Nachtrag zu: Die Fürstlich Radziwillsche Rüstkammer zu Nieswiez. Herr Ladislaus Ritter von Lozinski in Lemberg hat die Freundlichkeit, uns mitzuteilen, dass im dortigen Rathausmuseum zwei Kanonenrohre bewahrt werden, wovon das eine neben der Jahreszahl 1534 die Inschrift trägt: „Lenart Hirt hat mich gossen“, während das andere Rohr mit der Jahreszahl 1529 und dem Monogramm L H gezeichnet ist.
Außerdem wird um diese Zeit in den Ratsakten ein Stückgießer Lenart Herle, im Jahr 1549 in den Konsulatsakten ein Leonardus pixidarius,1 d. i. Büchsenmeister, im modernen Sinne etwa Artilleriechef, aufgeführt. Herr von Lozinski spricht nun die Meinung aus, dass der in Lemberg genannte Meister und der auf den beiden Geschützrohren in Nieswiez vorkommende Lenhard bzw. Lenhardt ein und dieselbe Person, und dass die Worte «here» bzw. «hiere» (vgl. Heft 6) als Verstümmelung des Familiennamens Hirt anzusehen seien.
Wir stimmen dem verehrten Fachgenossen in Bezug auf den ersten Teil seiner Annahme unbedingt bei, was indes deren zweiten Teil anbetrifft, so wiesen wir darauf hin, dass die naive Bezeichnung «hier» an Stelle des Ortsnamens uns schon einige Male auf Gegenständen aus jener Zeit vorgekommen ist, wie es denn auch keineswegs zu den Seltenheiten gehörte, dass Handwerker und Künstler ihre Werke nur mit dem Vornamen, der ihnen und ihren Mitbürgern geläufiger war als der Familienname, zeichnete.
Indes hat ja auch die Meinung des Herrn von Lozinski, dass die Worte here, bzw. hiere, «Hirt» bedeuten sollten, wegen der Verwandtschaft der Laute manches für sich. — Der Name Hirt ist übrigens in der Geschichte der Waffenerzeugung des 16. Jahrhunderts bereits vertreten. Ein Arnold Hirt, der 1504 aus Nürnberg kam, war bis 1515 Stadtplattner in Leipzig. Auch eine Nürnberger Stückgießerfamilie Hirder gab es, von welcher ein Sebaldus Hirder (gest. 1563) für den Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz arbeitete und es zu großem Ansehen in seiner Kunst brachte. Es erscheint daher nicht unmöglich, dass unser Lemberger Meister einer von diesen Familien entstammte,2 denn Nürnberger Waffenschmiede genossen damals einen Weltruf und fanden, wie zahlreiche Beispiele es darlegen, an anderen Orten unschwer lohnende Beschäftigung.
M. v. E.
Ein Nachwort zur Versteigerung der Waffensammlung des Grafen Alfred Szirmay in Wien.
Im Herzen Mitteleuropas gelegen, waren die Lande der österreichisch-ungarischen Monarchie seit Jahrhunderten so recht der Tummelplatz, auf welchem die Völker des Morgen- und Abendlandes den Kampf ums politische Dasein miteinander ausfochten. In die engen Täler Noricums, in die Ebenen Pannoniens hatte der römische Legionär die Gesittung der antiken Welt verpflanzt, welche zarten Keime nur zu bald die bogenkundigen Reiterschwärme der Gottesgeißel zerstampfen sollten. Hier versuchte unter Strömen Blutes der Krieger des fränkischen Heerbannes dem Christengott eine neue Heimstätte zu bereiten; durch das Donautal wälzten sich später jene Scharen hin, welche im gelobten Land die himmlische Seligkeit sich zu erstreiten hofften und auf ihrem langen Weg nur Not und Enttäuschung fanden. Auf der Ostmark Boden erlag mongolische List bajuwarischer Schwerfälligkeit. Und wieder verging Jahr und Tag, als sich dort unten, wo die Donau die ungarische Tiefebene verlässt, finsteres Gewölk zusammenballte, drohend und unheilschwanger: Der Osmane hatte den Weg über den Balkan herübergefunden und fast zweihundert Jahre lang sollte Ofen den Vorort von Stambul bilden. Aber aus Qualm und Feuerglast, aus dem Schutt geborstener Mauern sehen wir die Geister jener Helden von Erlau, Raab und Szigetvár emporsteigen, welche freudig für Pflicht und Waffenehre starben, und meteorgleich streben vor unseren Augen die trotzigen Magnaten empor, um deren Personen schon bei Lebzeiten Frau Sage ihre bunten Fäden spann, von deren selbstbewusstem Stolz noch heute des Zigeuners Fiedel zum Volk spricht.
Von den Alpen bis nach Zenta und Belgrad trug siegreich der «Edle Ritter» die kaiserlichen Fahnen, und wie gut die Fäuste ergrimmter Bergbauern zu zausen verstehen, das spürte mehr als einmal der gallische Hahn. Es ist begreiflich, dass sich auf einem an kriegerischen Erinnerungen so überaus reichen Gebiet auch ein ansehnlicher Besitz an Waffen aus alter Zeit her erhalten haben müsse. Wir finden auch in der Tat noch in zahlreichen Edelsitzen mehr oder weniger gut erhaltene, aber fast der Vergessenheit anheimgefallene Reste ehemaliger Rüstkammern vor. Ganz besonders in Ungarn, diesem Kriegstheater par excellence, stoßen wir auf einen reichen Besitz meist aus der Türkenzeit herrührender Waffen, welcher über die vielen Schlösser des Landes zerstreut ist.
Auch die in dem Kastell zu Szirma-Bessenyö aufbewahrte Waffensammlung des gräflichen Hauses Szirmay dankt ihr Entstehen keineswegs lediglich der Liebhaberei an Antiquitäten; sie gebar das eiserne Muss, die Notwendigkeit, das Haus in unruhigen, kriegerischen Zeitläuften in eine feste, wohlbewehrte Burg zu verwandeln. Den Grundstock dieser reichhaltigen, mehr als 600 Nummern zählenden Sammlung machte eine Anzahl historischer, meist nationaler Waffen aus, welche wohl eng mit der Familiengeschichte Derer v. Szirmay verwachsen sind. Der letzte Eigentümer dieser ererbten Waffen war jedoch auch ein eifriger Sammler, dessen Streben dahin ging, die auf seinem Stammschloss aufgespeicherten Kriegsgeräte aus alter Zeit durch Ankäufe zu vermehren, den Wohnräumen durch des Anbringen von dekorativem Waffenschmuck den Charakter einer vornehmen Lebensführung aufzudrücken.
Diesem Streben entsprach auch die Physiognomie der Sammlung. Neben Seltenheiten ersten Ranges fand sich auch manche allerdings gut ausgeführte Nachbildung einer tüchtigen Plattnerarbeit vor; kulturgeschichtlich hohes Interesse boten die Harnische magyarisch-polnischen Charakters. Gute und mannigfaltige Formen wies die Gruppe der blanken Waffen auf, deren Marken auf angesehene Werkstätten in Deutschland, Italien und Spanien hindeuteten. Die Bedeutung origineller Kuriosa besaßen die Kindersäbel. Das Sprichwort «Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen» bewahrheitet sich auch auf dem ernsten Feld der Waffenhistorik; und so wie man einst für halbwüchsige Prinzen Harnische schlug, ebenso stolzierten die Sprösslinge prunksüchtiger Magnaten des Theresianischen und Josefinischen Zeitalters bei festlichen Gelegenheiten mit Krummsäbeln an der Seite im Elternhaus einher. Die reiche Kollektion von Schlagwaffen der verschiedensten Gattung machte Sammlern die Auswahl schwierig; das gleiche galt von den Feuerwaffen, von denen viele, sei es vermöge ihrer künstlerischen Ausstattung, sei es wegen ihrer Bauart, die Aufmerksamkeit des Kenners in hohem Grad in Anspruch nahmen.
Wie es bei einer auf dem Boden Ungarns entstandenen Waffensammlung wohl nicht anders möglich ist, waren die orientalischen Waffen in derselben sehr zahlreich vertreten. Wenn auch freilich in dieser Gruppe sich so manches als moderne Basarware charakterisierte, so muss vieles andere als recht gute Arbeiten bezeichnet werden. Insbesondere seien hervorgehoben das alttürkische Maschenpanzerhemd, der mit wunderbar zart stilisierter Ornamentik geschmackvoll verzierte tscherkessische Helm und Rundschild, die Bogen, die prächtig tauschierten Klingen an persischen Dolchen (Palé) wie an Handjars. Was den Katalog anbelangt, so hatte sich bei dessen Herstellung die rührige Kunsthandlung E. Hirschler & Comp., welche die Versteigerung besorgte, ersichtlich alle Mühe gegeben. Der Text des Kataloges verriet es zwar an einigen Stellen, dass der alte Fabulist Demmin dabei Pate gewesen sei; auch muteten einige Namengebungen, z. B. Dschungeldolch, für ein dem nordwestlichen Afrika angehörendes Dolchmesser recht romantisch an: Doch das sind Kleinigkeiten, welche gegenüber den Vorzügen des Kataloges ernstlich wohl kaum in Betracht kommen.
Als solche Vorzüge möchte der Unterzeichnete neben der splendiden Ausstattung des Kataloges auch die Gewissenhaftigkeit anerkennend hervorheben, welcher sich die Kunsthandlung bei der Altersbestimmung der einzelnen Objekte befleißigte. Musste leider auch von der Wiedergabe der für den fachlich geschulten Waffenhistoriker so überaus wichtigen Meistermarken aus technischen Gründen — ein Ungefähr hatte die Abdrücke unbrauchbar gemacht — abgesehen werden, so brachten die sechs Lichtdrucktafeln und zahlreiche in den Text eingeschaltete Abbildungen die vorzüglichsten Objekte in mustergültiger, auch das kleinste Detail berücksichtigender Weise zur Anschauung.
Einem jeden, der überhaupt zu lesen versteht, wird jedoch noch ein zweiter Vorzug dieses Kataloges angenehm aufgefallen sein: Ich meine dessen ehrliche Offenheit. Es ist dieses umso mehr anzuerkennen, als ja gerade bei einer so reichhaltigen, so vieles Echte bergenden, von einem altadeligen Namen gedeckten Sammlung die Versuchung so lockend nahe lag, alles für alt und echt auszugeben. Dadurch, dass die Firma Hirschler es jedoch verschmähte, derlei Praktiken anzuwenden, gab sie anderen Kunsthändlern ein recht beherzigenswertes Beispiel nobler Denkungsweise.
Im Interesse der Waffensammler wollen wir endlich noch einen Blick auf die erzielten Preise werfen. Für Harnische wurden bezahlt: 580 (1)3, 820 (2), je 350 (3 und 4), 650 (5), 920 (15) Gulden; die magyarisch-sarmatischen halben Harnische brachten 140, 205, 95, 295 Gulden, ein türkisches Kettenhemd (30) 86 Gulden ein. Der angestaunte Topfhelm (34), eine Waffenzier oder ein Totenhelm, wurde um 4000, ein außerordentlich schöner tscherkessischer Helm (59) um 170, ein ebensolcher Rundschild (69) um 41 Gulden losgeschlagen. Die Angebote für Bihänder (117 bis 119) bewegten sich zwischen 202 und 55, diejenigen für ungarische Prunksäbel (169, 174) zwischen 71 und 66 Gulden, wogegen die Kindersäbel (177 bis 178, 179, 180) mit 23, 12 und 15 bewertet wurden. Das durch seine saubere Arbeit ausgezeichnete Bajonett (202) brachte 56, die orientalischen Blankwaffen u. z. (206, 207, 211, 212) 42, 17, 61, 32 Gulden ein. Der Zufall wollte es, dass eine ganz einfache persische Dolchklinge (215) einem Käufer 18, dagegen ein mit wunderbarer Goldtausia bedecktes Messerchen (219) nur 11 Gulden wert erschien, während der Panzerstecher (225) mit 81, ein mit einer Klinge von Tomaso Aiala ausgestattetes Rappier (227) mit 74 Gulden bezahlt wurde. Die Armbrüste (376, 377 und 378) gingen um 80, 15, 23, Radschlossgewehre (396, 402, 403, 404) um 260, 252, 160 und 110, ein Trombon (408) um 100 Gulden weg. Das Pferdegeschirr (528 bis 530) trug 610, 100 und 172 Gulden.
Dr. Potier.
Waffenpreise.
Zur Orientierung der Leser unserer Zeitschrift seien hier einige Preise angeführt, welche gelegentlich einer in Wien stattgefundenen Feilbietung für alte Waffen erzielt wurden. Ein halber Harnisch wurde mit 200 Kronen, ein Harnischrücken mit 72 Kr., ein reich geätzter und vergoldeter Morion mit 520 Kr., ein anderer einfacherer mit 90 Kr., drei österreichische Sturmhauben mit 72 Kr. bezahlt. Gotische Schwerter wurden für 52 und 102 Kr., italienische für 98 und 196 Kr., ein Richtschwert für 64 Kr. losgeschlagen; die Preise für Degen bewegten sich zwischen 10 und 242 Kr., während eine Karabela 60 Kr., ein goldtauschierter türkischer Säbel 80 Kr., ein Hirschfänger mit Schießvorrichtung 92 Kr. einbrachte.
Für einen Dolch, dessen Klinge feine Giftzüge durchzogen, wurden 80 Kr., für persische Dolchmesser (Bitschak) mit Damaszenerklingen 58 Kr., für einen schönen Kinschal 40 Kr. gegeben. Helmbarten brachten, bis auf eine Trabantenhelmbarte (244 Kr.), 22 bis 42 Kr. ein.
Dr. Potier.
1Von pix, Büchse; pixidarius bedeutet nach Du Cange: qui machinae bellicae, pixis appellatae, praeest.
2Bei den vielfachen handels- und kunstgeschichtlichen Beziehungen Nürnbergs zu jenen östlichen Städten — namentlich Krakau ist hier zu nennen — gewinnt diese Annahme sehr an Wahrscheinlichkeit. Die Schriftleitung.
3Die eingeklammerten Zahlen entsprechen den Nummern im Auktionskatalog.

Antwort auf Frage 2:
Die vorliegende Feuerwaffe lässt ein Konstruktionsprinzip erkennen, welches bereits in Konrad Kyesers Bellifortis in verschiedener Form in Anwendung gebracht erscheint. Dasselbe zeigt das praktische Bestreben, durch Nebeneinanderlegen geladener Läufe (Büchsen) im Falle der Notwendigkeit ein schnelleres Feuer abgeben zu können.
Von den in Kyesers «Bellifortis» dargestellten Konstruktionen seien erwähnt:
Nr. 1 fol. 109a, hat sechs kurze, gleiche, offenbar nur für Bleikugeln eingerichtete Läufe, welche mittels eines Eisenbandes an der Außenseite eines Holzzylinders befestigt sind.
Nr. 2 fol. 108b, zeigt drei verschieden große Läufe, welche ohne Holz-, sondern nur mit Metallverbindung miteinander vereinigt sind; das mittlere große Rohr war für Steinkugeln bestimmt.
Die beigefügten Erklärungen lauten:
Nr. 1. «Contus ille magnus pyxidum sex stat revolvendus, Emissa prima redit altera demum secuta Decipiuntur hostes, post primam non timent ullam.»
Nr. 2. «Similiter prima det vocem, statim sinistra Demum lapis magnus inimicis repente nocebit.»
Vergleicht man dieses Konstruktionsprinzip mit der vorliegenden Waffe, so zeigt dieselbe die Vereinigung mehrerer kleiner und gleicher Läufe wie bei Nr. 1, und weiter die Metallverbindung wie bei Nr. 2.

Nachdem dieses Konstruktionsprinzip im 15. Jahrhundert, wie die Darstellungen aus den Feuerwerksbüchern lehren, allgemein bekannt war, so liegt es nahe, dass derartige Feuerwaffen in verschiedener Größe versuchsweise angefertigt wurden; der praktische Erfolg entschied, ob die neue Waffe nur ein vereinzelter Versuch bleiben sollte, oder ob aus derselben in weiterer Folge eine brauchbare Kriegswaffe sich entwickeln konnte.
Die langsame Ladeweise der Handfeuerwaffen im 15. und 16. Jahrhundert ließ ferner das Bedürfnis nach kleinen Feuerwaffen entstehen, welche noch kurz vor dem Handgemenge abgeschossen werden sollten, deren wirksame Schussweite daher nicht viel weiter als Spießlänge zu sein brauchte, und welche infolgedessen in Ausmaß und Gewicht kleiner als die Handbüchsen sein konnten.
Eine Abbildung im Cod. germ. 734 der kgl. Hof- und Staats-Bibliothek in München (1460—1470) zeigt die Verwendung derartiger kleiner Handfeuerwaffen; das Gewicht ist nur so groß, dass der Reiter dieselbe mit ausgestrecktem Arm abfeuern konnte; die Schussentfernung beträgt augenscheinlich nur einige Schritte.
Maßgebend für die Größe und Schwere dieser Feuerwaffen wird somit die Kraft der Hand, der Faust, aus welchem Grunde dieselben in späterer Zeit, zur Unterscheidung von den Handbüchsen und nach der Art der Handhabung «Faustbüchsen» oder «Fäusterling» genannt werden. Das Inventar von Landshut vom Jahre 1497 erwähnt schon einfache und zweifache Faustbüchsen.
Die vorliegende Waffe hat ein Gewicht von 2,85 kg, ist eine mehrläufige Handbüchse, welche dem Gewicht nach als Faustbüchse bezeichnet werden kann, da deren Handhabung auch aus freier Faust, mit einer Hand, möglich war.
Die Länge des Laufes beträgt 85 mm, das Kaliber 15 mm, die dazu gehörige Bleikugel hatte somit ein Gewicht von 0,018 kg. Kaliber und Geschossgewicht entsprechen den bei den kleinsten Handbüchsen üblichen Ausmaßen. Der Lauf ist für diese Zeit, in welcher die Faustbüchsen aufkommen und sich entwickeln, auffallend kurz; allein infolge der kleinen Schussentfernung benötigte man keine Führung des Geschosses und eine Verlängerung des Laufes ohne zwingende Notwendigkeit hätte nur das Gewicht der Waffe vergrößert und die eigentliche Kriegsbestimmung der Waffe wieder verschoben.
Das Verhältnis vom Kaliber zur Länge der Seele ist ähnlich dem bei den ersten Feuerwaffen; wurde nun die Seele, wie bei diesen, 3/5 der ganzen Länge mit Pulver gefüllt, so erhielt man einen Pulverzylinder von 50 mm Höhe und 15 mm Durchmesser, auf welchen die Bleikugel fest aufgesetzt wurde. Diese Pulverladung vermochte zweifeillos das Geschoss auf die angegebene kurze Entfernung mit der notwendigen Kraft abzuschießen, um einen Menschen oder ein Pferd empfindlich zu verletzen.
Die Entzündung musste, da eine Entzündungsvorrichtung fehlt, aus freier Hand mittels Lunte oder mittels eines brennenden Holzspans bewirkt werden.
Die vier Läufe werden durch drei Ringe zusammengehalten, welche ursprünglich sehr wahrscheinlich im glühenden Zustand aufgesetzt wurden; ein Verfahren, welches in ähnlicher Weise auch bei größeren Hand- und Hakenbüchsen üblich war.
Die Läufe endigen nach rückwärts gemeinsam in eine Tülle, welche im 15. Jahrhundert sehr häufig vorkommt; in diese Tülle wurde der stangenartige Schaft eingesteckt, das umgebogene Ende der Tülle lässt annehmen, dass der Schaft stärker und vorne zugespitzt war.
Die Handhabung kann man sich derart vorstellen, dass die Waffe mit einer Hand in gerader Richtung auf das Ziel gehalten und mit der anderen Hand entzündet wurde; sollte der zweite Schuss abgefeuert werden, so musste die Waffe so weit um die Längsachse gedreht werden, bis der nächste Lauf nach oben zu liegen kam. Man konnte daher mit dieser Feuerwaffe vier Schüsse nacheinander abgeben.
Die vorliegende Waffe zeigt in der ganzen Konstruktion nur bekannte und tatsächlich verwertete Prinzipien; dieselbe ist eine mehrläufige Faustbüchse, welche sich später zum Drehling und schließlich zum Revolver entwickelte, als ursprünglicher Versuch bleibt die Waffe in ihrer Einfachheit hochinteressant.
Die Zeit der Anfertigung dürfte mit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts annähernd richtig angegeben sein. Es muss schließlich bemerkt werden, dass Oberst M. Thierbach in seinem Werk «Die geschichtliche Entwicklung der Handfeuerwaffen», Dresden 1888, S. 438 und 439 wie folgt schreibt:
„Zuweilen kam es auch, besonders bei Pistolen, vor, dass drei, vier und mehr Läufe bündelartig zusammengefasst waren, so dass dem Schützen mehrere Schüsse hintereinander, je nach der Anzahl der Läufe, zu Gebote standen.“ Im Nationalmuseum zu München ist eine derartige Pistole erhalten.
Geschütz-Zubehörstück
Frage 5: Unter den im «corps de logis» des 1. Stockwerks im herzoglichen Residenzschloss zu Gotha aufgestellten und als Wandschmuck aufgehängten alten Waffen, Feldzeichen und Ausrüstungsstücken finden sich zwei von breiten, weißgekalkten Lederbandolieren getragene, zylindrische Messingblechbüchsen, deren ursprüngliche Bestimmung zweifelhaft ist. Das «Inventar» des Schlossverwalters bezeichnete sie — jedenfalls irrtümlich — als Proviantbüchsen. Eine Anzahl (angeblich 20—30) gleichartiger, weniger gut erhaltener Stücke ist bei Räumung des sogenannten Zeughauses im Gothaer Schloss der Waffensammlung auf der Wachsenburg überwiesen worden.
Untenstehende Skizze veranschaulicht ein solches, innen durch Metallwand in zwei ungleiche Abteilungen geschiedenes Gefäß mit Tragriemen in Vorder- und Seitenansicht und den zweiteiligen, in gemeinsamem Scharnier beweglichen Messingdeckel von oben gesehen. Die Büchse misst vom Deckel zum Boden 37,5 cm, im Durchmesser 7,5 cm; das Bandolier ist bis etwa 1,30 m Traglänge (vom Aufhängpunkt bis zum Büchsenboden gemessen) zu verschnallen. Zum Ausschütten des Inhalts im vorderen, kleineren Hohlraum dient eine durch entsprechende Umkröpfung am Deckel geschützte Kannenschnauze. Die Zylinder-Außenfläche zeigt vier zur Tragriemenbefestigung bestimmte Metallösen und das in dieser Ausführung wohl spätestens 1750 gestanzte herzoglich sächsische Wappen. An dem mittels breiter Gurtschnalle nach der Größe des Trägers zu bemessenden Bandolier sind außen zwei Schlaufen und zugehörige Schlaufenschuhe festgestochen. Den Gebrauch der von Schlaufen und Schuhen gehaltenen, augenscheinlich stabartig gewesenen (fehlenden) Zubehörstücke gestattet ein zu ihrer Befestigung bestimmter, im Bandolier innen angestochener, schmaler Riemen. Die Anstichstelle war außen durch eine (verlorene) Metallplatte verdeckt.
Ich halte die Büchsen für Geschütz-Zubehörstücke und finde die Bestätigung dieser Annahme in Materialbestandlisten des ehemaligen Zeughauses im herzogl. Geheimen Haus und Staatsarchive zu Gotha. In diesen zu verschiedenen Zeiten aufgenommenen und nachgetragenen «Inventarien» sind « Brändchenbüchsen », später «Lichterflaschen» in größerer Zahl gebucht, die offenbar artilleristischen Zwecken dienten und meines Erachtens mit den geschilderten Büchsen identisch sind. Der Vorderraum mit Schnauze dürfte zur Aufnahme und zum Aufschütten des Zündpulvers («Krauts») auf die Zündpfanne, der Hinterraum zum handlichen Mitführen der in etwa 38 cm Länge gebräuchlich gewesenen, mit zähbrennendem Satz ausgeschlagenen Zündlicht bestimmt gewesen sein. Am schwachen Riemen und in den Bandolierösen etc. mag der metallene Zündlochräumer (die «Raumnadel»), vielleicht auch eine die Hand des Kanoniers vor Verbrennen schützende «Lichterzange» getragen worden sein.
Die fürstlichen «Konstabler», deren für die artilleristischen Anschauungen ihrer Zeit überaus bezeichnende Instruktionen das Gothaer Archiv uns gleichfalls erhalten hat, wurden häufig zur Kunst- und Lustfeuerwerkerei herangezogen. Auch hierbei können sie sich der Lichterflaschen bedient haben. Die verhältnismäßig große Zahl und äußere Form der Büchsen spricht aber für deren in erster Linie militärische Bestimmung.
Gleiche oder ähnliche Ausrüstungsstücke sind, nach den bisher angestellten Ermittlungen, weder in den Berliner, noch Dresdener königlichen Sammlungen enthalten. Umso wertvoller erscheint mir die entgültige Beantwortung der aufgeworfenen Frage.
Antwort auf Frage 5: Die Ansicht des Herrn Fragestellers, dass es sich hier um ein artilleristisches Zubehörstück handelt, dürfte zutreffend sein. Mit Rücksicht auf die ganze Anordnung, des breiten, bandolierartigen Riemens, der um die Büchse vollständig herumgreift, ferner im Hinblick auf das als Zierrat hervortretende Wappen, kann man das Stück als Bestandteil der Uniform und Ausrüstung eines Kanoniers bezeichnen. Zugleich zeigt der weit übergreifende Deckel, dass der Inhalt nicht nur bei der augenblicklichen Verwendung des Gerätes, sondern dauernd vor Feuchtigkeit geschützt werden sollte. Die Schlaufen und Schlaufenschuhe fügen sich als Aufbewahrungsstellen für die Kartuschnadel und den Zündlochauftreiber dieser Erklärung zwanglos ein, der dünne Riemen kann sehr gut zur Befestigung der häufiger gebrauchten dieser beiden Nadeln gedient haben.
Was nun den vermuteten Inhalt der Büchse anlangt, so weist die an der vorderen Abteilung angebrachte Kannenschnauze mit Bestimmtheit auf eine flüssige oder staubförmige Substanz hin, die in dünnem Strahl auf einen bestimmten Punkt geschüttet werden sollte, und es liegt nahe, hier an das Aufschütten des Pulvers auf die Zündpfanne eines Geschützes zu denken. Gerade zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen besonders an schweren Geschützen die langgestreckten Zündpfannen auf, bei welchen die eigentliche, das Zündloch umgebende Pfanne durch eine Rinne mit einer zweiten verbunden war, in der wahrscheinlich die Zündung erfolgte. Man kann wohl annehmen, dass das «Zündkraut» in solchem Fall aus langsamer brennendem Satz bestand, so dass der abfeuernde Kanonier Zeit hatte, beiseite zu springen, bevor der Schuss losging.
Zum Füllen dieser Pfanne eignete sich die Kannenschnauze sehr gut, weniger dagegen zum Einräumen des Pulvers in das Zündloch, auch dürfte die Trageweise der Büchse an einem breiten Riemen mit nach seitwärts zeigender Schnauze dem Verwendungszweck wenig dienlich gewesen sein. Eine Zündkrautbüchse in dieser Gestalt ist jedenfalls ungewöhnlich, die gewöhnliche Form ist die einer kleinen Flasche oder Büchse mit Ausflussröhrchen, an einem dünnen Riemen zu tragen. Setzt man für den vorderen Teil der Büchse einen staubförmigen Inhalt voraus, so muss die hintere Hälfte mit Notwendigkeit zur Aufnahme stabförmiger Gebilde von der Länge der Büchse gedient haben, die sich ohne Kippen der letzteren herausholen ließen, da sonst der Inhalt der anderen Abteilung trotz des Deckels verschüttet worden wäre.
Dass dies ein «Zündlicht» gewesen ist, ist nicht unwahrscheinlich, indessen ist die Verwendung derselben bei der Geschützbedienung in jener Zeit (erste Hälfte des 18. Jahrhunderts) noch nicht verbürgt. Bei der preußischen Artillerie waren Zündlichte noch um 1860 im Gebrauch und dienten, namentlich bei Regenwetter, an Stelle der Lunte zur Erreichung einer sicheren und raschen Entzündung von Geschützen, sowie von Feuerwerkskörpern. Nach «Oelze, Lehrbuch der Artillerie» (1856) waren es 15 Zoll lange, 0,6 Zoll starke, mit besonders langsam brennendem Satz vollgeschlagene Papierhülsen, sie mussten mit 2—3 Zoll langer Flamme 12 bis 13 Minuten brennen und durften durch Schnee und Regen nicht verlöscht werden. Nur bei sehr schnellem Feuer brauchte man bei jedem Geschütz ein brennendes Licht, sonst konnten mit einem Licht vier Geschütze nacheinander abgefeuert werden. Das Zündlicht steckte dabei in einer Klemme, die aus einem aufgeschlitzten Rohr mit Schiebering bestand und an einem Stock befestigt war. Dass eine solche Klemme in den Schlaufen des Bandoliers getragen wurde, ist kaum anzunehmen. Unter dem äußerst zahlreichen Geschützzubehör, welches Oelze aufführt, befindet sich kein Behältnis für Zündlichte, dieselben wurden also jedenfalls finden immerhin nicht häufigen Fall der Benutzung in der Protze mitgeführt.
Es muss daher auffallen, dass in früherer Zeit eine als ständiges Ausrüstungsstück dienende Zündlichterbüchse mitgeführt worden sein soll. Denkbar ist auch der Fall, dass die hintere Abteilung der Büchse zur Aufbewahrung der Lunte diente, dieselbe hätte sich mit Hilfe der Kartuschnadel noch immer leicht genug herausheben lassen, ohne die Büchse zu kippen. Ob dieses der Fall gewesen ist, könnte eine weitere Untersuchung der Büchse lehren. Die tiefen engen Hohlräume derselben lassen sich offenbar nur sehr schwer und unvollkommen reinigen, der einstige Inhalt derselben hat also wahrscheinlich dauernde Spuren darin zurückgelassen. War der vordere Teil der Büchse tatsächlich für Pulver bestimmt, so müssen die Wandungen desselben mit schwarzem Schwefelkupfer bedeckt sein, das durch die Anwesenheit des im Messing enthaltenen Zinks einen Stich ins Grüne erhält. Kupfer pflegt nämlich in Berührung mit Schwarzpulver keinen Grünspan, sondern Schwefelkupfer zu bilden, alte, in Pulverfabriken und Laboratorien viele Jahre gebrauchte Gefäße und Trichter aus Kupfer oder Messing besitzen eine prachtvolle schwarzbraune bzw. dunkelgrüne Patina von Schwefelkupfer.
Hat dagegen die andere Hälfte der Büchse zur Mitführung der Lunte gedient, so muss sich in derselben notwendig Grünspan gebildet haben, da die Lunte seit alter Zeit aus einem mit Bleizucker (essigsaurem Bleioxyd) getränkten Hanfstrick bestand und das Kupfer in Berührung mit derselben sich allmählich zu essigsaurem Kupfer (Grünspan) umwandelt. Wenn auch viele Punkte für die Annahme sprechen, dass diese Büchse eine Zündkraut- und Lichterflasche gewesen, so machen doch die erwähnten Bedenken allgemeinerer Natur eine weitere Aufklärung recht wünschenswert. P. R.
Nachwort. Den in der Antwort gegebenen dankenswerten Anregungen folgend, habe ich die mir zugänglichen beiden Büchsen nochmals besichtigt und den aus den vorderen Hohlräumen geschütteten Staub chemisch untersuchen lassen. Das Gutachten des Herrn Dr. Sänger (Vorstand des chemischen Laboratoriums in Gotha) bestätigt die Annahme in Frage und Antwort.
Es lautet: «Die mir übergebene Probe Staub aus einem Ausrüstungsstück habe ich untersucht und bei der Prüfung eine schwache, aber deutliche Reaktion auf Schwefel erhalten.» — In der besterhaltenen beider Büchsen ist der hintere Hohlraum (wohl zur sicheren Lagerung der Zündlichte oder Lunte, um Reibung an der Metallwand und Eindringen von Pulverstaub aus dem Nebenraume zu verhüten) mit weißgarem Leder ausgeschlagen. — Jedenfalls infolge häufiger Reinigungen seit dem Gebrauch ist eine «Patina» im vorderen Raum nicht wahrzunehmen. Die Grünspanbildung im Hinterraum wurde durch den Lederausschlag ausgeschlossen. — Wenn nach all dem Angeführten die in der Frage ausgesprochene Annahme an Wahrscheinlichkeit gewinnt, bleiben gefällige Äußerungen von berufener Seite zu erbitten.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 7. Dresden, 1900-1902.
