
Von Dr. Potier.
Adjö nun, Lowise, wisch’ ab dein Gesicht,
Eine jede Kugel trifft ja nicht:
Denn traf’ jede Kugel apart ihren Mann,
Wo kriegte der König Soldaten dann?
(Aus einem alten preußischen Soldatenlied.)
Bis zu dem Augenblick, da die neuerfundenen Feuerwaffen die Kinderkrankheiten überstanden hatten, lassen sich die Versuche zurückverfolgen, die Verwendbarkeit dieser Waffen zu steigern. Emsig suchte der Schwarzkünstler nach der Formel, welche den in der vereinigten Dreiheit Schwefel, Salpeter und Kohle schlummernden Dämon zu höchster Kraftleistung anfeuern sollte, eine Aufgabe, deren Lösung erst dem modernen Chemiker vorbehalten blieb. Unermüdlich übte der Büchsenmacher seinen Witz an dem Problem eine Waffe zu ersinnen, welche Handlichkeit mit höchster Feuerbereitschaft vereint. Auch diese mühevollen Versuche mussten so lange geistreiche Spielereien einzelner befähigter Köpfe bleiben, solange die Welt von Präzisionsmechanik nichts wusste. Erst der moderne Maschinenbauer, welcher haarfein und haargenau arbeitende Maschinen schuf, gab dem Waffentechniker die Mittel in die Hand, das im Geiste geschaute praktisch zu verwirklichen: Dem Schwesternpaare Chemie und Präzisionsmechanik dankt also der Soldat und Schütze die Einheitspatrone, die Nitratpulver, den handsamen und den Tod auf weite Entfernung schießenden Mehrlader.
Aber auch diese allermodernste Kriegswaffe war, wenigstens in ihren Grundzügen, den alten Büchsenmachern wohl bekannt. Der Wunsch nach höherer Feuerbereitschaft erzeugte die mehrläufigen Gewehre, die Doppelschussgewehre, endlich die Drehlinge, wenn wir von den Handfeuerwaffen mit Hinterladevorrichtung, welche schon um 1550 auftreten, absehen wollen.
Bei den mehrläufigen Gewehren waren die Läufe entweder neben- oder übereinander angeordnet, und man unterschied demnach zwischen Zwillings- und Bockgewehren. Immer aber gehörte zu einem jeden einzelnen Lauf ein eigener Schlossmechanismus, und zwar wurde bei den Bockgewehren die im unteren Lauf befindliche Ladung durch das vordere, der im oberen Lauf steckende Schuss durch das rückwärtige Schloss zur Entzündung gebracht. Als nahe Verwandte dieser älteren Mehrlader erscheinen die Wendegewehre. Bei dieser Gattung von Gewehren war nur ein einziges Schloss vorhanden, die zwei übereinander, also im Bock ruhenden Läufe waren jedoch so um eine gemeinschaftliche Achse drehbar, dass die Ladung in dem gerade oben liegenden Lauf von diesem Schloss aus entzündet wurde.
Die Schlösser für die Doppelschussgewehre charakterisierten sich dadurch, dass zwei oder mehr Flintenschlösser hintereinander längs eines Laufes angebracht wurden, und zwar in der Weise, dass die Pfannentröge alle in gleicher Ebene lagen, und dass einer jeden Zündpfanne ein eigener Zündkanal im Lauf entsprach. So wurde die Waffe, der Schlossanzahl entsprechend, mit zwei bis drei Schüssen geladen, jede einzelne Ladung jedoch durch einen starken Pfropf von der nächst folgenden getrennt. Wollte man schießen, so setzte man zuerst den Mechanismus des der Laufmündung zunächst liegenden Schlosses in Tätigkeit und feuerte den obersten Schuss ab; dann spannte man den Hahn des zweiten, mittleren, endlich denjenigen des der Schwanzschraube zunächst gelegenen Schlosses. Es ist begreiflich, dass diese Art der Anordnung der Schlösser, welche man häufig an für die Jagd von größerem Raubwild bestimmten Büchsen findet, ein überaus genaues Laden voraussetzte und auch sonst wenig Vorteile bot.
Die eigentlichen Vorläufer der modernen Revolversysteme sind jedoch die Drehlinge. In eine um eine Achse drehbare Trommel war eine Anzahl von Ladekammern gebohrt; zu jeder Ladekammer gehörte später ein Batteriedeckel und eine Zündpfanne, welche sich mit der Trommel drehten. Wie alt diese Art von Mehrladern ist, geht daraus hervor, dass im Jahre 1584 Niklas Zurkinden in Bern Schießproben mit einem Drehling vornahm, welche allerdings unglücklich endeten, da die Büchse zersprang. Offenbar fielen die Achsen der Ladekammern in der Trommel nicht ganz genau in die Verlängerung der Laufachse, so dass die Kugeln nicht ganz glatt aus den Ladekammern in den Lauf hinüber zu springen vermochten, und ein sich stauchendes Geschoss die Waffe zertrümmerte.
Die dem Drehlingssystem anhaftenden Mängel, unter welchen die kurze Schussweite wegen des unvermeidlichen Ausströmens der Pulvergase an der Berührungsfläche von Trommel und Lauf nicht der geringste war, führten dazu, dass man anfing, die Munition, und zwar Pulver und Kugel getrennt, in eigenen Magazinen am Gewehr unterzubringen. Doch geriet man auch hierin bald auf Abwege: So bewahrt die königliche Gewehrgalerie zu Dresden derartige Repetiergewehre auf, welche zur Aufnahme von 20, 30, ja sogar 40 Schüssen eingerichtet sind. Waffen, deren Herstellung in das Ende des 17. und den Anfang des 18. Jahrhunderts fällt.
Diese Art Lagerung der Munition beeinträchtigte jedoch die Kriegsbrauchbarkeit derartiger Feuerwaffen arg, wegen der dadurch bedingten Verschiebung des Schwerpunktes; sie war auch für den Schützen selbst nicht ganz ungefährlich, weil die Möglichkeit vorhanden war, dass beim Losbrennen des Schusses der Feuerstrahl in den Pulverbehälter hinübersprang und dort eine Explosion hervorrief. Trotzdem verging eine geraume Zeit, bis es endlich gelang, durch die Vereinigung mehrerer Patronen zu einem an das Gewehr anhängbaren Bündel und Lagerung desselben in den Unterschaft eine allen kriegstechnischen Anforderungen entsprechende Waffe, den modernen Mehrlader, herzustellen.
So naheliegend eigentlich auch der Gedanke war, die Feuerbereitschaft eines Gewehres dadurch zu steigern, dass man sein Augenmerk auf die handliche Lagerung der Munition in der Waffe richtete, so hielt dennoch die Büchsenmacherkunst mit einer schier unbegreiflichen hartnäckigen Zähigkeit an dem Revolversystem fest und glaubte, die Feuerbereitschaft einer Waffe wachse mit der Anzahl der Ladekammern in der Trommel. Die Vermehrung der Ladekammern bedingte jedoch ein Vergrößern des Durchmessers der Trommel, welche dadurch immer schwerer wurde, so dass endlich das hohe Gewicht der Waffe deren Brauchbarkeit erheblich herabsetzte, wenn nicht gar ganz aufhob.
Als ein sprechendes Beispiel dafür, wohin das rücksichtslose Anbringen stets neuer Ladekammern die Büchsenmacher führen musste, möge ein Gewehr dienen, dessen Trommel nicht weniger als vierundzwanzig Schüsse fasst. Die Länge dieser Waffe, von der Laufmündung bis zum Kolbenschuh gemessen, beträgt 165 cm, wovon 110 cm auf den dünnwandigen 14 mm weiten und glatten Lauf entfallen. Die Länge der automatisch drehbaren Trommel misst 11, deren Durchmesser 24 cm. Eine jede der vierundzwanzig Ladekammern muss wie ein Vorderlader geladen werden; die Zündung besorgen Zündhütchen. Das Perkussionsschloss ist außerordentlich kräftig gebaut, jedoch erfolgt das Spannen des Flintenhahnes nicht selbsttätig.
So interessant diese Waffe vom technischen Standpunkt auch ist, weil in ihr sich ein fast krankhaft zu nennender Trieb nach hoher Feuerbereitschaft ausspricht, so muss sie der Praktiker dennoch als eine recht verunglückte Spottgeburt bezeichnen: Wiegt sie doch ungeladen 13 Kilo, welcher Umstand ihre Verwendung zur Jagd auf Wasservögel, wozu sie vermöge der Länge des Laufes wahrscheinlich dienen sollte, wohl ausschießt, wenn man sie sich nicht als ein Riesenspielzeug in den Fäusten eines modernen Goliath denken will.
Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 9. Dresden, 1900-1902.
