
In dem herrlichen, urdeutschen Schauspiel von Goethe „Götz von Berlichingen“ ist eine der schönsten Szenen die, da Bruder Martin — unter dem Goethe sich den jungen Luther vorstellt — den Ritter erkennt.
Am Abend trifft Bruder Martin den Ritter vor einer Herberge; wie gern möchte er diesem Ritter gleichen, der so mannhaft spricht! Wenigstens seinen Namen möchte er wissen, aber Götz darf sich nicht zu erkennen geben, und er reicht dem frommen Bruder die Linke zum Abschied.
„Bin ich die ritterliche Rechte nicht wert?“
„Und wenn ihr der Kaiser wärt, Ihr müßtet mit dieser vorlieb nehmen. Meine Rechte, obgleich im Kriege nicht unbrauchbar, ist gegen den Druck der Liebe unempfindlich: sie ist eins mit ihrem Handschuh; Ihr seht, er ist von Eisen.“
„So seid ihr Götz von Berlichingen! Ich danke dir, Gott, daß du mich hast ihn sehen lassen, diesen Mann, den die Fürsten hassen, und zu dem die Bedrängten sich wenden! (er nimmt die rechte Hand). Laßt mir diese Hand, laßt mich sie küßen!........ Laßt mich! Du, mehr wert als Reliquienhand, durch die das heiligste Blut geflossen ist, totes Werkzeug, belebt durch des edelsten Geistes Vertrauen auf Gott..... Es war ein Mensch bei uns vor Jahr und Tag, der Euch besuchte, wie sie Euch abgeschossen ward vor Landshut. Wie er uns erzählte, was ihr littet, und wie sehr es Euch schmerzte, zu Eurem Beruf verstümmelt zu sein, und wie Euch einfiel, von einem gehört zu haben, der auch nur eine Hand hatte, und als tapferer Reitersmann doch noch lange diente — ich werde das nicht vergessen.“.......
Berlichingen hatte seine rechte Hand im Jahre 1504 vor Landshut durch einen Schuß aus einem Nürnbergischen Geschütz dadurch verloren, daß die Kugel den Schwertgriff entzweischlug, und ihm die Hälfte davon zwischen Hand und Arm eindrang. Viele Monate lag der Ritter in Landshut, gequält von dem Gedanken, daß er nun zum Kriegshandwerk dauernd untauglich sei. Da erinnerte er sich, von seinem Vater gehört zu haben, daß ein Kriegsknecht, namens Köchle, eine künstliche Hand getragen habe.
Vom Dorfschmied, der nahe der Burg des Ritters wohnte, ließ er sich eine Eisenhand anfertigen, die sich noch heute im Besitz seiner Familie befindet. Sie ist roh gearbeitet. Die vier Finger sind nur gemeinsam in ihrer gekrümmten Stellung nach innen hin beweglich, und während man sie bewegt, nähert sich ihnen der gekrümmte Daumen. So konnte Götz zwischen Daumen und Finger die Schwertscheide, die Zügel, oder sonst etwas einklemmen. Drückt man auf einen Knopf oben auf dem Handrücken, dann springen Finger und Daumen wieder auseinander. In späteren Jahren ließ Götz sich eine sorgfältig gearbeitete Eisenhand anfertigen, die gleichfalls noch erhalten ist. An ihr ist jedes einzelne Fingerglied verstellbar, und drei verschiedene Druckknöpfe lassen das Handgelenk, die Gelenke des Daumen und die Gelenke sämtlicher Finger wieder in Streckstellung springen.
Sind die Eisenhände des Götz die bekanntesten, die ältesten sind sie bei weitem nicht.
Bereits der Urgroßvater des berüchtigten römischen Staatsmannes Catilina, der im zweiten punischen Krieg um 210 vor Christus die rechte Hand verloren hatte, ließ sich dafür eine eiserne anfertigen.
Die älteste wohlerhaltene Eisenhand habe ich hier abgebildet. Man fand sie im Jahre 1836 beim Brückenbau in Alt-Ruppin. Sie mag 50 bis 100 Jahre älter sein, als die Eisenhände des Götz.
In späteren Jahrhunderten wurden künstliche Hände für Kriegsbeschädigte häufig angefertigt. Auch mehrere fürstliche Personen, die im Kriege eine Hand verloren hatten, ließen sich mechanische Eisenhände anfertigen.
Als der berühmte österreichische Waffenschmied Girardoni im Jahre 1779 bei der Probe eines von ihm konstruierten Magazingewehres die Linke verloren hatte, fertigte er sich selbst eine so künstliche Eisenhand, mit der er an der Werkbank arbeiten konnte. Diese unglückliche Explosion veranlaßte ihn aber auch, das gefährliche Pulvermagazin aufzugeben, und ein Luftmagazin anzuwenden. So wurde er, wie wir noch hören werden, zum Erfinder der Kriegs-Windbüchse.
Quelle: F. M. Feldhaus, Modernste Kriegswaffen – alte Erfindungen. Leipzig, 1915.
