Vortrag gehalten im militär-wissenschaftlichen Verein zu Kaschau im Wintersemester 1900/01 von P. Sixl, k. u. k. Oberstleutnant im Infanterie-Regiment Ferdinand IV, Großherzog von Toskana Nr. 66.
(Schluss.)
Es wird allgemein angeführt, dass schon bei einem Büchsenschießen zu Leipzig im Jahre 1498 aus gezogenen Gewehren geschossen wurde. Oberst Thierbach fügt dieser Angabe die Bemerkung bei, dass in dem Schießbrief vom Jahr 1497, welcher die Einladung zu diesem Schießen enthält, von gezogenen Büchsen nicht die Rede ist. Wohl ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass vereinzelt aus gezogenen Gewehren geschossen wurde, allein ein urkundlicher Beweis fehlt.1 Köstlich und heiter sind die vielen Ausreden, welche die Büchsenschützen zur Entschuldigung und Erklärung ihrer Fehlschüsse gebrauchten. Hans Heinrich Grob, der Jüngere, schrieb im Jahre 1602 ein ganzes Buch über diese Ausreden;2) mehr als 142 Ursachen konnten die Schützen für ihre Fehlschüsse anführen und waren daher um einen Entschuldigungsgrund nicht so leicht verlegen; man sieht, dass sich die Schützen seit dieser Zeit nur wenig verändert haben!
Aus den vorstehenden Darlegungen geht nun hervor, dass die Schützen bei den regelmäßigen wöchentlichen Schießübungen auf praktischem Wege das richtige Laden und das genaue Schießen auf feststehende, bewegliche oder auch verschwindende Figurenscheiben erlernen konnten, wobei die Schützen an bestimmte Vorschriften sich zu halten gezwungen, jedoch in der Zeit für das Laden in der Regel nicht beschränkt waren, dies konnte in aller Ruhe — zumeist außerhalb des Standes — bewirkt werden.
Wollte man nun die neue Schießwaffe im Ernstkampf verwerten, so musste diese entweder geladen sein oder nach abgegebenem Schuss vom Schützen baldigst wieder schussbereit gemacht werden können, weil nur von einer geladenen Büchse eine Wirkung zu erwarten war und der Schütze nur mit einer geladenen Handbüchse seinen vollen Kampfwert betätigen konnte. Das Laden musste während der Aufregung des Gefechtes geschehen, der Schuss musste vom Schützen in der Regel unter dem Druck der persönlichen Gefahr abgegeben werden. Diese Verschiedenheit im Gebrauch bedingten schon damals einen wesentlichen Unterschied zwischen den Handbüchsen, welche am Schießstand zum Nagel treffen und jenen, welche im Ernstkampf als Schießwaffen entsprechen sollten.
Die Scheibengewehre waren mit allen Feinheiten, Visier, Korn, gleichmäßigem Abzug, Stecherschloss, Vorrichtungen für das genaue gleichmäßige Laden usw. ausgestattet; die für das Feld bestimmten Handfeuerwaffen waren, wie illustrierte Waffeninventare und erhaltene Handbüchsen aus jener Zeit zeigen, fest und massiv gebaut, ohne besondere Einrichtung für das Zielen, ohne Entzündungsvorrichtung, später nur mit dem einfachen Luntenschloss ausgerüstet. Waffe und Munition waren für das bequeme schnelle Laden eingerichtet, deren einfache und solide Konstruktion sollte auch den stärkeren Anforderungen im Feld sowie einer derberen Handhabung gewachsen sein.3 Der Bauart der Waffe entsprechend konnte auch die Tätigkeit der einzelnen Schützen oder Schützenhaufen im Feld nur eine ganz einfache sein. Hatte man Laden und Schießen erlernt, so musste bei der Verwendung im Feld zuerst angestrebt werden, dass das Feuer der einzelnen Schützen nicht früher als auf wirksame Schussdistanz eröffnet werde, da bei zu früher Eröffnung die Geschosse das Ziel nicht erreichen konnten; wurden die Schützen in Haufen oder Abteilungen zusammengefasst, so war wieder eine geregelte bestimmte Tätigkeit des einzelnen Schützen innerhalb des ganzen Haufens notwendig. Eine derartige Gefechtstätigkeit der einzelnen Schützen war jedoch nur möglich, wenn dieselben zum genauen Vollzug der behufs Eröffnung des Feuers und der für die Funktionierung des ganzen Haufens notwendigen Griffe, Wendungen und Bewegungen ausgebildet waren.
Die ersten Erfolge mit den Handfeuerwaffen erreichten in dieser Beziehung die Hussiten, welche geschult waren, das Feuer bis zur wirksamsten Schussentfernung zurückzuhalten. Die Nürnberger Büchsenschützen waren schon so weit ausgebildet, dass sie im Treffen bei Hembach im Jahre 1450 das Feuer lagenweise abgeben konnten.4
Kurfürst Albrecht von Brandenburg nahm diese Art von Gewehrfeuer auf und bestimmte in den «Praeparatoria zum Feldzug wider Herzog Hans von Sagan» vom Jahre 1477, dass «die Schützen nicht sogleich in den Feind rennen und ihre Büchsen abschießen sollen», «sie sollten in ein Rad gehen, damit, wenn ein Haufe abgeschossen, der andere Haufe wieder Wort habe.» Durch diesen Vorgang verfügte man stets über einen Teil der schussbereiten Gewehre und erreichte eine erhöhte Feuerbereitschaft; auch konnte jener Haufen, welcher seine Gewehre lud, durch die in Bereitschaft stehenden geladenen Gewehre geschützt werden.5
Vorzüglich ausgebildet und diszipliniert waren die spanischen Akcabuzeros, welche in den italienischen Kriegen, insbesondere bei Pavia am 24. Februar 1525 entscheidend eingegriffen haben. Dieselben formierten vier Glieder und gaben das Feuer gliederweise, mit dem ersten Glied beginnend, ab; nach abgegebenem Schuss fiel das erste Glied auf das Knie, um die Gewehre neuerdings zu laden, während das nächste Glied über dasselbe hinweg feuerte; auch sollen die Spanier eine Generalsalve abgegeben haben. Der Sieg über die französische Chevalerie wurde durch gutes Schießen, durch geschickte Ausnutzung des Bodens für die eigene Feuerwirkung und endlich durch richtiges Haushalten mit dem Feuer errungen.6
Es muss weiteres erwähnt werden, dass die Bewaffnung der Schützen mit Handbüchsen, wie dieselbe in den Zeugbüchern des Kaisers Maximilian I. charakterisiert ist, durch die zunehmende Stärke der Schutzrüstung eine Änderung erleiden musste. Man benötigte auf derselben Entfernung eine größere Durchschlagskraft, welche nur durch die schwere Muskete mit Gabelstock zu erreichen war und deren erste Anwendung den Spaniern zugeschrieben wird. Die Muskete ist aus der Hakenbüchse hervorgegangen, hatte so wie diese ein Gewicht von 15 — 20 Pfund und schoss vierlötige Kugeln auf 300 Schritte. Im Würzburger Inventar vom Jahre 1584 kommen dieselben schon in größerer Anzahl und in verschiedener Konstruktion vor, so dass man annehmen kann, dass die Musketen zu dieser Zeit schon ganz allgemein waren.
Bei der Gabel-Muskete konnte jedoch nur ein Glied, das vorderste schießen; hatte dieses abgeschossen, so musste die Front geräumt werden, damit das folgende Glied die Gabel aufstellen und in Anschlag gehen konnte.
Die oben angedeutete Ausbildung des einzelnen Schützen und des Schützenhaufens wurde durch das Räumen der Front und Vorrücken bis an die Stelle des 1. Gliedes noch mehr erschwert, weil die hierbei auszuführenden Griffe, Wendungen und Bewegungen in bestimmter Gleichheit und größter Sicherheit gemacht werden mussten, sollten sich die Schützen nicht gegenseitig hindern.
In dieser Erkenntnis gründete Prinz Moriz von Oranien gegen Ende des 16. Jahrhunderts, nachdem man das Gewicht der anfänglich schweren Gabel-Muskete verringert hatte, die Schule des Trillens, in welcher vornehmlich die exakte Gleichheit in den einzelnen Tempos und «Waffenhandlungen» geübt wurde. Für das Schießen im Gefecht wurde nur die Beobachtung der einfachsten Zielregeln sowie die gehorsame Ausführung der eingelernten Griffe und Bewegungen notwendig. Dieses System verbreitete sich schnell nach Deutschland und die übrigen Länder und wurde bald zu einer vollständigen Exerzier-Vorschrift ausgearbeitet.
Landgraf Moriz von Hessen schrieb im Jahre 1600 eine Instruktion, in welcher gefordert wird, dass die Schützen «mit den Rohren Reverenz tun und die ganze Chargierung auch in der Bewegung, im Gange fein schlangenweise und auch im Laufe tun können. Sobald die Schützen dies erlernt haben, sollten sie einzeln und im Trupp nach der Scheibe schießen.»
1 M. Thierbach, Die geschichtliche Entwicklung der Handfeuerwaffen. Dresden 1888. 169.
2 H. H. Grob, der jünger, Ausreden und Fürwort der löblichen Büchsenschützen. Zürich 1602.
3 Vgl. Entwicklung und Gebrauch der Handfeuerwaffen. Zeitschr. f. hist. Waffenkunde Bd. I u. II.
4 Wirdinger, I, 324 u. II, 384.
5 Ein brandenburgischer Mobilmachungsplan aus dem Jahre 1477. Kriegsgeschichtliche Einzelschriften, herausgegeben vom Großen Generalstab. Berlin 1884.
6 Vgl. Jähns, Handbuch der Geschichte des Kriegswesens. Leipzig 1880. 1107 ff.

Einige Jahre später erschien das grundlegende Werk für die Handhabung der Waffen des Fußvolks unter dem Titel: «Wapenhandelinghe van Roers, Musquetten ende Spießen: Achter volghende de ordre van Syn Excellentie Maurits Prince van Oragie, Grave van Nassau etc. . . . Figuirlik afgebeelt door Jakob de Gheyn.» (Hag 1607 und Amsterdam 1608.)
Dieses Werk enthält in 117 prachtvollen ungewöhnlich großen Folio-Radierungen die Handhabung der Waffen; 42 Blätter zeigen die Handhabung des Rohrs beim Laden und Schießen, von dem Schultern an, welches auf dem ersten Blatt dargestellt ist, dem Herabnehmen des geladenen Gewehres auf Blatt 2 bis zum Anschlagen des Rohres auf Blatt 10 (Fig. 11) und dem Abschießen des Rohres auf Blatt 11 (Fig. 12); hierauf das Abnehmen und Wiederladen bis zum abermaligen ursprünglichen Stand (Blatt 1) auf Blatt 33; sodann die Griffe auf der Schildwache bis auf Blatt 42. Das eigentliche Laden und Schießen geschah in 27 Tempos.
Der Schütze hat ein Rohr mit Luntenhahn, bei welchem der lange Hebel zum Abdrücken bereits durch einen Drücker ersetzt ist, der aber ebenso wie der Hebel nicht einem schnappenden Schloss dient, sondern nur, solange der Druck andauert, den Hahn vorhält.
Der Schütze schießt stehend, freihändig; Fig. 11 zeigt das Ansetzen des Gewehres an die Schulter, Fig. 12 das Abfeuern.
Bei Fig. 11 fällt auf, dass der Zeigefinger der rechten Hand bereits am Drücker liegt, ferner wären die zur Schulterlinie ungleiche Fußstellung und beim Rohr der kurze gerade Kolben zu erwähnen. Bei Fig. 12 bemerkt man eine ungewöhnlich breite Fußstellung, auch hier stehen die Füße nicht in der Schulterlinie, die Schwere des Körpers ruht augenscheinlich auf dem vorn befindlichen linken Fuß, der Kolben wird weniger gegen die Schulter, vielmehr gegen die Brust gestemmt; der Anschlag ist waagerecht, die Haltung der Hände normal.

Der Schütze hat außer dem Gewehr als Zubehör die Lunte in der linken Hand, ferner eine große Pulverflasche, die mittels eines Hakens an einem ledernen Träger eingehakt ist und vom Gürtel herabhängt; aus dieser großen Pulverflasche lädt der Schütze sein Rohr. Ferner hat derselbe ein kleines Pulverfläschchen, aus welchem das Zündpulver auf die Pfanne geschüttet wird, und Luntenstricke am Gürtel befestigt; es ist nicht ersichtlich, wo der Schütze die Kugeln aufbewahrt hat.
Der zweite Teil des Werkes umfasst auf 43 Blättern die Lade- und Feuergriffe mit der Gabel-Muskete; auf Blatt 1 das Marschieren mit Muskete und Gabel, «Forckett» genannt, auf Blatt 2 bis Blatt 11 die Vorbereitung zum Schießen, auf Blatt 12 (Fig. 13) das Abfeuern der Muskete, stehend aufgelegt auf die Gabel; hierauf das Wiederladen bis zur Bereitschaft auf Blatt 33 und endlich die Griffe auf der Schildwache bis Blatt 43.
Der Musketier hält in der linken Hand die Gabel, das Gewehr und das äußere ebenfalls brennende Ende der Lunte; die rechte Hand hält den Kolben am Kolbenhals umfasst, der Zeigefinger ist am Drücker, der Daumen liegt oberhalb, die übrigen Finger am Griffbügel; der Kolben wird gegen die Brust gestützt; der Kopf ist an die innere Seite des Kolbens angelehnt; der Schütze steht breitspurig, mit den Schultern senkrecht gegen die Schusslinie, die Schwere des Körpers ruht augenscheinlich auf dem vorwärts befindlichen leicht abgebogenen linken Fuß. Die Munition trägt der Musketier an einem breiten Lederstreifen über die linke Schulter zur rechten Hüfte; an demselben sind mittels Schnürchens die hölzernen Pulvermaße angehängt, ferner eine kleine Zündflasche mit Zündpulver und endlich der Kugelbeutel.

Schon im Jahre 1608 erschien eine deutsche Übersetzung, welche dem Markgrafen Joachim Ernst von Brandenburg gewidmet ist und den Titel führt: «Waffenhandlung von den Rören, Musquetten undt Spiessen»; im Jahre 1610 eine andere Übersetzung unter dem Titel «Trillin Buch».
Hat man im vorstehenden Werk Waffe und Gebrauch der Muskete und des Rohrs, sowie die Ausrüstung des Schützen und des Musketiers ersehen, so enthält ein anderes Kriegsbuch aus derselben Zeit schon bestimmte Gesichtspunkte für die Schießausbildung.
Wilhelm Schaffer, genannt Dilich, Geographus und Historicus des Landgrafen Moriz von Hessen, gab im Jahr 1608 ein Kriegsbuch heraus, «darin die Alte und Newe Militia eigentlich beschrieben und allen Kriegsneulingen, Bau- und Büchsenmeistern zu Nutz und guter Anleitung verfertigt ist.» Nach Beschreibung von Gewehr und Munition sind folgende Gesichtspunkte für die Ausbildung im Schießen angegeben:
Der Unterricht im Schießen soll mit den Rekruten und mit den länger dienenden Leuten gesondert vorgenommen werden, und bei den Rekruten besonders in den ersten zwei Jahren der größte Fleiß angewendet werden, damit sie allseits in die Gewohnheit kommen, dabei denn auch das Scheibenschießen nicht geringen Nutzen geschafft. Die länger dienende Mannschaft bedarf nicht aller Sonntage noch so vielen Schießens.
Die Exerzier- und Schießplätze sollten offene Plätze sein, welche von Straßen und Fahrwegen abliegen»; auch soll man keine Spektatores des Scharfschießens halber darauf leiden; die Schießstände sollten breit genug und in der Länge 300 Schuh haben». Die Abrichtung geschah entweder «viritim», «Mann für Mann» oder «ordinatim» «insgesammt».
Die Lade- und Feuergriffe wurden auf 42 Kommandos und in 99 Tempos gelehrt; «beim Anschlagen sollten die Schützen das Rohr heben, damit ihnen die Kugeln, weil man sie nicht allzeit füttern kann, nicht herauslaufen». Ferner sollten die Schützen zum Scheibenschießen «angewöhnet und unterrichtet werden, um gewiss zielen und treffen zu lernen, etwa auch zu dem ganzen Mann stillstehend, gehend, laufend, oder nach einem fortgehenden Ziel, dadurch sie dann hurtig und eilfertig gemacht werden, doch, bis observatis, dass sie keinen Schaden tun, zum andern, dass sie angereizet werden, sich zu bessern».
Welcher dann mit seinem Schießen nicht besteht, dem soll zur Strafe der Hak niedergelegt und ein bloßer Spieß gegeben werden. Beim Schießen nach der Scheibe wurden die Schützen in Reihen und in Gliedern am Schießplatz aufgestellt und «alsdann angewiesen, wie einer kurz hinter dem andern sich fertig machen, abschießen und sich darauf schwenken und etwa auch solches schlangenweise verrichten soll.
Der «cursus obliquus, wenn man schlangenweise oder sonsten schlimm läufet, wird angewendet, um den Feind etwa dadurch zu verführen und sich vorm Schuss in etwas zu sichern».
«Solches einzeln Scharmutzieren geschieht zwar ohne besondere Ordnung, doch gehöret dazu, dass sie im Retieriren abermals schlangenweise abgehen und zugleich laden, und dass sie im Laden den Feind allezeit mit gewendetem Kopfe im Gesichte behalten».
Es sei hier erinnert, dass der cursus obliquus noch in den siebziger Jahren als ein Grundelement der zerstreuten Fechtart gelehrt und geübt wurde. Noch ausführlicher und genauer schreibt Joh. Jacobus von Wallhausen, «der löbl. Statt Danzig bestellter Oberster-Wachtmeister und Hauptmann» in seiner «Kriegskunst zu Fuß» vom Jahre 1615 über Bewaffnung und Ausbildung im Schießen. Wallhausen fordert, dass «die Obrigkeit den Leuten die Gewehre selbst geben solle, damit sie sämtlich gleich sind und alle die gleichen Kugeln schießen, da sonst bei Musterungen die meisten mit alten verworfenen Antiquitäten kommen-, — bei gleichem Kaliber könne auch der Ausgleich der Munition während des Gefechtes bewirkt werden».
Bei den Ladegriffen wird auch das Aufsetzen des Pfropfens kommandiert, «denn es geschieht, wann die Kugeln also sind, wie sie sein müssen, dass sie von sich selber ablaufen».
Für den Anschlag und für das Zielen werden folgende Regeln angegeben: «Merke dir allhier, so du vor deinem Feinde bist, im Scharmütziren gegen Fußvolk, so halte dein Musquet im Anschlagen so nieder, als ob du ihm wolltest in die Schienbein schießen, und gegen Reuter dem Pferd recht in die Brust zwischen die Bein, und dieses aus Ursachen, dass ein Musquet im Losdrücken sich allzeit höher gibt mit dem stoßen, wann sich das Pulver zündet, und wann schon eine Kugel zu niedrig käme, so hat sie doch ihren Effekt im aufgellen; — so du den Feind auf die Brust markest, sollen die Kugeln alle obenhin und zu hoch gehen, welches oft gemerket ist; denn allzeit die Musquetirer im Treffen zu hoch geschossen und kaum der vierte Theil in des Feindes Truppen kommen.»
«Gewöhne auch deine Truppen, dass sie allzeit, wenn sie anlegen, die Musquet vorne gar niedrig sinken lassen, als ob sie in die Erde schießen wollten, welches dir mächtigen Vorteil gegen den Feind bringt».
Wallhausen lehrt ferner das reihenweise und das gliederweise Schießen in der geschlossenen Abteilung; dieselbe stand mindestens 10 Glieder tief, zwischen den einzelnen Leuten im Glied war ein Schritt Zwischenraum. Beim «gliederweiß Schießen gab das vorderste Glied Feuer, schwenkte um einen oder beide Flügel herum und nahm als letztes Glied Aufstellung, worauf die Musquete neuerdings geladen wurde; beim Schießen in Reihen machten diese die Front nach der angegebenen Seite und schwenkten sodann ab.
Die geschlossene Abteilung sollte befähigt sein, das Feuer rasch nach vorwärts, oder nach rückwärts, oder nach einer der beiden Flanken abzugeben.
Der Schwerpunkt der Ausbildung wird dadurch charakterisiert, «dass du sie wohl unterrichtest, dass ein jeglich Glied sein Gewehr gleich abnehme, gleich hoch halte, gleich fertig mache, gleich anlege, gleich nebeneinander stehen, gleich einer nach dem andern schieße und so sie geschossen, gleich die Musketen aufheben und widerumb laden».
Diese Gleichheit war notwendig, da die Schützen im Glied wohl selbständig schießen konnten, der Zeit nach jedoch durch die Rücksicht auf das Fronträumen beschränkt waren.
Bei der Abgabe der Generalsalve sollte folgendes beobachtet werden: «Merke dir was ich mit nachfolgenden Punkten meine, als erstlich mit dem Wörtlein «Gleichschiessen», nicht dieses, dass die Musquetirer gleich mit einander schießen sollen, sondern dass sie gleich einer nach dem andern schießen, als dass, wann der erste geschossen hat, strax der andere, einer nach dem andern, doch nicht also, dass es so langweilig fortgehe, sondern dass sie in einer Geschwindigkeit alle nach einander schießen, gleichsam in einem Augenblick», «dass du gleichsam die Schüsse hörest nacheinander krachen», «dass musst du wohl merken und deine Musquetirer darzu gewöhnen, dass sie allzeit einer nach dem andern gleich schießen, welches dir auch im Salve und anderen Gelegenheiten zu Pass kommt und nicht allein nützlich, sondern auch zierlich ist.»
Das heutige Salvenfeuer ist demnach mit der damaligen Generalsalve nicht gleich; die früheste Generalsalve bestand im gleichzeitigen Abschießen aller Feuerwaffen, jedoch ohne Kommando, und hatte meist den Zweck, den Beginn der Schlacht anzuzeigen. Später wurde bei verschiedenen freudigen Anlässen in ähnlicher Weise Salve oder Victoria geschossen; die Generalsalve der Spanier bestand, so wie jene Wallhausens, nur in einem schnellen Abfeuern der Gewehre, wobei immer hervorgehoben werden muss, dass das Feuer in der Abteilung nur gliederweise abgegeben werden konnte; die heutige Salve entstand viel später.
Endlich verlangt Wallhausen sehr eindringlich, dass in den rückwärtigen Gliedern immer möglichst viele geladene Musqueten zur Feuerabgabe bereitstehen sollten, «denn, wann du verschossen, so bist du geschlagen!» — ein lapidarer Grundsatz, der heute noch für die Infanterie volle Geltung besitzt. In einer Neuauflage des Werkes von de Gheyn unter dem Titel: «Künstliche Waffenhandlung der Mufsqueten und Piquen» von dem Kupferstecher Peter Iselburg (Nürnberg 1620) findet man auch die ersten Ansätze von Ballistik.
Es wird die Entstehung der Flugbahn des Geschosses in folgender Weise beschrieben: Die Flugbahn des Geschosses besteht aus dreierlei Bewegungen desselben: «itens) die gewaltsame, wenn die Kugel in gerader Richtung fortstreichet, zum 2ten, die natürliche, wenn das Geschoss unter sich sinket und 3tens die gemischte, teils natürliche, teils gewaltsame, so das Geschoss einen Bogen machet.»
Bei der Frage über die Schussweite verweist Iselburg auf die praktischen Versuche mit den Worten: «Die Erfahrungs-Probe ist die beste Lehrmeisterin!»
Beim Schießen gegen Abteilungen sollen «die Musquetirer nicht geradezu schiessen, sondern auf den mittleren Mann der feindlichen Abtheilung zu halten, so wird kein Schuss vergebens sein». In der Ballistik waren die Italiener weit voraus; Nicolo Tartaglia schrieb schon im Jahre 1538 über den Einfluss der Erhöhung und Erniedrigung des Zieles auf das Richten bei Handfeuerwaffen und über die Unregelmäßigkeiten im Schuss bei denselben. Galileo Galilei bewies in seinem «Dialoghi delle Nuove Scienze» (Leiden 1638), dass die Bewegung geworfener Körper aus einer gleichförmigen und beschleunigten zusammengesetzt sei und eine Parabel bilde. Er lehrte, dass eine horizontal abgeschossene Kugel eine halbe Parabel, eine unter Erhöhung abgeschossene eine ganze Parabel beschreibe. Der Widerstand der Luft war Galilei ebenfalls bekannt, jedoch hielt er die Luft für so dünn und leicht, dass dadurch die Flugbahn von einer Parabel nicht merklich abweiche.
Auch der Spanier Diego Ufano hat in seinem «Tratado dela Artilleria» (Brüssel 1613), welches dem Erzherzog Albrecht von Österreich gewidmet war, nebst anderen technisch-artilleristischen Disziplinen sich mit Ballistik befasst und die Entstehung der Flugbahn in ähnlicher Weise wie Iselburg beschrieben.
Hochinteressant ist es, dass schon aus dieser Zeitperiode, in welcher das Kriegsgewehr den Bedingungen einer feldbrauchbaren Handfeuerwaffe nur in geringem Maße zu entsprechen vermag, Beobachtungen über das Gewehrfeuer im Gefecht vorliegen.
Es wurde bereits angeführt, dass Wallhausen den Zielpunkt beim Schießen gegen Infanterie so niedrig haben wollte, als wollte man in die Schienbeine schießen; zielt man höher, auf die Brust, so sollen die Kugeln alle obenhin und zu hoch gehen, «was oft gemerket ist, denn allzeit die Musquetirer im Treffen zu hochgeschossen und kaum der vierte Theil in des Feinds Truppen kommen».
Wallhausen begnügt sich nicht mit dem horizontalen Anschlag, welcher beim stehenden Anschlag und beim Zielen auf die Brust hervorgerufen und in Anwendung kommen musste; sondern es sollte der Zielpunkt nahezu auf die Fußlinie verlegt werden, wodurch dem so häufig beobachteten Überschießen in wirksamster Weise vorgebeugt und schließlich noch ein Effekt durch die Geller erreicht werden konnte.
Ferner hat man wahrgenommen, dass «die Schützen im Gefecht die Gewehrte nicht an der Wange anschlagen». Diese Erscheinung ist wohl in erster Linie auf den starken Rückstoß der damaligen Kriegsgewehre zurückzuführen.
Schon Lienhart Frönsperger macht in seinem Kriegsbuch vom Jahre 1555 aufmerksam, dass beim Schießen mit dem Doppelhaken «der Haken recht anstehe, sonst wird er dir das Gesicht oder den Körper zerstoßen oder dich selbst zu Boden werfen».
Bei einem Festschießen in Freising i. Br. im Jahre 1579, bei welchem man, um die Wirkung zu verstärken, die Pulverladung vergrößerte, gab es viel und mancherlei blutige Nasen, Mäuler und Wangen und mancher erhielt einen solchen Stoß, dass er zu Boden fiel.1
Auch Wallhausen erinnert beim Anschlag: «Setze die Musquet hinten recht auf deine Brust, nicht an den Arm hinan, denn eine Musquet, so hart stosset, einem leicht den Arm aus dem Glied stoßen kann, oder da du sechs oder acht Schuss tun solltest, sollte es dich zu richten, dass du den andern Tag den Arm nicht gebrauchen kannst; kannst dich auch versehen, dass dir im Feuergeben die Musquet die Backen nicht zu sehr zerreibe.»
Dass unter solchen Verhältnissen der Schütze feuerscheu wurde und das Gewehr nur ungern und schließlich gar nicht an die Wange in Anschlag nahm, ist wohl natürlich; allein es bestand auch die Überzeugung, dass die obige Erscheinung teilweise auch durch den Mangel an nötiger Schießausbildung und beständiger Übung hervorgerufen werde.
Herzog Ulrich von Württemberg hatte am 5. August 1517 den Befehl erlassen, dass «die Büchsenschützen aller Ämter sich bereit halten sollten ins Feld zu rücken. Jeder sollte dabei, so viel möglich, eine Zielbüchse mit einem Schloss haben und auch mit Steckzundeln und anderem dazu gehörig verfasst sein, auf dass, wenn es zum Ernst käme, ein jeder mit am Backen angeschlagener Büchse desto gewisser schieße, das sie mit guter Geschicklichkeit wohl tun und zu wege bringen mögen, damit der Schaden durch das ungewisse Schießen, da man nicht anschlage, verhütet bleibe».2
Die im Jahre 1519 zum Bundesheer beigestellten 150 Nürnberger Büchsenschützen werden ausdrücklich als solche bezeichnet, die — wohl infolge ihrer guten Ausbildung — an der Wange abschießen konnten; die im Jahre 1570 auf dem Reichstag zu Speier gegebene Fußknecht-Bestallung enthält die bestimmte Forderung, «die Büchsenschützen sollen auch monatlich geübt und ihnen am Backen anzuschlagen und abzuschießen eingebunden werden». Wallhausen macht bezüglich des Schießens im Gefecht noch folgende charakteristische Bemerkung: «Wenn mancher nur sein Gewehr geloset, es sei ordentlich oder unordentlich geschehen, denkt er, er habe sich tapfer gebraucht und habe seine Sache wohl verrichtet!»
Überblickt man das Schießwesen in der Zeit vom Aufkommen der Feuerwaffen bis zum Dreissigjährigen Krieg, so muss zugegeben werden, dass das Schießen nach der Scheibe oder nach anderen feldmäßigen Zielen auf den Schießplätzen sowohl in Bezug auf die Waffe, als auch in Bezug auf die Durchführung der Übungen hochentwickelt war und dass selbst die neueste Zeit hier wenig hinzuzufügen hatte.
Das Schießen im Gefecht, bzw. die Ausbildung für dasselbe, konnte schon infolge der Unvollkommenheit der für den Feldgebrauch bestimmten Gewehre keine besonderen Erfolge erreichen. Die Ausbildung war nur bestrebt, die Schützen mit den einfachen Zielregeln vertraut zu machen, die Lade- und Feuergriffe, sowie das Schießen einzuüben, den einzelnen Schützen sein Manöver beim Schießen in der Abteilung einzulernen und die Schützen so weit in Gehorsam zu bringen, dass sie das Feuer im Gefecht nicht ohne Befehl eröffnen.
Wenn auch die Unvollkommenheit der Waffe keine augenfälligen und besonders bemerkenswerten Erfolge im Gefecht erwarten ließ, so haben doch einzelne erfahrene Kriegsmänner die Beobachtung gemacht, dass der weitaus größte Teil der Fehlschüsse den Schützen zukommt und dass in dieser Beziehung — so wie heute! — nur durch stramme militärische Erziehung und durch anhaltende gründliche Ausbildung eine Abhilfe geschaffen werden kann!
1 Dr. J. Pr echt, Die freisingische Schützengesellschaft. Freising 1876.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 10. Dresden, 1900-1902.
