
Ob die Engländer jetzt nicht mit einem unbehaglichen Gefühl der Spottbilder gedenken, die im Jahre 1804 erschienen, als Napoleon I. England mit allen Mitteln zu bekämpfen suchte? Damals schlug
jemand vor, eine französische Armee auf riesigen Luftballonen über den Kanal nach England zu senden. Napoleon wies den Plan als unausführbar ab.
Er trachtete damals eine Flotte von 2000 Fahrzeugen zusammenzubringen. Im Juni 1805 war alles zur Landung bereit. Gegen 132000 Mann, 15000 Pferde und 450 Geschütze konnten in zwei Stunden
eingeschifft werden und sollten zehn Stunden später auf englischem Boden stehen. Nur der englischen Kriegsflotte konnte Napoleon mit seinen Fahrzeugen nicht Herr werden. Eine beabsichtigte
Täuschung der Engländer war zwar gelungen, doch eines ihrer schnellen Schiffe konnte die Heimatsflotte noch rechtzeitig warnen. Der französische Admiral verzagt, und Napoleons genialer Plan, der
die Welt von der drückenden Willkür Englands befreien sollte, hatte so die geeignete Zeit der Verwirklichung verpasst.
Von wem der Plan, England im Luftballon zu erreichen ehemals ausging, ist nicht bekannt geworden. Selbstverständlich war das Vorhaben für die damalige Zeit gänzlich undurchführbar.
Ein wohl satirisches Blatt zeigt links den Hafen von Boulogne, rechts — reichlich nahe — die englische Küste. Der Zeichner benutzte als Vorlage ein Blatt, das im Jahre 1785 veröffentlicht worden
war, als zwei Franzosen eine, allerdings mißlungene, Fahrt im Luftballon über den Kanal angetreten hatten.
In großen Warmluftballonen sind die napoleonischen Heere verladen. Wir sehen Soldaten, Pferde, Fahnen, Kanonen und Fahrzeuge in den Riesengondeln. Unter einem jeden Luftballon hängt eine große
Öllampe, deren Flamme durch einen Glaszylinder geschützt ist. Diese Lampe hat den Zweck, die sich an den Ballonwandungen allmählich abkühlende Luft während der Fahrt wieder aufzuwärmen.
Außer diesem satirischen Blatt muss in Frankreich damals eine Serie mit Projekten zur Eroberung Englands erschienen sein; denn unser großes Bild ist als zweites Blatt „Verschiedener Projekte zum
Abziehen nach England“ bezeichnet. Links haben wir wieder die französische, rechts die englische Küste. Der Tunnel unter dem Kanal, von dem vor zwei Jahren wieder so viel die Rede war, ist fertig
und niemand denkt daran, den Franzosen ihren Durchzug mit Roß und Geschütz zu hindern!
An der französischen Küste ist es lebendig. Wir sehen große Zeltlager und den Aufstieg von truppenbesetzten Luftballonen. Optische Telegraphen auf dem Berg und an der Küste sprechen mit der
übersetzenden Flotte. In den vordersten Schiffen erkennen wir Geschütze, die die englische Küste beschießen. Man hat die einfachsten und billigsten Transportschiffe gewählt, während die Engländer
ihre hochmastige Flotte zur Verteidigung gegen den Angriff zur See längs ihrer Küste aufgestellt haben.
Sobald die französischen Lufballone in den Bereich der englischen Küste kommen, werden sie heftig beschossen. Die Scharfschützen baumeln an den Schwänzen riesiger Luftdrachen, deren Halteseile
vom englischen Festland aus dirigiert werden. Aber dennoch nähern sich die französischen Kriegsballone immer mehr der Küste, und der erste Ballon, der sich über den englischen Schiffen befindet,
wirft schon eine mächtige Brandbombe aus seiner Gondel herab....
Englands Sonderstellung muß gebrochen werden. So war es damals, so ist es heute; denn
Seine Handelsflotten streckt der Brite
Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen wie sein eigen Haus!
(Schiller).
Quelle: F. M. Feldhaus, Modernste Kriegswaffen – alte Erfindungen. Leipzig, 1915.
