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Flucht Karls des Kühnen und die Schlacht bei Grandson - Teil 1

Flucht Karls des Kühnen
Flucht Karls des Kühnen

Im vorigen Neujahrsblatt ist der Anfang des Burgunderkrieges erzählt worden bis zum Feldzug vom Sommer 1475 in die Freigrafschaft Burgund. Auf diesem Zug wurden, wie wir sahen, von den Verbündeten eine Reihe feindlicher Schlösser und Städtchen erobert und zerstört, vor allem das feste Blamont, dessen Bezwingung hoch gefeiert wurde. Wie wenig jedoch in Wirklichkeit mit all den bisher errungenen Erfolgen erreicht war, das zeigte schon die nächstfolgende Zeit.

 

Denn kaum waren am 24. August die Basler siegreich in ihre Stadt zurückgekehrt, so wurde von Clerval her — also eben von dort, wohin die Berner während des Zuges nicht hatten ziehen wollen — aufs Neue die Stadt Montbéliard bedroht, und infolgedessen musste Basel die dortige Besatzung durch ein Fähnlein von 40 Fußknechten verstärken. Zugleich aber sah sich der Rat unserer Stadt genötigt, zur Fortführung des Krieges verschiedene neue Steuern einzuführen, und das umso mehr, da jetzt auch vom Herzog von Lothringen immer dringendere Hilfsgesuche einliefen.

 

Schon am 10. September beschloss die Niedere Vereinigung, diesem bedrängten Fürsten ein Heer von 7000 Mann zu senden, wobei Basel auf 800 Fußknechte und 200 Reisige veranschlagt war. Infolgedessen wurde zu Stadt und Land die Mannschaft bestimmt, welche ausziehen sollte. Jedoch erst als der Herzog sein Gesuch erneuerte, sammelten sich Anfang Oktober bei Kaisersberg die zu diesem Zweck bestimmten Streitkräfte.

 

Basel sandte hierzu 50 Reisige samt einigem Feldgeschütz und 600 Fußknechten, teils aus den Zünften, teils aus der Landschaft. Zu Hauptleuten bestellte der Rat Lienhard Grieb und Valentin von Neuenstein, zum Speisemeister Rudolf Schlierbach. Die Reisigen samt dem Geschütz ritten wahrscheinlich schon am 3. Oktober hier ab; die Fußknechte hingegen fuhren am 6. zu Schiff bis Breisach, um dann von dort aus in Kaisersberg mit den Reisigen zusammenzutreffen und weiter über „die Steig“, d. h. die Vogesen, nach St. Dié zu ziehen.

 

Hier nun hatten schon am 9. Oktober, noch vor der Ankunft der Basler, die Hauptleute der übrigen Verbündeten unter dem Vorsitz des Grafen von Tierstein einen Kriegsrat gehalten und beschlossen, nach dem bedrohten Epinal eine Verstärkung von 400 Mann unter Wilhelm Herter zu senden, und hierzu sollte auch Basel 50 Mann stellen.

 

Als jedoch die Basler Hauptleute diesen Beschluss ausführen wollten, da widersetzte sich ihre Mannschaft, sowohl aus der Stadt als vom Lande, „mit viel harten, rauen, ungehorsamen Worten“, indem sie sich darauf beriefen, dass ihre Zunftvorgesetzten ihnen beim Auszug versprochen hätten, dass sie nicht sollten als Besatzungen verteilt werden, sondern beisammen bleiben. Die Hauptleute schrieben deshalb am 11. Oktober nach Basel an den Rat, und dieser gab in seiner Antwort vom 14. der Mannschaft recht, indem er auf die große Schwierigkeit hinwies, den so entlegenen Besatzungen, falls sie belagert würden, von Basel aus Hilfe zu bringen.

 

Die Verstimmung, welche dieses Benehmen der Basler Mannschaft bei den übrigen Verbündeten hervorrufen musste, trat übrigens bald in den Hintergrund neben der allgemeinen Enttäuschung, welche sie über die lahme Kriegsführung und die durchaus ungenügenden Rüstungen des Herzogs von Lothringen empfanden. Schon am 15. schrieben sie deshalb dem Herzog, er solle baldigst mit seiner Streitmacht zu ihnen stoßen, da sie sonst nicht länger im Lande bleiben würden.

 

Inzwischen kam es allerdings am 15. und 18. Oktober mit den feindlichen Streifscharen zu zwei kleinen Gefechten, bei welchen auch die Basler einige Verwundete hatten. Als jedoch am 21. die Verbündeten erfuhren, dass der Herzog von Lothringen den zu Soleuvre am 13. September zwischen Frankreich und Burgund geschlossenen neunjährigen Waffenstillstand überall habe ausrufen lassen, da erkannten sie hieraus, dass auch er mit dem Burgunder Frieden suche, und deshalb traten sie alle noch am nämlichen Tage den Heimmarsch an.

 

So traf denn der Basler Zuzug, nach kaum dreiwöchentlichem Feldzug, schon am 26. Oktober wieder in Basel ein. Unsere Stadt aber hatte das völlig nutzlose Unternehmen die Summe von mehr als 2000 Gulden (Fr. 60.000.—) gekostet.

 

Die Heimkehr dieses Zuzugs war dem Rat jedenfalls sehr erwünscht; denn schon am 12. Oktober wusste man hier, dass der Herzog von Burgund bei Epinal liege, und wenige Tage später kam die Nachricht, er habe Rémiremont eingenommen und werde in 4 bis 6 Tagen vor Montbéliard stehen. Man machte sich daher gefasst, ihn in kurzer Zeit auch vor unseren Toren zu sehen, und das umso mehr, da zu diesem allem gerade jetzt die schlimme Nachricht von dem neunjährigen Waffenstillstand eintraf, welchen Ludwig XI. mit Burgund schon am 13. September geschlossen hatte und der somit dem Herzog völlig freie Hand gegen die Verbündeten ließ.

 

Schon am 18. wurde deshalb den Vögten auf der Landschaft befohlen, dafür zu sorgen, dass jedermann gerüstet sei, um zu jeder Stunde, sobald das Aufgebot ergehe, sofort ausziehen zu können. In der Stadt aber wurden alle Türme mit Büchsen versehen, und vor dem Steinentor, das als der schwächste Punkt erschien, wurde in Eile ein Bollwerk errichtet. Zugleich wurde auf Verlangen auch nach auswärts Hilfe gesandt, so z. B. nach dem zunächst bedrohten Tann 9 Geschütze und 1 Zentner Pulver.

 

Die schwäbischen Reichsstädte, und auch Nürnberg, wurden um Hilfe gebeten, unter Berufung auf die zwischen allen Reichsstädten bestehende Solidarität. Insbesondere wurden Ulm, Überlingen und Rottweil ersucht, möglichst bald im Ganzen etwa 100 geschickte und erprobte Büchsenschützen zu senden, welche Basel um einen Sold von 4 Gulden (Fr. 120.—) im Monat in Dienst zu nehmen wünschte. Dieser Sold sollte für sie beginnen mit dem Tage des Aufbruchs aus ihrer Heimat; doch sollten sie nicht länger als nötig unterwegs bleiben. Außerdem wurde zu den bisherigen Büchsenmeistern noch ein neuer gesucht, und auch hierfür wandte man sich nach Rottweil, da diese Stadt im Ruf stand, dass dort immer gut geschulte Meister in dieser Kunst zu finden seien.

 

Weiter schrieb der Rat auch nach Nürnberg an den Tausendkünstler Heinrich den Visierer, der früher einem Basler „etliche verborgene Kunst“ betreffend die Erstellung von Wagenburgen und die Verteidigung der Stadtmauern gezeigt hatte. Dieser wurde ersucht, auf Kosten der Stadt hierher zu reisen, um dann in ihren Dienst zu treten, falls es ihm „anmutig“ sei. Auch an Herzog Sigismund in Innsbruck ging ein Brief ab, um ihn von der drohenden Gefahr in Kenntnis zu setzen und zugleich um seine Zustimmung zu bitten, dass zum obersten Hauptmann der Niederen Vereinigung, an Stelle des unbeliebten Grafen von Tierstein, jetzt Hermann von Eptingen erwählt werde.

 

Auf diese verschiedenen Briefe antworteten namentlich die Reichsstädte meist ablehnend, indem sie mit höflichen Worten erklärten, dass sie leider nicht imstande seien, direkte Hilfe zu leisten. Die Eidgenossen hingegen, welche gerade damals gegen Savoyen zu Felde lagen und einen großen Teil der Waadt erobert hatten, zeigten sich bereitwillig und versprachen ihren Zuzug für den Fall, dass der Herzog von Burgund in den Sundgau oder vor Basel ziehen würde.

 

In unserer Stadt aber gab es immer noch Leute, denen die drohende Gefahr wenig Sorge zu machen schien. Dies trat namentlich zutage bei einer Feuersbrunst, welche in der Nacht vom 27. Oktober nahe beim Riehentor 5 Häuser in Asche legte. Denn neben solchen, die sich während des Brandes widersetzlich gezeigt hatten, gab es andere, die zu dem allgemeinen Alarm, welcher jeden Brandfall begleitete, überhaupt nicht erschienen waren. Namentlich aber beriet sich nach dem Brande der Rat darüber, „die Wächter zu strafen, dann sie übel wachen“, und dieses bezog sich vermutlich auf die Nachtwächter des Münsterturms, die das Feuer nicht rechtzeitig bemerkt hatten.

 

Kurz nach diesem Brande, Anfang November, hielt die Niedere Vereinigung in unserer Stadt einen Tag, auf welchem ein neuer Feldzug nach Lothringen besprochen wurde, zum Entsatz von Nancy, und zugleich wurden auch Verteidigungsmaßnahmen beraten für den Fall, dass Herzog Karl wirklich ins Elsass ziehen würde. Jedoch aus dem Feldzug wurde nichts, und allmählich schwand in Basel auch die Besorgnis vor einer baldigen Belagerung, sodass am 19. November die früher verlangten Schützen aus den schwäbischen Reichsstädten wieder abbestellt wurden.

 

In der Tat lag Herzog Karl noch vor Nancy, bis schließlich am 27. November diese Stadt sich ergab. Um diese Zeit aber begannen zu Neuenburg am See, auf Betrieb des Markgrafen Rudolf von Hochberg, zwischen den kriegführenden Parteien Verhandlungen, welche schon am 29. November zum Abschluss eines Waffenstillstandes bis 1. Januar 1476 führten. Diese Waffenruhe sollte, nach der Meinung ihres Urhebers, den Anfang bilden zu weiteren Unterhandlungen, aus denen ein Friedensschluss hervorgehen könnte. Doch bei den tiefen Gegensätzen, welche zwischen den kriegführenden Parteien herrschten, bemühte sich der Markgraf umsonst, die allgemeine Waffenruhe noch weiter bis Anfang Februar zu verlängern.

 

Der Einzige, der mit Burgund am 1. Januar einen neuen Waffenstillstand auf drei Monate schloss, war Herzog Sigismund. In der Waadt aber brach schon Mitte Januar der Krieg von Neuem aus, indem in der Nacht vom 12. auf den 13. die eidgenössische Besatzung von Yverdon durch den Grafen von Romont überfallen wurde. Bern zog sofort zu Felde, kehrte jedoch schon nach zwölf Tagen wieder heim, und an Basel erging vorläufig noch kein Hilfsgesuch.

 

Inzwischen aber traf Anfang Februar in Basel die Nachricht ein, dass Herzog Karl schon seit dem 22. Januar in Besançon weile, dass er nur auf besseres Wetter warte — es herrschte noch grimmige Kälte —, um alsdann Montbéliard zu belagern, und dass sein Heer von dieser Stadt kaum noch sechs Stunden entfernt sei. Gleich nachher meldete jedoch ein Brief von Bern, dass man dort nichts anderes glaube, als dass der Herzog zunächst die Berner angreifen werde, und dass Basel besonders seine Reisigen bereit halten möge, um bei erster Mahnung ins Feld zu ziehen.

 

Die Ungewissheit, wohin der Feind sich wohl wenden werde, währte nicht lange. Denn acht Tage später kam von Bern die Nachricht, dass Herzog Karl am 9. Februar in Jougne, das schon längst keine bernische Besatzung mehr hatte, übernachtet habe, und dass schon tags zuvor bei Orbe und Yverdon feindliche Reiterscharen sich gezeigt hätten. Daran knüpfte nun Bern die dringende Mahnung zum schleunigen Zuzug mit ganzer Macht, und zugleich den Auftrag, dieselbe Mahnung allen anderen Gliedern der Niederen Vereinigung in Eile zu übermitteln.

 

Auf diesen Brief, welchen Bern am 10. Februar absandte, folgte ungefähr jeden zweiten Tag ein neuer, mit weiteren Meldungen über das Vorrücken der Burgunder und mit immer dringenderen Bitten um Beschleunigung des Zuzuges.

 

Schon nach Empfang des ersten Schreibens, d. h. montags, den 12., beschloss in Basel der Rat, dass alle Zünfte ihre beste Mannschaft zum bevorstehenden Zuge bereithalten sollten, um sie mustern zu lassen. Diese Musterung fand nach altem Brauch nicht gemeinsam auf einem freien Platze statt, sondern für jede Zunft gesondert in ihrem Hause, und zwar vermutlich schon folgenden Tages. Denn am 14. wurde nach Bern geschrieben: Man sei zum sofortigen Auszuge bereit und bitte nur um Angabe des Ortes, wohin man ziehen solle.

 

Darauf antwortete Bern am 15., dass seine Streitmacht morgen ausziehe nach Murten, um dort auf die Basler zu warten, und dass laut sicherer Kundschaft der Herzog von Burgund in eigener Person jetzt in Orbe stehe. Auf diesen Brief hin begann in Basel samstags, den 17., der Aufbruch, indem an diesem und den zwei folgenden Tagen das Geschütz samt allen mit Mundvorrat und sonstigem Kriegsbedarf beladenen Fuhrwerken vorausgesandt wurde, nachdem zur Bespannung über 300 Pferde je zu 3 Schilling (Fr. 4.—) am Tage gemietet worden waren.

 

Dienstags, den 20., folgte die Mannschaft, nämlich 60 Reisige und 600 Fußknechte, worunter 100 Büchsenschützen, und folgenden Tages zogen weitere 200 Fußknechte — vermutlich sogenannte Freiheitsknaben — als die Letzten aus der Stadt.

 

Mit Einschluss aller Fuhrleute und Trossknechte waren es im Ganzen 1100 bis 1200 Mann, welche in jenen Tagen auszogen, und alle wurden auf Kosten der Stadt verpflegt. Den Oberbefehl führte auch hier wieder, wie vor Blamont, der Altbürgermeister Peter Rot, der soeben erst aus Breisach von einem Tag der Niederen Vereinigung heimgekehrt war.

 

Ihm zur Seite stand als Fähnrich der hochbetagte Ratsherr Konrad von Laufen, und weiter noch, als des Hauptmanns Gehilfe, der Ratsherr und Metzgermeister Ulrich zum Wald, ein Mann, der durch seine stattliche Erscheinung imponierte. Als „Speisherren“ und zugleich als des Hauptmanns Ratgeber folgten noch die Ratsherren Hans Heinrich Grieb, Ulrich Meltinger, Heinrich von Brunn und Hans Irmy. Sehr ungern vermissten diese alle den kriegserfahrenen Valentin von Neuenstein, der gerade damals auf einer Sendung nach Innsbruck zu Herzog Sigismund begriffen war, von welcher er erst am 2. März zurückkehrte.

 

Wohl noch bevor der Basler Zuzug dienstagmorgens, den 20. Februar, aufgebrochen war, traf wieder ein Läufer von Bern ein mit einem Briefe, der am 19. frühmorgens um 2 Uhr geschrieben war und meldete, dass der Herzog von Burgund jetzt vor Grandson liege und dass das Heer der Berner bei Murten nur auf die Solothurner und Basler noch warte, um dann ungesäumt gegen den Feind zu ziehen.

 

So zogen denn die Basler hinaus, bei schlechtem Wetter und strenger Kälte, durch das Münstertal zunächst nach Biel, das sie wohl erst donnerstags, den 22., erreichten. Inzwischen schrieben zu Murten die Berner Hauptleute schon mittwochs (21. Februar) einen Brief „an die Hauptleute von Basel, wo die jetzt im Felde sind“. Dieses Schreiben berichtete von einem Sturm, den der Feind letzten Sonntag (18. Februar) auf das Städtchen Grandson unternommen, den die Besatzung jedoch siegreich abgeschlagen habe, und daran knüpfte sich die erneute Mahnung zu möglichster Eile.

 

Der Bote, der diesen Brief trug, traf die Basler jedenfalls noch, bevor sie Biel erreicht hatten. Nach Murten aber, von wo er mittwochmorgens (21. Februar) abgegangen war, kam noch am nämlichen Tage von Bern her der Befehl, mit dem Aufbruch gegen den Feind zu warten, bis die Zuzüge der Eidgenossen eingerückt seien.

 

Schon am 10. Februar, und seither zu wiederholten Malen, hatte nämlich Bern die übrigen Orte zum Zuzug gemahnt, und jetzt endlich, am 19., hatte die Tagsatzung zu Luzern beschlossen, dieser Mahnung Folge zu leisten, sodass nächsten Freitag, den 23., jeder Ort ausziehen sollte. Es erschien daher für Bern durchaus geboten, diese Hilfe noch abzuwarten, um dann mit einer viel größeren Streitmacht dem Feinde begegnen zu können und die Belagerten umso sicherer zu entsetzen.

 

Vor Grandson war inzwischen, nachdem der Sturm vom letzten Sonntag misslungen war, Herzog Karl folgenden Tages (19. Februar) in eigener Person erschienen. Schon am Mittwoch (21. Februar) unternahm er gegen das Städtchen einen neuen Sturm, und dieser gelang vollständig, sodass die Verteidiger sich unter großem Verlust in das Schloss zurückziehen mussten.

 

Diese Hiobsbotschaft gelangte nach Murten wahrscheinlich noch am Abend oder doch spätestens im Laufe der Nacht, und auch die heranziehenden Basler erfuhren sie wohl schon folgenden Tages bei ihrer Ankunft in Biel (22. Februar). Immerhin war zu hoffen, dass die Belagerten sich in dem festen Schloss, das neben dem Städtchen hart am See lag, noch einige Zeit halten könnten, und so schien es wohl zulässig, noch ein paar Tage auf die Eidgenossen zu warten, um dann umso wuchtiger den entscheidenden Schlag zu führen.

 

Wohl schon damals wurde auch der Plan gefasst, gegen Grandson nicht über Murten und Yverdon zu ziehen, sondern über Neuenburg, das dem mit Bern befreundeten Markgrafen Rudolf von Hochberg gehörte und eine bernische Besatzung hatte. Deshalb erhielten auch die Basler die Weisung, von Biel aus nicht weiter vorzurücken, sondern vorläufig dort zu bleiben.

 

Wohl gleich nach ihrer dortigen Ankunft (22. Februar) sandten ihre Hauptleute nach Basel einen Brief mit der Nachricht vom Verlust des Städtchens Grandson. Der Rat antwortete ihnen samstags, den 24. Februar, mit der Anzeige, dass die Reisigen von Straßburg, 250 Pferde stark, heute von Basel aufgebrochen seien und dass weitere Zuzüge aus dem Elsass noch folgen würden. Diese Verstärkungen — so meinte der Rat — solle man noch abwarten, bevor man nach Grandson ziehe.

 

Da das Entsatzheer vorläufig aufs Warten angewiesen war, galt es zunächst, die Belagerten im Schloss zu Grandson zum Ausharren zu ermutigen. Deshalb wurden schon freitags, den 23. Februar, von Murten aus vier große Schiffe mit 200 Mann und reichlichem Mundvorrat ausgerüstet, welche durch die Broye nach Neuenburg und von dort in der Nacht nach Grandson fahren sollten, um das Schloss zu „speisen“.

 

Dieser Versuch misslang jedoch gänzlich, indem diese Schiffe erst am folgenden Morgen, als es schon hell geworden war, vor Grandson erschienen und hier aus dem vom Feinde besetzten Städtchen durch heftiges Geschützfeuer am Anlanden verhindert und zum Rückzug gezwungen wurden.

 

Daraufhin ließen die Belagerten in der folgenden Nacht zwei der Ihrigen, welche Französisch sprachen, an einem Seil über die Mauer hinab, und diesen gelang es, zwischen allen feindlichen Wachen hindurch nach Neuenburg zu gelangen. Dort berichteten sie, wie schlimm es schon jetzt mit dem Schloss stehe, wie sehr der ganze Bau durch das feindliche Geschützfeuer gelitten habe, wie ihr Pulvervorrat in die Luft geflogen und ihr Büchsenmeister erschossen sei, und wie die vorhandenen Lebensmittel für die noch 400 Mann starke Besatzung kaum weiter reichten als bis nächsten Dienstag (27. Februar). Für später hätten sie nichts mehr zu essen als ungemahlenes Korn, das sie dann, um es zu genießen, im Wasser sieden könnten.

 

Viel Zeit war also nicht mehr zu verlieren, wenn das Schloss noch gerettet werden sollte. Doch für einige Tage konnte die Besatzung sich wohl noch halten, und andererseits waren die Zuzüge der Eidgenossen unterwegs und konnten nicht lange mehr ausbleiben. Es galt also nur noch wenige Tage zu warten, um dann mit ausreichender Streitmacht von Neuenburg dem See entlang gegen Grandson zu ziehen.

 

Um aber diesen Vormarsch auch durch eine kleine Flotte zu unterstützen, wurde schon am 25. die Stadt Biel angewiesen, alle dort vorhandenen Schiffe möglichst rasch auszurüsten, zu bemannen und nach Neuenburg zu senden. Wahrscheinlich wurde auch jetzt schon der 1. März als der Tag bestimmt, auf welchen sämtliche Zuzüge sich bei Neuenburg versammeln sollten, um dann von dort aus gegen Grandson zu ziehen, und wohl auch deshalb wurde in Basel gerade auf den 29. Februar, also auf den Vorabend dieses Tages, ein feierlicher Bittgang um Glück und Sieg der Verbündeten angeordnet.

 

Inzwischen aber trafen in Bern sonntags, den 25., zuerst die Luzerner ein, und auf diese folgten noch andere Zuzüge, welche alle am folgenden Tage um die Mittagszeit in der Richtung nach Neuenburg aufbrachen. Dorthin zogen dienstags, den 27., auch die Berner, Freiburger, Solothurner und Bieler, welche bisher bei Murten gestanden hatten, und da Neuenburg von Grandson kaum sieben Stunden entfernt liegt, so schien von jetzt an für den Notfall die Hilfe schon sehr nahe.

 

Dieser Dienstag, an welchem die Spitze des Heeres Neuenburg erreichte, war für die Belagerten zu Grandson eben der Tag, bis zu welchem, wie wir sahen, der ordentliche Proviant noch reichte. Vor dem Hungertode zwar konnte sie noch für einige Zeit das ungemahlene Korn schützen, welches fortan als Hauptnahrung dienen musste. Zugleich aber wurde der sonst so feste Bau des Schlosses durch die fortwährende Beschießung von Tag zu Tag schadhafter, und je mehr dieses Zerstörungswerk fortschritt, desto schwieriger wurde für den Fall eines Sturmes die Verteidigung.

 

Gelang aber ein solcher Sturm, dann war nicht nur das Schloss verloren, sondern die ganze Besatzung bis auf den letzten Mann; denn die Schonung des Lebens war für einen solchen Fall vom Sieger nicht zu erwarten. Eine Rettung aus dieser Not war also nur noch zu hoffen durch einen baldigen Entsatz, das heißt durch eine siegreiche Schlacht mit Erstürmung der das feindliche Lager umgebenden Wagenburg. Ob aber ein solches Entsatzheer wirklich im Anmarsch sei, das heißt, ob die Verbündeten sich stark genug fühlten, schon in nächster Zeit einen Angriff auf das feindliche Lager zu wagen — das war die große Frage, an welcher für die Belagerten jetzt alles hing.

 

Der völlig misslungene Versuch vom letzten Freitag mit jenen vier Schiffen, welche vor dem Schloss erschienen und bald wieder verschwanden, war sicher nicht geeignet, ihre Zuversicht auf baldige und erfolgreiche Hilfe zu stärken. Von jenen zwei Knechten aber, die sie in der folgenden Nacht nach Neuenburg entsandt hatten, wurden allerdings ihrer Verabredung gemäß auf der zwischen Erlach und dem unteren Ende des Sees gelegenen Höhe des Tschugg drei Nächte hindurch mächtige Signalfeuer angezündet, zum Zeichen, dass Hilfe in Aussicht stehe.

 

Jedoch es scheint, dass die trübe Witterung die Belagerten hinderte, diese Feuer auf so große Entfernung zu erkennen, und so fehlte ihnen jedes sichere Zeichen, ob überhaupt in nächster Zeit noch Entsatz zu hoffen sei. Wir dürfen uns daher nicht zu sehr wundern, wenn unter den 400 Bernern und Freiburgern, welche die Besatzung bildeten, diese Hoffnung zu schwinden begann.

 

Je mehr dies aber geschah, umso eher waren sie auch versucht, dem Herrn von Ronchamp Gehör zu schenken, der als deutschredender Unterhändler in das Schloss kam und ihnen vorstellte, wie sie jetzt noch, bei sofortiger bedingungsloser Übergabe, ganz sicher auf des Herzogs Gnade zählen und wenigstens ihr Leben retten könnten, während ohne das ihre Lage eine völlig verzweifelte sei.

 

Wohl fehlte es im Schloss nicht an solchen, die diesen eindringlichen Versicherungen nicht recht trauten und deshalb meinten, es sei immer noch besser und ehrenvoller, auszuharren und das Äußerste zu gewärtigen, als sich jetzt schon der Gewalt des Burgunders anheimzugeben. Jedoch schon am Mittwochmorgen (28. Februar) wurde durch den Hauptmann Hans Wiler, welcher selber zur Übergabe hinneigte, die ganze Besatzung zur Abstimmung versammelt, und diese ergab für den Vorschlag des Unterhändlers ein überwiegendes Mehr.

 

Die Misstrauischen blieben also in der Minderheit, sie waren überstimmt, und da einzig der Wille der Mehrheit entschied, so mussten sie sich wohl oder übel fügen. So zog denn die ganze Besatzung, noch 412 an der Zahl, zum Schlosstor hinaus. Draußen nahm sie der Feind in Empfang, und nachdem man jedem seine Waffen und sein Geld abgenommen, wurden sie vor das Zelt des Herzogs geführt.

 

Dieser aber wollte nichts wissen von Gnade, die er selber wohl auch niemals versprochen hatte. Im Gegenteil hatte er sich vorgenommen, durch erbarmungslose Grausamkeit unter den Eidgenossen Schrecken zu verbreiten, und deshalb gab er den Befehl, die Gefangenen alle, ohne Ausnahme, an die nächsten Bäume zu hängen.

 

Mit der Vollstreckung dieses Urteils wurde sofort begonnen, und den Henkersdienst mussten zwei der Gefangenen verrichten, die dafür verschont blieben und nachher ihre Freiheit erlangten. Bei dieser Hinrichtung wurden oft zehn oder mehr an denselben Ast gehängt, und so kam es auch vor, dass ein Ast brach und die Unglücklichen noch lebend zur Erde fielen, wo sie dann von den Umstehenden vollends abgeschlachtet wurden.

 

Nach vierstündiger Arbeit war übrigens kaum erst die Hälfte der Gefangenen hingerichtet, als es Abend wurde und zu dunkeln begann. Das Hängen hörte daher auf, und den Übriggebliebenen, noch über 200, war eine Nacht noch geschenkt. Am folgenden Morgen jedoch wurden sie alle, so viele ihrer noch waren, auf Schiffen in den See hinausgeführt und ertränkt.

 

Die Nachricht vom Falle Grandsons und vom Schicksal seiner Besatzung gelangte wohl noch am Abend des 28. Februar nach Neuenburg, und so wussten nun die Verbündeten, dass alles zu spät sei und dass sie ihr nächstes Ziel, die Rettung des Schlosses und seiner Verteidiger, verfehlt hatten.

 

Das war eine niederschmetternde Tatsache und zugleich ein überaus schlimmes Vorspiel zu dem kaum erst beginnenden Feldzug. Jedoch das Geschehene, das nach der Meinung des Herzogs Schrecken verbreiten sollte, erregte nur Erbitterung. War es leider zu spät, die Verteidiger von Grandson zu retten, so war es nur umso mehr an der Zeit, sie wenigstens zu rächen. Mit Ungeduld harrte daher jeder des Tages, an dem es zur Begegnung mit dem Feinde kommen sollte.

 

Im burgundischen Heere, wenigstens unter einem beträchtlichen Teil desselben, herrschte keine so kampfesfreudige Stimmung, sondern im Gegenteil eine tiefgehende Unzufriedenheit. In rastloser Verfolgung seiner weitgehenden Pläne hatte Herzog Karl sein Heer mitten in der Jahreszeit, in welcher nach damaligem Brauch sonst Winterquartiere bezogen wurden, ins Feld geführt und es gezwungen, vor Grandson bei schlechtestem Wetter im Zeltlager zu liegen; und doch ließ er seine Scharen schon seit Monaten auf den rückständigen Sold warten.


Quelle: August Bernoulli: Basels Antheil am Burgunderkriege. II. Die Schlacht bei Grandson. 77. Neujahrsblatt, Basel, 1899.

© Carsten Rau