Von Karl Schalk.
(Fortsetzung.)
II. Periode der Bürgerwehr von 1648 bis 1805.1
Im Jahre 1645 errichtete die Stadt einen Kursus zur Lehrung des «Stuckrichtens» durch den «beriemten kaiserl. Pixenmeister und Feuerwerker» Johann Gerst, und zwar für fünf Schüler; als Lehrgeld für den einzelnen wurden 12 Reichstaler festgesetzt.2 Um die Leistungen der Schüler zu erproben, wurden «Schimpf und Ernstfeuern» veranstaltet.
Im Jahre 1671, dem Jahr der Reaktivierung der Wiener Bürger-Artillerie, wurde ein Probeschießen und Ernst-Feuerwerk zu Ehren der Niederkunft der Kaiserin abgehalten. Damals gab es 50 bürgerliche „Büchsenmaister“; „Instructor“ war der Kaiserl. Feuerwerker Joh. Jacob Kochel.3
Solche Feuerwerks-Proben wurden auch in späterer Zeit abgehalten. Die städtischen Sammlungen (Gruppe: Bürgermilitär) besitzen Abbildungen von solchen aus den Jahren 1684, 1703, 1724 und 1734.
Im Jahre 1684 wurde in der Zeit vom 12. bis 16. September zur «Jahresbegegnuss des Entsatzs der kays. Residenzstatt Wien am Schpirckebiegel» (Spörkenbühel im heutigen IX. Bez.) vor dem Schottentor eine «Feuerwerks-Probe vorgenommen. Dabei wurde mit den alten und mit den neuen Feuerwerkern probirt». Die Compagnie der „Pixenmaister“ bestand damals aus 100 Mann. Zur Ergänzung dieser Zahl waren 12 „Feuerwergker“ und 50 „Pixenmeister“ vom verordneten „Zeugwarth“ zur Erlernung ihres Berufs aufgenommen worden.4 Im Jahr 1703 bestand die bürgerliche Feuerwerker- und Pixenmeister-Compagnie aus 115 Mann; zur Ergänzung waren 7 als Feuerwerker und 51 als Pixenmeister aufgenommen worden. Im Jahre 1734 bestand die bürgerl. Feuerw und Pixenm.-Compagnie aus 45 Feuerwerkern und 90 Büchsenmeistern, zusammen also aus 135 Mann. Die Ernst-Feuerwerks-Prob umfasste:
1. das Schießen nach der Scheibe aus 12 teils zweipfündigen doppelten Falkonetten, teils dreipfündigen Regimentsstücken auf 400 geometrische Schritte,
2. Werfen von Sturmsäcken durch die Scolaren,
3. Werfen von Bomben, Feuer- und Brandkugeln und Karkassen aus 6 sechzigpfündigen Pöllern nach einer improvisierten Festung in der Entfernung von 500 geom. Schritten,
4. Schießen auf diese Festung aus 2 Haubitzen mit Haubitzen-Granaten.
«Wassmassen gemainer statt Zeughaus allhier bey verwichener 1683jährigen Türkhischen belagerung nicht allein an denen alda vorhanden gewesten unterschidlichen munitions harten sehr geschwächt, sondern auch in die gröste Unordnung und verwürung gebracht worden», als hat der Stadtrat «alles dasjenige, so annoch verhanden, widerumb von neyn zu beschreiben undt zu inventiern veranlasst».5
Das Dekret dieses Inhalts datiert vom 19. Januar 1686. Das noch vorhandene Inventar des Jahres 1686 ist das Resultat dieses Beschlusses. An Geschützen, die sich in den «Stuckgewölben» im hinteren und vorderen Hof des bürgerlichen Zeughauses befanden, verzeichnet das Inventar: Fol. 20a) Im hinteren Hof: An
1. Haubitzen6 mit Jahreszahl 1562 (4 Zwölfpfundner), 1606 (2 Fünfpf. und 1 Siebenpf.) zusammen 7 Stück.
2. Stukh
A. Kleine Stückhe mit Jahreszahl 1571 (2 Dreiviertelpf.), 1572 (1 Dreiviertelpf.), 1575 (2 Dreiviertelpf.), 1653 (1 Dreiviertelpf.) zusammen 6 Stück.
B. Ainfache Falkhonet mit Jahreszahl 1554 (1 Eineinhalbpf., 3 Eindreiviertelpf.), 1572 (1 Eineinhalbpf.), 1606 (1 Einpf.) zusammen 6 Stück.
C. Doppelte Falkhonet mit Jahreszahl 1554 (3 Zweipf.), 1562 (1 Zweipfundner), 1579 (2 Zweipf.), 1680 (1 Zweipf.) zusammen 7 Stück.
(Fol. 22b) Im vorderen Hof:
a) Regimentsstückhe mit Jahreszahl 1662 (2 Dreipf.), 1678 (4 Dreipf.) zusammen 6 Stück.
b) Viertl Veldtschlangen mit Jahreszahl 1 5 54 (1 Fünfpf.) zusammen 1 Stück.
c) Falkhauner, Sechspfünder aus den Jahren: 1583(1)1608(1), 1678(3) zusammen 5 Stück.
d) Quartierschlangen mit Jahreszahl 1554 (i Siebeneinhalbpf. und 1 Achlpf.) zusammen 2 Stück.
e) Halbe Veldtschlangen mit Jahreszahl 1646 (2 Neunpf.), 1651 (2 Zehnpf.) zusammen 4 Stück.
f) Einfache Nothschlangen mit Jahreszahl 1644 (2 Achtzehnpf.) zusammen 2 Stück.
g) Doppelte Falkonet ohne Jahreszahl (2 Zweipf.) zusammen 2 Stück.
h) Metallene Polier mit Jahreszahl 1671 (2 auf 60 Pfund Stein) zusammen 2 Stück.
i) Metallene Mörser ohne Jahreszahl zusammen 2 Stück.
In Summa 52 Stück.
Die beiden Falkonette ohne Jahreszahl wurden von der Heraldischen Wittib im Jahre 1684 erkauft.
Von allen diesen hier angeführten Geschützen befindet sich heute kein einziges mehr in der Sammlung.7 Im Jahre 1705 wendete sich die Stadt Wien an den Kaiser mit der Bitte,8 dass — «nachdem auss Bayrn ein große anzahl der in denen durch die siegreiche kaiserl. waffen eroberten stätt und vestungen sich befundtenen metallenen stukhen hieher einige yberbracht worden und deren noch mehr, weillen widerumbn neue gefundten worden, nachfolgen sollen, als haben sie hiemit zu erindern, dass von gemainer statt zeughauss auss noch vor jahren unterschiedliche stückhl haubiczen, 1700 falcanetkugl, vill pulfer und 100 feuerröhr in dero kays. allhiesiges zeughauss seint vorgestreckht, zu dato aber noch nicht zuruckhgegeben noch guettgemacht worden sein, und wie zumahlen auch 20 in verwichen 1683jährigen Türkhischen belagerung von denen auss besagter gemainer statt zeughauss auf die wähl aufgefihrten stukhen fast die maiste, theils aussgeschossen, theils aber von dem feundt ruinirt und unbrauchbar gemacht worden, mithin dann sie nicht nur allein zu der reparir und umbgüessung, sondern auch zu widerergenz und einrichtung mehrgedacht burgerl. zeughauss, wüe nicht weniger erst jüngst zu mach und verwachtung der linien9 nambhafte uncosten anwendten und 6 stukh hergeben müessen, welche auch sehr verderbt worden,» — der Stadt einige von den «anhero gebrachten Bayrischen stukhn in das burgerl. zeughaus» überlassen werden.
Die Wiener erklären, «dass sowohl in der belagerung, vorderist aber bei jetziger entstandenen rebellion das zeughauss sehr gelährt und vill hundert musquetn und flinten ruinirt auch verzogen und verlohren wordn, wie sie dann auch dem Debentischen regiment yber 100 flinten angehändigt, und [diese] noch nicht restituirt worden».
Auf Beschluss des Consilium bellicum wird die Stadt mit Dekret vom 7. Dezember 170510 verständigt, dass der Kaiser resolviert habe, dass von der «anhero gebrachten Bayrischen artiglerie vier stukh, und zwar eines von großem und eines von mittern, die zwei übrigen aber von kleinen Sorten sollen abgefolgt und in specie solche ausgesucht werden, welche etwo irregulär und nach dem jetzigen gewöhnlichen caliber nicht seyn möchten».
Nach einem Verzeichnis aus dem Jahre 170611 wurden folgende bayerische Geschütze an das Zeughaus ausgefolgt:
1. Eine auss metall gegossene ganze carthaune mit dem löwenkopf und dem Bayrischen wappen in ihrer beschlagenen laveten auf aax und röder,
2. Ein metallen 7 pfund eisen schüsendes stukh oder schlänge mit dem Bayrischn wappen in ihrer beschlagenen laveten auf aax und rödern,
3. 4. Zwey metallene, jedes 1 pfund schüsende, stükhlen mit dem Bayrischen wappen in ihren beschlagenen laveten auf aax und rödern.
Am 17. Juni 1734 stellte der Rat an den Hofkriegsrat das Ansuchen, im kaiserlichen Zeughaus 12 neue „Regimentsstukh“ gießen lassen zu dürfen.12 Da es sich aber als wirtschaftlicher herausstellte, wenn die Stadt die Geschütze in eigener Regie herstellen würde, so errichtete sie im Jahr 1738 ein eigenes Gusshaus,13 das aber noch im Laufe des 18. Jahrhunderts außer Betrieb gesetzt wurde.
Von Geschützen, die in die zweite Periode der Bürgerwehr fallen, befinden sich in der Sammlung nur sechs größere und kleinere Mörser von 7, 10 und 12-pfünd. Stein-Kaliber nach dem System Coehorn14 (Kat.-Nr. 1147—1152), ferner 3 kleine Mörser mit den Originalschleifen aus dem Jahre 1736 (Kat-Nr. 1057, 1146 und 1146a). An die Bürger-Artillerie erinnern ferner 7 Luntenspieße aus dem 18. Jahrhundert (Kat.-Nr. 1155—1161) und ein Kanonenluntenstock mit Messingansatz (Kat.-Nr. 1164).
Ein Teil der älteren Geschütze ist dem Zeughaus im Jahre 1809 abhandengekommen. Johann Siess, Kommandant des Bürger-Artillerie-Korps, der seit 4. April 1805 in diesem Korps diente, gab im Jahre 1846 zu Protokoll,15 dass er sich erinnere, dass sich im Bürgerlichen Zeughaus gegenüber vom Eingang eine sehr große metallene, verzierte türkische Kanone, ebenda zwei bayerische Kanonenrohre großen Kalibers, ferner vom Eingang links etwa 12 Kanonenrohre befunden haben, die seinem Gedenken nach 1809 von den Franzosen weggeführt wurden, wogegen Napoleon den Bürgern 12 unbrauchbare kaiserl. österr. Kanonen schenkte, die angeblich Baron Diettrich wegführte.
Sebastian Böck, Leutnant im bürgerlichen Artillerie-Korps erinnert sich laut Protokoll an sechs Kanonen, die vor der Wegführung durch Andreossi im Jahre 1809 im Zeughause waren. Daselbst lagen auch zwei bayerische und ein paar türkische, auch ein paar schwedische mit Jahreszahl 1645, zusammen etwa 19 bis 20 Stück, die alle Feldmarschallleutnant Ferrari nach der ersten Invasion (1805) fortführen ließ.
Über die ruhmreiche Verteidigung der Stadt gegen die Türken im Jahre 1683 sowie den Anteil der Bürger an derselben zu sprechen, würde zu weit führen. Die zweihundertjährige Jubelfeier dieses Ereignisses im Jahre 1883 gab Veranlassung zu einer Ausstellung auf das Jahr 1683 bezüglicher Objekte, und darunter auch der über die Belagerung erschienenen Literatur, die im Ausstellungs-Katalog verzeichnet ist. Die im Jubeljahr neu zu Tage geförderten Bücher hat Uhlicz in den Mitteilungen des Instit. f. österr. Geschichtsforschung, Jahrg. 1884 besprochen.
Im Jahre 1741, da Bayern, Sachsen, Spanien und Savoyen nach Bourbonischem Plan sich verbanden, um den Habsburgischen Staat unter sich aufzuteilen, wobei Kurfürst Karl Albert von Bayern (der spätere deutsche Kaiser, seit 24. Januar 1742) seine Absichten durch Erbansprüche deckte,16 drangen die bayerischen und französischen Truppen bis St. Pölten, Totzenbach, Lembach und Gablitz vor und bedrohten die Hauptstadt. «Bey denen fürgewesten feindtsgefahren hat die Wiener burgerschaft, nachdem selbe in ordentliche piqueter eingetheilet worden, das erforderliche feuergewöhr sambt dem kurzen gewöhr aus gem. statt zeughauss ausgetheilet werden müssen. Weihen aber dieses gewöhr nach der zeit nicht widerumben zuruckhgestellet, sondern von der burgerschaft noch immer beybehalten worden», hat der Rat «zu hindanhaltung aller verdriesslichkeiten von rathswegen verordnet, dass auf absterben eines jedwederen burgers das feuer oder kurze gewöhr gleich bei anthuung der jurisdictionsspörr, und zwar in der statt von denen geschwornen rathsdienern, in denen vorstattsgründen aber von denen grundrichtern abgefordert und in das bürgerliche zeughauss uberbracht werden sollte».
Deshalb wendet sich der Rat in seinem Gesuch, expediert den 4. November 1743, an die Niederösterreichische Regierung17 mit den Worten: «Nun ist aber bekannt, dass sehr ville burger auf denen freygründen, allwo die unsere Ordnung wegen nicht competirender jurisdiction nicht ad effectum gebracht werden kann, wohnhaft seyen, so dass mithin kein anderes expediens übrig zu sein scheinet, als dass sie auf absterben eines unssrigen burgers das vorhandene feuer oder kurze gewöhr gleich nach dem todesfahl, von denen bereits verstorbenen aber von denen hinterlassenen erben gleichfalls abforderen und in gern, statt zeughauss überbringen sollen.»
Von den an die Bürgerschaft ausgeteilten Feuer- und Kurzgewehren wurden nach einem Ratsdekret an die Steuerhändler vom 11. Juli 174418 aller Orten Stücke «zu nicht geringem schaden des aerarii civici bey denen händlern zum verkauff gegeben,» und nach einem Ratsdekret vom 7. November 174419 waren zu dieser Zeit noch ausständig 1155 Stück Flinten und 95 Stück Kurzes Gewöhr. Ein netter Beitrag zur Geschichte der Ehrlichkeit eines gewissen Bürgertums in Wien.20
Die städtische Sammlung besitzt eine größere Anzahl von Unteroffiziers-Kurzgewehren, darunter zwei mit Jahreszahl 1764 (Kat.-Nr. 1161 und 1163), dann eines mit Jahreszahl 1740 und der Notiz, dass Franz Kreitzer, der Besitzer, bürgerlicher Handschuhmacher als Korporal das Kurzgewehr auf der Schützenstatt empfangen habe, ein Beweis, dass damals die Bürger-Infanterie sowie die Bürger-Artillerie Schießübungen veranstaltete. Im 15. und 16. Jahrhundert und noch später waren die bürgerlichen Schützengesellschaften von der Bürgerwehr unabhängig und selbständig.21
Eine Bürgeroffizierspartisane mit Inschrift: Nach 44.jähr. Diensten gestorben 23. Juni 1784 befindet sich unter Kat. in Gr.-Nr. 1176—1193. Im Jahre 1797, als Napoleon in Kärnten und Steiermark einrückte, bestand die Bürgerwehr aus 7.502 Mann.22
1Statt des Jahres eines Lokalereignisses (1645) wurde das für die deutsche Geschichte nächstliegende Epochenjahr 1648 als Zeitabschnitt unserer Periodeneinteilung gewählt.
2Uhlirz l. c. Bd. XXXI. S. 92.
3Oberk.-R. 1671, Ausg. Fol. 201a.
4Dies und das Folgende nach dem Text der betreffenden Stiche. Die früheste Beschreibung eines Probeschießens scheint laut Oberk.-R. 1677, Ausg. Fol. 164a im Jahr 1677 im Druck erschienen zu sein.
5Akt im Wiener St.-A. 2/1686. Im Bericht des im Jahr 1396 zum Kaiserl. Zeugwart in Wien ernannten Wolfgang Eglauer werden als im Besitz der Stadt befindlich erwähnt „8 Hauffnitzen und 52 Stuckh, große und klaine“ in Ber. u. Mitt. d. Alt.-Ver. VIII, S. CXLVIII.
6Über die Einteilung und die Namen der Geschütze vgl. Beck, Geschichte des Eisens Bd. II, S. 323ff.; ferner Michel Otts von Ächterdingen, Deutsche Kriegsordnung 1524, in Jähns, Trutzwaffen S. 360. Nach Boeheim, Meister der Waffenschmiedekunst S. 122 gilt Gregor Loeffler, gest. 1565, als derjenige, der die vier sogenannten Kaliber (Geschlechter) 1. Karthaunen, 2. Kanonen, 3. Schlangen, 4. Falken einführte. Kurz, Öst. Militv. zitiert Fuchs, Memorial wie ein Festung solle defendirt werden. Linz 1623 im Bd. II. 1. c. S. 380 ff.
7Auch in das k. u. k. Heeresmuseum scheint keines übergegangen zu sein. Vgl. Erben, Katalog des k. u. k. Herresmuseums. Wien 1899.
8Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 140/1705.
9Eine aus Wall und Graben bestehende, im Jahre 1703 um die Vorstädte gezogene Befestigung, die anlässlich der Einfälle der «Kurutzen», der Parteigänger des ungarischen Prätendenten Franz Rakoczy II., in Niederösterreich errichtet wurde, und später zur Abschließung des Wiener Verzehrungs-Steuergebietes diente. Die Linien wurden infolge der Einbeziehung der Vororte Wiens ins Stadtgebiet am 1. Januar 1901 aufgelassen. Ein gefangener und zur Schau ausgestellter «Kurutze» befindet sich auf der Reklametafel der Schaustellung abgebildet im Museum, Abt. II, Nr. 531, reproduziert in Szendrei, Ung. Kriegsg. Denkmäler S. 837.
10Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 140/1705.
11Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 8/1706.
12Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 35/1734.
13Zeitschr. f. hist. W. Bd. II, S. 170.
14Scheiger, Bürg. Zeughaus in Beitr. zur L. N.-Ö. Bd. III, S. 48. Von Menno Freih. v. Coehorn um 1680 erfunden und vom Prinzen Eugen im Jahre 1718 in der österr. Armee eingeführt. Vgl. auch Hendl, Archiv für deutsche Schützengesellschaften Bd. I, S. 236.
15Akt im Wiener St.-A. Hist. 9,1810.
16Krones, Grundriss d. österr. Geschichte S. 797. Die 8 Kompagnien Bürgerwehr umfassten damals 1474 Mann, Ottenfeld u. Teuber 1. c. S. 153.
17Konzept im Wiener St.-A. Alte Reg. 74/1743.
18Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 74/1743.
19Ebenda unter derselben Signatur.
20Auch heute herrscht wieder ein derartig schlimmer Geist in manchen Schichten, die sich sogar in Ehrenämter zu drängen wissen!
21Über die Schießstätten und Freischießen der bürgerlichen Armbrust- und Büchsenschützen handelt Schlager, Wiener Skizzen, Bd. V, S. 65 ff. Nach ihm ist Berthold «der sneider» der erste nachweisbare Schützenmeister im Jahre 1305. Dagegen hält Rieh. Müller in Gesch. d. St. Wien, Bd. II/I, S. 129, den schon im Jahre 1296 Erwähnten für einen herzoglichen Schützenmeister und als solchen für einen Hofwürdenträger. Aus den Kammeramtsrechnungen ergibt sich zum Jahre 1566 eine Unterscheidung in: «Stahlschützen, haggenschützen und schützen, die mit der zielpüxen schiessen» (Uhlirz 1. c. Bd. XXXI, S. 65), das sind Schützen mit der Armbrust, mit der Hackenbüchse und mit der Zielbüchse; die Zielbüchsen sind nach Flexel l. c. S. 27 «eisene rohr, damit da solt man lernen schiessen woll zu der scheiben und zu dem zill». Flexel dichtete im Jahre 1563.
22Kolb, Geschichte sämtl. Bürgermilizen des österr. Kaisertums im Österr. Bürger-Kalender für 1847, S. 107; teilweiser Wiederabdruck von Kolb, Die Fahnenweihe des k. k. Korps der bildenden Künstler in Wien. Wien 1843.
Bei der Artillerie hießen die Feldwebel: Oberfeuerwerker und die Korporäle: Bombardiere. Auf einer gleichzeitigen kolorierten Abbildung in der Sammlung (Gruppe: Uniformierte Korps, Inventar-Nummer 21029) ist unter Nr. 6 ein Repräsentant des Korps der Wiener Bürger und unter Nr. 7 ein solcher der bürgerlichen Scharfschützen in der Uniform aus dem Jahre 1797 abgebildet. Vergleicht man den Inhalt der Tabelle mit dem bisher Bekannten, so ergibt sich, dass sich aus den bisherigen 8 Kompagnien der Alten und der Jungen Viertel ein Regiment gebildet hat. An die alten Kompagnien erinnern die 8 Hauptleute und die 8 Fähnriche.
Im 16. Jahrhundert umfasste die ausrückende Bürgerwehr ungefähr 3.000 Mann, im Jahre 1797 aber 7.502 Mann. Außer dem Bürgerregiment und der seit 1645 bestehenden Bürger-Artillerie begegnet uns aber auch ein Ungarisches Korps und ein Bürgerliches Scharfschützen-Korps als Bestandteile der Bürgermiliz.
Das bürgerliche ungarisch gekleidete Korps wurde anlässlich der Krönung Josephs II. im Jahre 1764 gegründet.1 Dieses Korps trug gekrümmte Säbel, 84 Stück davon sind in der Sammlung (Kat. in 3 Posten).
Dem ritterlich-bürgerlichen Scharfschützenkorps widmete der Hof- und Kammerjuwelier Ignaz Würth, Mitglied des äußeren Rates und erster Fähnrich dieses Korps am 19. März 1770 die Fahne (Kat.-Nr. 1153), bei welcher Gelegenheit eine Festlichkeit stattfand.2
Anlässlich der im österreichischen Erbfolgekriege im Jahr 1741 Wien drohenden Gefahr bildete sich zum Schutz der Hauptstadt neben ephemeren, nach Beseitigung der Gefahr wieder verschwindenden Organisationen, wie dem Korps der Universität, dem der Großhändler und den sogenannten Schwarzpicknern ein aus 87 Mann bestehendes Korps der Hof-Akademie der bildenden Künste,3 das hier angeführt wird, weil es sich im Jahr 1797 als Teil des Aufgebotes mit 433 Mann rekonstruierte und am 5. November 1805 in die Bürgermiliz einverleibt wurde; im Jahre 1843 bestand es aus 353 Mann.
Die Sammlung besitzt die Fahne dieses Korps, die demselben aus Anlass der Erinnerungsfeier an die Gründung vor 100 Jahren gespendet wurde, mit Jahreszahl 1841 (Kat.-Nr. 1415). Wie in der ersten Periode des Bestandes der Bürgerwehr rückten die Bürger auch in der zweiten nicht nur im Ernst, sondern auch bei feierlichen Gelegenheiten aus. So im Jahr 1740 anlässlich des Einzugs der in Wien erschienenen Ottomanischen Großbotschaft.
Laut Befehl der zu Untersuchung und Einrichtung gemeiner Stadt Wien Wirtschaft angeordneten Hof-Kommission an die Stadt de dato 3. Mai 17404 wurde derselben bekannt gegeben, dass es zwar Ihr. K. Maj. allerhöchster Befehl sei, dass bei dem Einzug der Großbotschaft «die aldaige burgerschaft, gleichwie anno 1719 beschehen, sowol zu pferd als zu fuess zahlreich, net und wol equipierter erscheine, jedoch soll dieser aufzug auf das würthschaftlichste angestellet werden. Es solle blos allein denen inneren des raths und denen stadtgerichtsbeysiczern, und zwar denjenigen, welche den einzug würklichen zu pferd begleiten werden, einen rokh von schwarzen samet auf gern, stadt Unkosten verschafft und nebst diesen ihnen auf ein wol equipirtes pferd einen hinlänglichen beytrag als nemlichen einem seniori 200, einem inneren des raths 50 und einem stadtgerichtsbeisiczer 25 fl. gegen bescheinigung erlegt werden».
An den Stadt-Zeugwart Ospel erging am 9. Juli 1740 der Auftrag «die in dem burgerl. zeughause befindlichen schäberäckhen und andere hierzu erforderliche requisiten so viel, als er burgermeister der vonnöten haben wird, dem Joseph Täpler, gern, statt steurambtsverwanthen gegen dessen quittung; dem herrn Joseph Carl Freywillig aber als obristwachtmeistern das benötigte kurze gewöhr sambt denen gelben flinten vor die leibschüzen;5 dann dem Remmel die erforderliche cuirasse, pöckelhauben und goller gegen beeder umliegenden bescheinigung ausfolgen zu lassen».
Laut Dekret vom 20. August an den Oberkämmerer wurde derselbe angewiesen, «denen 8 haubtleuthen von denen 8 burgerl. infanteriecompagnien zu einem beytrag für die music jedem 63 fl, zusamben also 504 fl aus gern, statt obercammerambt verabzufolgen».
Da es beim Einzug, wie die erwähnten Kürasse, Pickelhauben und Koller beweisen, Berittene gab, dürften die vier Standarten aus der Zeit Karls VI. (Kat. im Gr.-Nr. 1071 und 1137) vielleicht anlässlich dieses Einzugs angefertigt worden sein.
An datierten Feuerwaffen aus dieser Periode weist die Sammlung auf: 30 Stück Musketenrohre samt Gabeln, Bandeliers und hölzernen Patronen-Kapseln mit Jahreszahl 1661 und Wiener Stadtwappen (Kat.-Nr. 775—782, 793—801 in Gr.-Nr. 818 u. 869), ferner 24 Wallbüchsen mit Jahreszahl 1661 und Wiener Wappen (Kat.-Nr. 1056 und 1058).
Im Jahre 1660 machte die Stadt eine Probebestellung auf 33 Stück neue Musketen «bei den Niderlendischen püchsenmachern und rohrschmidten zu Wiener Neustadt und zwar mit schüfften, schnäppen und zuegehörungen» zum Preis von 2 fl. 45 Xr. per Stück. Als Material wurden vorhandene «alte toppelhacken und röhren» beigestellt (Oberk.-R. 1660, Ausg. Fol. 122 a). Später wurden aus dem alten Material zum selben Preis 200 Stücke (L. c. Fol. 122 b) und dann noch 267 Stück (L. c. Fol. 124a) bestellt, die teilweise erst im Jahr 1661 geliefert und bezahlt wurden (Oberk.-R. 1661, Ausg. Fol. 147a).
Im Jahr 1660 wurden auch in 2 Posten: 298 und 300 «doppelhacken», die im Katalog als «Wallbüchsen» bezeichnet werden, bezogen (L. c. Fol 122b und 124a). Der Preis für einen Doppelhacken betrug 5 fl. 44 Xr. Aus der Rechnung des Jahres 1661 (Ausg. Fol. 143a) erfahren wir den Namen eines der «niderländischen püchsenmacher» in Wiener Neustadt: Dietrich Gross.
Im Jahre 1662 wurden an den Bürger und Drechsler Paul Mayr in Wien die 5.000 «päntilier» bezahlt, die er zum Einheitspreis von 1 fl. 5 Schillinge 10 Pfenn. für jedes 100, geliefert hatte (Oberk.-R. 1661, Ausg. Fol. 146 b).
Aus dem Jahr 1661 enthält das der Genossenschaft der Bäcker gehörige, sogenannte Bäckerbuch die Abbildung eines Vizeleutnants der Wiener Bürgerwehr.6 Ein Jagdgewehr mit Jahreszahl 1675 und Lauf von Melchior Puxbaum ist unter Kat.-Nr. 941 und eine gezogene Radschlossbüchse mit Jahreszahl 1694 unter Kat.-Nr. 713 ausgestellt. Auf dem Radschlossrohr Kat. in Gr.-Nr. 750—752 findet sich der Name Marcus Zellner Wien.7 Die Stadt machte im 18. Jahrhundert bedeutende Anschaffungen von Flinten:
So im Jahre 1706: 260 Stück Flinten mit Bajonett, gekauft von Herrn Wenighoffer, k. k. „Hofcammerbuchhaltereyverwandten“ um den Preis von 600 fl.8
Im Jahre 1707: 500 saubere Sultzer Flinten mit Bajonetten «in selbiger güete und große, allermassen aine diser tagen in rath producirt worden» zum Preis von 4 fl. 10 kr. per Stück.9
Im Jahre 1714: 402 Stück von Herrn von Talhaimb, um 3 fl. 45 kr. das Stück,10
Im Jahre 1721: 2000 Stück, eingeführt von Suln,11
Im Jahre 1722: 500 Stück «gueter die probschusshaltender und mit mössing beschlagener» Flinten samt den Bajonetten dazu, bei Dominicus Asimus, «bürgerl. pixenschifter» in Wien bestellt, das Stück um 4 fl. ins Zeughaus zu liefern.12
In diese zweite Periode der Bürgerwehr, und zwar in das Jahr 1663 (nicht wie Weiss berichtet, in das Jahr 1666)13 fällt die Errichtung von vier neuen Stadtkompagnien, so dass es seither acht Stadtkompagnien gab.
Den 6. Oktober bezahlte der städtische Oberkämmerer14 dem Schlosser Jacob Degez in Wien die von diesem gelieferten «8 markheysen zu merkung jeder Compagnie gehöriges gewähr».
Den 4. August erhielt der Pergamentmacher Englbrecht Stainmüllner15 «wegen der für die vier neu aufgerichten Stattcompagnien gemachten 8 neuen trumelspüllen 2811.». Ferner zahlte der Oberkämmerer am 9. August dem Schneidermeister Peter Seybaldt «wegen der zu dennen 4 neu aufgerichten stattcompagnien von gurtldaffet verfertigten mit gewöhnlichen färben gezierten, neu gemachten fahnen die desswegen vor jede geschlossene 40 [?] fl., zusammen 169 fl.» und am 11. August dem Maler Hieronimus Kolb «wegen Übermahlung obberührter 8 trumeln mit gern, statt wappen die desswegen mit ihme geschlossene 10 fl.».
Besonders wichtig ist die folgende Eintragung der Rechnung des Jahres 1663: «Den letzten december zahlte ich (der Oberkämmerer) dem herrn Hansen Nactrap, trüllenmaister under alhiesiger statt quardi16 wegen exercierung und trüllung der alhiesigen burgerschaft in abschlag der mit ihme auf ain jahr geschlossnen 130 fl., benentlichen 54 fl. 1 sol. 10 den. welche sich den 6. august 1663 angefangen, und den 6. jenner 1664 verfallen werden.» Die Stadtvertretung beschäftigte sich also damals ernstlich mit der Eventualität eines Krieges, in dem die Bürgerschaft ihre Tüchtigkeit in der Führung der Waffen zu erproben gehabt hätte.
Die letzte Bezahlung erhielt Nactrap am 6. Juli 1664 für die Zeit bis 6. August 1664, bis zu welchem Termin der Kontrakt mit ihm lautete (Sammler des Jahres 1664, Ausg. Fol. 174b), der dann nicht mehr erneuert wurde.
Die damals so gefahrdrohenden Kriegsaussichten mit einer eventuellen Bedrohung Wiens durch die Türken in den Jahren 1660—1664, die auch Veranlassung zu den oben angeführten Gewehranschaffungen gewesen waren, von welchen sich Exemplare in der städtischen Sammlung erhalten haben, waren durch den Sieg Montecuculis bei St. Gotthard am 1. August und den darauffolgenden Frieden von Eisenburg am 10. August 1664 gebannt worden.17
1Weiss, Geschichte Wiens. Bd. II, S. 405, Abbildung eines Repräsentanten dieses Korps aus dem Jahre 1783 auf Taf. XII.
2Kolb im Bürgerkal. 1847, S. 99. Eine Biogr. Wlirths im Bürgerkal. f. 1846 (Jahrg. 1) S. 77.
3Kolb, Fahnenweihe S. 2 und 3. Die im Jahre 1771 angeschaffte Fahne, abgebildet auf der Tafel Fig. A.
4Akt im Wiener St.-A. alte Reg. 27/1740. In früherer Zeit kamen türkische Großbotschafter nach Wien im Jahr 1650 (Oberk.-R. 1650, Ausg. Fol. 26a), bei welcher Gelegenheit „neue trompeter und hörpauckerfahnen“ angeschafft wurden, wahrscheinlich darunter einige der noch erhaltenen, ferner im Jahre 1665 (Oberk.-R. 1665, Ausg. Fol. 18a) usw.
5In der kaiserl. Armee waren die Leibschützen, später als Fourierschützen bezeichnet, die Novizen für die Unteroffizierscharge; Ottenfeld u. Teuber 1. c. S. 56.
6Reproduziert in Weiss, Gesch. Wiens. Bd. II, Tafel X zu S. 404.
7Nach Boeheim, Meister der Waffenschmiedekunst war Marcus Zellner für Kaiser Karl VI. tätig.
8Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 137/1706.
9Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 35/1707.
10Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 131/1714.
11Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 124/1721. Suhl, im Hennebergischen Gebiet im Thüringer Wald, derzeit Königl. preuß. Regierungsbezirk Erfurt, ein bedeutender Fabrikationsort von Büchsen; siehe Boeheim in Zeitschr. f. hist. W. Bd. I, S. 180 und Beck, Gesch. des Eisens Bd. II, S. 440.
12Akt im Wiener St.-A. Alte Reg. 126/1722.
13Zeitschr. f. hist. W. Bd. II, S. 303.
14Oberk.-R. 1663, Ausg. Fol. 114a.
15L. c. Fol. 163aff.
16Über die Stadtguardia wird im III. Hauptabschnitt: Söldner gehandelt werden.
17Krönes, l. c. 586, Literatur über diesen Zeitraum ebenda S. 583.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 10. Dresden, 1900-1902.
