Von A. Essenwein.
Die Kunst der Elfenbeinschneiderei des Mittelalters hat uns zahlreiche kleine Werke hinterlassen und bietet uns so einen vollkommenen Überblick über ihren Entwicklungsgang. Da die Werke klein
sind und sehr leicht in Gypsabguss reproduziert werden können, so ist es auch möglich, eine größere Anzahl zum Vergleichen nebeneinander zu legen. So hat die Arundel Society in London eine Serie
von etwa 200 Stück in vortrefflichen Gypsabgüssen in Umlauf gesetzt, die alle Perioden vom 2. bis 17. Jahrhundert umfassen.
Das Germanische Museum besitzt auch eine ziemlich reiche Sammlung von solchen Gypsabgüssen neben einigen guten und wertvollen Originalen. Als charakteristisches Merkmal ergibt sich, wenn eine
derartige Serie zusammengestellt ist, dass der Betrieb dieser Elfenbeinschnitzerei ein ziemlich handwerklicher war, dass eine einmal festgestellte Komposition nicht bloß unendlich variiert,
sondern dass sie auch vielfältig direkt kopiert wurde. Es ist dies der Fall sowohl bei religiösen als bei profanen Gegenständen. Von den älteren Werken erscheint jedes einzelne selbständiger,
vielleicht aber auch nur, weil sie seltener sind. Von einer Darstellung wenigstens, der „Tod Mariä“, nach einer byzantinischen Komposition, sind uns mehrere, fast identische Werke bekannt. So
befindet sich eines im Museum zu Darmstadt, das im Germanischen Museum durch einen Gypsabguss vertreten ist; ein zweites in Kloster-Neuburg bei Wien, das gleichfalls durch einen Abguss im Museum
vorhanden ist. Letzteres ist auch publiziert in den Mitteilungen der k. k. Central-Commission für Baudenkmale, VII. Jahrgang, S. 142. Ein drittes Exemplar befindet sich im Musée Clugny zu Paris.
Wir behalten uns vor, anknüpfend an jene Publikation der k. k. Central-Commission, auf diesen Gegenstand speziell zurückzukommen, und erinnern hier nur daran, dass auch die byzantinische Kunst
häufig Wiederholungen eines und desselben Gegenstandes zeigt, dass also bei dem Einfluss, der von Osten her auf die abendländische Kunst stattgefunden, nicht bloß manche Motive, sondern auch die
Anschauung herübergekommen ist, die zu einer handwerksmäßigen, oft und oft wiederholten Kopie einer und derselben Komposition führte. Am auffallendsten tritt diese sich stets gleichbleibende und
oft wiederholende Komposition in den Werken des 14. Jahrhunderts auf. Manche Motive erhalten sich vom Schluss des 13. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts und es ist häufig sehr schwer, einem
Werk eine genaue Zeitstellung anzuweisen. Die Anbetung der heil. drei Könige, eine auf Diptychen und einzelnen Täfelchen so oft und oft wiederholte Darstellung, zeigt in deutschen und
französischen Werken, die fast zwei Jahrhunderte umfassen, genau dieselben Figuren, oft in größerer oder geringerer Feinheit, aber stets im selben Kostüm, in derselben Stellung und Haltung. Es
ist nicht das Zeitkostüm, wie es sich in den Gemälden findet; es sind stets dieselben nach einem Original gearbeiteten Figuren. Im Allgemeinen — es gibt jedoch auch hier Ausnahmen — zeigt sodann
die größere oder geringere Feinheit, das größere oder geringere Gefühl und Bewusstsein auf die ältere oder auf die jüngere Zeit, wo ein schon bekanntes Original gedankenlos von den Gesellen der
Kunst reproduziert wurde.
Deshalb sind wir auch nicht so leicht geneigt, ein uns entgegentretendes rohes Werk so geradezu als Falsifikat anzusehen, wie dies z. B. der sehr gelehrte französische Forscher Didron tut, der
die Hälfte der vorhandenen Elfenbeinskulpturen oft, wie es scheint, aus bloßer Laune, als Falsa erklärt hat. Sobald die Serie der Gypsabgüsse des Museums erst mehr komplettiert sein wird, hoffen
wir von diesem Gesichtspunkt aus mancherlei höchst interessante Parallelen finden zu können.
Wir wollen hier jedoch das Gebiet der religiösen Darstellungen nicht näher berühren und auf das Profane übergehen, wo uns dieselbe Erscheinung entgegentritt. Fast alle die vielen
Elfenbeintäfelchen (Schreibtäfelchen), Spiegelgehäuse, Kästchen, Kämme u. A. von der zweiten Hälfte des 13. bis zum Schluss des 15. Jahrhunderts lassen sich auf wenige Grundmotive zurückführen.
Wir übergehen hier die gewissen, teils viereckigen, teils sechseckigen italienischen Kästchen, die stets ein sich zugewendetes Paar derselben Figuren tausendfach wiederholen, an den Ecken bloß
mit anderen Figuren geschmückt sind, an den Deckeln die nackten geflügelten Menschenfiguren zeigen und aus verschiedenfarbigem Holz eingelegte Einfassungen haben. Uns selbst sind mindestens 30
derartige Kästchen zu Gesicht gekommen. Wir heben eine Gruppe zweier Figuren hervor, die in verschiedenartigen Situationen nebeneinander stehen. So befindet sich in der fürstl. Wallerstein’schen
Sammlung zu Maihingen ein vom Germanischen Museum in Gypsabguss veröffentlichtes Täfelchen (abgebildet bei Eye u. Falke, Kunst und Leben der Vorzeit), das auf beiden Seiten geschnitzt ist; es
zeigt einerseits unter einem Baum knieend einen Mann und eine Frau, auf dem Baum Amor, eine geflügelte Jünglingsgestalt mit einer Krone auf dem Haupte, zwei Pfeile auf die unten Knieenden
versendend. Der Herr hat einen Falken auf der Hand. Auf der anderen Seite des Täfelchens sind die beiden Figuren stehend; der Herr setzt der Dame einen Stirnreif auf. Ein Täfelchen genau von
derselben Größe, das jetzt im Original im Germanischen Museum sich befindet, zeigt gerade dieselben Figuren zu Pferde reitend, auf die Jagd ausziehend; wie die beiden früheren Darstellungen ihre
Parallelen in einigen Täfelchen des Louvre und des Musée Clugny zu Paris finden, so auch das gegenwärtige, das daselbst mehrmals vorhanden ist, wobei jedoch das des Germanischen Museums alle
diese in Paris vorhandenen an Feinheit und Zartheit übertrifft, ohne dass ihm jedoch eine gewisse Härte abzusprechen ist.
Dieselbe Darstellung befindet sich auch auf einem Diptychon, das im Gypsabguss im Germanischen Museum vorhanden ist und dessen zweites Täfelchen dieselben Figuren, Schach spielend, zeigt. Auch
einen Hasen jagend finden sich ähnliche Figuren. Die Schachszene findet sich wieder auf einem Spiegelgehäuse im Besitz des Prof. v. Hefner-Alteneck in München und einem zweiten in der Serie der
Arundel Society; ebenso wiederholt die Reiterszene in dieser Serie.
Andere Spiegelgehäuse derselben Serie zeigen die Erstürmung einer Minneburg. Sie haben gleichfalls ähnliche Figuren; eines gehört der Sammlung von A. Fountaine an, ein anderes dem Kensington
Museum in London. Auf einer Büchse im Museum zu Boulogne, deren in vier Felder geteilter Deckel gleichfalls unter den Gypsabgüssen der Arundel Society sich befindet, ist ebenfalls diese Minneburg
abgebildet. Ein sehr schönes Exemplar eines Spiegelgehäuses mit einer Minneburg befindet sich im Museum zu Darmstadt (abgebildet in den Denkmälern der Kunst von Voit, Caspar, Guhl, Lübke). Hier
führen die Damen ihre Ritter über eine Treppe in die Burg, auf deren Zinnen bereits mehrere Figuren zu sehen sind. Eine andere Szene zeigt die Minneburg auf dem Spiegelgehäuse der
Wallerstein’schen Sammlung zu Maihingen, das durch das Germanische Museum in Gypsabguss vervielfältigt ist. Hier steht oben auf den Zinnen der Burg Amor, mit dem Bogen Pfeile versendend; es ist
fast dieselbe Figur wie auf dem früher genannten Täfelchen zu Maihingen. Hinter den Zinnen stehen Damen, die Rosen auf die Angreifer herunterwerfen. Ein Teil der Angreifer hat schon die Mauern
erstiegen und liebkost die Damen, die sich ergeben haben. Einer der Angreifer schießt Rosen aus der Armbrust; ein anderer ist stehend auf dem Sattel seines Pferdes zu sehen, von wo aus er eine
der Damen, die an einer Luke steht, liebkost; ebenso hat ein anderer Herr an der entgegengesetzten Seite bereits eine der Damen umschlungen, die eine Luke besetzt hält. Aus dem Tor sprengen zwei
Damen zu Pferde gegen zwei Ritter, die mit eingelegter Lanze ihnen entgegenreiten. Die Lanzen haben statt der Spitzen Rosen, und eine der Damen hat statt derselben einen Zweig mit drei Rosen. Die
Ritter haben Rosen auf ihren Schilden; zu beiden Seiten sitzen Jünglinge auf Bäumen und blasen zum Sturm. Einer derselben reicht eine Dame von der Zinne aus einen Kranz; der zweite wird von einer
anderen Dame mit Rosen beworfen.
In vielen Zügen mit dieser Darstellung verwandt, jedoch wieder wesentlich davon verschieden, ist der Schmuck eines Spiegelgehäuses, das gegenwärtig im Cistercienser-Stifte Reun in Steiermark sich
befindet und vom steiermärkischen Verein zur Förderung der Kunstindustrie in Gypsabguss verbreitet worden ist. Es sind dieselben Personen in anderer Handlung. Es zeigt sich die Breitseite eines
viereckigen Baues; in der Mitte das mit dem Fallgatter verwahrte Tor, neben dem zu beiden Seiten halbrunde Vorbauten angebracht sind. Zu oberst auf den Zinnen steht der Liebesgott, gekrönt, mit
ausgebreiteten Flügeln, dem auf dem kleinen Täfelchen zu Maihingen vollkommen gleichend. Er hält einen Speer gesenkt in der Rechten, auf der linken Faust sitzt ein Falke. Er nimmt nicht Teil am
Kampf und erscheint gleichsam als Herr und Gebieter, der die Verteidigung der Burg leitet. Zur Rechten ein liebendes Paar; zur Linken ein verwundeter Krieger, umgesunken in den Armen einer Dame,
die ihn pflegt. Aus dem Tor stürmen zwei Ritter hervor, und hier gilt es nicht einen zarten Kampf mit Rosen, sondern mit geschwungenem Schwert holt einer der von außen anstürmenden Ritter gegen
einen der inneren aus, der den Hieb zu parieren scheint. Der zweite hinter demselben hat den Speer eingelegt, und ein zweiter, der den Speer auf der Schulter trägt, kommt auch hinter dem äußeren
Ritter hergeritten. Beide Kämpfenden, sowie die mit den Speeren, tragen den geschlossenen Helm auf dem Kopf. Auf den Decken der Pferde, wie auf den Schilden, haben jedoch beide dasselbe Zeichen —
Rosen. Ein Kämpfer mit einer Eisenhaube dagegen hat eine Rose als Pfeil auf der gespannten Armbrust liegen, um sie gegen die Burg zu entsenden. Hinter ihm steht eine mit Rosen beladene
Schleudermaschine. Wie die Burg des vorhin angeführten Spiegelgehäuses, so hat auch die gegenwärtige zwei halbrunde, turmartige Vorbauten neben dem Tor, die niedriger sind als der Hauptbau. Auf
der Spitze der einen steht ein kosendes Paar und eine einzelne Jungfrau, die einen Stirnreif hält, der etwa dem Armbrustschützen zugedacht sein könnte. In einer großen Spitzbogenöffnung dieses
Vorbaues ist wieder ein kosendes Paar zu sehen. Unmittelbar über der Pforte befindet sich ein viereckiges Fenster, aus dem zwei Damen heraussehen, von denen die vordere aus einem Korb Rosen über
die aus dem Tor hervorbrechenden Ritter wirft, die zweite aber einen Stirnreif einem jungen Mann reicht, der auf der Platte des zweiten Vorbaus steht. Eine Dame auf der Platte dieses Vorbaues
hilft einem auf einer Strickleiter emporklimmenden, noch ganz gewappneten Ritter (nur den Helm hat er abgelegt) in die Höhe, während ein zweiter eben unten die Strickleiter befestigt; die Pferde
beider stehen ledig unten. Den Abschluss zur Seite bietet ein ganz ungewappneter Bogenschütze auf einem Baum. Da der gespannte Bogen in seinen Händen keinen Pfeil erkennen lässt, so ist
anzunehmen, dass er ebenfalls eine Rose versende. Im Ganzen befinden sich demnach auf dem Schnitzwerk 22 Personen und 4 Pferde. Die Komposition ist lebendig und selbst, was wir heute malerisch
nennen; doch ist der Sache und der Deutlichkeit des Ausdrucks so weit Rechnung getragen, dass sich der Maßstab der Burg nicht nach dem der Menschenfiguren richtet, sondern die Burg eben nur als
Andeutung erscheint; ebenso sind die Bäume mehr ornamentale Andeutungen als Bäume selbst. Die Bewegung der Figuren entspricht vollkommen dem 14. Jahrhundert.
In Bezug auf das Kostüm scheint uns keine andere Bemerkung nötig, als dass hieraus wieder zu ersehen ist, dass Schild und Helm nur unmittelbar beim Kampf selbst benutzt wurden; dass die noch
immer in Eisen gekleideten Krieger, welche nicht unmittelbar kämpfen, den Helm abgelegt haben; dass sie endlich bei der Geliebten ohne jedes Kampfgewand erscheinen. Hinsichtlich der sehr
interessanten Schleudermaschine können wir nur auf Viollet-le-Duc’s Artikel „Engin“ in seinem Dictionnaire de l’architecture française verweisen.
Wenn in dem Spiegelgehäuse aus Maihingen lediglich der Kampf zwischen Herren und Damen geführt wird und mit der Ergebung der Damen endet, so erscheint hier als neues Motiv noch der Kampf der
Ritter unter sich um die Minne eingefügt, ein Kampf, der nicht mit Rosen, sondern mit Speer und Schwert ausgefochten wird.
Quelle: Anzeiger für Kunde der Deutschen Vorzeit. Neue Folge. 13. Jahrgang. Nürnberg, 1866. Juni.
