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Ein Stück Feuertaktik aus dem Mittelalter

Von Paul Reimer, Oberleutnant á la suite des Badischen Fußartillerie-Regiments Nr. 14, Direktions-Assistent beim Feuerwerks-Laboratorium Spandau.

 

Wenn schon die Angaben über das Geschützwesen des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts nicht eben reichlich sind, so stoßen wir in der Kriegsgeschichte noch viel seltener auf Nachrichten, aus denen die Artillerietaktik — um hier den modernen Ausdruck anzuwenden — jener Zeit mit Sicherheit zu erkennen ist. Umso schätzenswerter ist daher ein Beitrag zu diesem Gegenstand, den Exc. v. Boguslawski unter obiger Überschrift in den Nr. 74 und 75 des Jahrganges 1901 des Militär-Wochenblattes1 veröffentlicht. Es wird darin das Treffen in und um Angermünde geschildert, welches in der Nacht vom 27. zum 28. März 1420 zwischen dem Kurfürsten Friedrich I. und den sehr überlegenen verbündeten Streitkräften der Herzöge von Pommern und polnischer Hilfstruppen stattfand und mit dem ausgesprochenen Sieg des Kurfürsten endete.

 

Der Herr Verfasser, welcher außer verschiedenen, in dem Artikel angezogenen Geschichtswerken auch die Chronik der Stadt Angermünde benutzt hat, gibt zunächst einen kurzen Überblick über die vorangegangenen, historischen Ereignisse, und geht dann zu dem Feldzug über, dessen erste kriegerische Tat die Wegnahme der festen Stadt Angermünde war.

 

Dieselbe liegt in der Uckermark am südlichen Ufer des Mündesees, und besaß in ihrer, dem damaligen Befestigungssystem entsprechenden Stadtmauer vier Tore, welche durch Tortürme gesichert waren. Von jedem Tor führte eine anscheinend gerade Straße zum Marktplatz. Vor dem nach dem See hinführenden Tor, (Seetor) lag ein festes Schloss. Die Stadt nebst Schloss war besetzt von einer Abteilung pommerscher Truppen unter Befehl des Schlosshauptmanns v. Briesen. Der Kurfürst, dessen Heer der Herr Verfasser überschläglich auf 8000-— 9000 Mann, nebst ziemlich. ansehnlicher Artillerie berechnet, rückte von Eberswalde aus gegen die Stadt vor und nahm dieselbe am 21. März 1420 ohne besondere Mühe, da die Bürgerschaft die Tore selbst öffnete.

 

Die Besatzung warf sich in das Schloss, eine kleine Abteilung hielt sich in dem Turm des benachbarten Kerkower Tores. Das Schloss wurde alsbald eingeschlossen und hart bedrängt, ob indessen eine Beschießung stattgefunden hat, steht dahin. Immerhin war die Einschließung nicht derart, dass der Schlosshauptmann nicht Mittel und Wege gefunden hätte, den Herzogen von Stettin von seiner bedrängten Lage Nachricht zu geben, worauf dieselben alsbald bis in die Gegend nördlich von Schwedt vorrückten und sich hier mit weiteren Verstärkungen vereinigten. Nachdem hier eine abermalige Bitte um schleunigsten Entsatz seitens des Hauptmanns v. Briesen eingetroffen, erschien das pommersche Heer, welches die Streitmacht des Kurfürsten an Zahl um das Doppelte oder Dreifache übertraf, unter dem Befehl des Herzogs Otto von Stettin am 27. März gegen Abend vor Angermünde.

 

Dem Geiste der damaligen Gefechtsführung hätte es nun entsprochen, wenn der Kurfürst, der über die sehr überlegene Stärke des Gegners durchaus im Klaren war, die Stadtmauern in Verteidigungszustand gesetzt und besetzt hätte, oder aber dem Gegner in offenem Feld entgegengetreten wäre. Für den letzteren Fall war indessen seine Streitmacht, besonders die Zahl der gewappneten Reiter, viel zu gering, eine Verteidigung der Stadtmauer aber neben dem allgemeinen Nachteil jeder derartigen Verteidigung, dass der Angreifer die Wahl des Angriffspunktes hat, umso mehr untunlich, als sich das Schloss und der Turm des Kerkower Tores noch immer in den Händen des Feindes befand.

 

Anstatt nun aber unter Aufgabe des wichtigen Platzes einen geeigneteren Rückhalt zu suchen, wandte der Kurfürst ein eigenartiges taktisches Verfahren an, das zwar den Erfolg für sich gehabt hat, aber bei umsichtigerer Führung des Feindes sehr gewagt erscheinen muss. Er besetzte zwar die Stadtmauer nebst den übrigen drei Tortürmen unter Verwendung von Handbüchsen, die Hauptmasse seines Fußvolkes konzentrierte er indessen auf dem anscheinend sehr geräumigen Markt, wo er eine Wagenburg zusammenfahren und an der Sperrung der vier Straßen mit seinen Geschützen besetzen ließ. Die Stadttore blieben offen. Die Reiterei stellte der Kurfürst außerhalb der Stadt völlig gedeckt auf. Auf einen Angriff in der nächsten Nacht war der Kurfürst zunächst nicht gefasst, und nur der kriegerischen Unerfahrenheit des Herzogs Otto ist derselbe gegen den Rat seiner Unterführer zuzuschreiben.

 

Der Herzog, welcher von den Maßnahmen des Kurfürsten Kenntnis erhalten, übernahm persönlich den Befehl über die gegen das Schloss vorgehende Sturmkolonne und konnte sich bald mit der Besatzung desselben vereinigen, während ein anderer Teil des Heeres zugleich mit dem Herzog durch das Kerkower Tor in die Stadt eindringen sollte.

 

Nachdem der Kurfürst von dem bevorstehenden Nachtangriff Nachricht erhalten hatte, alarmierte er sofort seine Leute, ließ alles zur Verteidigung der Wagenburg vorbereiten und übernahm selbst das Kommando, noch ehe sich der Angriff der Pommern entwickelte. Es heißt dann weiter:

 

«Die Pommern waren gegen Mitternacht ohne Widerstand in die Stadt eingedrungen, aber gerade das Ausbleiben desselben scheint eine große Stockung hervorgerufen zu haben, denn alle Erzählungen stimmen darin überein, dass die eingedrungenen Völker in drei Straßen in größerer Entfernung vor der brandenburgischen Wagenburg Halt machten und sich dichte Haufen aufstauten. Die Brandenburger standen in der Wagenburg und bei ihren Steinbüchsen in größter Ruhe bereit, ohne zu schießen.

 

Endlich erscholl das vom Herzog Otto ausgegebene Feldgeschrei «Stettin!» und unter Trommelschlag und Trompetenschall setzten sich die Sturmhaufen vom Schloss und vom Kerkower Tor her gegen den Marktplatz in Bewegung. Aber auch jetzt fiel kein Schuss von den Brandenburgern, bis die pommerschen Hellebarten und Piken in den Nachtfeuern der Brandenburger erglänzten, sagt die Chronik. Jedenfalls ließ man die Angreifer ganz nahe heran, ehe man Feuer gab, ein Verhalten, das man wohl mit dem unserer Truppen in manchen Momenten von 1866 vergleichen kann.

 

Der Kurfürst stand inmitten seiner Völker neben dem aufgerichteten Banner der Kurmark und soll mit dem Ruf «Brandenburg» selbst das Zeichen zum Feuern gegeben haben. Sofort donnerten die Steinbüchsen, und mag es richtig sein, dass auf diese nahe Entfernung jede Kugel in die dichten Haufen einschlug und tiefe, blutige Furchen riss. Ein furchtbares Geschrei erhob sich und die vordersten Haufen wandten sich zur Flucht; da aber die hintersten unter dem Feldgeschrei «Stettin» vorwärts drängten, kam der Angriff noch einmal in Fluss. Eine zweite Ladung der Steinbüchsen aber ließ ihn scheitern. Die Massen wälzten sich zurück, und nun brachen die Brandenburger aus der Wagenburg hervor und fielen mit der blanken Waffe auf den Feind.»

 

Die vom Kerkower Tor her eingefallenen Pommern wurden auf dieses zurückgedrängt, ebenso die andere Kolonne auf das Schloss, welches von den heftig nachdrängenden Brandenburgern genommen wurde. Die brandenburgische Reiterei, welche bisher den Fortgang des Gefechts genau verfolgt hatte, war inzwischen mit einem Teil den in den Straßen kämpfenden Pommern in den Rücken gefallen, die Hauptmenge aber griff die unterdessen um den See herum vorgegangene polnische Reiterei überraschend an und warf dieselbe trotz deren mehrfacher Überlegenheit zurück. Jedenfalls vergrößerte die Dunkelheit die allgemeine Verwirrung der pommerschen Völker bedeutend, denn im Morgengrauen befand sich der Feind in vollem Abzug nach Norden und der Erfolg dieses nächtlichen Gefechts stellte sich als vollständiger Sieg des Kurfürsten mit allen seinen politisch wichtigen Folgen heraus.

 

Was den Waffenhistoriker an diesem eigenartigen, kriegerischen Ereignis interessiert, ist die den vorliegenden Verhältnissen in durchaus origineller und zweckentsprechender Weise angepasste Verwendung des Geschützes. Dieselbe wird zwar in der Schlussbetrachtung von dem Herrn Verfasser gebührend gewürdigt, doch lohnt es sich, an dieser Stelle noch näher darauf einzugehen. Leider finden sich keinerlei Angaben über Stärke und Art der Artillerie des Kurfürsten. Zu jener Zeit hatten die Hussitenkriege eben begonnen, und der Erfolg jener fanatisierten Heermassen wird bekanntlich mit auf die geschickte Anwendung der Feuergeschütze zurückgeführt, ein Zeichen, dass die häufigere Verwendung des Feuergeschützes im Gefecht in Aufnahme zu kommen begann.

 

Das Geschütz, welches im 14. Jahrhundert nach allem, was darüber bisher bekannt geworden ist, aus einem kurzen Rohr mit konischer Seele (6—7 mittlere Kaliber lang) bestand, war inzwischen weiterentwickelt worden. Authentischen Aufschluss über den Stand der damaligen Artillerie in ihren Hauptzügen gibt ein Manuskript in der königl. Bibliothek in München, welchem M. Berthelot in seinen «Annales de Chimie et de Physique,2 6. Serie, tome XXIV. 1891, einen Artikel: «Pour l’histoire des arts mecaniques et de rartillerie vers le fin du moyen- âge» widmet. Das Manuskript besteht aus zwei Teilen, einem deutschen, der, nach angeführten gleichzeitigen historischen Ereignissen zu schließen, um das Jahr 1430 entstanden ist, und einem davon ganz unabhängigen italienischen Teil der etwa 1445 von Marianus Jacobus aus Siena verfasst wurde. Beide Teile enthalten zahlreiche, mit mehr oder weniger Sorgfalt ausgeführte Skizzen, die sich teils auf mechanische Konstruktionen, teils auf das Geschützwesen beziehen, und von denen Berthelot einen großen Teil, darunter gerade die für den Waffenhistoriker wichtigen Abbildungen in seinem Aufsatz in photomechanischer Reproduktion wiedergibt.

 

1 Halbwochenschrift im Verlag von E. S. Mittler & Sohn in Berlin.

2 Zeitschrift im Verlag von G. Masson, Paris, Boulevard St. Germain.

Fig. 1.
Fig. 1.

 

Wir finden da in dem deutschen Teil in erster Linie einen Geschütztypus, der augenscheinlich in jener Zeit vorherrschend war, nämlich ein anscheinend geschmiedetes Geschütz von mörserähnlicher Gestalt mit zylindrischem Flug und abgesetzter, nach hinten sich schwach verjüngender Kammer. Der Flug trägt mehrere Ösen zum Befestigen der Hebezeuge, oder auch einen quer gestellten Henkel. Fig. 1 zeigt eine Skizze1 des Manuskripts, auf der ein derartiges Geschütz, an einer Hebeschraube hängend, sehr deutlich dargestellt ist. Das obere bewegliche Brett des Hebezeuges soll an den nach unten gebogenen eisernen Handhaben gedreht werden.

 

Dieser Umstand lässt einen Schluss zu auf den Maßstab der Zeichnung, wonach das Kaliber des Geschützes annähernd 25 cm gewesen sein mag. Mit unwesentlichen Änderungen ist diese Form des Rohres in dem deutschen (älteren) Teil des Manuskripts vorherrschend, zugleich ist aber angedeutet, dass neben dieser vorgeschrittenen Form auch noch die ältere, konische Geschützgestalt nicht ganz aufgegeben war.

 

Eine andere Skizze zeigt nämlich ein an einem Flaschenzug hängendes, ausgesprochen konisches Rohr, bei dem der Beginn der Kammer allerdings schon angedeutet ist, und zwar auf der Zeichnung durch einen schraffierten Ring, der anscheinend die Verbindungsstelle zwischen Flug und Kammer zeigen soll. Der Flug trägt einen aufgeschmiedeten Ring. Über der Zeichnung befindet sich folgende Inschrift: «Das ist ein tzug daz tzwen man ein puchssen auff ainen wagen helen dy sex centner swar ist.» Diese Gewichtsangabe2 ist von Wichtigkeit, denn sie zeigt, dass wir es hier mit einem Geschütz zu tun haben, das wohl als Feldgeschütz im modernen Sinn Verwendung finden konnte, während es für Belagerungszwecke zu leicht war.

 

Anscheinend unterschieden sich Geschütze großen und kleinen Kalibers zu jener Zeit in der Gestalt wenig voneinander. So ist ein derartiges Geschütz von der Form unserer Fig 1, aber ohne Ringösen, hinter einem vorn spitz zulaufenden, aus Balken gezimmerten, großen Schutzschirm dargestellt, welcher auf Rädern mittels Haspeln vorwärtsbewegt werden konnte. Die bezügliche Inschrift lautet: «Item den schirrem hat her arking vor satz gehabt da gen hundert man wol darunter sicher der haspel ist inwending unn wan man tzu der stat kumt so tzeugt man den schirm auff unn schiust unn lat in den wider tzu gien wint den haspel wider hinter sich so get der schirm wider von stat unn dye lewt stien dar hinter an schad.»

 

Die Belagerung von Saaz durch Archinger v. Seinsheim soll im September 1421 stattgefunden haben. Das hinter dem Schirm abgebildete Geschütz ist also ein für Belagerungszwecke gebrauchtes Rohr schwereren Kalibers. Auch über die Lafettierung anscheinend für den Feldgebrauch bestimmter, aber hierfür etwas zu leichter Rohre gibt das Manuskript Auskunft. Es bildet ein konisches Rohr und zwei Geschütze mit zylindrischem Flug auf Laden liegend ab, welche auf einer Unterlage beweglich befestigt sind, und mittels Vorsteckern an einem mit Löchern versehenen, aufrechten Richtbogen verschiedene Lage erhalten können. Die Unterlage, an welcher der Richtbogen befestigt ist, steht bei dem einen zylindrischen Rohr auf Bockfüßen, bei dem anderen ruht sie, mit Schildzapfen beweglich, in einem niederen Rahmengestell, während sie bei dem konischen, anscheinend leichtesten Rohr aus zwei Holmen mit Sprossen besteht, vorn zwei Räder besitzt und hinten in einer Art Gabeldeichsel endigt.

 

1 Diese und die folgenden Abbildungen 3 und 4 sind dem Werk «Beiträge zur Geschichte des Maschinenbaues» von Theodor Beck entnommen, welcher das Münchener Manuskript im Original zum Studium der mechanischen Konstruktionen benutzt hat. Das Werk ist besprochen in Band II, Heft 2, S. 52 dieser Zeitschrift. Die obigen Abbildungen sind aus den etwas roher gehaltenen Skizzen des Manuskripts umgezeichnet, geben aber alle wesentlichen Teile in richtiger Auffassung wieder.

2 Bemerkt sei, dass das Rohr der preußischen schweren Feldkanonen C/73 rund 9 Zentner wog.

 

Fig. 2.
Fig. 2.

 

Die größte Erhöhung, die man diesen Rohren zu geben vermochte, betrug schätzungsweise 15 Grad, dagegen ließ die Höhe des Richtbogens bei allen eine Depression von etwa 20 Grad zu, ein Zeichen, dass man Wert darauf legte, die Rohre von überhöhenden Stellungen, z. B. von der Stadtmauer aus, zu gebrauchen.

 

Ein in diese Klasse gehörendes Rohr, wie es für den Feldgebrauch geeignet war, befindet sich im königl. Zeughaus zu Berlin und ist in Fig. 2 wiedergegeben. Es ist im Ganzen 80,5 cm lang und hat 18 cm Kaliber. Das Rohr ist auf die Lade einer hölzernen Blocklafette aufgeschmiedet, die zwar schon recht alt ist, in manchen Teilen aber nicht Original zu sein scheint. Das Geschütz gehörte zur Artillerie Karls des Kühnen von Burgund und ging 1474 bei Nancy verloren.

 

Die letzten Blätter des deutschen Manuskripts bringen endlich den Hinterlader mit beweglicher Kammer zur Anschauung, und zeigen zugleich, dass die Anwendung dieser durchweg erheblich längeren Rohre vorzugsweise da stattfand, wo man, wie auf Schiffen, Türmen, hinter Schutzschilden etc. auch kürzere Rohre nicht gut von vorn laden konnte. Wir sehen hier sofort die Nutzanwendung einer Maßnahme, die aus der Unmöglichkeit entsprang, einigermaßen lange Rohre von vorn zweckentsprechend zu laden.1 Es befindet sich darunter ein Rohr von schätzungsweise 22 Kaliber Seelenlänge. Die Konstruktion des Widerlagers der Kammer ist nirgends ganz klar gezeichnet. Es hat fast den Anschein, als ob dasselbe bereits mit dem Rohr aus einem Stück geschmiedet ist. In diesem Fall dürfte es sich zu jener Zeit (etwa 1430) um eine ganz neue Erfindung gehandelt haben, die auch wohl von dem Zeichner nur vorgeschlagen worden sein mag, denn erheblich später finden wir noch die primitivere Konstruktion, bei der das Widerlager für die Kammer durch eine Verstärkung der hölzernen Lade gebildet wurde. Der Entwurf eines recht plumpen Kriegsschiffes mit Decksaufbau und drei Gefechtsmasten, welches in drei Etagen reichlich mit derartigen Geschützen armiert ist, kennzeichnet sich zu sehr als ein arges Phantasiegebilde des Zeichners.

 

Der italienische Teil des Manuskripts zeigt einen durchaus anderen Charakter. Er kennt als schwereres Geschütz nur das Kammergeschütz mit zylindrischem Flug und deutlich abgesetzter, ebenfalls zylindrischer Kammer, und als durchgehende Eigentümlichkeit haben alle Rohre eine wulstförmige Mundfriese und einen dem späteren Bodengesimse entsprechenden Wulst am hinteren Ende der Kammer, der augenscheinlich eine breitere Fläche zur Aufnahme des Rückstoßes bilden sollte (Fig. 3).

 

1 Vgl. hierüber den Aufsatz; «Die älteren Hinterladungsgeschütze» in Band II, Heft 1 u. 2 dieser Zeitschrift

 

Fig. 3.
Fig. 3.

 

Als Lafetten dienen meist viereckige Plateauwagen aus dicken Bohlen mit niedrigen Blockrädern. Ein senkrecht durch die kurze, starke Deichsel (zugleich Lafettenschwanz) gesteckter Pfosten mit Vorstecklöchern dient zum Richten. Die Rohre sind mit Eisenbändern auf der Plattform befestigt. In einigen Fällen liegt das Rohr, seitlich durch Pfosten vor dem Herunterrollen gesichert, auf einem vierrädrigen Plateauwagen, der hinten ein starkes Widerlager trägt, und über diesem, einem Brunnenschwengel gleichend, einen langen Hebel mit Kette und Haken. Offenbar handelt es sich hier um ein schweres Geschütz, das nach jedem Schuss zum Laden hochgekippt wurde.

 

Bei einem anderen Beispiel befindet sich die Hebevorrichtung auf einem besonderen Karren, der hinter das Geschütz gefahren ist. In Fig. 4 dient ein solches fahrbares Hebezeug dazu, um ein schweres Rohr auf einen Transportkarren zu heben.

 

Neben diesem durch sehr zahlreiche Beispiele belegten Geschütztypus taucht hier eine Art Handfeuerwaffe auf. Es sind kurze Rohre von anscheinend 4—5 cm Kaliber, z. T. mit deutlich abgesetzter Kammer, z. T. hinten konisch zugehend und stets in eine lange, angeschmiedete Handhabe auslaufend. Die schwersten Rohre dieser Art, die schon leichtere Geschütze darstellen, liegen in Bockgestellen und z.T. auf Karren mit Schutzschilden und gestatten im Gegensatz zu den Rohren des ersteren Typus ein leichtes Richten nach allen Seiten. Die kleinsten derartigen Rohre sind so leicht, dass sie zu Dutzenden zusammengeschnürt von Mauleseln getragen werden.1

 

1 In dem Aufsatz Band I, Heft 11, S. 277 ff. dieser Zeitschrift ist die obige Quelle ebenfalls benutzt worden. Dort sind auf S. 277 die mit jenen Waffen bepackten Maultiere und auf S. 279 der vom Pferd schießende Ritter nach dem Original wiedergegeben, worauf hier verwiesen sei.

 

 

Fig. 4.
Fig. 4.

 

Man sieht diese kleinen Rohre in den verschiedensten Kombinationen, auch zu Orgelgeschützen vereinigt. Ein Ritter hat das Rohr an einer Schnur um den Hals gehängt und schießt vom Pferd, wobei er den vorderen Teil des Rohres durch eine am Sattel angebrachte Gabel unterstützt. Außer Vollkugeln in direktem Schuss schießen die schwereren Kaliber auch hohle Brandbomben und Brandpfeile. Auch einzelne Kammern mit Liderungsansatz und Henkel sind abgebildet, allerdings gehören dieselben zu einem senkrecht angeordneten, mörserartigen Geschütz, in das sie seitlich hineingesteckt werden, eine absurde Idee, die aber die Kenntnis der Hinterlader mit beweglicher Kammer beweist. Diese selbst sind merkwürdigerweise nirgends angedeutet.

 

Zur Entschuldigung dieser Abschweifung möge der Hinweis darauf dienen, dass die Veröffentlichung Berthelots noch zahlreiche andere Beispiele für die Verwendungsart des Feuergeschützes bietet, deren Besprechung zwar recht wünschenswert wäre, aber von dem eigentlichen Thema zu weit abführte. Aus dem Gesagten erhellt indessen bereits zur Genüge der Charakter der Artillerie, welche Kurfürst Friedrich I. auf seinem Zug gegen den pommerschen Herzog mit sich führte. Dass sich hierunter bereits Hinterlader in größerer Zahl befanden, deren Hauptwirkung der großen Rohrlänge wegen im Schuss mit der einzelnen Kugel auf verhältnismäßig große Entfernung bestand, kann wegen des Umstandes, dass der Kurfürst den Gegner bis in nächste Nähe herankommen ließ, bezweifelt werden.

 

Auch die moralische Wirkung des Kugelschusses entspricht nicht der geschilderten. Viel eher ist anzunehmen, dass es sich um die damals die Regel bildenden Geschütze mit fester Kammer und zylindrischem Flug gehandelt hat, welch letzterer eine erhebliche Anzahl faustgroßer Steine aufzunehmen vermochte und damit auf etwa 50 Schritt Entfernung einen äußerst wirksamen Kartätschschuss geliefert haben dürfte.

 

Eine Abbildung des italienischen Manuskripts zeigt, dass man als Urform der Kartätsche mit derartigen Steinen gefüllte Säcke in das Rohr lud. In den dichten Haufen der in den engen Straßen Angermündes zusammengedrängten Angreifer musste die Wirkung in jeder Weise furchtbar gewesen sein. War der Schuss gefallen, so verstrich allerdings eine Zeit von schätzungsweise wenigstens 15 Minuten, insonderheit bei Nacht, bis ein Rohr von etwa 6 Zentnern Gewicht wieder schussbereit war. Es musste aus der Kammer durch Kratzen und Waschen zunächst die feste Kruste des Pulverrückstandes, über den noch im Anfang des 16. Jahrhunderts so sehr geklagt wird, entfernt werden, man gab dann dem Rohr durch Senken des hinteren Endes der Lade etc. eine schräge Lage, brachte die Pulverladung ein und stampfte sie fest und schlug endlich den Holzpflock in die Kammer. Nun erst konnten neue Geschosse in den Flug gebracht und mit Rasen etc. festgelegt werden, falls nicht, wie oben erwähnt, ein mit Steinen gefüllter Sack angewandt wurde.

 

Dass unter solchen Umständen während des Sturmangriffs der Pommern jedes Geschütz nur einmal zum Feuern kommen würde, darüber dürfte sich der Kurfürst vollkommen klar gewesen sein. Anscheinend verbürgt ist nun aber, dass der von den nachdrängenden Pommern verursachte zweite Ansturm durch einen erneuten Kartätschhagel zum Stocken gebracht und dann durch die blanke Waffe abgewiesen wurde. Man kann daher nur annehmen, dass der Kurfürst, des zweiten Sturmes, der doch höchstens fünf Minuten auf sich warten ließ, gewärtig, zunächst nur einen Teil der aufgestellten Geschütze — zwei davon dürften unter den vorhandenen Verhältnissen für die geschilderte Wirkung genügt haben! — abfeuern ließ und die anderen für den zweiten Angriff in Bereitschaft hielt. Die Feuerdisziplin wäre in diesem Fall allerdings bewundernswert und nur durch die persönliche Einwirkung des Kurfürsten zu erklären gewesen.

 

Nimmt man an, dass bei jedem der beiden Angriffe nur zwei Geschütze in Tätigkeit gewesen, und dass die Eingänge aller vier Straßen gleichmäßig armiert gewesen sind, so muss der Kurfürst 16 derartige Geschütze mit sich geführt haben, eine Anzahl, die zu jener Zeit für eine Heeresmasse von etwa 8000 Mann als durchaus reichlich bezeichnet werden muss, aber nicht zu hoch gegriffen sein dürfte, da der Kurfürst in den Kämpfen gegen den Adelsbund bereits ausreichend Gelegenheit gehabt hatte, den Wert des Feuergeschützes gebührend zu schätzen.

 

Die kriegsgeschichtlichen Beispiele dürften selten sein, in denen ein durchschlagender Erfolg so ausschließlich durch die in jeder Beziehung nach ihren Vorzügen und Nachteilen so eingehend erwogene und mit solchem Geschick, Scharfsinn und, man muss auch sagen Glück angewandte neue Waffe erzielt wurde. Jedenfalls war die Anwendung des Feuergeschützes so, wie sie erfolgte, unter den vorliegenden Umständen die denkbar wirksamste. Die damalige Zeit kannte nur den Kampf der gewappneten Krieger mit der blanken Waffe Mann gegen Mann, eine Kartätschverteidigung im Sinne der heutigen Abweisung von Stürmen auf moderne Forts, wie hier geschehen, war etwas noch Unbekanntes. «Der Kurfürst,» sagt Exzellenz v. Boguslawski in seiner Schlusskritik, «rechnete eben richtig mit seiner Zeit und setzte ihr etwas Neues entgegen. Und wer dies richtig versteht, dem wird es jeder Zeit ein großes Übergewicht über den Gegner verleihen.»

 

Die geschilderte Schwerfälligkeit in der Bedienung der Geschütze jener Zeit schloss ihre Verwendung im Feld und zur direkten Unterstützung eines Sturmangriffs noch fast völlig aus, daher wird auch von einer Tätigkeit der pommerschen Artillerie, die wohl zweifellos, wenn auch in geringerer Stärke, ebenfalls vorhanden gewesen sein wird, nichts berichtet. Erst die Mitführung der Geschütze auf verteidigungsfähigen Wagen und die Verwendung der letzteren als Wagenburg, wie sie von den Hussiten mit größtem Erfolg durchgeführt wurde, machten das Geschütz wenigstens für das Positionsgefecht im Feldkrieg verwendbar, bis in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch Schaffung leicht fahrbarer Lafetten und die durch allmähliche Einführung gekörnten Pulvers auch bei der Artillerie erleichterte Ladeweise der Charakter des Feldgeschützes immer mehr zur Geltung kam.


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 3. Dresden, 1900-1902.