Wenn heute von Handgranaten die Rede ist, denken die meisten an moderne Splittergranaten des 20. Jahrhunderts. Doch die Geschichte dieser Waffe reicht wesentlich weiter zurück. Bereits im 16. Jahrhundert wurden in Europa primitive Handgranaten eingesetzt – vor allem bei Belagerungen, im Häuserkampf und auf Schiffen. Sie waren gefährlich, unzuverlässig und oft ebenso riskant für den Werfer wie für den Gegner.
Der Ursprung der europäischen Handgranate
Explosive Wurfkörper existierten schon früher in Asien und im Byzantinischen Reich. In Europa verbreiteten sich Granaten jedoch erst mit der zunehmenden Nutzung von Schwarzpulverwaffen im späten
Mittelalter und der frühen Neuzeit. Bereits im 15. Jahrhundert tauchen erste Quellen zu sogenannten „Granaten“ oder „Grenaden“ auf; im 16. Jahrhundert wurden sie häufiger erwähnt und militärisch
genutzt.
Handgranaten des 16. Jahrhunderts wurden aus sehr grobem Glas, fast Schlacke oder Keramik, hergestellt; sie hatten einen Durchmesser von fast dreieinhalb Zoll (8,89 cm) und fassten drei bis sieben Unzen Pulver. Handgranaten tauchen 1536 auf (Quelle: Rüstungen, Waffen und Kriegsmaschinen).
Hier sind einige Museums‑ und Objektabbildungen von frühen Handgranaten bzw. Granat‑/Brandmunition‑Artefakten:
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Eines der Objekte ist eine keramische Handgranate aus dem 17. Jahrhundert, gefunden in Ingolstadt (Deutschland) mit Durchmessern von 10–12 cm. Wikimedia Commons
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Eine andere Darstellung zeigt eine glasartige Handgranate („Glass hand grenade, 17th Century“) unter CC0 Lizenz. Wikimedia Commons
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In einer Museumssammlung (z. B. Esterházy Museum) werden „Hand‑Granate‑Behälter“ und andere frühe Granaten‑Artefakte aus dem 16. und 17. Jahrhundert gezeigt. Esterhazy
Wie sahen Handgranaten damals aus?
Die frühen europäischen Handgranaten hatten mit modernen Modellen nur wenig gemeinsam. Typisch waren:
- kugelförmige Behälter aus Ton, Keramik oder Glas,
- später auch Gusseisen oder Bronze,
- gefüllt mit Schwarzpulver,
- gezündet durch eine langsam abbrennende Lunte oder Brandröhre.
Die meisten Granaten hatten einen Durchmesser von etwa 8 bis 12 Zentimetern. Manche waren kaum größer als ein Apfel. Der Werfer entzündete die Lunte von Hand und musste die Granate schnell
werfen, bevor sie explodierte. Genau darin lag eines der größten Probleme dieser Waffen. War die Lunte zu kurz, detonierte die Granate möglicherweise noch in der Hand des Soldaten. War sie zu
lang, konnte der Gegner sie zurückwerfen.
Einsatzgebiete im 16. Jahrhundert
1. Belagerungen und Festungskriege
Der wichtigste Einsatzbereich war der Festungskrieg. Das 16. Jahrhundert war geprägt von Belagerungen moderner Bastionsfestungen in Italien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. In engen
Schanzen, Laufgräben oder beim Sturm auf Mauern konnten Handgranaten enorme Wirkung entfalten. Vor allem bei Nachtangriffen und im Nahkampf hatten sie psychologische Wirkung: Lärm, Rauch und
Splitter erzeugten Panik.
2. Seekrieg
Auch auf Kriegsschiffen wurden frühe Handgranaten genutzt. Beim Entern feindlicher Schiffe warfen Seeleute die Sprengkörper auf Deck oder unter gegnerische Mannschaften. Dort konnten Splitter,
Feuer und Rauch besonders verheerend wirken. Englische, spanische und niederländische Seestreitkräfte experimentierten im späten 16. Jahrhundert zunehmend mit solchen Waffen.
3. Stadt- und Häuserkampf
Während der Religionskriege und Bürgerkriege Europas – etwa der Hugenottenkriege in Frankreich oder des niederländischen Unabhängigkeitskampfes – kamen Granaten gelegentlich auch im Häuserkampf
vor. Besonders in engen Gassen oder verbarrikadierten Gebäuden boten sie Vorteile.
Wer benutzte diese Waffen?
Im 16. Jahrhundert gab es noch keine spezialisierten „Grenadiere“ im späteren Sinn. Die berühmten Grenadier-Einheiten entstanden erst im 17. Jahrhundert. Dennoch wurden schon zuvor besonders
kräftige und erfahrene Soldaten ausgewählt, um Granaten zu werfen. Später entwickelte sich daraus die eigenständige Truppengattung der Grenadiere. Diese Soldaten trugen oft ein Dutzend Granaten
mit sich.
Wie häufig wurden Handgranaten eingesetzt?
Hier wird die Quellenlage schwierig. Anders als Musketen oder Kanonen wurden Handgranaten im 16. Jahrhundert nicht in riesigen Mengen standardisiert produziert. Sie waren eher Spezialwaffen.
Historiker gehen davon aus, dass: sie vor allem bei Belagerungen vorkamen, nur kleine Teile der Truppe damit ausgerüstet waren und der tatsächliche Einsatz relativ begrenzt blieb. Massenhaft
verbreitet wurden Handgranaten erst im späten 17. Jahrhundert und erneut im Ersten Weltkrieg.
Archäologische Funde zeigen jedoch, dass durchaus größere Bestände existierten. In der Festung Ingolstadt wurden beispielsweise Hunderte keramische Granaten aus späterer Zeit gefunden. Solche
Funde deuten darauf hin, dass Festungen Vorräte für längere Belagerungen anlegten.
© Carsten Rau (Text und Bild)
