Die rätisch-etruskischen Gräber bei Stadlhof nächst Kaltern in Tirol

Fig. 1. Landkarte mit eingezeichneter Grabstelle.
Fig. 1. Landkarte mit eingezeichneter Grabstelle.

Zur Aufhellung der noch ungelösten und für die vaterländische Altertumskunde höchst wichtigen Frage über den Ursprung und das Vaterland der in allen österreichischen Ländern, gleich wie in ganz Mitteleuropa so zahlreich vorfindigen Altertümer des Bronzealters erscheint es besonders notwendig, die Mittelglieder zwischen den südlichen Kulturvölkern und den Bewohnern des Nordens aufzufinden und die Denkmale jener Stämme kennenzulernen, die hier verbindend eintreten. Hierzu sind die südlichen Abhänge der Alpen, wo einerseits direktere Berührungen mit den italischen Völkern stattfanden, andererseits Stammverwandtschaften mit diesen leichter zu ermitteln und nachzuweisen sind, vorzugsweise berufen.

In der Tat haben Untersteiermark, Kärnten und Südtirol eine Reihe von Denkmalen geliefert, welche nicht nur durch den eigentümlichen Charakter der Arbeit, sondern durch darauf befindliche Schrift eine nähere Beziehung mit den Etruskern bekunden. Dahin gehören die zwanzig bei Negau in Steiermark gefundenen Bronzehelme¹, die 1828 in Val di Cembra bei Trient gefundene Situla², die Altertümer von Schloss Sonnenburg, eine bei Calliano gefundene, im Ferdinandeum zu Innsbruck befindliche Fibula und die Kriegerstatuette von St. Zeno im Val di Non³.

Gegen Norden schließen sich hieran die rein etruskischen Funde von Matrai⁴, gegen Süden die zahlreichen euganeischen Schriftdenkmale Oberitaliens⁵, sodass die Kette ziemlich vollständig erscheint. Es ist ein sehr beachtenswerter Umstand, dass alle diese Inschriften zwar mit dem etruskischen Alphabet verwandt und von gleicher Wurzel sind, aber nicht rein etruskisch, sondern in vielen wesentlichen Punkten abweichend, sodass sie sich als eigene Spezialpaläographie und besondere Dialekte darstellen. Sie gehören einem Alphabet an, welches durch die Apenninen von den mittelitalischen geschieden erscheint und wahrscheinlich nicht von den Cisalpinern zu den nördlicheren Stämmen kam.

Obwohl die Annahme nahe liegt, dass die mit solchen, den Bewohnern der südlichen Alpenländer eigentümlichen Charakteren versehenen Objekte auch von diesen gefertigt wurden, so gestatten doch einzelne, leicht transportable Gegenstände keinen sicheren Schluss, und es bleibt, da die Inschriften nicht mitgegossen sind, noch immer die Möglichkeit, dass auf die anderwärts gefertigten Gegenstände später die Inschriften eingegraben wurden oder dass selbst diese einer anderen Gegend, als wo sie gefunden werden, angehören. Es ist daher der Fund von Inschriften und Altertümern, welche mit den ehemaligen Einwohnern in direkter Verbindung stehen und allen Umständen nach nur von ihrer Hand herrühren können, von besonderem Interesse; dies sind besonders größere Steininschriften und Gräber.

Fig. 2. Graburne unter einer Steinplatte.
Fig. 2. Graburne unter einer Steinplatte.

Ein in dieser Beziehung sehr wichtiger Fund sind die Urnengräber bei Kaltern in Südtirol². Am rechten Ufer der Etsch, ungefähr eine Meile südlich von Bozen, zieht sich an der östlichen Abdachung des Mittelberges, an dessen Westseite Kaltern mit seinem schönen, tiefblauen See liegt, das sumpfige Tal von Pfatten (Vadena) hin (Fig. 1); zwischen zwei mächtigen Felshügeln, auf denen die alte Leuchtenburg und die Ruine Laimburg thronen, liegt am Fuße der Porphyrwände des letzteren der Hof Stadler, ein Besitztum der Gräfin Therese Thun von Castel-Brugliero.

Eine kleine Strecke, etwa 300 Klafter von demselben gegen Nordosten am Fuße des Mittelberges, an dessen Abfällen gegen die Etsch hin, fiel schon vor längerer Zeit beim Ackern die schwarze, mit Kohlen und Scherben vermengte Erde auf, in welcher hie und da Bruchstücke von Eisen, Bronze usw. vorkamen. Dies erregte die Aufmerksamkeit der Landleute, die, wie gewöhnlich, edlere Metalle oder wohl gar einen verborgenen Schatz vermuteten und anfingen nachzugraben, wobei sie ganze Aschenkrüge, mit Erde und calzinierten Gebeinen gefüllt, fanden, in und neben den Urnen allerlei Geräte und Schmucksachen.

Die Fundstelle ist ganz im Niveau der Talssohle, wo auch Spuren von einer gepflasterten Straße zum Vorschein kamen. Die Hoffnungen der Finder waren bald enttäuscht, da ihnen nichts von Gold und Silber aufstieß. Das Grundstück ist Eigentum der Gebrüder Waldthaler zu Kreit bei Kaltern; diese gaben den Besitzern des Stadlhofes gerne die Erlaubnis zu weiteren Nachgrabungen, die auch ganz interessante Resultate ergaben.

 

An dem erwähnten Platze erhebt sich ein kleiner Hügel von ungefähr 60 Fuß (≈ 18,3 m) Durchmesser an der Basis und einer mittleren Höhe von 24 Fuß (≈ 7,3 m); dieser wurde durchgraben, wobei sich herausstellte, dass derselbe in seinem unteren Teile aus roter Erde besteht, überdeckt mit einer durchschnittlich 2 Fuß (≈ 61 cm) mächtigen Schichte schwärzlicher Erde, welche eine Menge von Graburnen und Gefäßen enthielt; diese Lage war mit natürlicher Erde und Steingerölle bedeckt und mit Gebüsch überwachsen.

 

Die Gräber sind von ganz einfacher Anlage. Die Aschenurne nebst einigen anderen Gefäßen wurde in eine zu diesem Zwecke gemachte Vertiefung eingesenkt und mit einer Porphyrplatte, welche die nahen Felsen lieferten, bedeckt, darüber dann Erde geworfen. Bisweilen stellte man die Urnen, um sie vor dem Druck der Steinplatte zu bewahren, zwischen zwei Blöcke, welche die Deckplatte tragen (Fig. 2). Ein einziges Grab gegen die Mitte des Hügels zeigte eine bessere Konstruktion; drei Aschenurnen von verschiedener Form und Größe nebst einem Kruge erwiesen sich mit schwarzer Erde in Form eines runden Hügels überdeckt, der gewölbartig mit unregelmäßigen Bruchsteinen, ohne Anwendung von Mörtel, belegt war (als Gewölbe freischwebend würde der Bau nicht gehalten haben), sodass das Ganze die Gestalt einer kleinen Kuppel oder eines Feldbackofens erhielt, an der Basis 4 Fuß (≈ 122 cm) im Durchmesser, 2,5 Fuß (≈ 76 cm) hoch, mit einer Mündung gegen Osten (Fig. 3). Es scheint dies ein Familiengrab gewesen zu sein.

 

Die gegen die Basis des Hügels zu gelegenen Gräber waren besser erhalten als die höheren, deren Urnen durch darüber liegende Steinmassen häufig zerdrückt worden waren. Es mögen viele Gräber der beschriebenen Art auf dem Hügel gewesen sein, der nur zur Hälfte durchsucht wurde; vermutlich wäre auch unter der gegenwärtigen, im Lauf der Zeit offenbar höher gewordenen Talsohle noch manches zu finden.

Fig. 3. Grabfeld mit mehreren Urnen und beiliegenden Bronzefunden.
Fig. 3. Grabfeld mit mehreren Urnen und beiliegenden Bronzefunden.

Mitten auf dem höchsten Punkt des Hügels fand sich ein großer Steinblock von mehr als zwei Kubikklaftern, oben wohl zu behauen; unter demselben standen keine Urnen, wohl aber lagen viele Scherben von Krügen, kleine Messer, Toncylinder usw. herum; es ist nicht unwahrscheinlich, dass es ein Opferaltar war.

 

In jedem Grabe befanden sich gewöhnlich mehrere Gefäße beisammen: eine große Urne mit Ornamenten, eine zweite einfachere, daneben Wasserkrüge und kleinere Töpfe. Die Gefäße bestehen aus gut, meist rot, gebranntem Ton; seltener sind schwarze, unverzierte von bedeutender Größe, noch seltener grauliche, mit grobem weißem Sand gemischte, die sehr hart sind; sie scheinen auf der Scheibe gedreht zu sein. Die Krüge haben durch Einbiegen hervorgebrachte Ausgussschnäbel; die Anordnung und Stellung der Henkel ist sehr verschieden, indem manche einen, andere zwei aufstehende, seltener horizontale eigentliche Henkel besitzen, andere nur kleine Öhre zum Durchziehen einer Schnur oder eines Drahtes. Überhaupt herrscht eine so große Mannigfaltigkeit in Form, Größe und Verzierung, dass unter der großen Anzahl von Gefäßen nicht zwei völlig gleiche vorkamen.

 

Die Aschenurnen haben in der Regel keine Henkel; die Mündung derselben ist mit einem Deckel, noch häufiger aber mit einem schalenförmigen kleineren Gefäße (der Opferschale?) überdeckt, welches darüber gestürzt wurde (Fig. 2, 3); die Krüge sind deckellos. Die Größe der ersteren beträgt 6–18 Zoll (≈ 15–46 cm) bei 3–9 Zoll (≈ 8–23 cm) Durchmesser. Die Verzierungen bestehen in eingegrabenen meist geraden Strichen und Punktreihen; vorherrschend erscheinen Zickzackbänder, die sowohl um Mündung und Ausbauchung horizontal herumlaufen, als in regelmäßigen Zwischenräumen der Länge nach herabgeführt sind. Die Deckel stellen sich bisweilen als recht zierlich gerippte Näpfchen dar.

 

Die größeren Urnen enthalten Knochen, jedoch nur die schöneren, mit Ornamenten versehenen menschliche Überreste, bei denen sich auch der Schmuck des Verstorbenen, in Nadeln, Fibeln, Kettchen, Armringen und dgl. bestehend, befindet, während in den großen unverzierten Gefäßen Pferdezäume, Riemenbeschläge usw. vorgefunden wurden. Die Beigaben liegen teils in den Aschenkrügen, teils, besonders die größeren, neben denselben; es sind meist einfache Geräte und Schmuckgegenstände aus Bronze, Eisen und Bein.

 

Die wichtigsten sind folgende:

 

a) Von Bronze:
Halbmondförmige Messer (Fig. 4), die Klingen 3,5 Zoll (≈ 8,9 cm) lang, 1,75 Zoll (≈ 4,4 cm) breit, mit stark konvexer Schneide, sind sehr flach, gegen den Rücken bisweilen mit Strichelchen im Zickzack verziert; der nur 0,5 Zoll (≈ 1,3 cm) lange Griff mit einem Ringe am Ende ist zum Ergreifen mit der vollen Hand viel zu kurz; das nur zum Schaben geeignete Instrument musste daher auf eine besondere Weise gehandhabt werden. Ganz ähnliche wurden in einem etruskischen Grabe bei Bologna gefunden.

 

Der Gebrauch dieser Werkzeuge ist unbekannt; man hält sie für Rasiermesser, der novacula der Römer ähnlich, die als ferrum lunatum bezeichnet wird. Die Sitte des Bartscherens bestand nicht nur bei den Römern von 290 v. Chr. bis auf Hadrian, sondern seit sehr früher Zeit auch bei den Etruskern und den gallischen Völkern, von denen sich einige nach Diodors (V, 18) und Cäsars (B. G. V, 14) Zeugnis den Bart ganz, andere nur teilweise schoren. In den Gräbern beim Stadlhofe kamen nur einige vor, neben oder oberhalb der Urnen liegend, in Begleitung einer gebogenen, in Windungen gefeilen Spitze von 5 Zoll (≈ 12,7 cm) Länge, die am oberen Ende ebenfalls einen Ring oder eine Schneckenwindung hat (Fig. 5), sodass beide Instrumente zusammenzugehören scheinen.

 

Fibeln, teils schlangenförmig, teils mit einem langen Bogen zur Aufnahme der Gewandfalte, der einerseits in eine querstangenartige Spirale übergeht, die in den Dorn endet, andererseits in die Nut zum Einlegen desselben (Fig. 6). Sie sind glatt oder mit Ringen verziert; auf dem Bügel finden sich bisweilen eingravierte Buchstaben: VI (U I), XI (T P), MI (S I); ihre Länge beträgt 2–4 Zoll (≈ 5–10 cm). Andere ahmen Tiergestalten nach, Pferde, Schlangen usw. in roher Zeichnung, oder sie sind mit Knöpfchen von weißer und schwarzer Pasta verziert. Sie kommen in den Urnen vor.

Fig. 4. Halbmondförmiges Messer.
Fig. 4. Halbmondförmiges Messer.
Fig. 5. Instrument mit Schneckenwindung.
Fig. 5. Instrument mit Schneckenwindung.
Fig. 6. Fibel.
Fig. 6. Fibel.
Fig. 7. Haarnadel aus Bronze.
Fig. 7. Haarnadel aus Bronze.
Fig. 8. Haarnadel mit Kreuzsymbol.
Fig. 8. Haarnadel mit Kreuzsymbol.

Haarnadeln sind sehr häufig, von 4–6 Zoll (≈ 10,2–15,2 cm) Länge, mit verschiedenartig geformten Köpfen, meist kugeligen, die runde Vertiefungen haben, welche mit Bein ausgelegt sind (Fig. 7), oder sie bestehen aus Bein, mit Bronzeblech überzogen. Von größeren Nadeln ist es zweifelhaft, ob sie zur Zierde des Hauptes oder zum Zusammenhalten des Gewandes auf der Brust dienten; sie haben eine oder zwei Scheiben nebeneinander als Kopf, die mit Kreisen, Strichen und Punkten in eingravierter Arbeit verziert sind oder einen Ring bilden, der ein Kreuz enthält (Fig. 8). Jedenfalls als Brustschmuck zu betrachten sind die oft komplizierten Kettengehänge, die gewöhnlich mitten in den Urnen oder unmittelbar über ihnen liegen und Agraffen gebildet zu haben scheinen.

An zwei durch einen Bügel verbundenen brillenförmigen Spiralscheiben sind vielfach verschlungene, oft sehr fein gearbeitete Bronzekettchen angebracht; sie befinden sich in runden oder ovalen Blechbüchsen von 3–4 Zoll (≈ 7,6–10,2 cm) Durchmesser und 0,5 Zoll (≈ 1,3 cm) Höhe, deren Deckel und Randreifen die gewöhnliche Ornamentik von Kreisen, kleinen erhobenen Buckeln und Strichen zeigen. Am Bügel der Spiraldisken ist ein Haken zum Anheften des Zierstückes an das Gewand angebracht³.

Die Vorliebe der Völker, welche sich bronzener Werkzeuge und Schmucksachen von den beschriebenen Formen bedienten, für allerlei Anhängsel und Flitter ist bekannt; zahlreiche Funde legen dafür Zeugenschaft ab, am auffallendsten die von Hallstatt in Oberösterreich, die ein wahres Sortiment der mannigfaltigsten Zierstücke dieser Art ergaben.

So finden wir auch in den Urnen bei Stadlhof kleine Klapperbleche und schellenähnliche Kapseln mit Öhren und Ringeln zum Umhängen, pincettenartige, in breite Lappen übergehende, mit Stricheln und kleinen Buckeln verzierte. Sie wurden bisweilen, wie es scheint, an ein waagbalkenartiges, in der Mitte eiförmiges, durchbrochenes Querstück befestigt. Auch Ringe mit kleinen Kreuzchen (Fig. 9) kommen vor.

Kreuzring.
Fig. 9. Ring mit Kreuz.

Die Armringe, für den Ober- und Unterarm (vielleicht auch Fußringe), in den Urnen aufbewahrt, sind teils bandartig, nicht ganz geschlossen, mit schrägen Streifen von parallelen Linien verziert, teils in Form eines einfachen Reifes, mit eingravierten Strichelchen in zwei Reihen, oder zylindrisch, etwas mehr als einmal herumgehend. Sehr häufig sind Spiralringe von 3–5 Windungen, 1/8–3 Zoll (≈ 0,32–7,6 cm) im Durchmesser; sie dürften je nach der Größe in verschiedener Weise als Finger-, Armringe, vielleicht auch zum Schmuck des Haares verwendet worden sein.

Noch sind unter den Bronzegegenständen zu erwähnen oft vorkommende Röhrchen von 2–2,25 Zoll (≈ 5,1–5,7 cm) Länge, 3–4 Linien (≈ 0,64–0,85 cm) Durchmesser, an den Enden verziert, von rätselhafter Bestimmung, ebenfalls in den Urnen befindlich. Ferner verschiedene Beschlagbleche mit Nietlöchern; eines besteht aus einer Hülse von 3/4 Zoll (≈ 1,9 cm) Durchmesser mit zwei länglichen Seitenlöchern, an deren oberem Ende rechtwinklig dagegen eine zweite, etwas sich verengende Tülle angebracht ist, wie für zwei im rechten Winkel gegeneinander gestellte Stangen.

Von Pferdezäumen wurden zwei Trensen gefunden (Fig. 10) mit Riemenstangen und angegossenen Ringen zum Durchziehen der Zügel; einige radförmige Ringe mit Schlupfen für Riemen (Fig. 11) gehörten zum Zaumzeug. Die Bronze ist teils schön gelb, teils aber auch auffallend rot, und es sind sonach zweierlei Mischungen zu unterscheiden.

b) Von Eisen
Messer, einschneidig, die Klingen 3–11 Zoll (≈ 7,6–28 cm) lang, 0,25–1 Zoll (≈ 0,64–2,54 cm) breit, haben einen eingebogenen Rücken und eine gegen die Spitze konvexe, unten eingezogene Schneide, die somit eine angenehme Schweifung erhält; eine nach unten sich verjüngende Angel diente zur Befestigung des Instrumentes in einem Heft. Die Sägen, nach Art unserer Fuchsschwänze, sind gerade, mit breiterem Rücken, gezähnter Schneide, gegen das Ende schmäler, ebenfalls mit einer Griffangel, welche zwei Nietlöcher hat. Beide Arten von Instrumenten kommen zahlreich vor, in der Erde außerhalb der Gefäße liegend.

Nähnadeln und Stifte mit länglichem Öhr, 3–4 Zoll (≈ 7,6–10,2 cm) lang, sind nicht häufig; eine von besonders schöner Erhaltung zeigt noch die blaue Stahlfarbe. Es scheint überhaupt, dass man die Stahlbereitung, freilich nicht nach unserer gegenwärtigen Methode, oder doch das Härten des Eisens kannte (wahrscheinlich durch Glühen mit Kohle), weil die Klingen sonst wenig brauchbar gewesen wären und keinesfalls bronzenen vorzuziehen.

Fig. 10. Pferdetrense. Eisen.
Fig. 10. Pferdetrense. Eisen.
Fig. 13. Objekte aus Ton für Spinnen oder Weben(?).
Fig. 13. Objekte aus Ton für Spinnen oder Weben(?).

Fig. 11. Radförmige Ringe mit Schlupfen für Riemen.
Fig. 11. Radförmige Ringe mit Schlupfen für Riemen.
Fig. 12. Aus Bein sind die Hefte von Messern und Sägen.
Fig. 12. Aus Bein sind die Hefte von Messern und Sägen.

Aus Eisen finden sich außerdem noch verschiedene Ringe, Beschlagbleche, Nägel und Haken, auch Kleiderhaken, endlich Röhrchen.

c) Aus Bein
Aus Bein sind die Hefte von Messern und Sägen, meistens kleine, längliche Platten, mit denen die Holzgriffe überkleidet wurden; kleinere Griffe sind massiv. Ein oblonges Stück von 1,75 Zoll (≈ 4,45 cm) Länge, 4 Linien (≈ 0,85 cm) Breite, in der Mitte etwas breiter, und 2,5 Linien (≈ 0,53 cm) Dicke, mit acht Durchbohrungen regelmäßig nebeneinander (Fig. 12), dürfte zum Durchziehen der Fäden beim Weben gedient haben; es ist mit eingravierten konzentrischen Ringen und Rauten verziert.

d) Glas
Glas von weißlich-grüner Farbe findet sich in kleinen Spuren als Tropfen an Fibeln und Nadeln.

 

e) Aus Ton kommen außer den Gefäßen auch, gewöhnlich paarweise, spulenartige, an den Enden dickere, in der Mitte eingezogene Geräte vor (Fig. 13), 3 Zoll (≈ 7,6 cm) lang, teils gedreht, teils roh geformt. Vielleicht wurden sie auch beim Spinnen oder Weben gebraucht¹. Ähnliche wurden auch aus Stein gefertigt.

f) Nicht selten sind 6–8 Zoll (≈ 15,2–20,3 cm) lange Wetzsteine aus Sandstein oder schwarzem Schiefer, an den Enden etwas verjüngt.

Der wichtigste Fund war wohl der einer Inschrift auf der Porphyrplatte, mit welcher ein reich ausgestattetes, fast in der Mitte des Hügels befindliches Grab bedeckt war; sie ist umso wichtiger, als bisher in Tirol noch keine etruskische sepulkrale Inschrift vorkam.

Die Platte, welche auf zwei aufgestellten Steinen ruht (Fig. 2), hat eine Länge von 3 Fuß 10 Zoll (≈ 116,8 cm), bei nur 9 Zoll (≈ 22,9 cm) Breite, und ist 5 Zoll (≈ 12,7 cm) dick; die auf der sorgfältig zugehauenen Oberseite eingemeißelte Inschrift mit 3 Zoll (≈ 7,6 cm) hohen Charakteren (Fig. 14) zeigt Buchstaben des etruskischen Alphabets und ist jedenfalls retrograd, von der Rechten zur Linken zu lesen:


PNAKE FITAMV — LATHES

Fig. 14. Schriftzug auf der Grabplatte.
Fig. 14. Schriftzug auf der Grabplatte.

Der erste Buchstabe (rechts) erscheint zweifelhaft; es befindet sich an demselben ein nach rechts gezogener Winkelstrich, der aber nur unvollkommen mit dem Längenstrich zusammenhängt; es könnte also auch ein I sein, wobei freilich der erwähnte Strich unerklärt bleibt, denn um ihn für einen Spiritus zu nehmen, fehlt die Analogie; wahrscheinlicher aber ist es ein P, wie es auch auf etruskischen Spiegeln und zweimal in der Inschrift auf der bei St. Zeno im Val di Non gefundenen Bronzestatuette vorkommt². Die übrigen Buchstaben sind klar.

Fig. 15. Detailansicht Schriftzug.
Fig. 15. Detailansicht Schriftzug.

Die Form des A mit dem bis zum Fuß des ersten Striches reichenden, von links nach rechts gezogenen Querstrich ist bei etruskischen Inschriften nicht gewöhnlich, wo derselbe von links nach rechts aufsteigt, und gehört den oberitalischen spezifisch an; ähnlich finden wir sie auf der Situla von Cembra, den Helmen von Negau und der erwähnten Bronzestatuette; nur stößt der Querstrich nicht mit dem rechten Winkelstrich zusammen, wie es hier bei allen drei A der Fall ist.

Die Buchstaben M und N sind von der ältesten Form, wie sie auf alt-dorischen Inschriften und auf bemalten Vasen des alten Stils vorkommen; K und E des ersten Wortes bieten an und für sich nichts Besonderes, aber an dem letzten bemerken wir fast in der Mitte des Längenstriches einen kleinen, nach rechts gezogenen Strich, über den es schwer ist, Rechenschaft zu geben, da Parallelen dafür fehlen; man könnte einen subscribierten Vokal vermuten; jedenfalls ist er das Werk des Meißels, nicht ein natürlicher Eindruck des Steines, was seine Schärfe und völlig gleiche Dicke mit den Buchstaben bezeugt.

Auffallend ist die der Form des lateinischen X fast gleiche des T; ähnlich findet sie sich auf der Situla von Cembra und der Figur von St. Zeno; Sulzer liest den Buchstaben auf letzterer für CII, nimmt ihn also für ein griechisches X. Im dritten Worte begegnen wir wieder einem seltsamen Buchstaben, nämlich dem dritten, der wie ein T, aber mit dachartigem Oberstrich aussieht; derselbe kommt auf einem der Bronzehelme vor; Mommsen bezeichnet ihn als fi, setzt aber ein Fragezeichen darüber³; mit kleineren Oberstrichen findet er sich auch auf Inschriften von Falerii.

Der letzte Buchstabe mit seinen drei gleich langen, oben rund verbundenen Parallelstrichen kann als S oder auch als M genommen werden, ist aber von roher Form und unterscheidet sich eben durch die Abrundung der Verbindungen von allen ähnlichen. Noch unförmlicher erscheint er auf der Unterseite der Platte, wo bloß die zwei Buchstaben ME oder SE (Fig. 15) flüchtig eingemeißelt sind.

Im Ganzen müssen wir die Inschrift wieder als einen jener Ableger des etruskischen Alphabets ansehen, wie sie den besonderen Dialekten der nördlicheren Mischvölker zukamen und an mehreren Orten Tirols und Steiermarks gefunden wurden, von denen aber fast jede, wie auch die in Rede stehende, gewisse Eigentümlichkeiten aufweist.

Dunkel ist der Sinn dieser und verwandter Inschriften, und jeder Versuch einer Deutung gehörte in den Bereich der Hypothese; zu vermuten ist wohl, dass die ersten Worte Namen geben.

Die kulturgeschichtliche Stellung der Gräber wird durch die Natur der Beigaben bezeichnet; die Form und Ornamentik der Bronzegegenstände ist noch völlig die des sogenannten Bronzealters und gehört dem eigentümlichen Stil an, dessen Ursprung wohl bei den Phöniziern oder Etruskern zu suchen sein dürfte; dabei kommt bei diesem sowie bei verwandten Funden schon reichlich Eisen zu Klingen verwendet vor, wir sind daher berechtigt, die Gräber in eine schon vorgerücktere Zeit der erwähnten Periode zu setzen, die vielleicht der römischen Eroberung nicht lange vorausgehen mag. Wie wir gesehen haben, ist die Ähnlichkeit vieler Gegenstände mit denen etruskischer Gräber in Mittelitalien eine schlagende¹.

Die Gräber sind nach allem als vor­römische anzusehen, von den Rätiern herrührend, einem Volke, welches zweifellos mit den Etruskern in Zusammenhang steht; nur über die Art der Zusammengehörigkeit herrschen verschiedene Ansichten. Nach Niebuhr, Giovanelli und Ferret² wären die Etrusker und Rätier ein Volk, von dem bei seiner Wanderung von Norden nach Süden (die auch Mommsen³ für wahrscheinlich hält) die letzteren zurückblieben; die gemeinsamen Züge in der Gesittung und Sprache beider würden demnach auf einen sehr alten Ursprung zurückzuführen sein⁴.

Nach einer anderen Ansicht wurden die in Oberitalien ansässigen Tusker von den einwandernden Kelten in die Gebirge zurückgedrängt, womit auch die Angaben des Plinius (H. N. III, 24), Justinus (XX, 5) und anderer römischer Schriftsteller übereinstimmen. Allerdings ist der Erzählung, dass die Tusker unter ihrem Führer Rhaetus nach Tirol geflohen seien und von diesem das Land den Namen Rhaetia erhielt, kein unbedingter Glaube beizumessen, denn es ist nicht zu bezweifeln, dass dieser Name von dem keltischen Worte Rait, d. i. Gebirgsgegend, herzuleiten sei⁵; aber ein derartiges Zurückziehen einer sesshaften Bevölkerung in die unzugänglicheren Gebirgsgegenden bei der Einwanderung fremder Stämme ist nicht nur wahrscheinlich, sondern hat auch vielfache Analogien.

Nach der Ansicht Conestabile’s hätten die Etrusker zur Zeit ihrer Macht und Blüte in den Alpen Kolonien angelegt, welcher Ansicht aber die Abweichung der Schrift zu widersprechen scheint. Jedenfalls mischten sich mit den Tuskern Südtirols später auch keltische Stämme⁶, so dass die Rätier, welche als ein räuberisches Volk dargestellt werden, das den Römern erst im zweiten Jahrhundert vor Christus bekannt und unter Augustus unterworfen wurde, als kein einheitliches, sondern als ein Mischvolk aus keltischen und tuskischen Elementen zusammengesetzt anzusehen ist⁷.

Hiermit stimmen nun sowohl die verschiedenen Funde mit ihren nicht rein etruskischen, aber doch nahe verwandten Inschriften, insbesondere aber die Gräber beim Stadlhof überein. Ähnliche sollen auch bei St. Ulrich im Grödner Tal am Hofe Col de Flam vorgekommen sein; man fand ebenfalls Aschenurnen, Äxte, Fibeln, Speerspitzen, Messer und zwei Schwertklingen ohne Griff, in den Formen mit denen vom Stadlhof übereinstimmend. Die kleine Sammlung der Fundstücke befindet sich bei dem Handelsmann Herrn J. B. Purger daselbst.


Auch zwei Gefäße mit Tragreifen (Situlae), vollkommen der von Giovanelli publizierten, die in Cembra gefunden wurde, ähnlich, aber ohne Inschrift, wurden neuerdings im Walde auf dem Wege nach Laimburg und Kaltern ausgegraben: das kleinere derselben enthielt Streitmeißel mit Siglen oder buchstabenähnlichen, eingravierten Marken und Lanzenspitzen von Erz; daneben lagen zwölf Buckeln von 4–5 Zoll (≈ 10,2–12,7 cm) Durchmesser, mit einem Knopf auf der Spitze versehen.


Quelle: Mittheilungen der K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale. Wien, 1865.