Die Bibliothek des germanischen Museums enthält unter Nr. 7121 ein hebräisches Pergamentmanuskript von 42 Blättern, welches reich mit Illustrationen versehen ist, die, mit Tinte gezeichnet, mit Lokaltönen koloriert unter seltener Anwendung von Schattierung, dagegen reich mit Gold und Silber ausgestattet, die breiten unteren und die ähnlich breiten äußeren Seitenränder der Blätter ausfüllen, teilweise ganze Seiten bedecken. Die Schrift ist mit äußerster Sorgfalt hergestellt, teilweise mit Überschriften in Gold und Farbe geziert. Die Illustrationen haben das Missgeschick erlitten, dass später in ziemlich derber Weise die Konturen mit schwarzer Farbe nachgefahren, auch einige Schattierungen in Schwarz angegeben wurden, wodurch die Malereien, die ursprünglich auf die feinste Miniaturausführung angelegt worden sein mögen, roh geworden und nicht mehr der sorgfältigen Durchführung der Schrift ebenbürtig sind. Dabei lässt sich auch nicht mehr feststellen, ob allenthalben die ehemalige Vorzeichnung genau beibehalten ist.
Diese Frage ist für die Zeitbestimmung der Malereien aber wichtig. Ein zur Zeit hier sich aufhaltender Hebraist, Herr Epstein, behauptet, dass das Buch den Schriftzügen nach nicht später entstanden sein könne als im 13. Jahrh. Auch zeigt sich da und dort in der Ornamentik der romanische Stil mit Entschiedenheit festgehalten, während der Hauptsache nach doch schon der gotische in seiner früheren Ausbildung erscheint. Einzelheiten aber, insbesondere die Bewaffnung, gehören so entschieden der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. an, dass nur die Annahme der späteren Überarbeitung es möglich erscheinen lässt, an eine frühere Entstehung der Illustrationen zu denken. Ohne solche müsste das Buch in die Zeit von etwa 1480–1500 gesetzt werden. Und doch wäre es kaum denkbar, dass so viele Überbleibsel der früheren Zeit sich finden sollten, wenn das ganze Werk erst so spät entstanden wäre. Freilich, in welchen Kreisen ist es entstanden? Welchen Kreisen der Gesellschaft sind die Vorbilder entnommen, nach denen der Maler sich richtete?
Da tritt uns denn auch ein Zwiespalt entgegen. Man wird naturgemäß zuerst an einen Juden als Maler denken, wie ja wohl nur ein Jude als Schreiber anzunehmen und die Verbindung zwischen der Miniaturmalerei und der Schreibkunst eine so natürliche ist, dass wir recht wohl auch dem israelitischen Schreiber selbst die Kunst des Zeichnens und Kolorierens zutrauen müssen. Dass ein Israelite die Bilder gezeichnet, wird nach der Ansicht des Herrn Epstein noch wahrscheinlicher durch die Tatsache, dass die Bilder einzelne, dem Talmud entnommene Züge wiedergeben, die zwar an den Text anschließen, aber in demselben nicht enthalten sind, sodass wir den Maler von jüdischer Gelehrsamkeit beeinflusst sehen. Aber er war auch von christlichen Bildern so weit beeinflusst, dass teilweise seine Orthodoxie Schaden gelitten hat. Die Engel z. B. stellt er ganz in christlicher Weise, ohne Rücksicht auf israelitische Traditionen, dar. Im Stile der Zeichnung, in der Art der Behandlung zeigt sich kein Unterschied von christlichen Malereien. War er also auch Jude, so stand er nicht isoliert; er hatte seine geistige Verbindung mit der christlichen Kunst.
Dass natürlich in einem Werke, das für einen jüdischen Besitzer hergestellt wurde, die Juden nicht in der von der christlichen Kunst ihnen zugewiesenen typischen Kleidung mit dem bekannten Spitzhute dargestellt sind, dass sie vielmehr ein allgemeines, auch von den Christen getragenes Zeitkostüm tragen, ist nicht zu verwundern. Aber wenn der Maler Jude war und deshalb vielleicht, wie sich auch in anderen hebräischen Manuskripten findet, einzelne ältere, in der hebräischen Schule zurückgebliebene Motive gewohnheitsgemäß noch später verwenden konnte, als sie in der christlichen Kunst heimisch blieben, so ist doch wiederum nicht zu denken, dass die Juden, wo sie keine spezifische Judentracht tragen mussten, eine hundert Jahre ältere Tracht getragen hätten. Gerade weil sie ein Zeitkostüm tragen, kann es nur das Kostüm der Zeit der Entstehung des Werkes sein. Und da haben wir so viele Anknüpfungspunkte an den Schluss des 14. und Beginn des 15. Jahrhunderts, dass wir die Entstehung eben jener Zeit zuweisen müssen.



Diese Vorbemerkung schien uns nötig, um unsere Zeitbestimmung zu rechtfertigen, nachdem wir schon auf Sp. 268 des vorigen Jahrganges auf das Buch hingewiesen und in Fig. 1 eine Anzahl Figuren
abgebildet haben.
Was nun den Inhalt betrifft, so enthält die Schrift Gebete und Betrachtungen biblischer Erzählungen, insbesondere für Festzeiten, die bei verschiedenen Gelegenheiten, teilweise beim Mahle selbst,
verlesen wurden, sodass das Buch noch Reste von Speisen an Flecken mancher Blätter aufzuweisen hat. Die Illustrationen stellen nun die biblischen Erzählungen dar, die, gleichwie bei der
christlichen Kunst, in das Zeitkostüm eingekleidet sind und eine ganze Reihe von Szenen aus dem Leben wiedergeben, wie es sich vor den Augen des Malers, vor den Augen der Andächtigen abspielte,
die das Buch lasen.


Es würde sicher für das Studium der historischen Entwicklung von israelitischer Gelehrsamkeit von Interesse sein, den ganzen Codex publiziert und erklärt zu sehen. Wir greifen inzwischen Einiges
heraus, was uns das Leben im Hause, in Küche und Keller vor Augen führt, soweit die stark mitgenommenen Bilder sich überhaupt wiedergeben lassen. Dies ist leider bezüglich des ersten Blattes,
eines der interessantesten, nicht mehr der Fall. Den Anfang des Buches (von rückwärts) bildet nämlich die Herstellung der ungesäuerten Brote, und als erstes Bild sehen wir, eine ganze Seite
füllend, die Windmühle dargestellt, zu welcher ein Esel mit Getreidesäcken geführt wird. Es ist aber derart beschmutzt und verwischt, dass nur eben noch ein Schein desselben vorhanden ist und
eine Wiedergabe uns nicht rätlich erschien; die folgende Seite zeigt in 7 Gruppen, von denen wir hier 5 wiedergeben (Fig. 1–5), den Brunnen, von welchem das Wasser genommen wird, und das Tragen
des Wassers (1) oben, wobei das Wasser in den Gefäßen vergoldet ist, wohl um anzudeuten, dass es kein gewöhnliches Wasser sei; das Herbeitragen (2) und Öffnen des Mehlsackes unten, die Bereitung
des Teiges in 3 Gruppen in der Mitte (3–5). Es sind die Sack- und Wasserträger, wie sie damals ihre Dienste für jedermann ausübten, in dessen Hause sie dienten; es ist die Hausfrau, wie sie ihr
Mehl in die Schüssel füllt und ihren Teig knetet; ebenso sah eine christliche Hausfrau aus, wenn sie Dampfnudeln buk, wie die Jüdin, welche ihr Osterbrot bereitete.
Auch der Backofen auf der folgenden Seite (Fig. 6) sah wohl allenthalben so aus, ob das schwarze Hausbrot, ob die Osterbrote darin gebacken wurden. Auch mögen christliche Knaben ebenso frisches
Brot oder Anderes genascht haben, wenn die Mutter eine besondere Speise aus dem Backofen brachte, wie hier die beiden, denen die Mutter das Verbot des verfrühten Genusses von Osterbrot
einschärft.

Wiederholt finden wir die Gesellschaft bei Speise und Trank am Tische. Wir können aber nicht alles wiedergeben; doch sind wir es wohl unsern Lesern schuldig, denselben die Darstellung einer Köchin zu geben, die auf freiem Feuer in einer Nische des geplatteten Bodens einen Topf stehen hat, bei welchem sie, der Hitze wegen möglichst entfernt, mit vorgebundener Schürze steht und mit dem Kochlöffel rührt, während ein anderer Topf am Haken von oben herabhängt (Fig. 7).


Zur Speise fehlt der Wein nicht. Im Keller wird er (Fig. 8) aus dem Hahn des Fasses in einen großen Krug gefüllt.
Wie sehr der Maler das Genrehafte liebte, geht daraus hervor, dass er auch als Kellerszene auf einem anderen Blatte eine Katze dargestellt hat, welche die reichlich vorhandenen Mäuse fängt. Wir
werden nächstens noch andere interessante Darstellungen aus diesem Kodex bringen.
Nürnberg.
A. Essenwein.
Quelle: Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 27. Jahrgang. Nürnberg, 1880. Januar.
