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Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen - Teil 4

11. Federzeichnungen aus der Metzer «Apocalipse en latin» des 13. Jahrhunderts

 

Unter den Handschriften der ehemaligen Sammlung Saks, welche auf der an Pergamentmanuskripten so reichen Metzer Stadtbibliothek aufbewahrt wird, befindet sich eine französische «Apocalipse en latin« des 13. Jahrhunderts, welche mit Federzeichnungen eines ganz hervorragenden französischen Meisters geschmückt ist. Vier dieser Federzeichnungen reproduziere ich auf einer Lichtdrucktafel1, weil diese vier Bilder auch an dieser Stelle Beachtung verdienen.

 

Die erste dieser vier Miniaturen zeigt mehrere gewappnete Reiter, alle in Ringpanzern, bestehend in Rüsthosen und Gugelhaubert. Der vorderste Reiter trägt am Knie eine Knieschutzscheibe, die anscheinend nicht mit Riemenwerk befestigt, sondern direkt in das Ringwerk vernietet ist. Der mit einem Stachelsporen versehene rechte Fuß steckt in einem dreieckigen Steigbügel. Einige der anderen Reiter tragen über der Ringgugel flache blecherne Hauben, die allem Anschein nach mit Metallschienen verstärkt sind. Als Bewaffnung figurieren Lanzen mit Widerhaken, Schwerter und eine Lanze mit gabelartiger Doppelspitze.

 

Das zweite Bild führt uns einen Geharnischten zu Pferd vor, der über dem Haubert den Waffenrock trägt. Dieser, heraldisch gemustert, wird von zwei Gürteln zusammengehalten, einem geknoteten aus schmalem Riemenwerk und einem lose herabhängenden breiten Schnittes; der untere ist wohl der zum Waffenrock gehörige, der andere, breite Gürtel dagegen derjenige, an welchem Schwert (und Dolch) zu hängen hatten. Das Schwert ist sehr lang, eine Beobachtung, welche, gerade auf Miniaturen des 13. Jahrhunderts häufig zu machen ist und nicht ohne Grund sein dürfte: damals hauptsächlich vollzog sich der Umschwung, der die breite kurze Klinge des Karolingerschwertes in eine nur am Griff breite, nach vorn sich wesentlich verjüngende, dafür umso längere Klinge umwandelte.

 

Ganz besonders interessant ist aber die Kopfbedeckung des Reiters, weil hier scharf und deutlich ersichtlich ist, wie die Kinnpartie des Hauberts in diesem Fall seitlich rechts mit Riemenwerk befestigt ist, d. h. eine Art «Latz» bildet, den man für den Kampf heraufziehen oder herunterlassen konnte, um im letzteren Fall das Gesicht freier zu haben.

 

Das dritte Bild zeigt uns zwei Chimären, die ikonographisch kürzlich von Delisle bei Besprechung der «Apokalipse en latin» der Pariser Bibliotheque Nationale in den Publikationen der «Societe des anciens textes» gewürdigt worden sind, uns hier aber interessieren, weil diese Ungeheuer mit Pferdeleibern uns Kettenpanzerung als Pferdeschutz zur Darstellung bringen.

 

Auch die vierte Federzeichnung der Metzer Bilderschrift bietet uns hauptsächlich durch die Pferdeausrüstung Interesse. Ein König mit Bogen und Pfeil sitzt auf einem Pferd, dessen Gurt mit allerlei Anhängern geziert ist. Und zwar wechseln bei diesen siebenblättrige Rosetten ab mit kleinen dreieckigen Schildchen, die ebenso wie die Rosetten an kurzen Stielen hängen. Mir scheint, dass wir hier ein Beispiel vor uns haben, welches die Tragweise der sogenannten «Schwertanhänger» analog den hier abgebildeten Originalen erklärt. Charakteristisch ist an diesen Anhängern zumeist der Henkel, der stets oder fast stets hoch und schmal ist, nicht selten stark ausgerieben, von langem Gebrauch zeugend.

 

Die Form dieser Anhänger ist wie auf dem Metzer Bild hauptsächlich bald die eines dreieckigen Schildchens, bald die einer Rosette, doch kommen zur Abwechslung auch andere Formen vor; häufig sind besonders auch runde derartige Anhänger, seltener dagegen viereckige, ovale usw. (vgl. Fig. 1—7). Einzelne tragen einfache Ornamente, andere romanische und frühgotische Tiergestalten, sehr viele aber zeigen auf ihrer Vorderseite (die Rückseite ist stets leer, glatt) heraldische Figuren, oft ganze Wappen, die gotischen tragen nicht selten Initialen, Monogramme oder gar Devisen. Viele bestehen aus gegossener und gravierter Bronze, andere aus geschnittenem Kupfer, manche sind vergoldet; andere waren mit Email champleve geschmückt, doch ist dieses nur in den seltensten Fällen erhalten, ja auffallend oft fehlt dieses so gänzlich, als wäre es schon in früher Zeit entfernt worden.

 

Hier und da findet man dergleichen Anhänger, bei denen die Anhängeöse abgeschnitten worden ist, um die Plagnette einem anderen Zweck, als Beschläge von Kassetten, Buchdeckeln u. dgl. nutzbar zu machen, doch findet man bei genauerem Zusehen gewöhnlich noch die Abschnittstelle. Nun mögen ja einzelne dieser Anhänger gelegentlich als Kästchenzier oder ähnlichen Zwecken gedient haben, für die große Mehrzahl aber kann kein Zweifel bestehen, dass sie zur Ausrüstung von Rittern und großen Herren gehörten und ich vermute, dass diese Anhänger in vielen Fällen das Kennzeichen, das Erkennungszeichen bildete, welches das Rüstzeug der einzelnen Besitzer kennzeichnen sollte. Daraufhin weist vor allem der heraldische Schmuck mancher dieser Anhänger. Inwieweit diese Anhänger zugleich vielleicht besondere Ehrenzeichen dargestellt haben, will zu erörtern ich hier dahingestellt sein lassen, doch sei ausdrücklich die große Pracht, der große Reichtum einzelner dieser Anhänger hervorgehoben, um damit anzudeuten, dass manche sehr wohl nicht bloß am Pferderüstzeug, sondern auch am Ringpanzer, an der Schwertscheide usw. als Zier und Auszeichnung angebracht gewesen sein könnten. Einzelne dieser Anhänger sind oft durch die Feinheit der Ziselierung, die Pracht der Goldapplikation und der Emaillierung wahre Bijoux mittelalterlicher Kleinkunst.

 

1Aus Versehen wurde die Tafel bereits dem zehnten Heft beigelegt.

 


12. Vom Pulver-Erfinder.

 

In einer Papierhandschrift aus dem 16. Jahrhundert mit allerlei Rezepten fand ich folgende alte Version über die Legende von der Erfindung des Schießpulvers durch Berthold Schwarz:

 

(«Wie man das Puxn Puluer machen/ auch durch wen und wie dasselb zumachen erstlich erfunden sey.»)

 

«Perchtoldus Niger1, ein Alcemist, als er auf ein Zeit / ein goldfarb2 machen woldt. Darfür müesst er haben Salitter3, schwefl, pley und öll4. welche agatorien er in ein haffen thunn vnd dar in wol vermachen müesst — über oder im Feuer prenne müesst. Und da es also erhizet. zerprach d hafen zu lautren stucken / Ime zu offern mal also geschach. Darnach lies er Ime machen ganz kupferen hafen mit eysnen ringen negln wol verschlagen. Und da d dunst also nit darnan mäht. So zerprach d hafn abermals wie vor zu laut in stusche vnd that offt groß schad. Also that er dz pley vnd ol darus vnd nam dafür kol. Vnd lies im ein puxn vormachen vnd druecht ob er mit stein dermit schiessen mocht welches im auch also geriett. Vnd damit also dz pulurn und schiessen aus der buxen erfunden. — Unnd nachmals verpesserthet. Salitter und schwefl gleich vil und kolen etwas nym dan.»

 

(Folgen die Anweisungen zur Bereitung des Salpeters, dann des Pulvers usw.)

 

1Perchtoldus Niger» = die Latinisierung des deutschen «Berthold Schwarz».

2Goldfarbe, wie sie die Mönche des Mittelalters zur weiteren Ausführung ihrer Buchinitialen verwendeten.

3Salitter = Salpeter.

4Öll = Öl, das in Verbindung mit Schwefel und den anderen genannten Zutaten zur Herstellung jener Goldfarbe gedient zu haben scheint.


13. Ein flandrischer Goliath des 15. Jahrhunderts der Kollektion Forrer.

 

Das Clichebild Fig. 8 ist die stark verkleinerte Reproduktion einer Tafel des soeben zur Ausgabe gelangten ersten Bandes meiner «Unedierten Federzeichnungen, Miniaturen und Initialen des Mittelalters».1 Es ist eine flandrische Pergamentminiatur vom Ende des 15. Jahrhunderts, von großer Feinheit der Ausführung und von einem erstklassigen Meister. Uns interessiert hier die Ausrüstung des Goliaths, der als gefällter Riese schwerfällig am Boden liegt, und nach seiner versilberten, reich verzierten gotischen Prunkrüstung zu urteilen, ein sehr reicher Herr gewesen sein muss. Unter dem Brustpanzer trägt er ein Panzerhemd, unter den Beinschienen rote Hosen. An der rechten Seite trägt er ein breites gekrümmtes Coutelas mit Scheibengriff. Die Achseln sind durch runde Buckelscheiben gedeckt, der Helm durch eine enganliegende Eisenkappe mit Ohrenscheiben. Eine rote Tartsche ist ihm entfallen und ebenso das interessanteste Stück seiner Bewaffnung, ein leibhaftiger «Morgenstern», an dem die runde Parierscheibe unterhalb des Knebels und die kurzen Federn am Schaft sehr beachtenswerte Details darstellen.

 

Die Rüstung stellt den Typus der Prunkrüstungen dar, wie sie Burgund damals kultivierte; die Zusammenstellung von Prunkrüstung, Coutelas, Tartsche und Morgenstern ist aber ersichtlich dem Bestreben des Künstlers entsprungen, die Gegensätze zwischen damals üblicher Rüstung und Bewaffnung einerseits und Bibeltext andererseits einander anzupassen — jenes Bestreben, das ich bereits eingangs dieser Artikelserie als Merkmal der beginnenden Renaissance gekennzeichnet habe.

 

1Forrer, Mittelalterl. Miniaturen (mit 50 Tafeln), Verlag von Schlesier und Schweikhardt, Straßburg 1902 (Tafel XXXV).


Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 11. Dresden, 1900-1902.