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Waffengeschichtliche Studien aus dem Deutschordensgebiet

Von Bernh. Engel, Landgerichtsrat in Thorn.

 

IV.1 Darstellung von Rittern auf einem Schrank aus dem 14. Jahrhundert im Dom zu Marienwerder, Westpreußen

 

Im Dom zu Marienwerder befindet sich ein Schrank, welcher beiderseits (vorn und hinten) mit Türen versehen ist, also darauf berechnet war, frei aufgestellt zu werden. Die Türen sind mit Temperamalereien bedeckt, von welchen indes nur die eine, nebenstehend (Fig. 1), in verkleinertem Maßstab wiedergegebene Krieger darstellt. Die Malereien befanden sich früher in schlechtem Zustand, sie sollen einer Zeitungsnachricht zufolge neuerdings wiederhergestellt sein. Ob dabei, wie leider so oft, der Wiederhersteller eigene Zusätze gemacht hat, vermag ich nicht zu sagen, da ich den Schrank seither nicht gesehen habe. Fig. 1 ist die Verkleinerung einer Pause, welche ich noch vor der Wiederherstellung entnommen habe.

 

Es sind fünf Ritter, welche um einen Altar knieen; hinter diesem steht ein (hier fortgelassener) Geistlicher. Der vorderste Ritter ist bei weitem sorgfältiger ausgeführt als die hinteren; namentlich gilt dies von der Schattengebung, welche teils durch Striche, teils durch kleine in den Kreidegrund eingedrückte Pünktchen bewirkt ist. Von letzteren sind die größeren Punkte, welche Nieten darstellen sollen, wohl zu unterscheiden.

 

Alle Ritter tragen große, spitze Beckenhauben, welche tief in den Nacken herabgehen. Die eine hat vorn einen Grat, zwei sind mit deutlich dargestelltem Visier versehen. Bei dem vordersten Ritter ist dasselbe an beiden Seiten drehbar, während es bei dem darüber sichtbaren Ritter anscheinend mittels eines in der Mitte der Stirn befindlichen Scharniers auf und nieder zu klappen ist. Dieses Visier zeigt eine missratene perspektivische Zeichnung. Außer dem Visier hat diese Beckenhaube anscheinend eine Verstärkung, wie solche auch bei der Haube des neben ihm befindlichen Ritters zu erkennen ist.

 

Der Nebenmann des letzteren trägt die einfache Beckenhaube, während diejenige des fünften, vorne rechts, wohl auch ein (schlecht dargestelltes) Drehvisier besitzt. An die Beckenhaube schießt sich bei allen Rittern die Ringhalsbrünne, welche das Kinn einschließlich Mund bedeckt und unterhalb nicht mit der Leibwehr zusammenhängt, sondern über dieselbe hinüberfällt. Ob die Brünne unter der Beckenlaube auch den Kopf bedeckt oder an den Rand derselben angehängt ist, ist nicht deutlich; Kloben sind nicht dargestellt, und die Punkte um den Rand der vordersten Beckenhaube sollen wohl nur Futterlöcher kennzeichnen oder Nieten zur Befestigung eines durch den Strich dahinter angedeuteten Verstärkungsstückes.

 

1Neben den mit Nr. 1 und 2 bezeichneten Aufsätzen S. 94—102 wird der in Band I, S. 195 —199 und S. 228—233 enthaltene Aufsatz als dritter mitgezählt.

 

Fig. 1. Darstellung von Rittern auf einem Schrank aus dem 14. Jahrhundert im Dom zu Marienwerder, Westpreußen.
Fig. 1. Darstellung von Rittern auf einem Schrank aus dem 14. Jahrhundert im Dom zu Marienwerder, Westpreußen.
Fig. 2. Von einem Glasgemälde (Kreuzesgruppe) in der katholischen Pfarrkirche zu Kulm. ca. 1350.
Fig. 2. Von einem Glasgemälde (Kreuzesgruppe) in der katholischen Pfarrkirche zu Kulm. ca. 1350.

Den Oberkörper bedeckt ein kugelförmiger Lendner mit einem aus mehreren aneinander genieteten Folgen bestehenden Schurz, auf welchem der Dupsing ruht. Ob diese Folgen aus Eisen oder Leder zu denken sind, muss dahingestellt bleiben, da die ganze Rüstung in Gold gemalt ist. Arme und Beine stecken in eisernen Röhren; am Unterarm ist das Scharnier deutlich erkennbar. Schultern, Ellbogen und Knie sind mit Kacheln bedeckt, welche vielleicht nur aus Leder bestehen und eine eiserne Verstärkungsplatte haben.

 

Die Hände tragen Stulphandschuhe mit Fingern; letztere sind wohl aus Leder, da sie keine Schuppen haben. Die Füße sind dagegen geschoben. Die beiden sichtbaren Schwerter haben abwärts gebogene Parierstangen, das eine einen länglichen, das zweite einen scheibenförmigen Knauf. Drei Ritter führen Lanzen mit mächtigen rautenförmigen Eisen mit Grat. Zwei Lanzen sind mit zweilappigen Fähnchen versehen, welche beide oben schwarz unten rot gemalt sind.


V. Krieger von einem Glasgemälde (Kreuzesgruppe) des 14. Jahrhunderts in der katholischen Pfarrkirche zu Kulm a. W.

 

Der Krieger (Fig. 2) trägt den Lendner, welcher vorn vier große Knöpfe zeigt. Der Schurz besteht nicht aus Folgen wie bei Fig. 1. Er ist von dem Dupsing bedeckt. Die Beine stecken in eisernen Röhren mit Scharnieren. Die Füße sind geschoben. Die Kniebuckel treten halbkugelförmig hervor. Die Ärmel sind aus sogenanntem ledersteifigem Panzerwerk. Die Stulphandschuhe sind gefingert, die Finger geschoben. Auf dem Kopf trägt der Krieger eine Kappe (als Unterlage für den Helm).


VI. Gedächtnistafel in der St: Johanniskirche zu Thorn.

 

In der Sakristei der St. Johanniskirche zu Thorn wird eine Gedächtnistafel aufbewahrt, welche der Umschrift zufolge ursprünglich in der Kirche selbst gehangen hat. Die Tafel zeigt in Temperamalerei einen knienden Ritter, nach links gewendet (Fig. 3), vor der sitzenden Jungfrau Maria, welche den mit einem Apfel spielenden Jesusknaben auf dem Schoss hält. Hinter dem Ritter steht eine Heilige. Der Rahmen der Tafel trägt eine gotische Minuskelinschrift, bei welcher leider die Namen durch Feuer zerstört sind. Sie lautet, soweit lesbar:

 

Sub . isto . lapide . ante . maius . altare . iacet . corpus . Generosi . domini . iohannis . k (.) omb (...) castellani . land (?) en . qui . fuit . interfectus . (cor[am]) . mai(!)ienburg . fe[r]ia . qui[n]ta . ip[s]o . die . ad . vincula . pet[ri] . an[n]o . d . 1. IIII . (d. h. 1454). In den Bau- und Kunstdenkmälern des Kreises Thorn (S. 261) ist die Umschrift nicht genau wiedergegeben, insbesondere ist das -— allerdings auch dort mit einem ? versehene — Wort hinter castellani «torunii» unrichtig. Ich lese «land(?)en». Hinter iohannis erkenne ich ein k, darauf folgt eine ausgebrannte Stelle in der Breite von etwa acht Buchstaben, deren letzter ein d zu sein scheint. Weiter erkenne ich omb; dann sind wieder zwei oder drei Buchstaben unleserlich.

 

Glücklicherweise ist neben dem Ritter sein Wappenschild angebracht, eine linksgelehnte Tartsche, welche in rot einen weißen, mit drei roten Rosen belegten, linken Schrägbalken zeigt. Es ist das polnische Wappen (herb) Doliwa. Dasselbe wird allerdings von mehr als 120 Geschlechtern geführt; indes hat der Anfangsbuchstabe des Namens k sowie die genaue Angabe des Todestages und -ortes mich die Persönlichkeit des dargestellten Ritters finden lassen. Die in den scriptores rerum Prussicarum abgedruckten Chroniken enthalten nämlich folgende bezügliche Aufzeichnungen: Band III, S. 673. 1454 am Tage Petri Kettenfeier [1. August] fiel vor Marienburg ein Wojwode und unter den Gefangenen befand sich ein polnischer Ritter «her Kott genant. Er war des aldenn ertzbischoffs von Gnyssenn bruder. Er was scre gewundt. Darnach starbe Peter Kott, den sandt der herre hoemeyster denn feyndenn in das heer unnd dy Polenn sanndten inn ghen Pollenn ghen Gnyszenn» (Gnesen). Band IV, S. 129, heißt der gefangene Pole «Pan Kath, hernn Vincencius etwan des ertzbyschoffs von Gnysen bruder. Der was sere gewundt, u. syn sunn wardt erschlagen.»

 

Der Erzbischof Vincenz (II) von Gnesen, 1436 bis 1448, führt das herb Doliwa1. Den Geschlechtsnamen kennt Niesiecki nicht. Nach obigen Aufzeichnungen lautet er Kott oder Kath, richtig Kot oder Koth.2 Dort wird auf das mir unzugänglich gewesene Werk von Korytowski: Arcybiskupi gniezniensqy (die Erzbischöfe von Gnesen) Bezug genommen. Unser Ritter ist also der vor Marienburg erschlagene Sohn des Peter Kot. Er war der Umschrift zufolge Kastellan. Bei Niesiecki finde ich ihn nicht. Ebenso wenig vermag ich zurzeit die hinter „iohannis k(ot)“ ausgefallenen Buchstaben mit Sicherheit zu ergänzen; ich vermute «her[edis]. d[e]. (d)omb... »

 

Nun zu der Figur des Ritters selbst. Leider haben sich die Bretter in der Längsfuge gelöst. Infolgedessen ist die Kreide hier abgesprungen; doch ist das Wesentliche erkennbar. Der Ritter trägt einen ähnlichen Harnisch wie Herzog Heinrich der Reiche von Bayern (gest. 1450)3. Die Brust weist vorn einen Grat auf und ist nach unten hin, wie der Schatten ergibt, ziemlich scharf abgesetzt, so dass sie einer Tapulbrust ähnelt. Auch die fünf Bauchreifen haben den Grat, sie verbreitern sich nach unten hin beträchtlich, der unterste Reifen ist vorn dreieckig ausgeschnitten.4 Der obere Rand des Bruststücks ist nur an der linken Schulter erkennbar. Über dem Rand erscheint noch ein schmales Stück des Ringpanzers, welcher unter dem Blechharnisch den ganzen Oberkörper bedeckt und bis an die Kniebuckel herabreicht. Er ist am unteren Rand gezackt.

 

Besonders bemerkenswert sind die weiten, am Rand gleichfalls gezackten Ärmel, welche noch an die Bewaffnung des 14. Jahrhunderts erinnern.5 Ob der Ritter unter den Ringärmeln noch Blechröhren trägt, ist nicht erkennbar. Am linken Handgelenk ist ein Querstrich sichtbar; rechts ist die Kreide abgesprungen. — Die Hände sind ebenso wie der Kopf unbedeckt.

 

1Niesiecki, herbarz Polski, Bd. I, S. 24.

2Vgl. v. Zernicki, der polnische Adel, Bd. I, S. 457.

3Hefner-Alteneck, Trachten, alte Ausgabe Bd. II, Bl. 175.

4Vgl. Hefner-Alteneck a. a. 0., Bl. 90 u. 168.

5Vgl. Hefner a. a. O., Bl. 146 rechts.

Fig. 3 Von einer Gedächtnistafel in der Thorner Johanniskirche.
Fig. 3 Von einer Gedächtnistafel in der Thorner Johanniskirche.

Die Schultern sind mit Blechen bedeckt, welche nach unten hin eine Folge haben. Vor der rechten Schulter hängt eine kreisrunde, zu einer scharfen Spitze ausgezogene Schwebescheibe. Gleiche Scheiben sind an den Ellbogen befestigt. Die Bekleidung der Oberschenkel wird durch das Ringhemd verdeckt.

 

Die Kniebuckel erscheinen übermäßig groß, wohl nur durch Schuld des Malers und durch den Umstand hervorgerufen, dass der Ritter kniend dargestellt ist. Auf der Außenseite des rechten Buckels ist die untere Hälfte der kleinen Muschel sichtbar; der obere Teil ist durch das Ringhemd verdeckt. Oben und unten haben die Buckel ein einfaches Geschübe.

 

Die Unterschenkel stecken in Röhren. Die Eisenschuhe sind viermal geschoben. Darüber sind Sporen mit breitem Bügel und langem, etwas aufwärts stehendem Hals geschnallt.

 

Schließlich sei bemerkt, dass das Bild vermutlich zu Anfang des 18. Jahrhunderts: durch den Burggrafen Rubinkowski, welchem noch andere ähnliche „Verschönerungen“ nachzuweisen sind, mit folgender Inschrift versehen worden ist: «Caratiolus Venetus magister Crucigerorum Ao. 1268 vixit An. 8». Zugleich ist auf die rechte Schulter des Ritters das Hochmeisterkreuz gemalt worden.

 

Nachträglich erhalte ich durch die Güte des Herrn Polizeihauptmanns v. Zernicki folgende Hinweise, welche meine Erklärung der Inschrift bestätigen: Niesiecki gibt in Band III, S. 358, 359 den in Band I fehlenden Geschlechtsnamen des Erzbischofs Vincenz als Kot oder Koth an; ebenso bei Paprocki und Korytkowski, welcher hinzufügt, dass V. sich aus Dembno schrieb und stammte. Es wird also zu lesen sein «heres de dembno». Die Lesart castellanus landen[sis] bestätigt sich dadurch, dass es einen Ort Namens Lad oder Led, dass a und e wie on bzw. en gesprochen, im Deutschen und Lateinischen Landen bzw. Lenda, in der Woiwodschaft Kalisch unweit Gnesen gibt, welcher Sitz eines Kastellans war. Für die fragliche Zeit (1436—62) hat Niesiecki in der Aufzählung der Kastellane eine Lücke, in welche also Joh. Kot einzufügen ist.


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 9. Dresden, 1900-1902.