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Vorläufer der Lokomotive im 17. Jahrhundert

Vorläufer der Lokomotive im 17. Jahrhundert.
Vorläufer der Lokomotive im 17. Jahrhundert.

Wenn wir unsere neuesten großen Erfindungen ins Auge fassen, so finden wir für viele derselben die Vorstufen lange vorbereitet. So auch für das Eisenbahnwesen. Eines der wesentlichsten Elemente desselben, der Wagen, der die Triebkraft in sich selbst führt, ist eine Erfindung des 17. Jahrh., wenn auch damals nichts anderes als eine mechanische Spielerei damit bezweckt war. Der großartigste derartige Wagen war der von Johann Kautsch (geb. 1595) anno 1649 zu Nürnberg gebaute[A], der auf 4 Rädern fuhr. Auf den rückwärtigen ruhte ein großer Kasten, in dem sich ein Räderwerk befand, das durch einige, gleichfalls in diesem Kasten befindliche und somit den Blicken verborgene Menschen getrieben wurde. Oben saß der Erfinder und leitete den Wagen, dessen vorderes Ende in einen Drachen auslief, der die Augen verdrehte und, wenn das Volk den Weg versperrte, Wasser ausspie. Ein Paar am Wagen angebrachter Engel hatte bewegliche Arme und blies die Posaune. 1650 kaufte Karl Gustav von Schweden diesen Wagen um 500 Thlr. und sendete ihn nach Stockholm. Später verfertigte derselbe Künstler einen ähnlichen Wagen als Triumphwagen für den König von Dänemark, nachdem er schon vorher Stühle für Podagristen in größerer Zahl gefertigt hatte, worin sitzend sich dieselben durch Kraft der Arme im Zimmer hin- und herbewegen konnten.

Ähnlich diesen Stühlen fertigte der gelähmte Uhrmacher Stephan Farfler[B] zu Nürnberg (geb. 1633, † 1689) Kunstwägen mit 3 und 4 Rädern, die durch Kurbeln getrieben wurden, welche ein in einem Kasten vor dem Fahrenden befindliches Räderwerk bewegten, das das eine oder die beiden Vorderräder trieb. Es ist fast genau dasselbe Fuhrwerk wie die Draisine, die bei Eisenbahnen gebraucht wird. Nur ist, da es sich hier darum handelte, auf gewöhnlichem Boden zu fahren, der ganze Apparat nichts anderes als eine Verlegung der Eigentätigkeit der Beine in die Arme. Die Arme müssen den Körper fortbewegen, müssen aber nicht bloß die beim Gehen aufwendete Kraft zur Fortbewegung des Körpers allein, sondern auch noch zur Fortbewegung des Wagens liefern, müssen außerdem noch all die Kraft aufwenden, die durch Reibung und Widerstand des Räderwerks in der Maschine erforderlich wird. Übrigens bleibt der Bau solcher Wägen stets eine interessante mechanische Spielerei, ähnlich anderen, die in der ihrer Erfindungsgabe und Kunstfertigkeit wegen berühmten Stadt Nürnberg damals gefertigt wurden[C].

Fertigte man in der Stadt des Witzes mechanische Spielereien, so wird es natürlich erscheinen, dass man in Holland, dem Lande der Windmühlen und der Segelschiffe, darauf ausging, den Wind als bewegende Kraft zu benützen, also die tierische Triebkraft durch eine Naturkraft zu ersetzen. Man baute daselbst die Windwägen, von denen der alte Merian[D] bei Betrachtung von Scheveningen schreibt: „Scheveringen, ein Dorf nahend dem Haag gelegen, allda die Wind-Wägen gewiesen werden, deren sich Prinz Moritz von Oranien bisweilen gebraucht hat, wann er neben des Meers Gestade spazieren fahren wollte. Und haben in einem solcher Wägen 28 Männer sitzen, und innerhalb zwei Stunden vierzehn holländische Meilen, nämlich von Scheveringen bis nach Pettem, mit solcher Geschwindigkeit fahren können, dass die vorüber rasende sie nicht haben kennen oder ein Pferd ihnen lang gleichlaufen können.“ Der Erfinder dieser Wägen ist der vornehme und berühmte Mathematikus Simon Steevinus gewesen.

Ob ein derartiger Wagen sich erhalten hat, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, auch waren uns bis jetzt keine Abbildungen zu Gesicht gekommen. Im Nachlass des bekannten Heideloff fand sich jedoch ein interessantes Stammbuch eines Andreas Setzinger, in das eine große Zahl hervorragender Personen, darunter auch Moritz von Oranien, ihre Namen eingezeichnet haben, und das mit dem Besitzer große Reisen machte und so mit ihm auch Holland sah[E]. Wie alle diese Stammbücher durch Malereien ausgestattet sind, so finden sich auch in diesem viele für die Kulturgeschichte, speziell für die Kostümgeschichte jener Zeit wichtige Malereien. Darunter kommt auch auf einem Blatt die Abbildung eines solchen, wie ein Schiff mit Segeln versehenen Windwagens vor, den wir seines Interesses wegen nachstehend in Größe des Originals abgebildet haben. Zwar sind auf demselben nicht 28, sondern (mit dem Steuermann) nur 6 Figuren gezeichnet. Ein offener Kasten mit hoher Rückwand, um die dem Wind ausgesetzte Oberfläche zu mehren, ruht auf vier Rädern mit sehr breiten Felgen (um nicht in den Dünensand einzuschneiden). In der Mitte erhebt sich ein Mastbaum, an dem eine Raa angebracht ist, die ein großes geschwelltes Segel trägt. Vorn ist ein Bugspriet, das gleichfalls mit einem Segel versehen ist. Eine Vorrichtung zum Lenken des Wagens musste am vorderen Ende angebracht sein. Die Zeichnung zeigt nur eine der Handhaben, ähnlich der des Steuerruders, in der Hand des Lenkers. Wohl um die Schnelligkeit anzuzeigen, ist ein Windspiel in vollem Lauf hinter dem Wagen angebracht.

Nürnberg.

A. Essenwein.

Fußnoten:
[A] Doppelmayr’s Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern etc. Nürnberg, 1730, S. 300, mit Abbildung.

[B] Daselbst, S. 302, mit Abbildung zweier solcher Wägen, von denen der vierrädrige noch im Original in der Stadtbibliothek zu Nürnberg erhalten ist.

[C] Hautsch, dessen Sohn und andere fertigten mancherlei große Schaustücke mit vielen beweglichen Figuren, ähnlich den an den großen Uhren des späteren Mittelalters vorkommenden beweglichen Figuren, s. Doppelmayr an verschiedenen Orten.

[D] M. Zeiller’s Topographia Germaniae Inferioris, das ist Beschreibung und Abbildung der vornehmsten Stätten, Festungen und Örter, sowohl im Grund als in Prospect, in den XVII niederländischen Provinzen liegend etc. Frankfurt bei Caspar Merian. Ausgabe von 1659, S. 150.

[E] Vgl. die Beilage zur vorigen Nummer des Anzeigers, vermischte Nachrichten, Nr. 76.


Quelle: Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 13. Jahrgang. Nürnberg, 1866. September.