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Studienmaterial zur Geschichte der Mittelalterwaffen Teil 3

Steinkugeln werden auf angreifende Belagerer geworfen.

Von Dr. R. Forrer-Strassburg.

(III. Fortsetzung.)

 

8. Die Abimelech- und David-Miniaturen des Abtes Jordanus von Lucelles um 1293, der Sammlung Forrer.

 

Diese beiden Miniaturen aus dem Besitz eines alt-elsässischen Priesters und Geschichtsforschers hatten früher als Buchumschläge-Verwendung gefunden. Die eine zeigt den Moment, da Abimelech anlässlich der Niederwerfung eines Aufstandes in Tebez durch einen Steinwurf getötet wird. Die Stadt Tebez ist durch einen zinnengeschmückten Turm mit vorspringenden Ecktürmchen veranschaulicht und mit der Inschrift „Thebes“ gekennzeichnet. Bewohnerinnen der Stadt blicken auf den unten sich abspielenden Kampf, indessen die mittlere Frauenfigur eben den todbringenden Steinblock auf Abimelech fallen lässt. Dieser ist durch die Inschrift «Abymelech» verdeutlicht und sinkt eben unter dem Lanzenstoß eines Kriegers zusammen, indessen ein zweiter Krieger mit dem Schwert auf den König einhaut.

 

Uns interessieren hier besonders die detailliert dargestellten Rüstungen. Abimelech trägt unter dem roten Kriegsrock einen Haubert, der Arme und Hände deckt und bis über die Kniee reicht. Die Beine sind durch Ringhosen mit aufgelegten Kniekacheln geschützt, der Kopf durch eine Hirnhaube, an welcher Nietlöcher sichtbar sind. Auf dem Rücken trägt der Israelitenkönig einen spangengeschmückten Schild mit hohem Schildbuckel. Ähnlich gerüstet sind die übrigen Kriegsleute dieses Bildes.

 

Das andere zeigt den jungen David, sich durch ein Fenster an einem Strick von einem Gebäude herab vor seinen durch «Michol» abgehaltenen Verfolgern retten. Die Inschrift darüber besagt: «Michol defend dd’ al insidiis apparitor». Die Verfolger sind analog denen des Abimelechbildes gerüstet und mit bemerkenswerten Zutaten ausgestattet.

 

Die Lanzenstange des hinteren Soldaten ist weiß-schwarz, das unter dem Haubert getragene Tuchkleid des vorderen Kriegsmannes rot-weiß gestreift; die Schilde sind kurz, eiförmig und unten abgerundet, von einer für diese Zeit seltenen Form; bei den Schwertern (beider Bilder) sind Griff und Parierstange durch gelbes Kolorit als aus Bronze (oder vergoldet) gekennzeichnet. Auch hier sind die Helme Hirnhauben, welche über den Haubert gestülpt sind, zum Teil wohl auch direkt an diesen genietet waren, wie dies die linksseitigen Kriegerfiguren der Abimelechminiatur vermuten lassen.

 

Auf dem Schild des vordersten Davidverfolgers ist ein Wappen angebracht, welches mit dem des Abtes Jordanus von Lucelle (Lützel) übereinstimmt, der anno 1293 Abt von Lucelle geworden war (1294 aber gestorben zu sein scheint, da von diesem Jahr ab bereits ein anderer Abt figuriert.1 Mit dieser Datierung und Zuweisung harmonieren einerseits Bewaffnung, Kostüme und Stil dieser Miniaturen, andererseits deren elsässische Provenienz (die Abtei liegt an der Basler-Elsässer Grenze) und deren Verwandtschaft mit ähnlichen Handschriften desselben Gebietes.

 

1 Vgl. Vautrey, Histoire des eveques de Bâle. Einsiedeln 1884 und Epit. Lucell. 1666. Nach einer während des Druckes von Herrn Dr. Zeller-Werdmüller eingelaufenen Mitteilung wird Abt Jordanus von Lützel, 1293, in Mülinen «Helvetia sacra» als ein geborener Burgunder zitiert, der schon 1294 wieder Abt zu Bellevaux in Burgund geworden.

 

9. Zum Kapitel der Waffen-Gewichte.

 

Ich habe bereits im ersten Jahrgang dieser Zeitschrift anlässlich Besprechung der «Gertelwaffen» betont, wie es wertvoll und wünschenswert wäre, wenn man mehr als bisher die Waffengewichte in den Kreis der Beachtung zöge. Vielleicht findet irgendein Kollege Zeit zu eingehenden Wägungen und vergleichenden Untersuchungen. Er wird zweifellos zu interessanten Resultaten gelangen, wird aber sehr kritisch zu Werk gehen müssen und darf sich nur an die regelrechten Kampfwaffen halten, muss also z. B. alle bloßen Prunkwaffen, ebenso Waffen, die bloß zur Knabenausrüstung gehörten, ausschließen. Und ebenso klar ist natürlich, dass nur gleichartige Waffen unter sich verglichen werden sollen, also weder schwere Belagerungshelme mit regelrechten Rüstungshelmen, noch Kriegshelme mit Turnierhelmen, von diesen natürlich wieder nur Stechhelme unter sich und Kolbenturnierhelme unter sich. Solch eine Arbeit wäre keineswegs müßig, denn tatsächlich hat man ehedem und zu allen Zeiten den Waffengewichten große Beachtung geschenkt.

 

Das Gewicht vermehrte sich natürlich, wenn der betreffenden Angriffswaffe ein verstärkter Schutz gegenübergestellt wurde, ebenso wie die Schutzwaffe sofort an Gewicht zunahm, wenn einer Angriffswaffe intensivere Wirkung gegeben worden war. Derselbe Wettkampf, der sich in den letzten Jahrzehnten zwischen Schiffspanzer und Schiffsgeschütz abgespielt hat, vollzog sich in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten zwischen Hiebwaffe (Schwert, Beil, Stangenwaffe etc.) resp. Geschütz (Armbrust, Gewehr, Pistole) einerseits und Panzerrüstung (Helm, Ringpanzer, Schienenrüstung, Lederkoller) andererseits. Die Waffengewichte sind gewissermaßen das unsere Waffenkunde kontrollierende Spiegelbild der Waffengeschichte.

 

Welche Bedeutung man nun den Waffengewichten schon früher gab, mag folgende Notiz bezeugen, die ich bei Ammianus Marcellinus (Röm. Geschichte) finde. Dort heißt es bei Erzählung von Gräueltaten des Kaisers Valentinian (geb. 321, reg. 364, gest. 375): „Den Vorsteher einer Waffenfabrik, der ihm (Valentinian) einen trefflich gearbeiteten Brustharnisch überreichte und deshalb eine Belohnung erwartete, ließ er (Valentinian) aus dem Grunde hinrichten, weil das eiserne Probestück ein etwas geringeres Gewicht hatte, als von ihm (dem Kaiser) vorgeschrieben war“ (XXIX, 3).

 

 

10. Waffengeschichtliche Miniaturen aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg, 1159—1180.

 

Mit dem vergangenen Jahr 1900 ist ein Werk, das vor 27 Jahren begonnen wurde, nun vollendet worden, ist der « Hortus deliciarum » der Herrad von Landsberg uns neu erstanden! Das Original dieses wunderbaren Bilderkodexes ist bekanntlich 1870 beim Bombardement Straßburgs mit der Straßburger Bibliothek verbrannt, uns heute also gänzlich verloren. Aber Faksimiles, welche teils schon im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts Engelhard, teils später Graf Bastard und andere genommen hatten, haben uns von den 336 Miniaturen ungefähr 260, also mehr als zwei Drittel des einstigen Bestandes, in guten Kopien gerettet. Diese Faksimiles hat unsere «Gesellschaft zur Erhaltung der historischen Denkmäler im Elsass» unter der Leitung der Canonici A. Straub und G. Keller gesammelt und in einem großen Folio-Tafelwerk, das sich aus 113 Tafeln und 103 Textseiten zusammensetzt, einem weiteren Studium zugänglich gemacht.1

 

Für die mittelalterliche Ikonographie, Kostümgeschichte usw. ist dieses Werk von größter Bedeutung; hier möchte ich nur auf dessen eminenten Wert für die Geschichte der Waffenausrüstung hinweisen, indem ich eine Anzahl Faksimile-Clichés zum Abdruck bringe, welche nach dem obigen Werk hergestellt sind und teils dem Prospekt der Verlagsfirma Schlesier & Schweikhardt, teils meiner Schrift über den Odilienberg entnommen sind.2

 

Der Hortus deliciarum entstand auf dem Odilienberg im Kloster zu St. Odilien, wo Herrad von Landsberg im 12. Jahrhundert Äbtissin war. Nach Canonicus Keller sind als Herstellungszeit dieses Bilderkodexes die Jahre 1159 bis 1180 anzunehmen. Die Miniaturen sind zum großen Teil symbolischen Inhaltes, veranschaulichen aber sichtlich getreu Gewänder, Waffen, Sitten, Werkzeuge etc. des 12. Jahrhunderts.

 

Neben Genauigkeit der Darstellung zeichnen diese Miniaturen sich aber auch durch Schönheit aus und es gibt wohl wenig lebensvollere Darstellungen eines Reiterkampfes des 12. Jahrhunderts als das hier unter Fig. 8 wiedergegebene Miniaturfaksimile, in welchem wir zwei feindliche Reitertruppen aufeinanderprallen und sich mit Spieß und Schwert bekämpfen sehen (Forrer, Odilienberg, Tafel XV). Die Ritter tragen teils nach oben spitze, teils oben abgerundete Helme mit langen Nasenschutzstangen.

 

1 Hortus deliciarum par l'abbesse Herrade de Landsberg; publie aux fais de la societe pour la Conservation des monuments historiques en Alsace; texte explicatif par les chanoines A. Straub et E. Keller. 113 pl. et 103 pages de texte explicatif. Strasbourg, Schlesier & Schweikhardt.

 

2 Vgl. R. Forrer, Der Odilienberg, seine vorgeschichtlichen Denkmäler und mittelalterlichen Baureste, seine Geschichte und seine Legenden. Straßburg i. E., Verlag von K. J. Trübner, 1899.

 

Fig. 8.
Fig. 8.

 

Besonders interessant ist der Helm des vordersten Reiters der linken Seite, weil hier statt der Nasenstange ein förmliches Visier das Gesicht bedeckt; es ist eine Eisenplatte, die wie die Nasenstange am Helm unbeweglich festsitzt, aber das ganze Gesicht deckt und nur die Augen freilässt. Unter den Helmen tragen diese Kriegsleute den Kopfhaubert, der den ganzen Kopf deckt, nur die obere Gesichtspartie freilässt, eben jene Teile, welche bei dem erwähnten Visierhelm durch eine halbkreis-förmige Platte zu sichern versucht werden. Der Ringhaubert reicht bis zum Knie und wird hier durch Ringhosen abgelöst, die aber nur auf der Vorderseite der Beine Eisenschutz tragen; die Rückseite scheint lediglich aus Leder zu bestehen. Die Sporen sind Stachelsporen; die Steigbügel haben ovale Form und sind durch die unter der Trittstange angebrachten zwei Füße beachtenswert. Die Sättel haben die in jener Zeit allgemein üblichen hohen Rücklehnen, darunter reich verzierte Satteldecken.

 

Prächtig sind die langen, spitz zulaufenden, oben breiten und waagerecht abschneidenden, stark gewölbten Holzschilde, die der Reiter an ledernen Achselriemen trägt. Zumeist sind diese Schilde glatt, d. h. ohne Verzierung noch Wappen, doch tragen einzelne gelegentlich waagerecht oder schräg gelegte Ornamentstreifen — als Auszeichnung, wenn auch nicht als ausgesprochenes «Wappen» (vgl. Fig. 9).

 

Fig. 9.
Fig. 9.
Fig. 10.
Fig. 10.

Die Schwerter zeigen ovalen Knauf, breite Klingen mit abgerundetem Ende und starker Parierstange, deren Enden bald mehr, bald weniger über die Klinge herausragen. Die Scheiden scheinen aus Leder zu sein und hängen an ledernen Riemen an der Linken des Kämpfers.

 

Dieselben Schild-, Schwert-, Haubert- und Helmformen beobachten wir auch auf allen übrigen Miniaturen des Hortus deliciarum. Auf einem Kriegswagen (Fig. 10) tragen die Kämpfer abwechselnd Helme mit rundem und mit spitzem Scheiteldach. Bei der letzteren Art ist die Spitze zumeist leicht nach vorn geneigt, bei den gewölbten Helmen lassen senkrechte Parallellinien aneinandergereihte Eisenschienen vermuten. Der vorderste Krieger in jenem Wagen trägt einen Pfeilbogen und in der Linken eine Hülse, die wohl den Pfeilköcher darstellt.

 

Auch die symbolischen Frauengestalten (Fig. 11) sind in Waffengewänder jener Zeit gehüllt und zeigen Helme, Schilde, Haubert und Riemenwerk in instruktiver Darstellung. Insbesondere gilt das für die hinterste Figur, deren Helm durch eine Krone ausgezeichnet ist; bei ihr sehen wir die innere Seite des Schildes dargestellt und erhalten wir einen Einblick in dessen oberes Riemenwerk. Typisch sind auf diesem Bild auch die Lanzen mit ihren Querknebeln, Formen, die auf die karolingischen Knebelspieße zurückgehen.

 

Fig. 11.
Fig. 11.

Auf einer weiteren Miniatur (Fig. 12) ist die Berennung einer Burg dargestellt. Krieger ohne Helme, lediglich durch Ringhaubert und Schild gedeckt, legen mittelst brennender Fackeln Feuer an die Holzteile der türm- und zinnenbewehrten Burg. Schon brennt deren von einer ziegelbedeckten Kuppel überragter Mittelbau lichterloh; die weiblichen Insassen jammern und drohen im Qualm zu ersticken. Die männlichen Verteidiger schleudern aber immer noch von den Zinnen herab Steine auf die Belagerer. Von diesen letzteren spaltet eben einer mittelst einer Axt das mit Eisenbändern bewehrte Eingangstor, unbekümmert um die auf seinen Helm und auf den als Rückendeckung verwendeten Schild schockweise niederfallenden Steine.

 

Sturmbereit sehen wir auf demselben Bild andere Krieger abgebildet mit Spießen und Feldzeichen, letztere mit teils langen, an den Enden zweigeteilten, teils hohen und schmalen Fahnentüchern versehen, die allerlei Ornamentwerk ohne ausgesprochenen Wappencharakter tragen.

 

In der hier skizzierten Weise sind auch die anderen sehr zahlreichen Kriegerdarstellungen des Hortus deliciarum ausgerüstet — ein Studienmaterial, das wie die Tapete von Bayeux für das Ende des 11. Jahrhunderts, so dieses für die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts für die Waffenkunde von ganz eminentem Wert ist und für dessen Herausgabe die wissenschaftliche Welt der Gesellschaft zur Erhaltung der geschichtlichen Denkmäler im Elsass und den beiden Autoren Straub und Keller größten Dank schuldig, ist.

Fig. 12.
Fig. 12.

Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 8. Dresden, 1900-1902.