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Ein Besuch in der Werkstätte eines Fälschers aller Waffen

Von Dr. Othmar Freiherrn Potier (Archiv für Kriminal Anthropologie und Kriminalistik. Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig).

 

Auf diese im vorigen Jahrgang der genannten Zeitschrift erschienene Abhandlung seien die Freunde der historischen Waffenkunde ganz besonders aufmerksam gemacht. Der als einer der tüchtigsten Fachgelehrten bekannte Verfasser bespricht hier anhand von Beispielen die von dem Fälscher angewendeten Mittel, um modernen Fabrikaten das Aussehen alter oder älterer Objekte zu geben, in anregender und beinahe erschöpfender Weise werden die im Handel bei den verschiedenen Schutz- und Trutzwaffen vorkommenden Nachahmungen, bzw. Ergänzungen oder Zusammenstellungen aufgeführt.

 

Da weder Paul Eudel (Die Fälscherkünste. Leipzig 1885) noch Wendelin Boeheim (Handbuch der Waffenkunde) sich so gründlich mit dem Thema befasst haben, wie Baron Potier, so dürfte dessen Abhandlung besonders Sammlern alter Waffen hochwillkommen sein. Denn diese lernen hierdurch die Schleichwege, welche der Fälscher wandelt, wenigstens theoretisch kennen und sind dadurch in die Lage versetzt, die ihnen zum Kauf angebotenen Objekte auf gedachte Merkmale hin zu prüfen. Freilich wird, wie der Verfasser richtig bemerkt, trotz der Kenntnis der am häufigsten vorkommenden Fälscherkniffe mancher Sammler, und unter ihnen vielleicht gerade die tüchtigsten Theoretiker, nach wie vor von einem schlauen Händler getäuscht werden. Denn man hat es heutzutage nicht mit Fälschungen zu tun, die jeder Fachmann als solche erkennen muss, wie noch vor 20 Jahren, sondern mit Objekten, die so täuschend nach- und altgemacht sind, dass schon ein sehr gut geschultes Auge in Verbindung mit natürlicher Veranlagung, oder, wie Baron Potier sagt, ein instinktives Gefühl dazu gehört, um Imitationen von Originalen zu unterscheiden.

 

Des Weiteren weist der Verfasser darauf hin, wie schwer es sei, dem Verkäufer von Fälschungen die Absichtlichkeit eines Betruges nachzuweisen. Denn einmal hüte sich dieser wohl, die Echtheit fraglicher Stücke zu garantieren, das andere Mal aber befänden sich jene meist schon in zweiter oder in dritter Hand, bevor sie auf den Markt kämen, so dass es nur in seltenen Fällen möglich sei, die Fäden, die vom Verkäufer zum Verfertiger führen, aufzufinden und das Einverständnis aller Beteiligten in Verbindung mit einer betrügerischen Absicht festzustellen. Sei aber ein derartiger Fall vor Gericht anhängig und hierbei das Gutachten eines Sachverständigen über Echtheit oder Unechtheit von Waffen erforderlich, so empfiehlt Baron Potier dem Richter, sich nicht an einen Händler, sondern an den Vorstand eines Waffenmuseums und, wenn ein solcher nicht am Platz oder in der Nähe aufhältlich ist, an den «Verein für historische Waffenkunde in Dresden» zu wenden, der stets in der Lage sein werde, eines seiner Mitglieder als Experten zu empfehlen.

 

Es möge mir gestattet sein, im Anschluss an diese Besprechung auf eine besondere Art von Fälschungen hinzuweisen, mit der ich erst in den letzten Jahren bekannt geworden bin, nämlich auf Nachahmungen ausgegrabener mittelalterlicher Helme. Ich meine natürlich nicht jene Imitationen, die schon früher im Handel vorgekommen und als Fälschungen unschwer erkennbar sind, sondern Helme, die nach guten Vorbildern völlig korrekt in der Form hergestellt, durch ein neues Verfahren mit einer dünnen, schokoladenfarbenen Kruste überzogen sind, so dass sie zunächst einen ganz vertrauenerweckenden Eindruck machen.

 

Erst bei genauerer Betrachtung erscheint es auffällig, dass sich die Oxydation völlig gleichmäßig über die ganze Helmoberfläche erstreckt, ohne, wie bei anderen Ausgrabungen Stellen, die mehr, und solche, die weniger unter dem Einfluss der Oxydation gelitten, oder aber Verbindungen zwischen Rost, und Erdteilchen aufzuweisen. Tiefere Rostnarben, wie sie unter allen Umständen bei ausgegrabenen Waffen vorkommen müssten, fehlen an den fraglichen Helmen gänzlich. Etwaigen Bedenken gegen diese ungewöhnliche Erscheinung beugt der Verkäufer durch die Bemerkung vor, die gute Erhaltung des Helmes sei wohl dem Umstand zu verdanken, dass derselbe in einer Schicht von Tonerde aufgefunden worden sei. Die Frage, wie ein einzelner Helm mehrere Meter tief gerade in eine Schicht von Tonerde hineingekommen ist, dürfte allerdings der geriebenste Händler nicht glaubwürdig beantworten können.

 

Der erste nach gedachtem Verfahren alt gemachte Helm, mit dem ich Bekanntschaft machte, war ein Schallern von der Gestalt jener Hauptbedeckungen um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Gegen Form, Ausführung, Vernietung und Gewicht ließ sich nichts einwenden. Der dafür gezahlte Preis — 2100 Mark — war zwar mäßig, lag indes nicht so außerhalb der gewöhnlichen Bewertung solcher Stücke, dass man daraus einen ernsten Verdacht hätte schöpfen müssen.

 

Lediglich die völlig gleichmäßige Oxydation erschien auffällig. Eine derartige Patinierung war mir noch nicht vorgekommen; weder an Waffen, die Jahrhunderte lang in der Erde, noch an solchen, die im Wasser gelegen oder an anderen, die vergessen und verwahrlost in irgendeinem feuchten Winkel gestanden hatten. Alle mir bekannten Ausgrabungen zeigen im Gegensatz zu den Schallern tiefe Rostnarben, ein Umstand, der sich daraus erklärt, dass trotz der sorgfältigen Schmiedearbeit und Politur eine völlig gleichmäßige Härtung des Stahles nicht vorkommt und dass ferner die Stoffe und Säuren, die auf die Zerstörung des Metalls einwirken, ebenfalls nicht gleichmäßig über die Oberfläche einer solchen Waffe verteilt sind.

 

Es wurde nun mit Einwilligung des Käufers die Patinakruste an einer Stelle vorsichtig entfernt, worauf sich durch genaue Untersuchung ergab, dass man eine natürliche Oxydation, die Jahrhunderte lang auf das Stück eingewirkt hatte, nicht vor sich haben konnte, weil die Beschädigung des Metalls unter der Kruste nur ähnliche Merkmale zeigte, wie bei dessen Behandlung mit Säuren, und ferner, weil der Schallern aus modernem Walzeisen geschmiedet war. Leider habe ich verabsäumt, die «Patina» an gedachtem Schallern chemisch analysieren zu lassen, wodurch wichtige Anhaltspunkte für das dabei angewendete Verfahren wie für die Bestimmung ähnlicher Fälschungen gewonnen worden wären.

 

Zu den mir später noch vor Augen gekommenen Fälschungen derselben Kategorie gehörten eine Hundsgugl und ein Topfhelm, beide von der Form, wie sie an Originalen aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bekannt ist. Es handelte sich sonach abermals um Objekte, bei denen sich die Arbeit, vorausgesetzt, dass sie gelang, lohnte. In Bezug auf seine Form war gegen das zuerst genannte Stück nichts einzuwenden, doch verrieten hier Schmiedefehler am Scheitel sowohl als an der vorspringenden Spitze des Visiers die moderne Herkunft. An beiden Stellen hatte nämlich das Geschick des Schmiedes aus dem 19. Jahrhundert versagt, die Platte von Walzeisen so in die Spitze zu treiben, wie es der alte Waffenschmied verstand. Es waren kleine Löcher entstanden, denen zwar der Fälscher durch Lötung das Ansehen von Gebrauchsspuren hatte geben wollen, ein Unterfangen, das aber höchstens einen Anfänger zu täuschen vermocht hätte. In der Erkenntnis, dass das Werk nicht völlig gelungen, betrug der Preis auch nur den siebenten oder achten Teil desjenigen, den eine echte Hundsgugl gekostet haben würde, nämlich 700 Mark.

 

Das dritte Stück, ein Topfhelm, war dagegen wieder ein «Meisterwerk der Fälscherkunst». Tadellos in der Form und Zusammensetzung der einzelnen Teile (der Helm ist aus drei Platten zusammengefügt) würde dessen moderne Herkunft doch ohne den bewussten Patinaüberzug sofort erkennbar gewesen sein. Das wusste natürlich der Fälscher und sein Verfahren war sonach ein wohl durchdachtes. So werden denn seine Fabrikate nicht allein im Inland, sondern auch im Ausland, besonders in dem mit Falsifikaten aller Art geradezu überschwemmten Amerika, guten Absatz finden.

 

Über den fraglichen Topfhelm urteilte der hervorragendste Gelehrte auf dem Gebiet der historischen Waffenkunde, der leider viel zu früh verstorbene Oberstleutnant a. D. Dr. Jähns: das Stück sei «merkwürdig gut erhalten». Wollte er damit einen Zweifel in Bezug auf dessen Echtheit ausdrücken? Ich vermied, ihn darüber zu befragen, da ich bereits wusste, dass der Helm eine Fälschung war. Wo derselbe sich gegenwärtig befindet, mag ich vorläufig nicht verraten. M. v. E.


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 8. Dresden, 1900-1902.