
Von Staatsrat Eduard von Lenz.
(Fortsetzung.)
VI. Stab-Runka (Q. 319)
Die Kaiserliche Eremitage besitzt ein Exemplar dieser auch in anderen Museen vorkommenden, dem Stockdegen verwandten Waffe, welche vielleicht weniger häufig für den Kriegsgebrauch als zum Schutz in unsicherer Umgebung, wie z. B. auf der Wanderschaft, bestimmt war und wohl nicht selten auch dem Mann eine handliche Angriffswaffe liefern sollte, wo die Umstände es ihm verboten, sich bewaffnet zu zeigen.
Bei denkbar einfachster Konstruktion ist das Stück durchaus nicht sorgfältig gearbeitet, der hohle Stab aus unpoliertem Schlagblech zusammengebogen und am Kopfende mit roh ausgefeiltem, durch einen Federbolzen zu schließenden Deckel versehen. Wird der Deckel geöffnet, so genügt bei horizontaler Lage der Waffe eine ruckartig ausgeführte Stoßbewegung, um aus dem Hohlraum drei Klingen hervorschnellen zu lassen, die durch Einspringen einer Feder in der hier (Fig. 1) abgebildeten Stellung festgehalten wurden.
Die Länge der mittleren Stoßklinge beträgt 71 cm, die Breite am Ansatz 2 cm, die kleinen vierkantigen Seitenklingen sind 23 cm lang und 1 cm breit. Das Gewicht der ganzen Waffe beträgt 2,124 kg.
Gav, gloss. archéol., bringt unter den Worten bâton und brandestoc die Zeichnung eines unserem Exemplar ganz analogen Stabes und sagt, dass unter letzterer Bezeichnung in Italien wie auch in Frankreich zu Anfang des 17. Jahrhunderts une canne á epée á simple ou á triple dard verstanden wurde; als Beweis wird das Inventaire de l’hôtel de Salins angeführt, wo es unter dem Jahre 1614 heißt: un baston couvert de cuir noir, d’oú sortent 3 pointes en facon de hallebardes, und weiter 1620: 2 breindestoeques barbés et 169 brindestoeques, welche letztere Zahl auf gelegentliche Massenverwendung dieser versteckten Waffe schließen lässt.
Angelucci1 beschreibt unter Nr. J. 267 eine gleiche Stab-Runka, deren italienischen Namen brandistocco (franz. brin d’estoc) er übrigens im gegebenen Fall nicht zutreffend mit dem deutschen «Wurfspieß» wiedergibt, und lässt sie schon im 16. Jahrhundert aufkommen.
In der vorliegenden Notiz beabsichtigen wir nicht der Konstruktion und Gebrauchsweise der bezeichneten Stoßwaffe nachzuforschen, sondern wollen vielmehr die Aufmerksamkeit der Fachgenossen auf die Inschriften lenken, welche — so viel uns bekannt — auf den Klingen aller bis jetzt in den Museumskatalogen beschriebenen Exemplare angebracht sind.
Die beiden Seitenklingen an der Runka der Eremitage sind gezeichnet «Al sengo del gato», offenbar eine dem Ätzer auf Rechnung zu setzende Verstümmelung aus «al segno del gatto». Die gleiche Aufschrift tragen zwei in der Sammlung Carlo Bazzero zu Mailand befindliche Exemplare und die bei Gay (a. a. O.) abgebildete Waffe aus der Sammlung W. Riggs. Im Auktionskatalog der Waffensammlung des Herrn A. Ullmann in München, II. Folge 1891, ist unter Nr. 135 angegeben:
«Spanischer Pilgerstab (!) (spanischer Reiter [?], verborgener Reusart), dessen gravierte Seitenklingen „Del Gat“ gezeichnet sein sollen. Die Aufschrift ist offenbar falsch gelesen und lautet wohl ebenfalls «al segno del gatto».2 In der ehemaligen Sammlung von L. Meyrick3 befand sich ein gleiches Stück mit der Inschrift «al segno del cor» (doch wohl für cuore); das Exemplar der Armeria in Turin ist, nach den Worten Angeluccis: di fabbrica milanese, di armajuolo che aveva la sua officina «al segno del coralo» — woraus wohl geschlossen werden kann, dass diese Bezeichnung sich auf den Klingen selbst vorfindet.
Im Dresdener Historischen Museum werden im Kriegswaffensaal unter G 47 bis 494 drei Runkas mit je drei hervorschnellenden Klingen bewahrt, von denen Nr. 49 auf einer Seitenklinge den eingeätzten Namen Bartolam Biella trägt, den v. Ehrenthal dem Bartolamio aus Biella, einer Stadt in der italienischen Provinz Novara zuschreibt. Endlich bringt Dr. Szendrei in seinem Werk über die ungarischen kriegsgeschichtlichen Denkmäler auf der Millenniums-Ausstellung5 die Beschreibung einer dem Grafen H. Wilczek gehörigen Stab-Runka nebst Abbildung; wir haben wegen Unkenntnis der magyarischen Sprache nur die deutsche Ausgabe des Buches benutzen können, müssen aber hier darauf hinweisen, dass die angegebene Stelle durchaus unklar gehalten ist; es heißt dort: «am mittleren Spieß ist das Wort Stogho | Crema, am anderen hingegen das Meisterzeichen des spanischen Waffenschmiedes Gio | Batista eingraviert.»
Nach der Ansicht unseres geehrten Vereinsmitgliedes E. v. Liphart, eines ausgezeichneten Kenners der italienischen Sprache, ist stogho — Venetianer Dialekt, für sto = «ich stehe», «befinde mich« zu erklären; es ist also seine Adresse, die der Waffenschmied gibt, zu dessen Wohnort Crema (im Gebiet von Cremona) der Name Giovanni Batista auch vorzüglich passen würde.
Szendrei spricht aber nur von einem Meisterzeichen, wobei es freilich nicht erfindlich ist, warum der Name Gio | Batista durch den Druck ebenso hervorgehoben ist, wie die Inschrift Stogho | Crema. Ist aber nicht der Name ausgeschrieben, sondern nur eine Meistermarke vorhanden, so kann sie wohl die Form eines spanischen Stempels haben, Giovanni Batista aber kaum als Spanier angesehen werden.
Die angeführten Aufschriften scheinen uns nicht ohne Bedeutung für die Geschichte der italienischen Waffenschmiede des 16. und 17. Jahrhunderts, denn wenn wir uns auch vorläufig noch nicht zu erklären vermögen, warum gerade diese weniger verbreitete Art von Stangenwaffen dazu ausersehen war, Provenienzangaben zu tragen, so geht doch aus den aufgezählten Fällen hervor, dass, nach den uns bekannten Exemplaren zu schließen, in Norditalien angefertigte Stab-Runkas entweder den Namen des Meisters nebst Angabe seines Wohnortes (Bartolam — Biella, Gio. Batista — stogho Crema) oder wenigstens die Bezeichnung der Werkstatt trugen, wo sie angefertigt waren (al segno del gatto, del cor, del corallo).
Eine Anfrage, ob sich an alten Gebäuden in Mailand noch Wahrzeichen aus früherer Zeit erhalten, hatte Herr Carlo Bazzero die Güte dahin zu beantworten, dass gelegentlich der Häusernumeration in Mailand im Jahre 1746 alle Wahrzeichen und Hausschilde verschwanden; doch sind, seiner Ansicht nach, sowohl das Zeichen des «Katers» (gatto), als auch die berühmte Mailänder Skorpionmarke entschieden auf Werkstattschilde der betreffenden Meister zurückzuführen.6 Auch Angelucci scheint, wie die oben angeführte Stelle zeigt, diese Meinung zu teilen. Jeder Zweifel aber, ob die Werkstatt «Zur Katze» in Mailand oder anderswo zu suchen ist, wird von der Inschrift einer mittleren, 99 cm langen Stoßklinge einer Stab-Runka — leicht kenntlich durch den seitlich an der Angel angeschmiedeten Federbolzen — zerstreut. Dieses Stück befindet sich unter einer großen Zahl ungefasster Degenklingen der früheren Sammlung von Tsarskoe Selo und trägt auf einer seiner Seitenflächen die in Kursivschrift oberflächlich eingeritzte Inschrift: IN MILANO AL SEGNO DEL GATO. Offenbar haben wir nur eine halb fertiggestellte Waffe vor uns: der Klingenschmied hat seine Arbeit geliefert; die Klingen, von denen nur die mittlere sich erhalten hat, sollten aber vor der Fassung in einen Holzstab noch zum Ätzmaler kommen. Für ihn war, um Irrungen vorzubeugen, die anzubringende Inschrift flüchtig eingekratzt, die uns nun zur bestimmten Lokalisierung der Schwertfeger-Werkstatt «Zur Katze» verhilft.
Ein Seitenstück zu unseren Inschriften finden wir endlich auf einem Prunkdegen des Pariser Artilleriemuseums vom Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts (J. 174), der außer einer längeren Widmung die Aufschrift trägt: Fracescho spader all insegna dal murion in Venitia fecce.7 Im höchsten Grad erwünscht wäre ein sorgfältiges Absuchen der Museen nach ähnlichen auf Werkstättenschilde bezüglichen Daten und Inschriften, welche zweifellos viel zur Bestimmung bis jetzt unbekannter Meisterzeichen und Marken beitragen würden.
1 Cat. d. Armeria Reale. Torino 1890, pag. 378.
2 Die Waffensammlung der Veste Coburg hat eine Stab-Runka mit der Inschrift AL GATO. Die Schriftleitung.
3 Vgl. die Beschreibung der Sammlung von Joseph Skelton, vol. II, tab. 92.
4 M. v. Ehrenthal, Führer durch d. kgl. histor. Museum in Dresden 1899, S. 151 und 259.
5 Deutsche Ausgabe von Reymond-Schiller, S. 214, Nr. 683.
6 Wir sagen an dieser Stelle Herrn Bazzero aufrichtigen Dank für die freundliche Mitteilung und schließen uns durchaus der von ihm vertretenen Ansicht an, dass die alte Werkstatt «zum Skorpion» an der jetzigen via Arcimboldi zu suchen ist, welche früher den Namen via del gambero (des Krebses!) trug. Wie lohnend wären da archivalische Forschungen nach der altehrwürdigen Skorpionmarke, die schon im 14. Jahrhundert hochgeschätzt wurde. Cf. Gay, gloss. s. v. épée: 1365. Unum ensem operis Lombardie, ad signum scorpionis, taxat 2 flor. fl. (Inv. de J. de Saffres pag. 341.)
7 L. Robert, Cat. d. mus. d’Artillerie 1889 T. III, pag. 65.

Quelle: Zeitschrift für Historische Waffenkunde. Organ des Vereins für historische Waffenkunde. II. Band. Heft 8. Dresden, 1900-1902.
