Wenn unsere Vorfahren schon wenig Pietät für die Erhaltung der mittelalterlichen Dome gezeigt haben, so kann es auch nicht befremden, dass sie kleinere Denkmale früherer Jahrhunderte, welche durch die Frömmigkeit von Korporationen oder einzelnen Personen entstanden sind und hinsichtlich deren Erhaltung die Stifter keine besondere Verfügung getroffen haben, gänzlich ihrem Schicksal preisgaben. Hierzu gehören die mittelalterlichen Denksäulen, denen man vereinzelt in der Nähe von Städten, Märkten und Dörfern – meist sehr verwahrlost – begegnet, über deren Entstehung in den wenigsten Fällen verlässliche urkundliche Nachrichten anzutreffen sind und welche doch häufig das Gepräge einer eigentümlichen Formentwicklung und geübter Kunsttechnik an sich tragen.
Vier solcher Denksäulen in einer seltenen und interessanten Gruppierung in Hinsicht auf ihre Entstehung haben sich noch in und bei Ödenburg, dann in Mattersdorf erhalten. Der Korrespondent der k. k. Central-Commission, Herr Franz Storno in Ödenburg, welcher dieselben aufgenommen und gezeichnet hat, besitzt das Verdienst, zuerst die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt zu haben, indem er uns hiervon nach seiner Aufnahme sachverständige Zeichnungen übersendet hat. Von drei derselben hatten wir kürzlich Gelegenheit, uns zu überzeugen, dass sie in der Wesenheit getreu dargestellt sind und Herr Storno nur an einigen Details, welche unter dem Einfluss der Jahrhunderte ihres Bestandes gelitten haben, stilgemäße Ergänzungen in der Zeichnung vorgenommen hat.
Urkundliche Nachrichten über den Umstand, durch wen und auf welche Veranlassung diese Denksäulen gesetzt wurden, stehen uns gegenwärtig nicht zu Gebote, da die Lokalgeschichte von Ödenburg – wiewohl sie in neuerer Zeit fleißig bearbeitet wurde – darüber nichts enthält und wir auch auf dem Wege der Korrespondenz nichts in Erfahrung bringen konnten. Es erübrigt uns daher nichts, als aus der Kunstform annäherungsweise den Zeitpunkt zu bestimmen, welchem diese Säulen angehören.
Die älteste der Denksäulen ist ohne Zweifel das sogenannte „Rastkreuz“ bei Ödenburg (Fig. 1) auf der Straße nach Wolfs und an einem Scheideweg in die sich ausbreitenden Weingärten gelegen. Die untere Hälfte der Säule ruht auf einem breiten viereckigen Sockel, worauf sich auf einer Basis mit kräftiger Gliederung der viereckige Schaft der Säule aufbaut. An jeder der vier Seiten sind Halbsäulen vorgelegt. Der obere Teil der Denksäule ist nach drei Seiten hin durch einen Rundbogen geöffnet und mit einem steilen giebelförmigen Dach abgeschlossen. Das Innere der Öffnung ist flach gedeckt und scheint früher zur Aufnahme einer Heiligenfigur bestimmt gewesen zu sein. Eine der Halbsäulen besitzt gleichfalls eine spitzbogige Nische. Rings um die Denksäule waren früher steinerne Bänke angebracht, die einen Ruhepunkt abgaben, wovon auch die Bezeichnung „Rastkreuz“ rühren dürfte. Wenn wir den Charakter der Bauformen in Betracht ziehen, so lässt sich mit ziemlicher Gewissheit behaupten, dass diese Denksäule, wenn nicht früher, doch in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet wurde.




Einer späteren Epoche und zwar wahrscheinlich dem XV. Jahrhundert gehört die Denksäule an, welche neben dem Leonhartstor in Ödenburg aufgestellt ist (Fig. 2). Dieselbe erscheint gegenwärtig in die Stadtmauer eingebaut, was jedoch früher nicht der Fall gewesen ist, als in das Stadtgebiet von Ödenburg noch nicht jener Rayon gehörte, worauf gegenwärtig die Säule sich befindet; die alten Stadtmauern hatten mithin noch eine andere Richtung genommen. Die Säule ruht gleichfalls auf einer viereckigen Basis, sie baut sich jedoch im Dreieck auf. Jede der unteren Flächen ist mit Maßwerk von verschiedenen Formen bedeckt. Der Aufsatz ist nach zwei Seiten hin geöffnet; die Bedachung war ehemals mit Fialen an den Ecken verstärkt, von denen jedoch nur noch Bruchstücke vorhanden sind. An der Stirnseite des Daches ist ein Wappenschild angebracht, welches jetzt wegen Undeutlichkeit nicht näher bezeichnet werden kann. Die Fialen sowie die Bekrönung des Daches mit dem Kreuz sind in der Zeichnung von Herrn Storno ergänzt worden, um anzudeuten, in welcher Weise die schadhaften Teile wieder restauriert werden könnten.
In östlicher Richtung von Ödenburg auf freiem Feld steht das sogenannte „Angerkreuz“ (Fig. 3). Wie die Jahreszahl auf demselben nachweist, wurde die Säule im Jahre 1482 errichtet. Sie erhebt sich auf einem unverhältnismäßig schmalen Sockel mit steiler Gliederung. Ebenfalls schmächlich ist der Aufbau des unteren Teils der viereckigen Säule. Die Flächen sind gleichfalls mit gotischem Maßwerk versehen, jede Fläche mit einer anderen Gliederung bedeckt. Der Aufsatz ist innen gewölbt, gegen Süden geöffnet; früher besaß er auch gegen Westen eine spitzbogige Fensteröffnung, die aber jetzt vermauert ist. Das Dach ist durch Laubwerkverzierungen ausgezeichnet.
Die vierte Säule bei Mattersdorf (Fig. 4) – einem Ort, der ungefähr zwei Stunden von Ödenburg entfernt liegt – führt die Bezeichnung „Halterkreuz“. Wir haben nicht die Gelegenheit gehabt, diese zu besichtigen, und können daher auch nicht bestätigen, dass alle Details gegenwärtig noch in diesem Zustand anzutreffen sind, wie wir sie hier in der Abbildung veröffentlichen. Der ganze Aufbau dieser Säule scheint uns jedoch dafür zu sprechen, dass die Säule erst gegen Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden ist. Die Anordnung der Fialen des geschweiften Spitzbogens und die Fischblase des Maßwerks weisen schon auf jene Periode der Gotik, worin die Formen des Stils nicht mehr in ihrer früheren Reinheit reproduziert wurden.
Das Interesse, welches sich an diese Spezialitäten der mittelalterlichen Baukunst knüpft, scheint uns groß genug, dass die Ödenburger Stadtgemeinde und jene von Mattersdorf nicht die geringen Kosten scheuen sollten, um sie von sachverständiger Hand restaurieren zu lassen.
K. W.
Quelle: Mittheilungen der K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale, Wien, 1873.
