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Mitteilungen aus der Renaissance-Abteilung der Kaiserlichen Eremitage zu St. Petersburg - Fortsetzung

Fig. 1 bis 4. Parierdolche und Springklingen.
Fig. 1 bis 4. Parierdolche und Springklingen.

Von Staatsrat Eduard von Lenz.

(Fortsetzung.)

VII. Parierdolche und Springklingen.

 

Im Besitz der kaiserlichen Eremitage befinden sich einige interessante Exemplare von Fecht- oder Parierdolchen (Linkshändern), deren Besprechung uns Gelegenheit geben wird, der Frage über die Bestimmung der Springklingen näher zu treten.

 

Fig. 1 zeigt einen Parierdolch (C. 116) mit blankem, an der Basis schwach graviertem Handschild, 28 cm langen, an den Enden fein gegliederten Parierstangen und schmaler, kantiger, zur Hälfte mit zierlichem Ätzmuster bedeckter Klinge. Das Monogramm auf dem breiten Aufsatz dürfte «Maria» zu deuten sein; auf der entgegengesetzten Seite befindet sich an dieser Stelle eine flach ausgeschliffene Vertiefung von ovaler Form zum Anstemmen des Daumens. Wir möchten die Waffe als spanisches Erzeugnis aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ansprechen.

 

Besondere Aufmerksamkeit beanspruchen die vom Klingenansatz seitlich abzweigenden 7 cm langen Dorne, welche zweifellos als Klingenfänger anzusehen sind, wie schon daraus zu ersehen, dass ihre Innenseiten, so wie die entsprechenden Seitenflächen der Klinge selbst mit tiefen Einschnitten versehen sind, um ein rasches Entgleiten der zwischen Dorn und Klinge geratenen Waffe des Gegners zu verhindern. Eine scharfe Drehung des Dolches um seine Längsachse konnte die eingeklemmte Waffe zerbrechen oder sie dem Feind aus der Hand winden, aber selbst, wenn solche Kunstgriffe nicht gelangen, blieb doch der gefasste Degen für einige Augenblicke gebunden und aktionsunfähig.

 

Diese Konstruktion ist entschieden orientalischen Ursprunges und findet ihre volle Analogie in den frei über die Klinge hinausragenden Dornen der Mitteleisen an indischen, persischen und türkischen Schwertern und Säbeln (Fig. 2); noch auffälliger aber ist die Ähnlichkeit oder vielmehr Identität der Vorrichtung an den eigentümlich geformten Parierstangen des maurischen Schwertes zum Ausdruck gekommen, deren gerade, parallel mit den Schneiden der Klinge laufende Innenseiten genau denselben zum Einklemmen der feindlichen Waffe bestimmten Spalt bilden, wie die seitlichen Dorne an unserem Parierdolch (Fig. 3).

 

Es wäre damit ein nicht zu übersehender Hinweis auf die maurisch spanische Herkunft der Vorrichtung gegeben, oder wenigstens der Weg angedeutet, auf welchem das konstruktive Prinzip derartiger Klingenfänger aus dem Orient nach Spanien und Italien gelangt ist. Zu beachten ist jedenfalls, dass in der großen Menge der bis auf unsere Tage erhaltenen Parierdolche Klingenfänger der angegebenen Art höchst selten anzutreffen sind, vielleicht ein Beweis dafür, dass in Spanien selbst mit dem Erlöschen des maurischen Einflusses die betreffende Fechtweise bald außer Übung kam, in anderen Ländern aber überhaupt wenig Aufnahme fand und durch verbesserte Vorrichtungen ersetzt wurde.

 

Wir sehen z. B. an einem nur wenig jüngeren, durch die Toledaner Marke gleichfalls als spanischer Herkunft gekennzeichneten Fechtdolche (Fig. 4), die seitlichen Dorne schon verstümmelt und ihrer Bestimmung entfremdet, an einem dritten Exemplar italienischer, wohl Mailänder Arbeit, mit der prächtigen Inschrift «Non ti fidar di me si il cor manca» (Fig. 5) die Reminiszenz an die Klingenfänger bereits bis auf zwei praktisch durchaus unmotivierte kreisförmige Durchbrechungen abgeblasst.

 

Die Konstruktion hatte sich eben überlebt und war durch Besseres ersetzt worden, durch den Springklingendolch. Diese Waffe nun ist vielfach Missdeutungen ausgesetzt gewesen und merkwürdigerweise auch von dem hervorragendsten Fachmann — W. Boeheim — verkannt worden, weshalb es uns gestattet sein mag, einige Erwägungen zur Klarstellung dieser Frage vorzubringen.

 

A. Angelucci spricht die Waffe durchaus richtig als Fechtdolch an, dessen Bestimmung es war, den Degen des Gegners zu fassen und zu zerbrechen;1 M. Jähns2 spricht zwar vom «Dolch» im Allgemeinen, ohne der Springklingen besonders zu erwähnen, hat aber offenbar auch diese im Auge, wenn er sagt: «Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts dient der Dolch auch als Schwertfänger (Linkshänder) beim Fechten und tritt damit in den Kreis derjenigen Trutzwaffen ein, die zugleich als Schutzwaffe dienten.» A. Demmin3 sieht in dem Springklingendolch zwar einen «Linkehand», schreibt ihm aber deutschen Ursprung zu und lässt ihn «in den heimlichen Sitzungen der Femrichter bei Eidschwüren gebraucht werden, die im Namen der durch die drei Spitzen der Waffe symbolisierten Dreieinigkeit geleistet wurden.»

 

1Catal. d. Armeria Reale. Torino 1890, pag. 324: . . . . riducendo cosi l’arma un vero tridente molto proprio all’ offendere e al difendersi potendo facilmente con esso rompere la punta della spada all’ avversario.

2Entwicklungsgeschichte der alten Trutzwaffen. 1899. S. 151.

3Die Kriegswaffen. 1891. S. 760.

 

Fig. 5 bis 7. Parierdolche und Springklingen.
Fig. 5 bis 7. Parierdolche und Springklingen.

W. Boeheim endlich, der erklärte Feind aller Schauer-Romantik in der Waffenkunde, spricht diese Dolche gar nicht als Linkhänder an, sondern erblickt in ihnen ein besonderes, seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, «zahlreich in Italien auftretendes» Verstümmelungs-Instrument. „Wie bei Stangenwaffen“ sagt er in seinem Kapitalwerk «Waffenkunde»1 „so kommen auch, bei Dolchen die sogenannten Springklingen in Verwendung. Von den beiden Seiten des Blattes trennen sich zwei Teile ab, welche unterhalb in Scharnieren befestigt, durch einen Druck auf einen am Griff befindlichen Knopf, von Federkraft getrieben, nach auswärts schnellen. Der Zweck der Springklingen war die Wunde zu erweitern. Nach vollführtem Stoß wurde an der Feder gedrückt und die Klinge in geöffnetem Zustand rasch aus der Wunde gezogen.“

 

Die Unhaltbarkeit dieser — leider sehr verbreiteten Ansicht ergibt sich aus einer unbefangenen Betrachtung der fraglichen Waffe, von der wir nach einem im Besitz der kaiserlichen Eremitage befindlichen ausgezeichnet erhaltenen Exemplare (C. 158) zwei Ansichten in Fig. 6 und 7 bringen. Die Mittelklinge ist 34 cm, jede der Seitenklingen 24,5 cm lang; die Trennung der Springklingen von dem Mittelblatt beginnt 6 cm über der Dolchspitze, die Spannweite der ausgelösten Seitenklingen beträgt 22 cm.

 

Betrachten wir nun zunächst die Waffe — wie Boeheim es tut — nicht als Fechtdolch, sondern als für den speziellen Zweck des Wundenaufreißens hergerichtetes Instrument, so müssen wir vor allem im Auge behalten, dass die Auslösung des Federmechanismus, sei es nun ein Knopf, Schieber, oder — wie an unserem Exemplare — Haken, stets am Ansatz der Klinge angebracht war, und folglich die gewöhnliche Haltung des Dolches mit dem Daumen am Knauf unmöglich wurde; bei der hierdurch bedingten umgekehrten Handlage mit dem Daumen an oder vielmehr unter den Parierstangen, war aber die freie Wahl der am Körper des Gegners zu treffenden Stelle, die Richtung und selbst die Sicherheit des Stoßes so weit beeinträchtigt, dass die Beibringung einer «aufreißbaren» d. h. Fleischwunde, die nicht tödlich sein sollte, im höchsten Grad problematisch, wenn nicht ganz unausführbar wurde; denn tödlich sollte doch die Wunde nicht sein, an der Entstellung der Leiche konnte auch dem hartgesottensten Bravo nichts liegen, von Ausnahmefällen natürlich ganz abgesehen, für welche die «zahlreich» auftretenden Dolche unmöglich hergerichtet wurden.

 

Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Teilung der Springklingen erst 6 cm über der Dolchspitze beginnt, das unglückliche Opfer also erst 21/2 Zoll Eisen im Leibe haben musste, ehe mit der Operation des «Aufreißens.» angefangen werden konnte. Unter solchen Verhältnissen scheint es wohl vollkommen ausgeschlossen, dass unsere Waffe zur Beibringung schwerer, doch nicht tödlicher Verletzungen benutzt wurde, war aber Tötung beabsichtigt, so lässt sich das tatsächlich «zahlreiche» Auftreten derartiger Dolche doch wohl kaum dadurch erklären, dass die Waffenschmiede einer so regen Nachfrage nach einem immerhin komplizierten Apparat für Leichenverstümmelung zu entsprechen sich beeilten. Zwei, drei, zehn tödliche Stiche statt des einen, sinnloses Zerfleischen des Gefallenen — alles dieses ist dem tierischsten Mordgesellen näher, als das Auslösen eines Federmechanismus zur Erweiterung einer Wunde, aus der das Leben schon entflohen.

 

Die angeführten Erwägungen werden vielleicht genügen, um die Haltlosigkeit der Ansicht nachzuweisen, es sei ein «Erweitern der Wunde» der Zweck unserer Waffe gewesen; sollte aber die theoretische Spekulation nicht überzeugen, so mag ein praktisches Experiment nachgeprüft werden, welches nicht ermangeln wird, den gewünschten Beweis zu erbringen : wir haben nämlich mit dem Springklingendolch der Eremitage, dessen Federmechanismus ausgezeichnet erhalten ist und tadellos funktioniert, Versuche angestellt, welche erwiesen, dass beim Durchbohren einer dreifachen Schicht gewöhnlichen Schreibpapiers oder einer vierfachen Lage dünnen Postpapiers die Seitenklingen nicht im Stande waren, auseinander zu schnellen und das Papier zu durchreißen. Über welche Schnellkraft müsste also der Federmechanismus derartiger Dolche verfügen, um Lederhaut, Muskeln und Sehnen zu durchschneiden!

 

Das «Wundreißen» als Selbstzweck der Springklingendolche betrachten wir also als vollkommen ausgeschlossen, doch können wir uns auch nicht Angeluccis Ansicht rückhaltlos anschließen, die fragliche Waffe sei als Fechtdolch un vero tridente molto proprio all’ offendere gewesen; gerade die Dreizackform machte den Dolch in geöffnetem Zustand wenig geeignet, einen tiefgehenden, tödlichen Stich beizubringen, da die Seitenklingen das Eindringen der Waffe in den Körper nur behindern, in keinem Falle aber befördern konnten.

 

Somit erübrigt nur, den mit Springklingen versehenen Dolch als «Linkehand», Fecht- oder Parierdolch, anzusprechen, dessen Bestimmung war, den Gegner durch momentanes Festklemmen seines Degens zeitweilig oder durch Zerbrechen seiner Waffe gänzlich wehrlos zu machen, und in dieser Eigenschaft verkörpert der Springklingendolch fraglos einen bedeutenden Fortschritt im Vergleich mit seinem älteren Vorbild, dem maurisch-spanischen Klingenfänger mit feststehenden seitlichen Dornen; bei Handhabung des letzteren musste der Fechter den Degen des Gegners mit der Dolchspitze ausheben, um ihn längs der Klinge bis zum Seitendora gleiten zu lassen, während der italienische Parierdolch bei jedem Vorstoß in ungefährer Richtung gegen die feindliche Waffe dank der ca. 22 cm messenden Spannweite seiner «Sucher» den Degen treffen und veranlassen musste, an der schrägen Fläche einer der Seitenklingen entlang bis in den toten Winkel hinabzugleiten.

 

Das Prinzip an Trutzwaffen zugleich Vorrichtungen zum Entwaffnen des Feindes anzubringen, findet übrigens durchaus nicht nur in der Konstruktion der Fechtdolche seinen vereinzelten Ausdruck. Wie bereits oben bemerkt wurde, war der orientalische Schwert- und Säbelgriff genau demselben Zweck angepasst; ferner treffen wir Klingenfänger an den italienischen Glefen, Runka, an den Sturmsensen mit aufwärts gerichteten Haken, so wie an chinesischen und japanischen Helmbarden bis auf die neuere Zeit. Vollständig analog dem Springklingendolch erscheint endlich die Form der im 8. Heft dieser Zeitschrift besprochenen Stabrunka, deren als langer Hebelarm fungierender Schaft eine Entwaffnung des Feindes besonders erleichterte. Es war eben nur zu natürlich, dass dem zu allgemeiner Herrschaft gelangten Degen entsprechende Defensivvorrichtungen, wo irgend nur möglich, entgegengesetzt wurden, an Rundschilden, Stangenwaffen, Schwertgriffen, Parierdolchen — kurz überall, wo solche Konstruktionen sich mit Aussicht auf Erfolg anbringen ließen.

 

1Waffenkunde. Leipzig 1890. S. 302.


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 9. Dresden, 1900-1902.