt sogar die Gefahr vor, dass aus der Restauration oder Rekonstruktion sich Irrtümer entwickeln. — Indessen, grau ist alle Theorie, und Theorie und Praxis stehen sich oft schroff gegenüber.
Tatsächlich wird ein Objekt, gleichviel was es sei, in den meisten Fällen nur dann restauriert oder rekonstruiert, wenn sein Erhaltungszustand gewisse Mängel zeigt, wenn derselbe einer Reparatur bedarf. Und hier ist es, wo nun das Glatteis beginnt, wo die Theorie und die Prinzipienreiterei in die Brüche gehen. Es ist ja sehr schön, sehr gelehrt, sehr wissenschaftlich zu sagen: die Restauration verdirbt das Cachet, sie wird das alte nie erreichen, sie ist prinzipiell abzulehnen. Gewiss ist sie das in allen Fällen, wo dazu keine Notwendigkeit vorliegt — aber, wo diese eben eintritt, da kann alle Sentimentalität nichts helfen, und man wird eben vor das oui ou non gestellt: wollen wir das alte Bau- oder Bilderwerk dem allmählichen Verfall anheimgeben oder es retten.
Ich möchte unsere defekten Schätze mit Kranken vergleichen: man lässt sie intakt, so lange keine absolute Gefahr vorliegt; tritt aber die Gefahr ein, dass der kranke Arm oder der kranke Fuß auch den übrigen Körper zum Verfall bringt, so schluckt man die bittere Pille und schreitet zur Amputation; das fehlende Glied wird dann in Holz, in Stoff und weiß Gott was ergänzt — schöner ist der Amputierte damit zwar nicht geworden, aber — er lebt nun wenigstens.
Gerade so ist es mit unseren alten Kunstwerken: oft ist ihre Erhaltung nur dadurch gesichert, dass man mit ihnen eine Radikalkur vornimmt. Als Grundsatz freilich wird man stets aufstellen müssen: nur die Notwendigkeit soll Reparaturen, Restaurationen und Rekonstruktionen, welche Teile des alten Originals zerstören, gestatten. Not kennt bekanntlich kein Gebot. Wo aber die Not nicht vorhanden ist, da lasse man die Finger von der Sache — es sei denn, die Reparatur, Restauration oder Rekonstruktion seien derart, dass sie das Original nicht schädigen und stets ohne Schaden für jenes wieder entfernt werden können. Wollen wir aber Theorie und Praxis miteinander in Einklang bringen, so wird stets der Leitsatz gelten: weder prinzipielles Nein, noch rasches Ja, nur strenge Prüfung von Fall zu Fall, ich möchte sagen, rein individuelle Behandlung jedes einzelnen Falles, können den Ausschlag geben.
Die Wissenschaft schreitet voran und die Stilkritik sogar mit gewaltigen Schritten. Als Rheinstein gebaut wurde, glaubte man ein Meisterwerk gotischen Stils geschaffen zu haben. Als Viollet-le-duc auftrat, war die Rheinsteingotik, die Romantikergotik bereits zum alten Gerümpel geworfen und glaubte man mit ihm auf dem Zenit der Stilkritik zu stehen. Viollet-le-duc galt als der Unübertroffene und Nichtzuübertreffende. Heute ist die Gotik von Viollet-le-duc für den Kenner ein historischer Kunstbegriff, wie die mehrerwähnte Romantikergotik, wie die Empire-Antike usw. Seit Viollet-le-duc sind wir wesentlich weitergekommen und unsere Architekten sagen, so sehr sie auch Viollet verehren, «das war damals, heute wissen wir das besser, machen wir das besser». Es werden aber nur wenige Jahrzehnte vergehen und auch die Rekonstruktionswerke unserer neueren und neuesten Architekten werden von den Nachgeborenen so beurteilt werden, wie wir heute über unsere Vorläufer urteilen; sie werden Anno 1930 etwa sagen: «Für die Zeit von 1880—1900 sehr gelungen, aber eben doch nicht ganz im Stil so, wie wir ihn heute los haben!»
Tatsache ist ja, dass sich unser Auge immer mehr schult, dass wir heute stilistisch viel schärfer zu sehen und zu urteilen wissen, als es unsere Lehrer vor 20, 30 und 40 Jahren vermochten, dass unsere Schüler, auf dem Errungenen fußend, noch schärfer sehen und noch stilstrenger werden, dass unsere Nachgeborenen uns einst übertreffen werden. Ist aber das ein Grund, deshalb die Hände in den Schoss zu legen und die ganze Arbeit eben jenen Nachgeborenen zu überlassen? Wollte man stets so denken, so würde es überhaupt niemals zu Rekonstruktionen kommen, ja, nach dem Spruch, dass man an den Fehlern der andern lernt, würde, wenn wir nicht Fehler wagten, die Nachwelt nicht auf die Stufe sich heben, zu welcher sie dereinst emporklettern wird, eben weil wir heute Fehler wagen, weil wir heute zu konstruieren und zu rekonstruieren wagen!
Es liegt in der menschlichen Natur, zu grübeln, zu forschen, sich offene Fragen zur Lösung vorzulegen, sich Aufgaben zu stellen. Findet man im Acker einen Schädel, so frägt sich der unerfahrene Bauer, ob das ein Mensch oder ein Vieh war, der Archäologe, welcher Zeit er angehört und der Anthropologe, wie er ausgesehen haben mag. Sieht man eine Ruine, so frägt man sich, aus welcher Zeit sie datieren, wie sie gebaut und wie sie eingerichtet gewesen sein mag. Und es regt sich der Wunsch, diese Fragen zu lösen. Der Gelehrte setzt sich hin und schreibt darüber, was er weiß, der Archäologe rekonstruiert auf dem Papier Grund- und Aufriss, und der Architekt rekonstruiert die Ruine zum fertigen Bau. Ist er geschickt, gewissenhaft und ein Kenner, so wird er den Beifall der Zeitgenossen finden und man wird ihm den Dank nicht versagen können nach dem Kürschnerschen Wahlspruch: «Welcher der Zeit dienet, dienet ehrlich!»
Denn, was ebenso viel wert ist, als der Beifall einiger Fachgenossen oder ein Fortschritt auf wissenschaftlichem Gebiet, das ist in meinen Augen die Volksbelehrung. Was nützt es, dass 2, 3, 4 Fachgelehrte wissen, dass diese Waffe, jene Burg, jenes Gemälde so ausgesehen, wenn nicht das Volk an diesen Errungenschaften Anteil erhält, wenn das Errungene nicht auch zur Weiterbildung des Volkes beiträgt! Und in diesem Sinne darf man sehr wohl betonen: Ruinen sind nicht bloß für die Gelehrten, sondern auch fürs Volk da, und wenn durch deren Aufbau das Volk sich bildet, belehrt, erfreut, so hat zweifellos der Aufbau einen wichtigen Zweck erfüllt.
In diesem Sinne sind auch manche Kirchenrekonstruktionen nicht zu verdammen, die der Archäologe weit lieber als unangetastete Ruine weitererhalten wissen möchte. In demselben Sinne möchte ich auch die historische Waffenkunde aufgefasst sehen: sie ist ein Studium, dessen Endzweck die Rekonstruktion dessen ist, was wir heute noch nicht oder nur unklar wissen; sie soll zunächst die Fachgenossen aufklären, dann aber, nachdem an ihrem Herd die Speise gar gekocht ist, hinaustreten und das Volk mitgenießen lassen: es unterrichten.
Das geschieht in erster Linie gerade durch die Rekonstruktionen. Pläne, Detailzeichnungen, Einzelfundstücke sind für den Fachmann. Ihm genügen sie. Das Volk will mehr. «Ein Narr fragt mehr, als 100 Weise beantworten können.» Auch das Volk stellt Fragen, die streng genommen oft nur ungenau beantwortet werden können. Aber daran eben arbeitet die Wissenschaft unablässig, die vielen alten und die vielen neu auftauchenden Fragen zu lösen, aus dem «Wir wissen nichts» allmählich ein «Wissen» herauszukristallisieren. Die einzelnen «Wissensatome» kristallisieren sich aneinander und es entsteht daraus nach und nach ein klares abgerundetes Bild — erst in Form von schematischen Plänen, Skizzen etc., dem Gelehrten verständlich, dann in Form von Modellen und Rekonstruktionen für ein weiteres Publikum.
Die Rekonstruktion ist gewissermaßen das Endziel der Forschung, das Dokument, in welchem das erreichte Wissen summiert und niedergelegt ist. Lindenschmit rekonstruierte seiner Zeit einen römischen Legionär und gab damit gewissermaßen das Schlussexamen über die von den Archäologen in dieser Richtung an alten Denkmälern und Funden getriebenen Studien über die Ausrüstung des römischen Soldaten. Jacobi hat die Saalburg rekonstruiert und hier gewissermaßen das Fazit gezogen aus der Summe der bei der Limeserforschung gesammelten Erfahrungen. In ähnlicher Weise sollen die Marienburg und die Hohkönigsburg die Summe der burgengeschichtlichen Studien der Neuzeit verkörpern. In gleicher Weise endlich sollen die Waffenrekonstruktionen von Gimbel und von Le Clerc das Resultat unserer Forschungen auf waffengeschichtlichem Gebiet verkörpern, veranschaulichen und dokumentieren.
Das bei dieser Rekonstruktion wiederum das oben Gesagte nicht außer Acht gelassen werden darf, dass die Rekonstruktion auf keinen Fall eine ganze oder teilweise Zerstörung des alten Originals nach sich ziehen darf, will ich, um Missverständnissen die Spitze abzubrechen, hier nochmals ausdrücklich betonen: es gilt für Bauwerke wie Skulpturen, für Gemälde wie für Waffen, für blanke, wie für ausgegrabene Altertümer.
Beinahe gleichzeitig sind zwei Schriften erschienen, welche ein und dasselbe Thema berühren: Rekonstruktionen derjenigen Waffen und Rüstungsgattungen, welche uns in Originalen im vollständigen, im blanken Zustand, zumeist oder so gut wie ganz fehlen. Fast zur selben Zeit hat man in Deutschland wie in Frankreich das Bedürfnis gefühlt, diese Lücke auszufüllen, sich an diese ebenso schwierige wie langwierige Aufgabe zu wagen. In Frankreich hat diese Arbeit vor mehreren Jahren Oberst Le Clerc vom Musee d’Artillerie begonnen; nach dessen Tode wurde sie von seinen Nachfolgern fortgesetzt und hat nun ihren Abschluss gefunden — ein Abschluss, der gewissermaßen in der 1901 erschienenen Broschüre «Notice sur les costumes de guerre» (Paris, imprimerie nationale, 1901) ihren Schlussstein gefunden hat. In Deutschland ist dieselbe Aufgabe von einem Privatmann, Leutnant a. D. K. Gimbel in Baden-Baden, gelöst worden. Auch hier kommt die Vollendung der Aufgabe jetzt in Gestalt einer Publikation zum Ausdruck: «Die Rekonstruktionen der Gimbelschen Waffensammlung» (Berlin 1902, E. S. Mittler & Sohn).
Während aber die französische Broschüre lediglich eine Art Führer für den Besucher jener Abteilung des Musee d’Artillerie ist, bietet uns Gimbel ein förmliches Werk, eine Publikation, die mit nicht weniger als 41 Lichtdrucktafeln in gr. 8° ausgestattet ist und in sich selbst eine förmliche «Waffengeschichte» darstellt. Gimbels Buch wird allen denen, welche frühe Waffenkunde treiben, ebenso aber weiterhin für alle jene, welche guter Vor- und Unterlagen bedürfen (Maler, Bildhauer, Theater etc.) sehr wertvolle Dienste leisten. Die einzelnen Kriegerfiguren sind stets von mehreren Seiten wiedergegeben, so dass alle Details zu studieren sind. Durch diese Veröffentlichung ist gewissermaßen Gimbels Arbeit nicht bloß den einzelnen Besuchern seiner Sammlung, sondern allen Interessenten nutzbar geworden.
Gimbels Rekonstruktionen beginnen mit einem griechischen Hopliten der Zeit um 600 v. Chr., bringen dann einen gallischen Krieger der Zeit von ca. 400—200 v. Chr., sowie einen römischen Legionär und eröffnen dann mit einem merowingisch-fränkischen Krieger das Mittelalter. Schwierig, aber dennoch sehr gelungen, erscheint uns die Rekonstruktion des karolingischen Kriegers und die des Normannen nach dem Bayeux-Teppich. Dann folgen Ritter des 12., 13. und 14. Jahrhunderts, hierauf die verschiedenen Arten der gotischen Ausrüstung. Mit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts schießt die geschichtliche Serie in ihrer Vollständigkeit ab, denn von hier ab sind ja in Museen und Sammlungen noch zahlreiche vollständige Rüstungen erhalten, so dass es hier einer «Rekonstruktion» nicht mehr erst bedarf.
Doch hat Leutnant Gimbel als Anhang noch einige Gestalten des 16. und 17. Jahrhunderts beigefügt, welche gewissermaßen ebenfalls erst zu «rekonstruieren» waren, weil hier die vollständig erhaltene Ausrüstung kaum mehr vorhanden ist: einen Musketier aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, einen Kürassier, einen Pikenier und einen Reiter aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges.
Die Pariser Rekonstruktionen verfolgen ungefähr denselben Ideenkreis, nur umfassen sie einen wesentlich weiteren Zeitraum, was zweifellos von hohem, instruktivem Wert ist, die Aufgabe allerdings erschwerte. Nur die paläolithische Zeit allein ist bereits in zwei zeitlich verschiedenen Phasen dargestellt; die ältere zeigt uns den Primitiv von Moustier, die jüngere den Renntierjäger der epoque de la Madeleine. Dann folgen wiederum zwei Gestalten aus der neolithischen Steinzeit und zwei aus der «ere celtique», der Bronzezeit. Die gallische Ära wird bereits durch eine ganze Reihe von Typen veranschaulicht, wobei teils Grabfunde, teils keltische Münzen, teils die Bildwerke von Orange die Prototypen zu den einzelnen Gestalten geliefert haben. Nicht weniger als 8 Krieger sehen wir da aufmarschieren, doch scheint mir hier mancher noch verbesserungsfähig, denn in der prähistorischen Archäologie sind wir z. Z. mitten drin, gewisse Typen zu präzisieren, chronologisch neu einzuordnen.
Hier wiederholt sich eben das oben bezüglich der Burgen-Rekonstruktionen Gesagte: Die Wissenschaft schreitet vorwärts; unser Auge, die Stil- und Formenkritik werden immer schärfer, dringen immer tiefer in alle Details und lassen oft scheinbar vorzügliche Rekonstruktionen in relativ kurzer Zeit als schon überlebt, überwunden, veraltet erscheinen. Freilich muss gesagt werden, dass auch die Pariser Rekonstruktionen im Allgemeinen ganz wundervoll gelungen sind und von großer Genialität der Autoren zeugen. Chronologisch stellen sich den vorrömischen Kriegern ein griechischer Soldat von Marathon, griechische Bogenschützen und zahlreiche andere griechische sowie römische Kriegergestalten in z. T. überaus reicher Ausführung zur Seite. Dann folgt die Serie der Kriegergestalten der «France historique». Sie wird durch fränkische, merowingische und karolingische Krieger eröffnet und durchmisst dann in zahlreichen Varianten die folgenden Jahrhunderte.
Wie bei Gimbel dient für das 11. Jahrhundert die Tapisserie von Bayeux als Unterlage; für das 12. Jahrhundert hat die berühmte Emailplatte von Mans als Vorbild gedient, für eine zweite Figur das Siegel des Mathieu von Montmorency. Für das 13. Jahrhundert dienten als Vorlagen die Siegel des Mathieu II von Lothringen und des Hugo von Châtillon. In wunderbarer Reichhaltigkeit folgen sich dann nicht weniger als 6 Ritter des 14. und ca. 10 des 15. Jahrhunderts, dann in geschlossener Reihenfolge die Gerüsteten und Gewappneten des 16. und 17. Jahrhunderts, um mit einem Dragoner der Zeit Ludwigs XV. und mit einem Soldaten der ersten Republik abzuschließen.
Geht man Sonntags ins Pariser Musee d’Artillerie, so sieht man hier das Volk vor diesen lebensvollen Kostümgruppen sich drängen und stauen, diesen Rekonstruktionen ein Interesse entgegenbringen, wie vielleicht wenigen anderen Ausstellungsobjekten dieses gewaltigen Zeughauses. Und spielend lernt hier das Volk einen Einblick tun in frühere Zeiten!
1Anmerkung der Schriftleitung. Der Herr Verfasser betont von vornherein, dass in der Frage der Wiederherstellung alter Denkmäler, seien sie welcher Art sie wollen, die Meinungen sehr auseinandergehen. Der grundsätzlichen Bedeutung wegen möchte über die ihrige die Schriftleitung keinen Zweifel bei den Lesern aufkommen lassen, die zwar vielfach mit der des Herrn Verfassers übereinstimmt, aber die von ihm angestrebte Vermittlung ablehnt. Es scheint mir nicht scharf genug zwischen Erhaltung und Wiederherstellung geschieden zu werden. Erhaltung ist eine Pflicht, der wir uns nie entziehen dürfen. Eine Burgruine muss unter allen Umständen erhalten werden, aber das geschieht nicht dadurch, dass man sie ausbaut und wieder eine vollständige Burg zu errichten sucht, sondern dadurch, dass man die Reste, so wie sie sind, vor weiterem Verfall mit den Hilfsmitteln, die uns die Technik bietet, schützt. Freilich ist das eine entsagungsreiche Arbeit, aber die Achtung, die wir allen Tatsachen und allem Tatsächlichen entgegenbringen sollen, und die der Grundpfeiler der historischen Arbeit ist, wird diese Entsagung nicht zu schwer erscheinen lassen. Wiederherstellungen vergewaltigen ebenso die Kunst der Vorzeit, wie das Kunstempfinden unserer Zeit, die eine, indem ihr etwas Fremdartiges aufgepfropft wird, denn all unsere Stilweisheit wird nie und nimmer Stilechtheit sein können, das andere, indem sie es zwingen, sich in eine abweichende, also ihm nicht natürliche Formensprache hineinzuleben, ohne dass die Möglichkeit gegeben wäre, dass der Wiederhersteller für die völlige Entäußerung seines eigenen Selbst, das doch hierbei nötig ist, wirklich das Denken, Empfinden und Sehen der Vorzeit sich eintauschte. Sehr leicht wird die Denkmalpflege, von der wir so viel reden, zur Denkmalschädigung, ja Denkmalvernichtung, und eine himmelweite Kluft trennt die Denkmalpflege von der Denkmalergänzung. Will eine Wissenschaft die Summe des Erkannten für die Volksbelehrung, was sie zweifellos tun soll, fruchtbar machen, so genügt es vollkommen, im Bilde das Erkannte darzustellen. Hat man sich geirrt, so ist doch dann später der Schaden leicht zu beseitigen und der Irrtum steht nicht in monumentalem Material, etwa in Stein oder Erz, unseren Nachkommen gegenüber, vor allem aber bietet das Alte, das unangetastet blieb, in seinen Resten wenigstens noch Wahrheit, während sie, wenn ergänzt, der — wenn auch ungewollten — Unwahrheit dienstbar gemacht werden. — — Um noch mit einem Wort auf unseren besonderen Fall zu kommen: gegen den Grundsatz, von dem Gimbel bei seinem Werk ausging, ist gewiss nichts einzuwenden. Im Gegenteil, ich wüsste kaum in der neueren Waffen-Literatur etwas, woraus man so viel und so mühelos lernen kann, wie aus dem Gimbelschen Buch. Wohl aber wäre zu tadeln, wenn jemand an den Gegenständen seiner Waffensammlung alle fehlenden Teile neu arbeiten und hinzufügen ließe, während ein z. B. neben der unvollständigen Rüstung aufgehangenes Bild der zur Vollständigkeit ergänzten Rüstung vollkommen genügt und alle falschen Beine usw. unnötig macht.
2Ich glaube, dass es nur eines einzigen derartigen Versuches bedürfte, um den Wert der Wiederherstellungen klar zu zeigen, und — unsere Denkmäler künftig besser zu schützen. Die Schriftleitung.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 10. Dresden, 1900-1902.
