Von Paul Reimer,1
Oberleutnant und Direktions-Assistent beim Feuerwerks-Laboratorium Spandau.
Während noch vor wenigen Jahrhunderten die Maler jede historische Szene skrupellos in ihre eigene Zeit, in die Lebensverhältnisse ihrer Tage übertrugen, sucht die in neuerer Zeit übliche bildliche Darstellung historischer Ereignisse ihrem Gegenstand auch nach der äußeren Seite, dem Ort der Handlung, der Tracht usw. gerecht zu werden. Heute verlangen wir, dass jede historische Darstellung das Ergebnis eingehenden Studiums nach jeder Richtung hin ist und kritisieren scharf jeden kleinen Fehler, der sich z. B. in der Ausrüstung usw. eines Kriegers zeigt, auch wenn dieser Fehler nur durch Übersehung einer gerade bei der dargestellten Szene eingetretenen, aber von der Geschichte verbürgten Zufälligkeit veranlasst worden ist.
Gestalt und Farbe usw. von Ausrüstungsstücken, Uniformen und Waffen lassen sich fast immer auf Grund von literarischen Quellen, Abbildungen, Museumsstücken usw. einwandfrei feststellen, auch die den Hintergrund historischer Handlungen bildenden Landschaften werden sich nach dem heutigen Zustand unter Berücksichtigung der in der Zwischenzeit durch Kultur und gewaltsame oder allmähliche Natureinflüsse stattgefundenen Änderungen mit genügender Wahrscheinlichkeit rekonstruieren lassen.
Anders liegen die Verhältnisse bei der Darstellung in sehr kurzer Zeit sich abspielender Vorgänge. Hierher gehört die Darstellung des fliegenden Pfeiles oder der Bombe, des galoppierenden Pferdes u. a. m., nicht in letzter Linie auch die des Schusses einer Feuerwaffe. Im Allgemeinen greift der Maler in solchen Fällen eine ihm besonders charakteristisch erscheinende Phase der in rascher Aufeinanderfolge wechselnden Erscheinungen heraus und sucht diese je nach seiner Auffassung möglichst naturgetreu wiederzugeben. Wie falsch diese Darstellungen, von denen jede Zeit ihre besonderen Eigentümlichkeiten gehabt hat, mitunter waren, hat erst in neuester Zeit in überraschender Weise die moderne Momentphotographie gezeigt. Andererseits haben wir uns daran gewöhnt, die Speichen eines schnell sich drehenden Rades als ein undeutliches Geflimmer dargestellt zu sehen, eine Auffassung, die in jüngster Zeit auch für andere rasche Bewegungserscheinungen in Anspruch genommen worden ist.
1Erweiterte Bearbeitung eines am 7. Febr. 1901 in der «Gesellschaft für Heereskunde» zu Berlin gehaltenen Vortrages.

Eine Hauptrolle bei der bildlichen Darstellung von Gefechtsszenen bildet der Schuss, nächst dem elektrischen Funken wohl die kürzeste Erscheinung, die wir kennen. Charakterisiert wird dieselbe durch die Flammen- und Raucherscheinung und daher finden wir beide Merkmale fast immer bei der Abbildung einer feuernden Waffe vertreten. Auch hier haben wir uns an eine bestimmte Auffassung der Schusserscheinung seitens der neueren Maler gewöhnt, und wenn auch hier und da nicht unerhebliche Abweichungen in der Darstellung der Gestalt und Farbe der Flammen, wie der Raucherscheinung auftreten, so weichen sie doch im Charakter nicht so weit voneinander ab, wie die entsprechenden Auffassungen von Darstellern früherer Zeiten.
Verfolgt man daraufhin allein die Reproduktionen von Schlachtszenen in G. Liebes Buch «Der Soldat in der deutschen Vergangenheit», aus welchem u. a. einige besonders charakteristische Proben hier (Abb. I —3) wiedergegeben sind, so sieht man Unterschiede in der Auffassung des Schusses, die beweisen, wie wenig geschult einzelne Darsteller in der Beobachtung und richtigen Auffassung einer so vorübergehenden Erscheinung waren. So ist in der Darstellung des Einzelschusses zwischen Abb. 1 und Abb. 3 ein derartiger Unterschied, dass unmöglich beide richtig sein können.
Die Durchsicht weiterer derartiger Blätter bestätigt die Tatsache, dass die Auffassung der Schusserscheinung sehr individuell ist, obwohl sie sich nach ganz bestimmten Gesetzen abspielt, deren Voraussetzungen zu den verschiedenen Zeiten nur sehr geringe Unterschiede zeigten. Welche der vielen verschiedenen Auffassungen nun aber die richtige ist, lässt sich ohne weiteres schwer entscheiden, es ist dazu zunächst notwendig, zu betrachten, wie die Schusserscheinung überhaupt zustande kommt.
Die Pulverladung einer Feuerwaffe es sei hier nur von Schwarzpulver, und zwar vorläufig nur von gekörntem, die Rede — bildet einen Haufen oder Klumpen von einzelnen rundlichen oder eckigen Körpern, die jedenfalls Zwischenräume zwischen sich lassen. Wird nun diese Ladung an irgendeiner Stelle von außen her entzündet, so schlagen die hier gebildeten, glühenden Gase sofort durch sämtliche Zwischenräume der Körner und entzünden so die ganze Ladung. Jedes einzelne Korn brennt alsdann von der Oberfläche schichtenweise nach dem Kern zu ab, es entwickeln sich also bei fortschreitender Verbrennung, da die Oberflächen der Körner immer kleiner werden, immer weniger Gase. Diese letzteren haben bald eine solche Spannung erreicht, dass der aus der Trägheit des Geschosses, sowie der bei gezogenen Waffen mit Pressionsführung durch das Einschneiden der Felder des gezogenen Teils in das Führungsmaterial des Geschosses sich ergebende Widerstand des letzteren überwunden wird. Das Geschoss bewegt sich alsdann im Rohr vorwärts und vergrößert so immer mehr den Verbrennungsraum, in welchem die brennenden Körner durcheinandergewirbelt werden.

Um nun zu verhindern, dass die durch die erste Ausdehnung der Gase gewonnene Geschwindigkeit des Geschosses bei dem immer geringer werdenden Gaszufluss abnehme, wählte man die Ladung so groß, dass theoretisch gerade die letzten Reste der Pulverkörner verbrennen, wenn das Geschoss das Rohr verlässt. In diesem Augenblick ist die Seele mit einem innigen Gemisch der äußerst fein verteilten festen Verbrennungsprodukte des Pulvers und hochgespannter, glühender Gase gefüllt, welche, den festen Rückstand zum großen Teil mit sich reisend, als Flamme hinter dem Geschoss herschießen, sich nach allen Seiten stark ausdehnen und sich abkühlend verteilen.
Jedenfalls bildet die Pulverflamme eine lange, glühende Zunge, die in ihrer Längsachse am heißesten ist, nach den Rändern und besonders dem vorderen Ende zu infolge Ausdehnung und Abkühlung der Gase zerfließt, also keine scharfe Umgrenzung zeigen kann. Bei langen, mit großer Anfangsgeschwindigkeit und geeignetem, langsam verbrennendem Pulver feuernden Kanonen kann allerdings der Fall eintreten, dass die Geschwindigkeit der Pulvergase vor der Mündung zunächst die Oberhand behält über das Bestreben nach seitlicher Ausdehnung. In diesem Fall wird alsdann der Feuerstrahl auf eine kurze Strecke vor der Mündung scharf begrenzt sein.
Da die Pulvergase eine größere Geschwindigkeit haben müssen, als das Geschoss, so werden sie dieses überholen und einhüllen, eine Erfahrung, die zur Selbstentzündung der nach vorn zeigenden Geschosszünder benutzt wurde, wenn man auch hier und da den Bombenzünder der Sicherheit wegen vor dem Abfeuern des Mörsers noch besonders mit einer Lunte anzündete. Es geschah dies, wie Abbildungen des 17. Jahrhunderts zeigen, wenn die Bombe behelfs besserer Ausnutzung der Pulvergase zur Schließung des Spielraums im Flug des Mörsers mit Erde usw. festgestampft wurde.
Bis zur Einführung rationeller Einrichtungen zum Messen von Geschossgeschwindigkeiten war es kaum möglich, die Größe der Ladung in der oben angegebenen Weise mit Sicherheit auszuwählen. War die Ladung zu klein, so musste bereits im Rohr infolge fortgesetzter Ausdehnung der Gase bei Mangel an Gaszufluss eine Abkühlung der Gase eintreten, der Feuerstrahl vor dem Rohr war also weniger intensiv. Viel häufiger hat man indessen die Ladungen der Sicherheit wegen etwas zu groß gewählt, es verbrannten also alsdann die letzten Reste der Pulverkörner noch vor der Mündung, wurden bei der Ausdehnung der Gase nach den Seiten mitgerissen und verbreiterten so die Flamme beträchtlich.

In sehr ausgesprochener Weise liegen diese Verhältnisse beim sogenannten «blinden», dem Manöver- oder Salutschuss vor. Da hier das Geschoss, also ein größerer Widerstand vor der Pulverladung fehlt und nur durch die Pressung der sich massenhaft bildenden Gase ersetzt wird, so wird ein ganz erheblicher Teil der Ladung brennend herausgeschleudert und erzeugt so eine breite Flamme, die mitunter vielfach zerrissen erscheint. Es ist leicht möglich, dass der Zeichner unserer Abb. 3 seine Erfahrungen am blinden Schuss gemacht und dann die starke, zerfetzte Flamme desselben in noch etwas übertriebener Weise auf den scharfen Schuss übertragen hat. Die soeben besprochene Gestalt der Pulverflamme tritt indessen keineswegs in dieser Weise in die Erscheinung.
Untrennbar von der Flamme des Schwarzpulvers ist der Rauch. Wie bereits gezeigt, sind die glühend aus dem Rohr schießenden Pulvergase innig gemengt mit dem außerordentlich fein verteilten festen Rückstand des Pulvers. Dieser entsteht durch chemische Umsetzung der Pulverbestandteile und enthält in der Hauptsache Pottasche (K2C03) und Schwefelkalium (K2S) und macht dem Gewicht nach etwa 55 Proz. der Gesamtmenge der Verbrennungsprodukte aus. Natürlich ist dieser Rückstand ebenfalls zunächst glühend und bildet den eigentlichen Körper der Pulverflamme. Der Ausdehnung der heißen Gase folgend, wird der staubförmige Rückstand sofort vor der Mündung das Bestreben haben, seitwärts und vorwärts zu entweichen, wobei der Mittelpunkt dieser Fliehbewegung der Gase etwa in der Mitte der Flammenlänge zu suchen sein wird. Die am weitesten hinten befindlichen Gase werden daher seitlich rückwärts gedrängt, etwa in dem Sinne der Pfeile in Abb. 5. Es entstehen also im hinteren Teil der Rauchwolke Wirbelbewegungen, welche die Rauchmassen, von der Seite gesehen, bis zur Mündung und noch darüber hinaus zurückdrücken, so dass die eigentliche Flamme fast völlig verdeckt wird.

Wenn trotzdem von fast allen Darstellern die Pulverflamme bei jeder Schussrichtung als deutlicher Blitz gemalt wird, so dürfte dies daran liegen, dass der Beobachter in den weitaus meisten Fällen nur Gelegenheit hat, den Schuss hinter dem Geschütz oder nur wenig seitlich davon stehend zu sehen. Von hier aus ist allerdings die Flamme in ziemlicher Länge sichtbar, wenn auch der grell erleuchtete Rauch das Auge blendet und das Urteil trübt. Deutlicher kann man die Flamme beobachten, wenn das Auge gegen den Anblick des Rauches einigermaßen geschützt ist. Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Geschütz durch eine rings geschlossene Scharte, z. B. eine Stückpforte der alten Fregatten in etwas schräger Richtung feuert, wie dies in Abb. 6 rein schematisch im Grundriss dargestellt ist. Es gibt übrigens eine sehr große Menge Menschen, die überhaupt nicht in der Lage sind, ein Urteil über das Aussehen eines Schusses zu fällen, weil sie, in der Nähe des Geschützes stehend, instinktiv beim Schuss die Augen zu machen, ohne es nachher wahr haben zu wollen. Es hilft da alle Energie nichts, nur die Gewohnheit lässt diese kleine Schwäche überwinden.
In viel höherem Maß als die Flamme, die man in ihrer eigentlichen Gestalt ja ohnehin kaum erblickt, bildet die Rauchwolke das Charakteristische der Schusserscheinung. Wer einmal bei hellem Sonnenschein dem Schießen aus schweren Geschützen beigewohnt hat, wird den herrlichen Anblick nie vergessen, den der mächtige Aufbau der massenhaft hervorquellenden Qualmwolken bietet, die, sich selbst beschattend, ein prachtvolles Farbenspiel von blendendstem Weiß bis zum tiefen Grau und Blau geben. Es ist recht schade, dass sich die Maler bisher des Einzelschusses als wirkungsvolles Objekt auf Schlachtgemälden so wenig angenommen haben.1
Recht hübsch ist dem Zeichner des in Abb. 7 wiedergegebenen, dem Werk «Krupp’s Gussstahlfabrik von Prof. Müller entnommenen Bildes der Aufbau der Rauchwolke der mit großer Erhöhung feuernden 21 cm Haubitze gelungen. Eigentümliche Effekte verursacht der bei niedriger Erhöhung des Geschützes am Erdboden oder dem Wasser abprallende und auf diesem dahinkriechende Rauch. Augenscheinlich beschleunigt die Berührung mit dem kühlen Erdboden, bzw. dem noch kühleren Wasser die Abkühlung der heißen Pulvergase erheblich, ihr Ausdehnungsbestreben hört auf und die auf den Boden geschleuderte Rauchmasse folgt nur noch dem vom Schuss erzeugten Luftzug in langsamer Vorwärtsbewegung.
1Erinnert sei hier an das Gemälde von W. van de Velde d. J. «Der Kanonenschuss».
Die Farbe des Rauches ist sehr wechselnd, obwohl die Substanzen, aus denen er hauptsächlich besteht, rein weiß sind. In auffallendem Licht, besonders Sonnenlicht, erscheint der Rauch tatsächlich weiß, in zerstreutem Licht etwas grau (schmutzig-weiß), in durchfallendem Sonnenlicht dagegen hell- bis schmutzig-gelb, mitunter sogar bei dichten Rauchballen mit einem Stich ins Rötliche. Dies gilt aber alles nur für die kompakten Rauchmassen dicht beim Geschütz. Zerteilt sich dagegen der Rauch mehr, so bekommt er einen mehr oder weniger stark hervortretenden Stich ins Blaue, besonders bei durchfallendem Licht. Es lässt sich diese Erscheinung vielleicht mit dem Opalisieren sehr dünn verteilter weißer Niederschläge in Lösungen vergleichen. Möglich ist es aber auch, dass die an der Luft sehr rasch eintretende Oxydation des Pulverrückstandes und Entstehung neuer Verbindungen auf den Wechsel der Farbe des Rauches von Einfluss ist. Bei ruhigem und feuchtem, sog. «dickem» Wetter lagern sich vor der feuernden Artillerie häufig die Qualmmaßen auf der Erde und hindern am Zielen, erfreuen aber in den so entstandenen, unfreiwilligen Gefechtspausen das Auge durch ein prachtvolles Farbenspiel in blau und weiß.
Wohl zu beachten bei der Farbenerscheinung des Pulverrauches ist der durch den Luftdruck des Schusses bei geeigneter Aufstellung des Geschützes aufgewirbelte Staub. Feiner Sand oder Ackerstaub wird in solchen Fällen in ganzen Wolken aufgejagt, besonders bei den ersten Schüssen, so dass der Pulverrauch unter Umständen von gelben oder rötlichen Partien durchsetzt ist. Schwere, hinter Brustwehren feuernde Geschütze wühlen in denselben durch den Luftdruck mit der Zeit ganze Löcher und Scharten aus und selbst die solidesten Schanzbekleidungen halten auf die Dauer nicht stand.
Eine sehr wichtige Rolle bei der Gestaltung der Rauchwolke, also auch der Sichtbarkeit der Feuererscheinung, spielt der Wind. Derselbe kann, wenn er beispielsweise von der Seite kommt, bei genügender Stärke, indem er von dieser Seite dem Ausdehnungsbestreben der Gase das Gleichgewicht hält, eine vollkommen einseitige Ausbildung der Rauchwolke veranlassen, so dass der Feuerstrahl völlig sichtbar wird. Von der anderen Seite gesehen verschwindet er in solchen Fällen natürlich ganz. Dieser Umstand ist bei der Darstellung des Schusses sehr wohl zu beachten. So brachte in einem der letzten Jahre die große Kunstausstellung in Berlin ein Marinegemälde: ein großer Panzer fährt schräg nach rechts auf den Beschauer zu, ein scharfer Wind treibt den Qualm der Schornsteine heftig nach links und die beiden schweren Geschütze des vorderen Turmes feuern, wie die Stellung der Rohre zeigte, gerade voraus. In diesem Fall konnte der Blitz der Schüsse unmöglich sichtbar sein und trotzdem ist er als gänzlich unverhüllte, rote Zunge dargestellt!

Bei leichtem stetigem Wind bleibt die Rauchwolke eines Einzelschusses vielfach zusammengeballt und wird langsam davongetragen, bis sie sich allmählich in einen blauen Schleier auflöst. Ein solcher zwischen Bäumen hindurchziehender Rauchballen bietet einen herrlichen Anblick, der von den Künstlern noch viel zu wenig gewürdigt zu sein scheint.
Nicht zu übergehen sind bei Besprechung der Rauchwolke zwei Erscheinungen besonderer Art. Die eine, welche ziemlich selten und anscheinend nur bei kurzen gezogenen Rohren mit starken Ladungen auftritt, besteht darin, dass der Rauch als wirbelnde Säule dem Geschoss bis in große Höhe folgt. Wenn man eine Erklärung hierfür sucht, so mag es die sein, dass sich unter besonderen Umständen ein Teil der Ladung am Boden des Geschosses zusammenschießt und mit demselben hochgenommen, erst in der Luft verbrennt. Hierher gehört auch die Erscheinung, dass Infanterie-Geschosse (z. B. dasjenige des deutschen Infanterie-Gewehrs M/71) sehr häufig ihre Flugbahn durch einen deutlichen Streifen bläulichen Rauches bezeichnen, der auf dem Scheibenstand bis zur Scheibe reicht. In diesem Fall dürfte der verbrennende Talgpropfen, welcher, um das Verbleien der Läufe zu verhindern, zwischen Pulverladung und Geschoss in der Patrone eingeschaltet war, die Ursache sein.
Bekannter und wesentlich häufiger, als die obige Rauchsäule bei Geschützen, ist die Erscheinung des Rauchringes. Man kann sie sich in der Weise erklären, dass im Augenblick, wo das Geschoss das Rohr verlässt, ein Teil des Rauches aus der ringförmigen Öffnung zwischen Mündung und Geschossboden herausgetrieben wird und als kompakter, wirbelnder Ring gen Himmel schwebt. Das ist ganz plausibel — es tritt dieser Ring aber auch bei blinden Schüssen auf und da passt die Erklärung nicht, außerdem zeigt er sich nicht bei jedem Schuss.

Die richtige Erklärung kam in jüngster Zeit von anderer Seite. In Steiermark hat man die Beobachtung gemacht, dass derartige Ringe mit Sicherheit entstehen, wenn man ein kleines, böllerartiges Geschütz durch einen aufgesetzten Trichter von beträchtlicher Größe verlängert. Beim Schuss entstehen in dem Trichter durch den Druck der in Richtung der Seelenachse am schnellsten vorwärts bewegten Pulvergase Wirbelbewegungen, welche einen in stark wirbelnder Bewegung befindlichen Rauchring erzeugen, der sich bis in große Höhen erhebt und eine bedeutende Energiemenge mit sich führt. Diese Wirbelringe, deren Entstehung beim Schießen aus Geschützen auf ähnlichen Ursachen beruhen dürfte, sind mit Erfolg dazu benutzt worden, um Unheil drohende Hagelwolken in Regen aufzulösen, doch hat die meteorologische Wissenschaft anscheinend die dazu gehörige Erklärung noch nicht gefunden (Abb. 8). Das Auftreten solcher Wirbel- oder Rauchringe ist sowohl in Steiermark, wie auch sonst beim Schießen aus Geschützen mit einem eigentümlichen Sausen und Pfeifen verbunden, täuschend ähnlich dem, welches ein fliegendes Artillerie-Geschoss hervorbringt.1
1Übrigens bezeugt das Auftreten dieses charakteristischen Geräusches das Vorhandensein solcher, wenn auch unsichtbarer Wirbelringe auch beim Schießen mit rauchschwachem Pulver.

Die Rauchwolke ist das Charakteristische des Schwarzpulverschusses, derselbe ist ohne Rauch kaum denkbar. Umso mehr muss es auffallen, dass bei den ältesten Darstellungen einer feuernden Schusswaffe die Raucherscheinung gänzlich fehlt und nur die lodernde Flamme dargestellt ist. Als Beispiel sei die von Essenwein1 (Abb. 9) gebrachte Abbildung einer Art Handbüchse mit konischem Rohr wiedergegeben, welche eben von einem Reisigen mit glühendem Eisen abgefeuert wird und bei der langen, lodernden Flamme keine Spur einer Rauchentwicklung sehen lässt. Dass der Zeichner den Rauch als unwesentlich vernachlässigt hat, ist nicht anzunehmen, denn jedes Kind malt zu einer feuernden Kanone in erster Linie den Rauch und die naive Darstellungsweise in jenen alten Manuskripten hätte auf keinen Fall auf dies wesentliche Kennzeichen des Schusses verzichtet.
Man kann daher nur annehmen, dass die Rauchentwicklung zu jener Zeit tatsächlich sehr gering war, und findet die Erklärung dafür in der Verwendung des ungekörnten Pulvers und der dadurch bedingten Ladeweise der Schusswaffen. Es ist in diesen Blättern schon mehrfach betont worden, dass das in den ersten Zeiten der Feuerwaffe — bei der Artillerie noch bis etwa 1500 — allein gebräuchliche, mehlförmige Pulver unter ganz anderen Bedingungen verbrennt, als das gekörnte. Während sich bei letzterem die Entzündung vermöge der vielen Zwischenräume zwischen den Körnern augenblicklich durch die ganze Ladung verteilt, brennt die mehlförmige Ladung, gewissermaßen ein einziges Korn darstellend, von der Entzündungsstelle aus ungleich langsamer weiter. Die fortschreitende Gasentwicklung ist daher verhältnismäßig gering und die entstehende Spannung würde, nachdem erst ein kleiner Teil der Ladung verbrannt ist, das vorliegende Geschoss ohne nennenswerte Wirkung aus dem Rohr rollen.
Man bot daher den Pulvergasen durch einen fest in das Rohr gekeilten Holzpflock (Abb. 10) einen größeren Widerstand, zu dessen Überwindung die Verbrennung des größten Teiles der Ladung nötig war. Essenwein bringt aus einer dem Ende des 14. Jahrhunderts angehörigen Handschrift eine Abbildung, auf der zwei Männer ein Geschütz laden. Die Unterschrift besagt: «Item nym ain moss, und stoss sie in die püchsen und tail die moss in fünf tail aistu an der figur wol siechst und lad die 3 tail mit pulver, als die moss saget, so ist sie mit pulver recht geladen. Wann der klocz bedarf seiner weite, so sol zwischen dem klocz und dem pulver auch ain weit seyn, dass das fewr zu recht prunst und auch zu recht kraft mag körnen. Item darnach machstn ainen klocz oder ainen stain desto pass schiessen.»2
Der Herr Verfasser des in der Fußnote angezogenen Artikels schießt hieraus, dass die Büchsen zu 3/5 mit Pulver geladen wurden, dass also das erwähnte Maß der Seelenlänge entsprochen hat. In diesem Fall hätte es eines Maßes überhaupt nicht bedurft, ganz abgesehen davon, dass die dadurch bedingte Größe der Pulverladung in keiner Weise zu rechtfertigen oder zu erklären wäre. Außerdem bliebe über dem Holzklotz kein Raum mehr für das Geschoss. Viel eher dürfte anzunehmen sein, dass die Länge des Maßes zu dem Kaliber in Beziehung gestanden hat. Der leere Raum, der hier über der Ladung vorgeschrieben ist, wird damit begründet, «dass das fewr zu recht prunst und auch zu recht kraft mag körnen», eine Maßnahme, die zunächst umso verwunderlicher erscheint, als ja das Pulver zum Brennen keine Luft braucht, weil es den dazu nötigen Sauerstoff im Salpeter selbst mit sich führt. Berücksichtigt man aber, dass eine fest zusammengepackte und verkeilte Mehlpulverladung gleich einer bengalischen Flamme nur sehr langsam abbrennen würde, so erkennt man den Zweck des leeren Raumes darin, dass er den zunächst sich entwickelnden Gasen gestattete, die Ladung aufzulockern und so eine schnellere Verbrennung derselben herbeizuführen.
1Quellen zur Geschichte der Feuerwaffen, A XI. Abb. b.
2Siehe Band I, Heft 8, Seite 199 dieser Zeitschrift. Die Abb. S. 201 daselbst ergänzt unsere Abb. 9.
In der hinter dem Pflock hegenden, in ihrer Größe zunächst nicht veränderlichen Kammer fand also die Verbrennung des weitaus größten Teiles der Ladung statt. Aber auch die Verbrennung selbst ist beim Mehlpulver zu beachten. Während beim gekörnten Pulver jedes Korn, ja jedes kleinste Teilchen aus den drei Bestandteilen in annähernd richtigem Verhältnis besteht, die Verbrennungsprodukte also auf das Feinste verteilt sein müssen, ist dies bei ungekörntem Pulver keineswegs der Fall. Hier hegen die Partikel der einzelnen Bestandteile, die bei den primitiven Mitteln der Pulverbereitung auch nicht den nötigen Grad von Feinheit besessen haben können, lose nebeneinander, und zwar, wie das bei dem verschiedenen spezifischen Gewicht der drei Teile nicht anders sein kann, auch in sehr ungleicher Verteilung.
Das Verbrennungsergebnis musste daher neben einer gewissen, nicht eben günstigen Ausbeute an Gasen eine von diesen abgesonderte, brodelnde und an den Rohrwänden haftende Schlacke sein — ebenfalls wie bei einer von Laienhand hergestellten bengalischen Flamme. In dem während der Verbrennung sich gleichbleibenden Verbrennungsraum konnte daher gleichsam eine Scheidung der gasförmigen und der festen Verbrennungsprodukte stattfinden. Jedenfalls wurde der feste Rückstand beim endlichen Nachgeben des Holzpflockes nur noch in geringer Menge von den aus dem Rohr schießenden glühenden Gasen mitgenommen und trat als Rauchwolke bei weitem nicht in dem Maße in die Erscheinung, wie später beim gekörnten Pulver.
Dieser im Rohr zurückbleibende, eine feste Kruste bildende Rückstand muss damals ein ganz außerordentlich lästiges Hindernis für den Gebrauch der Feuerwaffen gewesen sein, da er die Feuergeschwindigkeit sehr stark herabsetzte. Das Auswaschen eines schweren Geschützes dauerte Stunden und noch im 16. Jahrhundert hinterließ, wie vielfach bezeugt wird, das Pulver so viel Rückstand im Rohr, dass nach wenigen Schüssen die Seele für das Einführen der Kugel zu eng wurde.1 — Je mehr Rückstand im Rohr blieb, umso geringer musste die Rauchentwicklung sein, und so sehen wir denn mit Recht auf den Abbildungen feuernder Schusswaffen aus dem 14. und 15. Jahrhundert die Rauchwolke gänzlich oder fast vollständig vernachlässigt.
1Dass die erwähnten, als Kruste im Rohr haftenden festen Pulverrückstände unter geeigneten Verhältnissen auch heute noch vorkommen, beweist das Schießen aus schwersten Schiffs- und Küstengeschützen. Wird hierbei sofort nach dem Schuss der Verschluss geöffnet, so ist die Ausdrehung der im Verschlusskeil eingesetzten, zur Aufnahme des Rückstoßes und zur Linderung bestimmten „Stahlplatte“ ebenfalls mit einer brodelnden, siegellackartigen, schmutzig rotgelben Masse fast ausgefüllt, welche augenscheinlich den von den Pulvergasen gegen den Stoßboden des Rohres gedrückten Rückstand darstellt. Derselbe konnte daher nicht mit den Gasen aus dem Rohr gerissen werden und haftete nun fest am Verschluss.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 3. Dresden, 1900-1902.
