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Zwei Rüstungen aus Fürstenwalde a. d. Spree

Von Landgerichtsrat Bernhard Engel in Thorn.

 

Fürstenwalde a. d. Spree besitzt eine kleine Rüstkammer, in welcher sich neben einer Anzahl weniger bemerkenswerter Stücke zwei Rüstungen aus der Zeit um 1500 befinden, die wohl eine Bekanntmachung verdienen, insonderheit der Helme wegen.

 

Die eine Rüstung, von welcher ich Vorder-, Rück- und Seitenansicht (Fig. 1—3) bringe, hat eine strahlenförmig (nicht bis oben hin) gerippte Kugelbrust, auf welcher dort, wo sonst der Rüsthaken sitzt, zwei Rosettchen angebracht sind. Die Armausschnitte haben bewegliche Einsätze. Der Rücken ist gleichfalls gerippt und hat zwei angenietete Seitenteile. Brust und Rücken reichen nicht bis in die Weichen herab; diese werden vielmehr durch besondere untergesetzte Stücke geschützt,1 jedoch nicht an den Seitenteilen, während der aus drei Folgen bestehende Hinterschurz wieder breiter ist, so dass der ganze Rücken die bei den Stechrüstungen übliche Form gewinnt.2

 

An dem vorderen Weichenstück sitzen vier aufwärts geschobene, in der Mitte gerippte Bauchreifen mit festen, fünfmal geschobenen Beintaschen. Diese stehen weit auseinander; die untersten Folgen sind gerippt. Die Brust ist, was auf der Abbildung nicht sichtbar ist, oben quer abgeschnitten, der Rand ist wulstförmig aufgetrieben und (ebenso wie die Ränder der Armausschnitte am Bruststück) geschnürlt. Diese Auftreibung ergibt, dass der Kragen unter den Harnisch gehört, wie bei ähnlichen Rüstungen, z. B. Boeheim Fig. 94, während er bei unserer Rüstung zurzeit darüber liegt.

 

Der Kragen besteht aus einem zugespitzten Vorder- und einem rechteckigen Hinterteil, beide am unteren Rand leicht geschnürlt und oben mit zwei Halsfolgen versehen, deren; oberer Rand gleichfalls geschnürlt ist. Seitwärts sitzen die sechsmal geschobenen Spangeröls für den Oberarm. Auf der linken Seite des Vorderblechs sehen wir ein T-förmiges Loch, wohl zur Befestigung des Kragens unter der Harnischbrust.

 

1Vgl. Boeheim, Waffenkunde, Fig. 94.

2Vgl. z. B. Demmin, 3. und 4. Aufl. S. 428.

 

Der Helm ist ein Eisenhut mit scharf abgesetzter, stark abfallender Krempe, in welcher sich der Augenschlitz befindet. Krempe und Glocke haben vorn einen Grat, der sich nach oben hin zu einem über den Scheitel laufenden, niedrigen Kamm erhebt. Rings um den oberen Teil der Krempe laufen gleiche Rosettchen, wie sie die Harnischbrust und der Kragen zeigen, ein Beweis für die Zusammengehörigkeit aller Stücke. Der Helm ist am unteren Rand der Krempe 39,5 cm lang, 33 cm breit und insgesamt 25 cm hoch. Das Gewicht beträgt 3,21 kg. Unterhalb des Augenschlitzes ist eine Marke eingehauen: eine heraldische Lilie in einem über Eck gestellten Quadrat. Ein gleicher Helm mit derselben Marke befindet sich im Kgl. Zeughaus zu Berlin, jedoch ohne zugehörige Rüstung. Gerade letztere aber ermöglicht erst eine sichere Zeitbestimmung auch für den Helm, hier um 1500, während im Allgemeinen diese Art von Eisenhüten wohl für älter angesehen wird. Allerdings erscheint die gleiche Form ja auch schon früher, aber kaum vor 1400.

 

Zu den älteren Stücken zählt der jetzt gleichfalls im Berliner Zeughaus befindliche, aus der Sammlung des Prinzen Karl stammende Eisenhut mit Sehschlitz, welcher bei Hiltl Taf. VI Fig. 5 und bei Gimbel Taf. IV Fig. 25 abgebildet ist. Vgl. auch Essenwein, die Helme im germanischen Museum (Nürnberg 1892) S. 27, 28; andererseits Demmin 3. und 4. Aufl. S. 524 Nr. 87.

 

Der zweite Harnisch (Fig. 4) ist ebenfalls gerifelt. Er besitzt vollständiges Armzeug sowie Oberbeinzeug. Das Unterbeinzeug fehlt und ist durch moderne Stiefeln mit Sporen ersetzt. Die Brust hat einen zum Umklappen eingerichteten Rüsthaken. In den Handschuhen hat sich das Lederfutter erhalten. Das Weichenstück ist auf die Brust genietet. Der Kragen liegt auch bei dieser Rüstung fälschlich über der Brust. Bemerkenswert sind die auf den Kragen genieteten Seitenlappen aus Ringgeflecht, welche die Achselhöhlen schützen, also die Stelle der Flüge vertreten. Der Helm, von welchem ich in Fig. 5 eine Seitenansicht in größerem Maßstab gebe, gehört offenbar nicht zu der Rüstung, welche einen Maximilianshelm erfordert. Jenes beweist auch der Umstand, dass die sternblumenförmigen Rosettchen, welche den unteren Rand des Helmhalses umziehen, von anderer Gestalt sind als die auf dem Harnisch selbst z. B. auf den untersten Folgen der Beintaschen sitzenden; letztere gleichen denjenigen des ersten Harnisches. Der Helm ist dickwandig und wiegt bei 35 cm Höhe 4,85 kg. Die Glocke mit der zurückliegenden, abgerundeten Spitze1 lehnt sich noch an die spätere Beckenhaube an (vgl. Boeheim S. 41 bzw. Fig. 21). Hinten hat die Glocke, ein eingezogenes, überaus schmales Nackenstück (vgl. Boeheim Fig. 29, 35). Seitlich hängen an der Glocke in Scharnieren die Backenstücke mit Kinnreff und Hals, von denen das linke über das rechte übergreift und auf demselben mittelst eines Wirbels festgehalten wird. Das aufschlächtige, wie bei Hundsgugeln auch zum Abstecken eingerichtete Visier ist kugelig und siebartig durchlöchert.

 

Die Kugelhelme des 15. Jahrhunderts haben ihr Vorbild wohl in den geschlossenen Helmen gefunden, von welchen der unsrige ein Beispiel bietet. Auffallend ist jedenfalls die Ähnlichkeit mit dem Kugelhelm Nr. 70 der Sammlung Kuppelmayr. Vgl. Boeheim Fig. 159, Demmin S. 413 und S. 511 Fig. 49, weiter Boeheim Fig. 617.

 

Als Marke trägt der Hehn ein Schildchen mit 3 Kreuzen (Abbildung Fig. 6). Beide Rüstungen sind mit einem der Neuzeit angehörigen Anstrich von schwarzem Eisenlack versehen.

 

1Auch die nordischen Schallern haben eine spitze Glocke z. B. Demmin, S. 518 Fig. 68 u. 69.

 


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 3. Dresden, 1900-1902.