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Flucht Karls des Kühnen und die Schlacht bei Grandson - Teil 2

Diese Behandlung musste schon diejenigen Heeresteile verstimmen, welche aus Landeskindern bestanden, nämlich die einheimischen Söldner sowohl als das burgundische Lehenaufgebot. Ein namhafter Teil aber bestand aus fremden Söldnern, welche meistens von italienischen Condottieri geführt wurden. Diese nun, dem Brauche ihrer Heimat gemäß, betrachteten ihr Verhältnis zum Kriegsherrn als ein rein geschäftliches: Sie dienten ihm, solange er sie zahlte, und waren nebenbei darauf bedacht, ihre Leute und Pferde so viel als möglich zu schonen; sollte aber je sein Glücksstern erbleichen, dann hatte sein Dienst für sie keinen Zweck mehr.

 

Sowohl das Zeltlager im Winter als das Ausbleiben des Soldes verstimmte daher diese Fremden noch viel mehr als die Einheimischen, und hieraus lässt sich ermessen, mit welcher Begeisterung sie dem bevorstehenden Kampfe mit den Eidgenossen entgegensahen.

 

Schon donnerstags, am 29. Februar, waren die Berner, um den nachrückenden Zuzügen Raum zu verschaffen, von Neuenburg längs dem See bis Bevaix vorgerückt und hatten in der Ebene zwischen diesem Dorf und Boudry sich gelagert; sie standen also nur noch vier Stunden von Grandson.

 

Überhaupt aber zog das Heer sich jetzt näher zusammen, und so rückten auch die Basler von Kerzers, wohin sie von Biel her gezogen waren, schon mittwochs, am 28., nach Erlach, und von dort am Donnerstag über Neuenburg und noch weiter eine Stunde seeaufwärts bis zu einem Dorfe, also vermutlich nach Auvernier. Hier nun schlugen sie ihr Lager auf, und nicht weit von ihnen, also wahrscheinlich bei Colombier, lagerten die Schwyzer und Solothurner.

 

Schon war die Nacht hereingebrochen, und alles hatte sich zur Ruhe gelegt, als ins Lager der Basler ein Bote die Weisung brachte, schleunig zu den Bernern zu ziehen, da der Feind in der Nähe sei. Herzog Karl war nämlich an diesem Tage mit einer Schar von Reisigen vor das Schloss Vaumarcus geritten, welches halbwegs zwischen Bevaix und Grandson die zwischen dem Berg und dem See sich hinziehende Straße beherrscht.

 

Dieses Schloss gehörte Johann von Neuenburg, einem Lehnträger des Markgrafen von Hochberg, der es mit einigen Söldnern besetzt hielt. Nach kurzer Unterhandlung erfolgte jedoch die Übergabe gegen freien Abzug, und während der Herzog nun eine starke Besatzung hineinlegte und nachher nach Grandson zurückkehrte, eilten die bisherigen Insassen noch am späten Abend nach Bevaix und Boudry, wo sie das Geschehene verkündeten.

 

Die Berner glaubten daher, der Feind sei bereits im Anmarsch, und aus diesem Grunde mahnten sie noch in der Nacht alle weiter rückwärts liegenden Eidgenossen zum schleunigen Zuzug.

 

Es war eine kalte und stockfinstere Nacht; doch als die Basler Hauptleute die Botschaft vernahmen, ließen sie sofort durch den Trompeter „aufblasen“, und jedermann, zu Ross und zu Fuß, rüstete sich zum Aufbruch, der auch in der Nacht noch erfolgte. Dabei hatte freilich ein Fuhrmann das Missgeschick, dass er in der Finsternis strauchelte und über eine Hellebarde fiel, die ihn erheblich verwundete.

 

Durch die Nacht zogen nun die Basler dem Lager der Berner zu, und unterwegs kamen sie neben den Zelten der Solothurner und der Schwyzer vorbei. Diese hatten die Mahnung der Berner zum Aufbruch mit größerer Gemütsruhe aufgenommen und gedachten erst am Morgen bei Tageshelle aufzubrechen. Sie verwunderten sich daher sehr, als sie schon jetzt die Basler vorbeiziehen sahen. Doch wollten auch sie nicht die Letzten sein, sondern schickten sich nun gleichfalls zum Aufbruch.

 

Immerhin waren die Basler die Ersten, welche beim Tagesgrauen vor dem Lager der Berner erschienen, und als diese sie kommen sahen, ritten deren Hauptleute ihnen entgegen, sie zu begrüßen. Vom Feinde jedoch hatte man seit der Einnahme von Vaumarcus nichts mehr vernommen, und so genügte es den Bernern für jetzt, ihre Verbündeten in nächster Nähe zu wissen.

 

Sie wiesen deshalb den Baslern eine geeignete Lagerstelle an bei einem Dorfe, vermutlich bei Cortaillod. Denn was den Baslern hier besonders gefiel, das war der reichlich vorhandene und sehr gute Wein, der noch dazu so billig war, dass sie vier Saum um einen Gulden (Fr. 30.—) kauften. Bald jedoch wurde diese Quelle auch von anderen Eidgenossen entdeckt, und diese, weniger bescheiden, nahmen auch, so viel sie brauchten, doch ohne zu bezahlen — obschon die Grafschaft Neuenburg keineswegs als Feindesland galt.

 

Inzwischen trafen im Laufe dieses Freitags (1. März) die bisher noch erwarteten Zuzüge mit wenigen Ausnahmen alle ein, so namentlich auch die Reisigen von Straßburg. Das gesamte Heer der Verbündeten, mit Einschluss der Fuhrleute und des sonstigen Trosses, zählte jetzt in runder Zahl 18.000 Mann.

 

Weitaus am stärksten war dabei Bern vertreten, nämlich mit mehr als 7000; dann folgte zunächst Luzern mit 1800, Zürich mit 1700, Basel mit 1200, Schwyz mit 1100, Solothurn mit 900, Freiburg mit 800 usw. An der Spitze des Ganzen stand vermutlich der Hauptmann der Berner, Altschultheiß Niklaus von Scharnachthal, welchem als kriegserfahrener Berater der in Ungarn im Türkenkrieg erprobte Hans von Hallwyl beigegeben war.

 

Die Luzerner führte ihr Altschultheiß Heinrich Haßfurter, die Zürcher aber ihr Bürgermeister Heinrich Göldlin und neben diesem Hans Waldmann, damals noch Oberstzunftmeister. Den Oberbefehl über die allerdings nicht zahlreiche Reiterei führte Hermann von Eptingen, den sich die Niedere Vereinigung erst vor einigen Monaten von Herzog Sigismund zum obersten Hauptmann erbeten hatte.

 

Die Streitmacht, welche am Freitagabend in der Ebene zwischen Bevaix, Boudry und Colombier versammelt war, schien ausreichend, um sich mit dem Feinde zu messen. Denn neben den umlaufenden Gerüchten, welche die Stärke des burgundischen Heeres auf 60.000 und selbst auf 100.000 Mann bezifferten, hatten die Hauptleute der Verbündeten glaubwürdige Kundschaften erhalten, welche den bei Grandson stehenden Feind nicht höher schätzten als auf 15.000 bis 20.000 Mann.

 

Da es sich jetzt nicht mehr um den Entsatz von Grandson handelte, hegten die Verbündeten die Hoffnung, den Feind nicht dort in seinem wohlverschanzten Lager angreifen zu müssen, sondern ihn im Gegenteil aus jener festen Stellung herauszulocken. Die Nachricht, dass er das Schloss Vaumarcus besetzt habe, kam ihnen daher sehr erwünscht. Denn wenn sie dieses Schloss nun angriffen, so war zu hoffen, dass er der dortigen Besatzung bald zu Hilfe eilen und mithin Grandson verlassen werde. So wurde denn beschlossen, schon am nächsten Samstag (2. März) gegen Vaumarcus zu ziehen und womöglich dieses Schloss zu erstürmen.

 

Während bei Boudry und Bevaix sich jene Ebene ausbreitet, auf welcher am Freitag die Verbündeten sich sammelten und lagerten, tritt südlich von letzterem Dorfe das Gebirge, das heißt der Fuß des Mont Aubert, bis hart an den See heran, sodass die nach Grandson führende Landstraße wohl anderthalb Stunden lang sich am Abhang des Berges hinzieht.

 

Ungefähr in der Mitte dieser Strecke liegt oberhalb der Straße das Schloss Vaumarcus, und erst drei Viertel Stunden von dort, bei Concise, öffnet sich die Gegend wieder, indem an Stelle des bewaldeten Berges bis gegen Grandson hin ein hügeliges, zum Teil mit Reben bepflanztes Gelände sich ausbreitet. Die Straße längs dem See ist jedoch nicht die einzige, welche aus der Ebene von Boudry nach Grandson führt.

 

Denn während diese dem Ufer folgt, zweigt schon bei Bevaix ein alter und teilweise rauer Weg ab, „la Vy Detraz“ genannt, welcher mehr landeinwärts über die Höhe führt und erst bei Concise wieder in die Landstraße einmündet. Wenn nun die Verbündeten nicht Gefahr laufen wollten, vor Vaumarcus vom Feinde umgangen zu werden, so durften sie ihren Vorstoß nicht auf dieses Schloss beschränken, sondern sie mussten auch diesen oberen Weg bis gegen Concise hin sich sichern.

 

Vermutlich wurde daher schon am Freitag nicht nur der Sturm auf Vaumarcus beschlossen, sondern auch die Besetzung des oberen Weges durch eine besondere Abteilung. Die Streitmacht aber, welche den Sturm auf das Schloss unternehmen sollte, zog dorthin schon Freitagabend bei einbrechender Nacht, vermutlich um durch rechtzeitige Einschließung das etwaige Entweichen der feindlichen Besatzung zu verhindern.

 

Falls nun am nächsten Morgen der Sturm gelang, so hatte das Erscheinen des übrigen Heeres vor dem Schloss keinen Zweck. Die Hauptmacht sollte deshalb am Samstagmorgen zwar gerüstet sein, doch aus dem Lager erst dann aufbrechen, wenn etwa der Sturm misslang und mithin eine regelrechte Belagerung nötig wurde, oder auch, wenn auf dem oberen Wege jene vorausgesandte Vorhut das feindliche Heer von Grandson her kommen sah. Die Stunde dieses Aufbruchs konnte daher nicht zum Voraus bestimmt werden.

 

Über die Stärke und Zusammensetzung jener Schar, welche gegen Vaumarcus zog, wissen wir nichts Bestimmtes. Doch mochte sie wohl einige tausend Mann zählen, da man wusste, dass der Feind das an sich eher baufällige Schloss stark besetzt hatte.

 

Wohl bald nach Tagesanbruch begann der Sturm; denn alle trieb die Begierde, an dieser Besatzung Rache zu nehmen für die Gehenkten von Grandson. Jedoch es wird berichtet, man sei zum Sturme „nicht wohl gerüstet“ gewesen, das heißt, das Unternehmen erwies sich viel schwieriger, als man erwartet hatte. Immerhin ließen die Rachedurstigen so bald nicht ab, und erst als manche von ihnen verwundet waren, siegte schließlich die Einsicht, dass eine sofortige Eroberung des wohlverteidigten Schlosses nicht wohl möglich, sondern hierzu eine Belagerung nötig sei.

 

Wohl um dieselbe Zeit, als vor Vaumarcus dieser Sturm misslang, erfolgte im Lager bei Bevaix der Aufbruch jener Vorhut, welche auf dem oberen Wege bis zur Höhe oberhalb Concise ziehen sollte. Diese Schar bestand aus den Zuzügen von Schwyz, Biel und St. Gallen und aus dem Fähnlein von Thun, und sie wurde verstärkt durch allerlei Freiwillige aus Luzern und anderen Orten, welche sich auf eigene Faust ihr anschlossen, sodass sie im Ganzen gegen 3000 Mann zählte.

 

Als diese Vorhut beim Aufbruch an den anderen Lagern vorbeizog, da war es gerade die Zeit, wo allgemein Messe gehört wurde, so zum Beispiel bei den Luzernern und ebenso bei den Baslern. Nach der Messe wurde „allergemachst“ gefrühstückt, und wiewohl zum Aufbruch jedermann gerüstet war, so hielt ihn doch niemand für nahe bevorstehend. Denn es war ja noch gar nichts darüber beschlossen, was nach der Erstürmung von Vaumarcus, auf die man sicher zählte, geschehen sollte.

 

Als daher im Lager der Basler der Ratsherr Ulrich Meltinger nach dem Frühstück die Absicht äußerte, mit zwei anderen Reisigen, Hans Bär und Andreas Bischoff, ins Lager der Berner und der Zürcher zu reiten, um zu erfahren, was man dort etwa Neues wisse, da gab der Bürgermeister Rot als Hauptmann unbedenklich dazu die Erlaubnis. Eben jedoch waren die drei im Begriff, ihre Pferde zu besteigen, als der Bürgermeister eilends zu ihnen kam und sie bleiben hieß.

 

Denn soeben war aus dem Lager der Berner die Weisung eingetroffen, dass das ganze Heer aufbrechen solle, um sich vor Vaumarcus zu lagern. Von dort war nämlich die Nachricht des misslungenen Sturmes eingetroffen, und so stand nun die Belagerung des Schlosses bevor. Jeder Ort brach deshalb so rasch als möglich auf, um sich in der Umgebung der Burg, das heißt namentlich oberhalb derselben, eine günstige Lagerstätte zu sichern.

 

Die Basler fanden daher, als sie jetzt von Cortaillod aufbrachen, die bisherigen Lager, an welchen bis Bevaix ihr Weg sie vorbeiführte, schon alle verlassen und eilten deshalb, so schnell sie konnten, den Vorausgezogenen nach.

 

Während so die einzelnen Scharen der Verbündeten aus ihren bisherigen Lagern aufbrachen und auf der unteren Straße gegen Vaumarcus zogen, befand sich jene hauptsächlich aus Schwyzern bestehende Vorhut, welche den oberen Weg besetzen sollte, wohl bereits auf der Höhe westlich von Vaumarcus.

 

Hier aber führt dieser Weg gewissermaßen durch einen Engpass, indem westlich der Wald bis an die Straße reicht, während östlich schon hart am Wege die „Combe de Ruaz“ beginnt, eine tiefe Schlucht, deren unteres Ende bei Vaumarcus gegen den See ausmündet. Als nun etwa nach 8 Uhr morgens die Vorhut diesen Engpass erreichte, da wurde sie unversehens von einem Pfeilregen empfangen, und sofort verbreitete sich weit umher das Geschrei: Die Schwyzer seien vom Feinde angegriffen und litten Not.

 

Es waren jedoch nur etwa hundert feindliche Bogenschützen, welche wahrscheinlich schon tags zuvor hierher gesandt worden waren, aber jetzt diese Stellung nicht lange zu behaupten vermochten. Unter fortwährenden Verlusten wichen sie vor den Schwyzern zurück, und diese verfolgten sie über Verneaz hinaus bis dorthin, wo der obere Weg in den Wald und durch diesen bergab gegen Concise führt.

 

Indes dieses auf dem oberen Wege geschah, langten die vordersten Scharen des nach Vaumarcus ziehenden Heeres, nämlich die Berner, wohl bereits vor diesem Schloss an. Wenn nicht schon unterwegs, so erfuhren sie jedenfalls hier, wie die Schwyzer bei der Combe de Ruaz auf den Feind gestoßen seien, und diese Tatsache ließ kaum noch bezweifeln, dass die feindliche Hauptmacht im Anmarsch sei.

 

Es galt also vor allem, für den Fall einer Schlacht noch rechtzeitig eine möglichst vorteilhafte Stellung einzunehmen. Eine solche war die Höhe oberhalb Concise, und da eben dorthin die Schwyzer ja schon unterwegs waren, so mussten diese so viel und so schnell als immer möglich verstärkt werden, damit sie der feindlichen Hauptmacht sich entgegenzustellen vermöchten.

 

Sofort zogen deshalb die Berner samt den nachfolgenden Freiburgern und anderen Zuzügen von Vaumarcus weiter den Berg hinan, um dort den oberen Weg und auf diesem die Schwyzer zu erreichen. Es war jedoch keineswegs ausgeschlossen, dass der Feind auch auf der unteren Straße direkt gegen Vaumarcus ziehen würde, und schon deshalb schien es geboten, einen Teil des Heeres auf diesem Wege vorrücken zu lassen, der ja gleichfalls nach Concise führte.

 

Die weiter noch folgenden Zuzüge, nämlich die Luzerner, Zürcher, Urner, Unterwaldner usw., wurden daher angewiesen, von Vaumarcus auf der unteren Straße vorzurücken, um dann beim Heraustreten aus dem Walde mit den vom oberen Wege herabkommenden Bernern und ihren Zugewandten zusammenzutreffen. Zugleich wurde auch eine Nachhut gebildet, deren nähere Bestimmung wir jedoch nicht kennen, da wir von ihr weiter nichts wissen, als dass sie aus dem Fußvolk der Basler gebildet wurde.

 

Die meisten jedoch fügten sich diesem Befehl, der von den Hauptleuten von Zürich und Luzern ausging, sehr ungern, und manche liefen einfach fort, den anderen Zuzügen auf dem oberen Wege nach. Auf ausdrücklichen Befehl hingegen zog auf diesem Wege auch das Fähnlein der Basler Reisigen, und diese 60 Pferde waren neben einigen wenigen aus der Eidgenossenschaft die einzige Reiterei, welche die Verbündeten jetzt bei sich hatten.

 

Denn die Reisigen von Straßburg, die den Kern derselben hätten bilden sollen, hatten erst tags zuvor, der leichteren Fütterung ihrer Pferde wegen, ein rückwärts von Boudry gelegenes Quartier bezogen und waren deshalb noch in weiter Ferne. Die Reisigen aber von Colmar und Schlettstadt, etwa 60 an der Zahl, waren überhaupt noch nicht eingetroffen.

 

Während der untere Weg längs dem See schon damals wohl nur geringe Schwierigkeiten bot, führt zum oberen Wege, zur Vy Détraz, von Vaumarcus aus die Straße noch jetzt sehr steil bergan, und zudem war sie gerade in jenen Tagen noch mit Schnee bedeckt, sodass namentlich für die Reisigen und das Geschütz das Fortkommen äußerst mühsam und beschwerlich wurde.

 

Doch der Gedanke an die Vorhut der Schwyzer, von welcher niemand wusste, ob sie nicht schon jetzt von feindlicher Übermacht bedrängt und erdrückt werde, trieb zu möglichster Eile, und so ging es unverdrossen bergan, bis die Höhe erreicht war, über welche der obere Weg wohl eine halbe Stunde oder noch weiter sich einer Wiese entlang ziemlich eben hinzieht.

 

Da und dort sah man erschlagene Feinde liegen, also sichere Spuren des siegreichen Vordringens der Vorhut. Wo aber mochte diese jetzt sein?

 

Kaum eine halbe Stunde von dem Weiler Verneaz, in dessen Nähe der Weg von Vaumarcus die Höhe erreicht, führt der obere Weg, die Vy Détraz, aus der offenen Flur in den Wald und zugleich allgemach bergab, gegen Concise hin. Als nun die Vordersten der Vorhut bei der Verfolgung der fliehenden Bogenschützen diesen Eingang des Waldes erreichten und ihren Weg fortsetzten, da sahen sie bald zwischen den entlaubten Bäumen hindurch den blauen See, und wenige Schritte später erblickten sie, tief unten gleichsam zu ihren Füßen, einen niedrigen grünen Hügel, davor aber auf einer Wiese eine Reiterschar. Mit jedem Schritte dehnte dieses Bild sich weiter aus, und vor ihnen lag das Dorf Concise mit seinem hügeligen Gelände, seinen Wiesen und Weinbergen. Doch je mehr des grünen Landes zutage trat, desto mehr auch zeigten sich kriegerische Scharen zu Pferde und zu Fuß: das konnte nichts anderes sein als die feindliche Hauptmacht.

 

In der Tat war Herzog Karl diesen Morgen aus dem Lager bei Grandson aufgebrochen, und wohl noch ehe die Vorhut der Verbündeten sein Heer erblickte, hatte er durch die von ihr verfolgten Bogenschützen vernommen, dass sie im Anmarsch begriffen sei. Er hatte deshalb mit seinen vordersten Scharen Halt gemacht, um sich in Schlachtordnung zu stellen, indessen die übrigen Heeresteile samt dem Feldgeschütz nachrückten, und inzwischen ließ er auf einem Hügel neben Concise sogar einige Zelte aufschlagen.

 

Auch die Vorhut der Verbündeten machte ohne Zweifel beim Anblick des dort unten stehenden Feindes Halt und sandte Botschaft nach Vaumarcus, um ihre Hauptmacht herbeizurufen. Diese aber war, wie wir sahen, bereits unterwegs, und es dauerte wohl nicht mehr lange, bis die Vorhut, welche stehen blieb und wartete, von Ferne die Berner und ihre Zugewandten, zu denen auch die Reisigen Basels gehörten, herankommen sah. Sobald nun beide Teile vereinigt waren, hielten die Hauptleute Ausschau und überblickten die feindliche Streitmacht.

 

Östlich vom Dorfe Concise, das in der Richtung von Süd nach Nord vom See aus gegen den Berg hin eine langgestreckte Gasse bildet, standen in einiger Entfernung voneinander drei große, von Abteilungen zu Fuß und von Bogenschützen begleitete Haufen von Reisigen, und zwar der eine, den rechten Flügel bildend, gegen den See hin, der zweite auf einer Wiese im Zentrum, und der dritte links gegen den Berg. Hinter Concise jedoch sah man noch weitere Scharen, welche erst im Anmarsch begriffen waren.

 

Von dem zweiten Gewalthaufen der Verbündeten hingegen, der von Vaumarcus auf der unteren Straße heranrücken sollte, war noch nichts zu entdecken. Diese Straße lag aber tief unten, wo jetzt der Feind stand, und wenn die beiden Haufen der Verbündeten sich vereinigen sollten, so musste der obere, also die Berner mit ihren Zugewandten, die waldige Höhe verlassen und hinabsteigen in das offene Gelände, das zu ihren Füßen lag. War nun wohl der oberste Abhang, der geraden Weges dorthin führte, noch ziemlich steil und namentlich für Pferde sehr schwierig, so folgten weiter unten sanft abfallende Rebgelände, welche durch zwei übereinanderliegende und beinahe ebene Wiesenstreifen staffelförmig unterbrochen waren. Dort unten schien also die Möglichkeit gegeben, mit dem erwarteten zweiten Haufen in durchaus vorteilhafter Stellung sich zu vereinigen.

 

In der Hoffnung, dass dieser zweite Gewalthaufen wohl bald eintreffen und aus dem unteren Walde hervortreten werde, beschlossen die Hauptleute des oberen Haufens den sofortigen Abstieg ins Tal, dem Feind entgegen. So stiegen denn die Berittenen von den Pferden, und alles zog hinab, um unten auf der nächsten ebenen Staffel sich zu ordnen. Selbst die Geschütze wurden, wenn auch mit Not und Mühe, hinabgeführt.

 

Wie immer, so wurde auch jetzt das Fußvolk rottenweise nebeneinandergestellt, so dass es einen großen viereckigen Schlachthaufen bildete. In den hintersten wie in den vordersten Gliedern und ebenso in den äußersten Rotten rechts und links, also rings um das ganze Viereck, standen durchweg die langen Spieße, während in den inneren Gliedern alle Hellebarden trugen und in der Mitte die verschiedenen Banner und Fähnlein, mehr als dreißig an der Zahl, beisammenstanden.

 

Neben diesem Gewalthaufen hielt zur Rechten das Fähnlein der Reisigen, dem übrigens eine Abteilung spießtragender Fußknechte beigegeben war. Diese Reisigen führte, wie schon erwähnt, Hermann von Eptingen als oberster Hauptmann der Niederen Vereinigung. Den Gewalthaufen des Fußvolks hingegen befehligte ein Mann, der uns von einem Augenzeugen auf feindlicher Seite geschildert wird als „einer zu Pferde mit großem Bart und über die Knie reichendem Rocke“, der um das Viereck herumritt, überall ordnend und ermahnend. Ohne Zweifel war es Ritter Niklaus von Scharnachthal, der oberste Hauptmann der Berner. Die übrigen Hauptleute hingegen standen wohl alle zu Fuß und mit ihren Spießen bewaffnet in den vordersten Gliedern des Gewalthaufens.

 

Sobald die Ordnung vollendet war – was übrigens nicht sehr viel Zeit erforderte –, kniete das gesamte Fußvolk nieder zum Gebet, das mit ausgestreckten Armen verrichtet wurde und aus drei Vaterunser und drei Ave Maria bestand. Hierauf erhob sich alles, und nun ging es vorwärts, bald eben, bald bergab, durch Gesträuch und durch Reben, dem unten stehenden Feind entgegen.

 

Wohl noch während der Gewalthaufen sich ordnete – wenn nicht schon früher – hatten vorausgesandte Schützen der Verbündeten aus dem Walde hervor ihre Büchsen abgefeuert, und erst dadurch wurde der Feind aufmerksam auf das, was auf der Höhe dort vorging. Herzog Karl wünschte nichts sehnlicher, als dass die Verbündeten herabkommen möchten ins ebene Land, damit er mit seiner überlegenen Reiterei desto leichter sie besiegen und vernichten könnte. Sofort sandte er ihnen daher eine Schar von Bogenschützen entgegen mit dem Auftrag, sie nach und nach vom Berge hinweg und ins offene Land zu locken. Dieses gelang auch ganz nach Wunsch; denn so oft der Schlachthaufen stehen blieb, den Feind zu erwarten, so reizten ihn die Pfeile der feindlichen Schützen zu weiterem Vorrücken, bis er schließlich am Fuße des untersten Rebhügels stand.

 

Hier unten hielt diesem Gewalthaufen gegenüber in geringer Entfernung die mittlere jener drei großen Reiterscharen, welche die Verbündeten schon von der Höhe aus gesehen hatten. Doch indessen alles auf diese Reisigen blickte, ob sie wohl einen Angriff versuchen wollten, da bemerkte Hermann von Eptingen, wie in einiger Entfernung dem Berge entlang, also zur Rechten der Verbündeten, eine ebenso gewaltige Reiterschar, das heißt des Feindes linker Flügel, im Vorrücken begriffen war. Diese Bewegung hatte offenbar keinen anderen Zweck als die immer weiter vorrückenden Verbündeten zu umgehen und ihnen den Rückweg zum Berge zu verlegen, also sie völlig zu umringen und desto leichter zu vernichten.

 

Sofort führte deshalb der Eptinger das Fähnlein der Reisigen, also die Basler, samt den zugeteilten Fußknechten rechts gegen den Berg hin, jenem feindlichen Haufen entgegen. Dabei zählte er jedenfalls auf die dem Feinde höchst ungünstige Bodenbeschaffenheit, das heißt auf das Gesträuch und die Reben, welche auf dem ohnehin sehr unebenen Gelände für die Bewegungen einer größeren Reitermasse überaus hinderlich waren. Doch auch so noch drohte der bevorstehende Kampf ein höchst ungleicher zu werden; denn was war dieses Häuflein, das keine hundert Pferde zählte, im Vergleich zum übermächtigen Feinde! Mit Recht bemerkte deshalb nach der Schlacht einer dieser Reisigen in einem nach Hause gesandten Briefe: Da half uns der allmächtige Gott; denn wäre jener feindliche Haufen bis zu uns herangerückt, so wäre es übel mit uns gestanden.

 

Glücklicherweise jedoch sah sich jener feindliche Haufen bald genug durch Reben, Gesträuch und Abhänge so sehr gehemmt und eingeengt, dass er, noch bevor die Reisigen der Verbündeten erreicht waren, sein Vorhaben aufgab und auf halbem Wege wieder umkehrte.

 

Der Gewalthaufen des verbündeten Fußvolks war inzwischen stehen geblieben. Er wartete auf den zweiten Haufen, der auf der unteren Straße aus dem Walde hervorkommen sollte; doch noch immer war von ihm nichts zu sehen und nichts zu hören. Der Feind aber, sobald er erkannt hatte, dass die geplante Umgehung nicht ausführbar sei, brauchte weiter auf nichts mehr zu warten. Deshalb zog er jetzt seine drei Haufen näher zusammen, so dass es den Verbündeten erschien, als wollten sie sich zu einem großen Haufen vereinigen, und von einem Hügel herab, wo sein Geschütz stand, richtete er auf den dichten Gewalthaufen unversehends ein mörderisches Feuer, wobei gleich der erste Schuss acht bis zehn Mann hinstreckte.

 

Kaum aber war das letzte Geschütz abgefeuert, ohne dass die Eidgenossen zurückwichen, so sprengte unter Trompetengeschmetter und wildem Geschrei eine Schar von Reisigen mit eingelegter Lanze und verhängtem Zügel gegen sie an. Die Burgunder waren gewohnt, vor einem solchen Ansturm das gegnerische Fußvolk entsetzt auseinanderstäuben zu sehen, und für die Eidgenossen war in der Tat der Augenblick gekommen, wo nach dem Ausdruck eines Zeitgenossen „anders nichts da war, denn sterben oder genesen“.


Quelle: August Bernoulli: Basels Antheil am Burgunderkriege. II. Die Schlacht bei Grandson. 77. Neujahrsblatt, Basel, 1899.

© Carsten Rau