Von A. Meyer,
Oberleutnant im königl. sächs. Infanterie-Regiment Nr. 178.
Im Besitz der Bibliothek des königlich sächsischen Generalstabes in Dresden befindet sich unter B VII 1045 eine Handschrift, betitelt: «Kurtze und Gründliche Abhandlung von der wahren und Scheinbahren Bewegung derer Bomben. Heraus gegeben von Heinrich Kühn. Dantzig MDCCXXXV». Ich benutze die mir seitens der Generalstabsbibliothek erteilte Erlaubnis zu einer Besprechung dieser Abhandlung, die in mancher Beziehung Bemerkenswertes aufweist. Die bei den Figuren in Klammern stehenden Zahlen geben die Nummerierung der Zeichnungen des Originals an, welche keineswegs alle wiedergegeben werden mussten, da einige von ihnen von Dingen handeln, die heute jedem Gebildeten geläufig sind.
Dr. Heinrich Kühn, geboren am 19. Novbr. 1690 in Königsberg, war von 1733 bis zu seinem Tod, 6. August 1769, Professor der Mathematik am Akademischen Gymnasium zu Danzig1 und erlebte die Belagerung, welche Danzig 1734 infolge der polnischen Thronfolgewirren und seiner Parteinahme für Stanislaus Leszczynski zu erdulden hatte. Während und nach dieser Belagerung sind nun, wie ich in vielen der mir von der Danziger Stadtbibliothek freundlichst zur Verfügung gestellten Schriften nachlesen konnte, die abenteuerlichsten Nachrichten über Bewegung und Wirkung der Bomben von Mund zu Mund gegangen und haben, wie es scheint, die Gemüter ziemlich stark erhitzt. Zur Klärung der vielen Zweifel und zur Bannung abergläubischer Ansichten suchte Kühn durch seine Abhandlung einer vernünftigen Überlegung Bahn zu brechen, und hierzu scheint mir die Schrift auch sehr gut geeignet zu sein, denn sie ist sehr klar geschrieben, und wenn ich mir erlaube, in dem oder jenem Punkt anderer Ansicht zu sein, so liegt es mir fern, das Verdienst des seligen Professors verkleinern zu wollen.
Zuerst gibt Kühn an, was ihn zu seiner Abhandlung veranlasst:
«Das traurige Anschauen der Bombardierung, welche diese gute Stadt in dem verwichenen Jahr bey der auf 9 Wochen langen Belagerung hat erfahren müssen, hat sowohl damahls als auch nach der Zeit bey ihren Einwohnern zu einigen Streit Fragen gelegenheit gegeben, worüber die meisten sich nicht haben vergleichen können. Der größte Haufen war der Meynung, die Bomben kähmen nach einer geraden Linie herauf gestiegen, und fielen nachdem sie ihre Höhe erreichet, gantz gerade zu, oder senkrecht herunter. — Eben so stark wurde geglaubet, die Bomben wichen im Herunterfallen aus ihrer vorigen Bahn, nach welcher sie sehr nahe auf den Zuschauer anzukommen schienen, und dreheten sich nachgehends vorwärts etliche (unleserlich) weit nach der Seiten weg. Dieses fand noch mehr Beyfall, als von vielen berichtet wurde, sie hätten eine Bombe geradezu nach der rechten Seite eines gewissen Kirchthurms ankommen sehen welche sich aber ohnweit des Thurmes dergestalt gewendet, dass sie gleichsam einen halben Circul umb denselben beschrieben, indem sie forne den Thurm vorbey, darauf nach dessen linker Seite gegangen und endlich sehr weit abwärts zur linken Hand des Thurms niedergefallen;
Wiewohl andere der Meynung waren, man müsste diesen Zufall nicht zu der ordentlichen Bewegung der Bomben rechnen, sondern ihn vielmehr vor ein Wunderwerk annehmen wodurch Gott das Unglück von dem Kirchthurm hätte abwenden wollen.» Gegenüber solchem Wunderglauben stellt nun Kühn zunächst fest: «Es ist bey den Gelehrten eine ausgemachte Sache das alles seinen zureichenden Grund oder Ursache haben muss, warum es so und nicht anders ist.» Ob unser Professor, wie mannigfach die Mathematiker, als gottlos verschrien war, weiß ich nicht, immerhin ist ein solcher Ausspruch eines schlichten Schulmeisters bemerkenswert zu einer Zeit, wo der Wunderglauben in der Vorstellung der Massen wie in der Praxis der Gerichte noch keineswegs überwunden war, und man gar wohl durch freie Meinungsäußerungen in den Ruf eines Lästerers kommen konnte.
Dem nicht mathematisch gebildeten Leser führt Kühn nun die Gesetze der Trägheit, des Falles und der Bewegung auf schiefen Flächen auf- und abwärts vor. Die Darstellung ist etwas umständlich, doch liegt dies nur an der damaligen Schreib- und Sprechweise, die logische Entwicklung der Gedanken ist durchaus klar und ansprechend. — Indem er zunächst ganz von dem Einfluss des Luftwiderstandes absieht, zeigt dann unser Professor, dass, «wie solches der berühmte Horentinische Mathematiker Galilaeus ...schon vor mehr als hundert Jahren, zuerst ausfündig gemacht hat», die Bahn der Bomben eine Parabel sei. Kühn ist der Ansicht, dass hieran der Widerstand der Luft auch sehr wenig ändere, und geht deshalb auf diesen nicht näher ein.
Der Grund ist klar: es war damals ebenso wenig wie heute der Einfluss der Luft auf das praktische Schießen so geklärt, dass man ihn mathematisch feststellen konnte. Wir werden weiter unten sehen, dass Kühn die Nichtbeachtung des Luftwiderstandes etwas zu weit treibt. Bis hierher reicht der vorbereitende Teil der Arbeit, und Kühn geht vom 13. Abschnitt ab auf die Nutzanwendung über. Die scheinbare Bahn der Bomben, «die man, wie bekannt, wegen der angezündeten Brand-Röhre (Zünder), bey Nacht in Augenschein nehmen kann», unterscheide sich wesentlich von der wirklichen, so sehr sich mancher auch sträuben möge, das, was er mit eigenen Augen gesehen habe, einfach als Täuschung hinzunehmen. « .. . man trauet insgemein seinen eignen Augen gar zu viel zu, auch wo es nicht seyn solte, und bedenket nicht allemahl, dass man in großen Weiten und Höhen, weder die wahre Größe eines Dinges, noch seine wahre Gestalt, noch seinen wahren Orth, noch seine wahre Bewegung durch den blossen Augenschein haben kan, sondern dass darzu große Vorsichtigkeit von nöthen sey, um aus der scheinbahren Vorstellung einer Sache auf die wahre vernünftig zu schließen . . .«
Damit dieses der Leser könne, erklärt Kühn, nachdem er eine Anzahl optischer Täuschungen aus dem alltäglichen Leben angeführt, zunächst den Sehwinkel. Ein und dasselbe Ding — Fig. 1 (6) — sieht von O kleiner aus, als von o; und zwei verschieden große Dinge, D F und d f — Fig. 2 (7) — erscheinen aus O gleich groß, weil unter demselben Sehwinkel gesehen. Und es kann den Anschein gewinnen, als sei ein Gegenstand H I grösser, als ein anderer hi, während das Umgekehrte der Fall ist, wie aus Fig 3 (8) ohne weiteres ersichtlich.
«Hieraus fließet ferner,» fährt der Verfasser in Abschnitt XVII fort, «dass große Höhen, nach oben zu, immer je mehr und mehr vorwerts überzuhängen scheinen müssen, und zwar solches desto merklicher, je näher das Auge bey dem Fuß der Höhe sich befindet.» Da in Fig. 4 (9) c e unter einem kleineren Sehwinkel gesehen wird, als CE, so muss es, obwohl beide gleich sind, kleiner erscheinen, «folglich lasset es nicht anders, als wenn der Punkt c der senkrechten Linie eo näher, und also auch näher über unseren Haupt wäre, als der vorige C, folglich muss der obere Theil des Thurms Cc gegen den unteren Theil CB gerechnet, vorwärts übergebogen zu seyn scheinen».
Ich glaube, dass diese Ansicht Kühns nicht ganz unbestreitbar ist, betone jedoch, dass es mir sehr angenehm und interessant wäre, wenn ein Mathematiker oder Physiker folgende Bemerkung berichtigen oder widerlegen wollte: warum soll sich die optische Täuschung gerade derart äußern, dass c näher an e herangerückt erscheint, und nicht so, dass e näher an c rückt? c ist ein für das Gesicht markierter Punkt, — Turmecke, — e dagegen ist ein angenommener Punkt, auf dem das Auge nicht ruhen kann. Folglich wird man, meiner Ansicht nach, eher geneigt sein, die gedachte Senkrechte Ö sich etwas vorwärts beugen, «überhangen» zu lassen, als die feststehende, greifbare Senkrechte B c, umso mehr, als es bekanntlich sehr schwierig ist, ohne irgendwelchen Ruhepunkt für das Auge senkrecht in die Höhe zu blicken. —
1 Geschichte des Akademischen Gymnasiums in Danzig von Dr. Theodor Hirsch, Professor. Diese Schrift ist mir durch die Güte der Archivverwaltung und der Stadtbibliothek zu Danzig zur Verfügung gestellt worden, wofür ich gern an dieser Stelle meinen besten Dank ausspreche.
Auch muss ich gestehen, dass ich bei freistehenden Bauten nicht das Gefühl habe, als ob der obere Teil Überhänge, selbst nicht bei dichtem Herantreten. Eher scheint mir dies der Fall zu sein, wenn man an der einen Seite einer engen Gasse steht, wo also der Punkt e markiert ist. Ich komme weiter unten bei der Anwendung von Kühns Satz noch einmal auf diese Frage zurück.
Weiterhin wird sich auf große Entfernungen — Fig. 5 (10) — eine krumme Linie P R S Q im Auge nicht von der geraden Linie P T V Q unterscheiden, ebenso wenig wie die Teile der krummen Linie von den entsprechenden Teilen der geraden. Die bisher erwähnten optischen Täuschungen bezogen sich auf einen Beobachter. Geradezu ein Wirrwarr entsteht aber, wenn zwei oder mehr Beobachter von verschiedenen Punkten aus verschiedenen optischen Täuschungen unterliegen und dann vermeintlich wahrheitsgetreue Berichte machen:
«Endlich ist noch zu erinnern: Wenn eine Sache C — Fig. 6 (11) — aus verschiedenen Orten O und o zugleich von ihrer Zweyen gesehen wird, dass alsdenn keiner von Beyden die Sache C in ihren wahren Orte siehet, sondern dass jeder einen andern, oftmahls sehr weit abgelegenen Punct D und E siehet, wo er die Sache C zu sehn vermeynt. Weil nehmlich das Auge in O die zwischen C und D liegende Linie CD und das Auge in o die zwischen C und E liegende Linie CE gar nicht erblicken kann, und also die Örter C und D ingleichen C und E vor einerley gehalten werden.»
Nunmehr ist so viel Material zusammengetragen, dass Kühn an die eigentliche Aufklärung der wunderbaren Nachrichten über die Bahn der Bomben gehen kann. In Fig. 7 (12) ist ACDEFGB die wahre Bahn einer Bombe, O das in der Schussebene befindliche Auge des Beobachters. Es wird nun, wie in Fig. 5 (10), der großen Entfernung wegen den Anschein haben, als sei A C D E eine gerade Linie A c d E. In der zweiten Hälfte der Geschossbahn hört diese Täuschung nach und nach auf. Das Auge ist jetzt der Bahn der Bombe näher und kann erkennen, dass sie eine gekrümmte Linie ist. Damit ist eine durchaus brauchbare Erklärung für die Täuschung gegeben, «die Bomben kämen nach einer geraden Linie heraufgestiegen». Diese Ansicht teilten übrigens damals auch Leute von Bildung; man meinte, die Kraft des Pulvers sei so groß, dass sie die Schwerkraft eine Zeitlang völlig aufhebe. Um die Täuschung, als fielen die Bomben, «nachdem sie ihre Höhe erreichet, gantz grade zu, oder senkrecht herunter», zu erklären, führt Kühn folgendes an:
«Ja es kan sich gebühren, dass es dem Zuschauer vorkommen muss, als wenn die Bombe, wenn sie in der Bahn schon niederzusteigen angefangen, endlich gar senkrecht herunterfiele. Es sei — Fig. 8 (13) — das Auge in O und ohnweit B sey ein Thurm, oder anderes hohes Gebäude BC, so lasset es (laut Num. XIX)1 nicht anders, als wenn die Bombe F bey dem Puncte f und die Bombe G bey dem Puncte g anzutreffen wäre, folglich muss es dem Zuschauer in O vorkomen, als wenn die Bombe nach der senkrechten Linie f g B herunterfiele. Hergegen wenn das Auge in o wäre so würde diese Erscheinung keine stattfinden.»
Bisher wurde nur von der Gestalt der Geschossbahn gesprochen. Jetzt geht es an die Erklärung der verschiedenen verkehrten Ansichten über die Geschwindigkeit der Bomben in den verschiedenen Teilen ihrer Bahn. In Abschnitt XXII sagt Kühn über dieses für den damaligen Stand der Wissenschaft äußerst schwierig zu behandelnde Problem: «Es ist aber auch die scheinbahre Geschwindigkeit der Bewegung einer Bombe von ihrer wahren Geschwindigkeit merklich unterschieden, und zwar auf verschiedene Art, nachdem man diesen oder einen andern Ort wählet, woraus man dieselbe betrachtet. Man nehme z. E. in der Bomben Bahn — Fig. 7 (12) — sechs gleich große Theile an, nehmlich AC, CD, DE, EF, FG GB, und setze, die Bombe kähme in den drey ersten Secunden von A bifs C. Weil nun die Bombe (wie man erweisen kan) in ihrer Bahn bey nahe mit einerley Geschwindigkeit fortgehet, so wird sie in den andern 3 Secunden von D bis E nach ihrer wahren Geschwindigkeit fortrücken. Es sey aber das Auge in O, so ist der erste Theil der Bahn AC weiter von dem Auge O entfernet, als der andere Theil CD, diesser hinwiederum weiter, als der dritte DE, folglich muss der erste Theil AC uns kleiner vorkommen, als der andere Theil CD, dieser hinwiederum kleiner, als der dritte D E.
Da man also in O dafür halten muss, dass die Bomben in den 3 ersten Secunden einen kleineren Theil von ihrer Bahn zurückleget als in den andern 3 Secunden, und in diesen abermahl einen kleinern Theil, als in den folgenden 3 Secunden, so kan man in O nicht anders meynen, als dass die Bombe zu Anfänge langsam und nachgehends immer geschwinder sich in ihrer Bahn fortbewege. Und eben daher kommt es, dass man in einer bombardirten Stadt (woselbst allemahl das Auge O näher bey B als bey A ist) insgemein glaubet, eine Bombe bewege sich würklich, so lange sie steiget langsam, hergegen im Fallen schiesse sie herunter wie ein Pfeil. Die Belagerer aber, außer der Stadt, deren Auge in O allemahl näher bey A als bey B ist,2 werden dieses nicht nachsprechen können, sondern in O muss es ihnen vorkommen, als wenn die Bombe zu Anfänge, als wie ein Pfeil in ihrer Bahn hinaufstiege, nachgehends aber immer langsamer herunter fiele. Und demnach hat keyner von beyden recht, sondern wenn man von der Sache reden will, wie sie an sich würklich ist, so muss man sagen, dass sie in ihrer Bahn bey nahe immer mit gleicher Geschwindigkeit fortgehe. Denn das ist, zum wenigsten bey den Mathematicis, eine ausgemachte Sache, dass eine Bombe in gleicher Zeit auch gleichweit vorwärts in ihrer Bahn-Weite kommen müsse.»
1 Siehe oben Text zu Figur 6 (11).
2 Nein! Denn es wird auch auf sie geschossen.
Hier wird sich nun die moderne Ballistik kaum mit unserem Professor einverstanden erklären können. Dass die Geschwindigkeit des Geschosses nicht unveränderlich ist, weiß Kühn, darauf deutet sein «beynahe» hin. Wenn er trotzdem seine Folgerungen auf der Annahme stets gleicher Geschwindigkeit aufbaut, so mag das, wenigstens für den aufsteigenden Ast der Flugbahn, insofern kein allzu schlimmer Fehler sein, als die Verzögerung durch den Luftwiderstand bei Wurfgeschossen geringer ist, als bei Flachbahngeschossen. Für den absteigenden Ast jedoch hätte Kühn die Beschleunigung durch die Schwerkraft berücksichtigen müssen, welche bei der bedeutenden Höhe des Scheitelpunktes starke Wirkung hat und die Ansicht, «die Bombe schieße beim Fallen herunter wie ein Pfeil», zu einer ganz berechtigten macht.
Man sieht, dass selbst bei den Gelehrten die ballistischen Kenntnisse zu jener Zeit noch keine rechte Klärung gefunden hatten; die Artilleristen hatten als einzig sicheres Mittel, um Schießregeln festzustellen, die praktische Probe, während heute die theoretische Berechnung die Praxis wesentlich vorbereitet und abkürzt.
Betreffs der Ansicht, dass die Bombe zuerst aus ihrer Bahn etwas abwiche und dann wieder in dieselbe zurückkehre, äußert sich Kühn in Abschnitt XXIII folgendermaßen: «Wann aber das Auge O oder o Fig. 9 (14) sich ziemlich weit seitwärts außer der Bahn-Weite AJ befindet, oder, wie man insgemein redet, ziemlich weit seitwärts außer der Linie ist, so weicht die scheinbahre Bahn der Bombe, noch viel merklicher von der wahren Bahn ab, als Num: XX gedacht1 worden. Es lasset nemlich in O oder o nicht anders, (zumahl wenn man beyde Örter A und J angemerket, von woher sie geschossen worden, und wo sie würklich hingefallen) als wenn die Bombe, so lange sie im Steigen war, immer mehr und mehr, aus ihrer ordtentlichen Bahn vorwärts nach dem Scheitel des Zuschauers hin sich gedreliet, im Fallen aber sich mehr und mehr abwärts von dem Scheitel des Zuschauers, nach ihrer ordtentlichen Bahn wieder hingewendet hätte: so dass, nach diesen scheinbahren Zug der Bombe zu urtheilen, ihre Bahn-Weite nicht mehr die gerade Linie AJ, sondern eine krumme Linie AMXJ seyn würde. Die Ursach dieser wunderbahren Erscheinung ist aus Num: XVIII2 abzunehmen.
Es sey nemlich Fig. 9 (14) die Parabel ABCDEFGH, die wahre Bahn einer aus A hergeschossenen und in J hingefallenen Bombe, AJ ihre wahre Bahn-Weite. Es sey ferner das Auge O oder o und o p in einer Standt-Linie KL, welche von AJ allenthalben gleichweit abstehet, so dass nehml: die Entfernungen ob, oc, oh, gleich groß sind, Bb aber sey die Höhe der Bombe in B, Cc die Höhe derselben in C, p, welche Höhen von A bis an den Punct E, imer zunehmen, von E aber biss nach J wieder abnehmen. Da also die Höhe B b, unter dem Winkel B o b, die größere Höhe C c unter einen größeren Winkel C o c p gesehen wird, so muss, (laut Num: XVII)3 die Bomben in C stärker vorwärts gegen O überzuhangen scheinen, als vorhin, da sie in B war; in D noch stärker vorwärts überhangend gesehen werden, als vorhin, da sie in C war; in E — weiter vorwärts, als in D, hergegen in F muss sie schon weniger vorwärts übergebogen scheinen, als vorhin in D. Das ist, die Bombe in F, scheint sich wieder rückwerts überzubügen; in G, lässet sie noch weiter abwerts gebogen, als in F, in H noch weiter abwerts gebogen als in G p. Wenn man nun dieses zusammen betrachtet so kommt die gedachte scheinbahre Abweichung der Bombe von ihrer Bahn heraus. Eben diese Erscheinung findet noch in großem Grade statt, wenn das Auge in der Linie KL beständig in O, und zwar näher bey B als bey A angenommen wird,4 nur dass alsdann die Bombe nicht eben in E, sondern weiter gegen F oder G,5 sich erst abwerts zu wenden scheinet...»
Kühn hat es bei Abfassung dieses Abschnitts offenbar etwas eilig gehabt. Im Text sind ihm verschiedene Schreibfehler passiert und in der Figur hat er wichtige Buchstaben vergessen. — Sachlich komme ich hier auf die Zweifel zurück, welche ich oben bei Besprechung der Fig. 4 (9) äußerte. Erschien mir schon dort die optische Erklärung für das «Überhangen» anfechtbar, so halte ich die Darlegung nach Fig. 9 (14) für gekünstelt und, was die Hauptsache ist, für unnötig. Eine Erschwerung liegt außerdem darin, dass der Verfasser viele Beobachter zugleich in seiner Zeichnung angegeben hat. Tatsächlich brauchen wir, glaube ich, überhaupt keine Erklärung für das scheinbare Abweichen der Bombe aus ihrer Bahn. Nehmen wir nämlich den Beobachter in o4 — Fig. 9 (14) — an, so kommt die Bombe, bis sie E erreicht hat, nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich dem Beschauer immer näher und entfernt sich dann wieder von ihm. Wenn also die belagerten Danziger in ihrer Angst und Aufregung in etwas übertriebener Weise erzählt haben, «die Bomben wichen im Herunterfallen aus ihrer vorigen Bahn, nach welcher sie sehr nahe auf den Zuschauer anzukommen schienen, und dreheten sich nachgehends... nach der Seiten weg», — — so liegt dem etwas ganz Tatsächliches zu Grunde, und der Annahme einer optischen Täuschung bedarf es wohl nicht.
1 Siehe oben Text zu Fig. 7 (12).
2 Siehe oben Text zu Fig. 4 (9).
3 Siehe oben Text zu Fig. 4 (9).
4 Siehe oben Text zu Fig. 4 (9).
5 Hier muss man Fig. 7 (12) mit zu Rate ziehen.
Zuletzt gibt Kühn eine sehr einleuchtende Erklärung über Eindrücke, die das Auge empfängt, je nachdem, ob die Aussicht frei ist oder nicht: «Wenn man bey Erblickung einer Bombe, von ihrer scheinbahren Höhe urtheilen will, so kommt es nicht allein darauf an, ob man wenig oder mehr von ihrer Bahnweite (das ist, von der Linie) entfernet ist, sondern man muss auch einen Unterschied machen, ob die Aussicht nach der Bombe völlig frey, oder zum Theil gehindert ist. Es sey — Fig. 10 (15) — BA eine senkrechte Linie, die man gantz übersehen kan; in B sey eine Bombe, und A der zugehörige Punct in der Bahnweite oder Linie, so ist AB ihre wahre Höhe, die sie in den Punkt B hat. Es seyn ferner in verschiedener Weite von A drey Zuschauer, einer in J, ein anderer in G, noch ein anderer in H, welche in eben demselben Augenblick nach der Bombe in B sehen; so siehet man die Höhe der Bombe BA in J, unter dem Winkel BJA, in G unter einen kleinern Winkel BGA, in H unter einen noch kleinern BHA, demnach ist,.. klar, dass die Bombe in J am höchsten, in G schon niedriger, und in H am niedrigsten, zu stehen scheinen müsse. Wenn aber die Aussicht durch ein vorstehendes Gebäude EF, zum Theil gehindert ist, so verhält es sich mit den scheinbahren Höhen der Bombe, über dem Gebäude gantz umgekehret. Denn in J siehet man die Bombe B bey dem Punct E (weil nehml: zwischen E und B nichts vorhanden ist welches in das Auge strahlen könte) und also scheinet die Bombe B nur so hoch zu stehen, als das Gebäude FE ist; hergegen in G siehet man die Bombe schon höher stehen, als das Hauss FE ist, denn der Punct c wird gesehen bey E und also so hoch als FE, und da B höher liegt als C, so sieht man BE, als einen Überschuss der Höhe, über die Höhe EF unter dem Winkel EGB oder CGB. Eben so ist klar, dass in H noch ein größerer Überschuss BD über die Höhe EF unter einen großem Winkel EHB oder DHB gesehen wird.»
Nach Vorführung einiger Beispiele über die Berechnung der Flughöhe der Bomben nach Fig. 10 (15) schießt Kühn seine Arbeit «mit dem wohlgemeynten Wunsch, dass der liebe Gott, vor dergleichen Land und Stadt-Plage, welche zu dieser Untersuchung von den Bomben Gelegenheit gegeben, diese gute Stadt bis auf ihre späten Nachkommen gnädiglich bewahren, und ihr den dabey erlittenen Schaden, durch einen gesegneten Frieden reichlich ersetzen wolle».
Kühns Schrift ist nicht die Hinterlassenschaft eines epochemachenden Gelehrten. Aber sie ist uns in ihrer ganzen Abfassung und ihrem einfachen Inhalt nach ein Beispiel, wie viel Zeit und Mühe der Menschengeist gebraucht hat, um wissenschaftliche Lehrsätze, auf denen wir heute ganze Berufstätigkeiten gründen, — wie hier die der Ballistik — klar auszubilden. Über hundert Jahre vor Kühn hatte schon «der berühmte Mathematicus Galilaeus» die Gestalt der Flugbahn als eine Parabel wissenschaftlich entwickelt, eine, wie wir heute wissen, nur bedingt richtige Ansicht. In Kühns Schrift sehen wir, trotz der Klarheit der Entwicklung des Themas, so manche Lücke, die nach dem damaligen Stand der Forschung noch nicht auszufüllen war; und heute, fast 200 Jahre später, ist noch keineswegs ein Abschluss in den Hauptfragen der Ballistik erreicht: man denke nur an den Luftwiderstand!
Es ist lehrreich, «zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht», aber wir müssen davor bewahrt bleiben, uns in Selbstüberhebung zu rühmen, «wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht». Professor Kühn hat seine Wissenschaft dazu verwandt, um der Mit- und Nachwelt zu nützen, nicht um in Bücherweisheit und Formelkram unterzugehen. Insofern ist er auch uns und unserer jungen Wissenschaft ein Beispiel.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 8. Dresden, 1900-1902.
