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Ein römisches Kohortenzeichen

Kaum ein Gegenstand verkörperte die Macht des Römischen Reiches so eindrucksvoll wie seine Feldzeichen. Für den modernen Betrachter erscheinen sie zunächst als militärische Standarten, die den Soldaten auf dem Schlachtfeld Orientierung gaben. Für einen römischen Legionär waren sie jedoch weit mehr. Sie galten als heilige Symbole, als sichtbarer Mittelpunkt der Truppe und als Zeichen göttlichen Schutzes. Wer das Wesen der römischen Armee verstehen will, muss deshalb ihre Feldzeichen verstehen. Genau diesem heute fast vergessenen Thema widmete sich der Bonner Altertumsforscher Professor Ir. Braun im Jahr 1857 anlässlich eines außergewöhnlichen Fundes im Rheinland – eines bronzenen Leoparden, der vermutlich einst das Kohortenzeichen einer römischen Truppe bildete. Seine Untersuchung gehört noch heute zu den interessantesten Arbeiten über die Symbolik der römischen Armee. 

Den Anlass bildete ein archäologischer Fund auf dem Gut Wüstenrode im Rheinland. Bereits zuvor war dort ein Weihestein entdeckt worden, der der Göttin Vagavercustis geweiht war. Wenig später kam an derselben Stelle ein kunstvoll gearbeiteter Leopard aus Bronze ans Licht. Solche Tierfiguren waren außerordentlich selten, weshalb Braun den Fund zum Ausgangspunkt einer umfassenden Untersuchung über die römischen Kohortenzeichen machte. Schon damals stellte er fest, dass dieses Gebiet der römischen Militärgeschichte noch erstaunlich wenig erforscht war. Zwar existierten einzelne Abhandlungen über den Steinbock der 22. Legion oder über einen Seegreif als Kohortenzeichen, doch das Gesamtbild blieb unklar. Braun vermutete den Grund darin, dass sich Philologen meist wenig mit militärischen Fragen beschäftigten, während Soldaten selten die antiken Schriftquellen im Detail untersuchten. Gerade deshalb verbindet seine Schrift militärgeschichtliche, archäologische und religionsgeschichtliche Überlegungen miteinander.

Bevor Braun überhaupt auf den Leoparden eingeht, stellt er eine grundsätzliche Frage: Warum wurde ausgerechnet Rom zur größten Weltmacht der Antike? Bereits die Römer selbst hätten sich diese Frage gestellt. Wie konnte ein vergleichsweise kleines Volk zunächst die Latiner, dann die Etrusker, Samniten und schließlich Gallier, Griechen, Karthager und Germanen besiegen? Körperlich waren viele dieser Völker den Römern überlegen, manche verfügten über größere Reiche oder ältere Kulturen. Dennoch setzte sich Rom durch.

Die Römer selbst glaubten, die Antwort gefunden zu haben. Nach ihrer Überzeugung beruhte ihre Weltherrschaft nicht allein auf Waffen oder militärischem Geschick, sondern vor allem auf ihrer Frömmigkeit. Braun zitiert hierzu ausführlich Cicero und Horaz. Beide vertreten die Auffassung, dass Rom seine Größe den Göttern verdanke. Weil die Römer den unsterblichen Göttern größere Ehrfurcht erwiesen hätten als andere Völker, hätten diese ihnen die Herrschaft über die Welt verliehen. Auch spätere Autoren wie Tertullian oder Augustinus überliefern diese Überzeugung der Heiden, selbst wenn sie ihr widersprechen. Für Braun zeigt dies vor allem eines: Religion war für den römischen Staat keine Nebensache, sondern ein tragender Bestandteil seiner politischen und militärischen Ordnung. 

Neben der Religion nennt Braun einen zweiten entscheidenden Erfolgsfaktor: die militärische Disziplin. Hier folgt er besonders dem römischen Militärschriftsteller Vegetius. Dieser erklärte den Aufstieg Roms nicht in erster Linie durch Glück oder zahlenmäßige Überlegenheit, sondern durch die einzigartige Ausbildung seiner Soldaten. Doch Braun widerspricht einer rein militärischen Erklärung. Nach seiner Auffassung beruhte gerade diese Disziplin wiederum auf religiösen Grundlagen. Das wichtigste Band zwischen Staat und Soldat sei der Fahneneid gewesen. Jeder Legionär schwor seinen Eid vor den Göttern auf das Feldzeichen seiner Einheit. Wer diesen Eid brach, verletzte nicht nur die militärische Ordnung, sondern zugleich die göttliche Ordnung.

Damit gelangt Braun zu einem Gedanken, der für das Verständnis römischer Feldzeichen entscheidend ist: Die Standarten waren keine gewöhnlichen Fahnen. Sie galten als heilige Gegenstände. Tertullian berichtet sogar, die Soldaten verehrten ihre Feldzeichen beinahe mehr als die übrigen Götter. Plinius beschreibt, dass die Adler der Legionen an Festtagen feierlich gesalbt wurden – ein Brauch, der sonst ausschließlich Kultbildern zukam. Andere antike Schriftsteller berichten, dass gesalbte Steine oder Götterbilder öffentlich verehrt wurden. Wenn nun dieselbe Zeremonie an den Legionsadlern vorgenommen wurde, dann zeigt dies deutlich ihren sakralen Charakter. Für den römischen Soldaten war der Adler tatsächlich eine Art göttliches Schutzsymbol. 

Diese religiöse Bedeutung erklärt zugleich, weshalb der Verlust eines Feldzeichens als eine der größten Katastrophen gelten konnte. Besonders eindrucksvoll schildern antike Autoren das Schicksal der Legionsadler nach der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. Zwei Adler gingen verloren. Der Träger des dritten riss den Adler noch rechtzeitig von seiner Stange, versteckte ihn unter seinem Gürtel und verbarg sich mit ihm in einem Moor, um ihn vor den Germanen zu retten. Ähnliche Berichte finden sich über die Schlacht am Trasimenischen See. Dort soll ein sterbender Adlerträger seine letzte Kraft aufgewendet haben, um den Adler im Boden zu verbergen und dadurch vor der Eroberung durch Hannibals Truppen zu bewahren. Solche Erzählungen zeigen eindrucksvoll, welch außergewöhnlichen Rang die Feldzeichen innerhalb der römischen Armee einnahmen.

Manchmal warfen Feldherren ihre Adler sogar mitten unter den Feind. Was zunächst wie Wahnsinn erscheint, hatte einen einfachen Zweck: Die Soldaten mussten den Adler um jeden Preis zurückholen. Dadurch blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als den Angriff mit äußerster Entschlossenheit fortzusetzen. Das Feldzeichen wurde gleichsam zum Mittelpunkt des gesamten Kampfgeschehens.

Braun betont jedoch, dass die Römer keineswegs allein auf göttlichen Beistand vertrauten. Obwohl sie die Macht des Glücks anerkannten, bemühten sie sich zugleich, möglichst wenig dem Zufall zu überlassen. Deshalb entwickelte sich das römische Heer zu einer der am besten organisierten Streitkräfte der gesamten Antike. Die Ausbildung begann bereits in jungen Jahren. Körperbau, Gesundheit und Charakter der Rekruten wurden sorgfältig geprüft. Vegetius beschreibt den idealen Soldaten mit erstaunlicher Genauigkeit: breite Brust, kräftige Schultern, starke Arme, lange Finger, schmale Hüften und ausdauernde Beine. Ebenso wichtig war jedoch der Charakter. Sklaven oder vorbestrafte Männer wurden grundsätzlich nicht aufgenommen.

Auch im Lager herrschte eine Disziplin, die modernen Armeen noch immer Respekt abnötigt. Diebstahl konnte mit dem Tod bestraft werden. Selbst geringfügige Vergehen ahndete man mit äußerster Härte. Braun erinnert an einen Prätorianer, den Kaiser Tiberius hinrichten ließ, weil er einen Pfau gestohlen hatte. Pescennius Niger ließ sogar zehn Soldaten enthaupten, weil sie gemeinsam einen gestohlenen Hahn verzehrt hatten. Plünderungen waren streng geregelt. Beute gehörte niemals dem Einzelnen, sondern stets der gesamten Einheit. Bereits zu Beginn eines Feldzuges mussten die Soldaten darauf einen Eid leisten.

Ebenso entschieden ging man gegen jede Form von Ausschweifung vor. Die Römer waren überzeugt, dass Luxus und Bequemlichkeit den Soldaten schwächten. Kaiser Septimius Severus ließ deshalb sogar seine eigenen Söhne im Feldlager aufwachsen, um sie vor den Versuchungen der Großstadt zu bewahren. Die Standlager lagen meist bewusst außerhalb der Städte. Spätere Historiker wie Zosimos machten sogar Kaiser Konstantin den Großen für den Niedergang der römischen Wehrkraft verantwortlich, weil er Soldaten dauerhaft innerhalb der Städte stationierte. Dort seien sie verweichlicht worden und hätten ihre alte Disziplin verloren.

Wie hart das Leben eines Legionärs tatsächlich war, verdeutlichen zahlreiche antike Berichte. Der Soldat übte täglich mit Holzschwertern und Schilden, die schwerer waren als die eigentlichen Waffen. Er marschierte regelmäßig mit voller Ausrüstung über große Entfernungen, errichtete nach jedem Marsch ein vollständig befestigtes Lager und trug neben Waffen auch Werkzeuge wie Spaten, Hacke, Säge, Korb oder Sichel mit sich. Der jüdische Historiker Josephus verglich den römischen Legionär deshalb mit einem Lasttier. Frieden unterschied sich für ihn kaum vom Krieg. Josephus formulierte den berühmten Satz, die Übungen der Römer seien unblutige Schlachten, ihre Schlachten dagegen nichts anderes als blutige Übungen. Genau hierin sah Braun einen der wichtigsten Gründe für die militärische Überlegenheit Roms.

Doch selbst die bestausgebildeten Soldaten benötigten einen gemeinsamen Mittelpunkt. Tausende Männer mussten sich im Lärm der Schlacht orientieren können. Trompetensignale allein reichten nicht aus. Zwischen Waffenlärm, Pferdewiehern und Schlachtrufen gingen akustische Befehle leicht verloren. Deshalb benötigte jede Einheit sichtbare Zeichen. Aus diesem praktischen Bedürfnis entstanden nach Braun die Feldzeichen. Erst später erhielten sie ihre religiöse Bedeutung und entwickelten sich zu den berühmten Tierstandarten der römischen Armee.

Mit der zunehmenden Größe des römischen Heeres entwickelten sich auch seine Feldzeichen weiter. Während in frühester Zeit einfache Erkennungszeichen genügten, entstanden später kunstvoll gearbeitete Standarten, die nicht nur der Orientierung dienten, sondern zugleich Rang, Tradition und Identität der jeweiligen Einheit sichtbar machten. Für jede Legion bildete der Adler das höchste Zeichen. Darunter besaßen jedoch auch die einzelnen Kohorten, Reiterabteilungen und Sondertruppen eigene Standarten, die häufig Tiere oder andere Sinnbilder zeigten. Gerade diese Kohortenzeichen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung Professor Brauns.

Braun beginnt seine Betrachtung mit einer scheinbar einfachen Frage: Wer erfand überhaupt das Feldzeichen? Eine eindeutige Antwort hält er für unmöglich. Nach seiner Auffassung entstand es überall dort, wo größere Menschenmengen gemeinsam kämpften. Sobald Hunderte oder gar Tausende von Kriegern aufeinandertrafen, musste es sichtbare Sammelpunkte geben. Im Schlachtlärm gingen Trompetensignale leicht unter. Staub, Rauch und das Gedränge der Kämpfenden erschwerten zusätzlich jede Orientierung. Sichtbare Zeichen wurden deshalb unverzichtbar.

Zur Stützung seiner Auffassung verweist Braun auf den griechischen Historiker Diodor. Dieser berichtet, die Ägypter hätten Tierbilder auf langen Stangen eingeführt, nachdem ihre Heere wiederholt durch Unordnung und mangelnde Orientierung geschlagen worden seien. Die Tierfiguren dienten dazu, einzelne Truppenteile leichter zusammenzuhalten und ihre Bewegungen zu ordnen. Ob diese Überlieferung historisch vollkommen zutrifft, ist für Braun zweitrangig. Wichtiger erscheint ihm der Grundgedanke, dass militärische Organisation und Feldzeichen von Anfang an eng miteinander verbunden waren.

Die ersten Standarten dürften ausgesprochen einfach gewesen sein. Nach einer antiken Überlieferung ließ Romulus lediglich ein Büschel Heu an einer langen Stange befestigen, das jeweils hundert Mann als Erkennungszeichen diente. Erst mit der Weiterentwicklung des römischen Heerwesens wurden auch die Feldzeichen immer kunstvoller. Aus einfachen Symbolen entstanden kunstvoll gegossene Tierfiguren aus Bronze, Silber oder Gold.

Warum aber wählte man gerade Tiere?

Braun erklärt dies aus der Denkweise der antiken Völker. Krieg war nicht allein eine militärische, sondern ebenso eine psychologische Auseinandersetzung. Schon lange vor Beginn des eigentlichen Kampfes versuchte man den Gegner einzuschüchtern. Germanische Krieger erhoben ihr berühmtes Kriegsgeschrei, den barritus, dessen dröhnender Klang die Römer tief beeindruckte. Bereits Homer schildert einen ähnlichen Gegensatz zwischen Griechen und Trojanern. Während die Griechen schweigend und diszipliniert vorrückten, erfüllten die Trojaner das Schlachtfeld mit lautem Geschrei.

Zum furchterregenden Auftreten gehörte auch die Kleidung. Viele Krieger trugen Felle wilder Tiere oder schmückten ihre Helme mit Hörnern und Federn. Es lag deshalb nahe, dieselben Tiere auch auf den Feldzeichen erscheinen zu lassen. Aus dieser Entwicklung erklärt Braun die Entstehung der Tierstandarten.

Vor der Heeresreform des Gaius Marius besaßen die römischen Legionen mehrere unterschiedliche Feldzeichen. Neben dem Adler nennt Plinius den Wolf, den Eber, das Pferd und sogar den Minotaurus. Erst Marius erhob den Adler zum alleinigen Hauptzeichen der Legion. Die übrigen Tierdarstellungen verschwanden jedoch keineswegs vollständig. Sie lebten vor allem in den Kohortenzeichen und Standarten einzelner Truppenteile weiter.

Der Adler nahm unter allen Feldzeichen eine Sonderstellung ein. Er war nicht lediglich das Abzeichen einer Legion, sondern ihr eigentlicher Schutzgeist. Braun verweist erneut auf zahlreiche antike Schriftsteller, die ausdrücklich berichten, dass der Adler göttlich verehrt wurde. Im Lager erhielt er einen eigenen Schrein, ein sacellum, in dem Opfer dargebracht wurden. Um ihn herum entstand gewissermaßen das religiöse Zentrum der Legion. Der Adler verkörperte den Stolz der Einheit ebenso wie ihren göttlichen Schutz.

Doch gerade weil der Adler bereits ausführlich erforscht worden war, richtet Braun sein Augenmerk auf die weniger bekannten Kohortenzeichen. Hier begegnet ihm eine überraschende Vielfalt. Besonders faszinierend erscheint ihm der Drache.

Heute verbindet man Drachen meist mit dem Mittelalter oder mit chinesischen Kaisern. Tatsächlich gehörten Drachenstandarten aber bereits zur römischen Armee. Vegetius berichtet, dass die Träger solcher Standarten später sogar allgemein als Draconarii bezeichnet wurden. Dieser Sprachwandel zeigt, wie wichtig die Drachenzeichen im spätrömischen Heer geworden waren.

Braun fragt nun, woher diese Drachen ursprünglich stammten.

Eine Antwort findet er bei Arrian. Dieser bezeichnet die Drachen ausdrücklich als skythische Feldzeichen. Offenbar hatten die Römer sie von den Reitervölkern der eurasischen Steppe übernommen. Diese Bereitschaft, erfolgreiche militärische Einrichtungen fremder Völker zu übernehmen, gehörte überhaupt zu den größten Stärken des römischen Heerwesens. Die Römer übernahmen Waffen, Taktiken, Belagerungsmaschinen und Ausrüstungsgegenstände überall dort, wo sie ihnen überlegen erschienen. Warum also nicht auch ein besonders eindrucksvolles Feldzeichen?

Wie diese Drachen aussahen, beschreibt Arrian erstaunlich genau. Es handelte sich nicht um massive Metallfiguren, sondern um lange, schlauchartige Windfahnen aus farbigem Stoff. Der Kopf bestand meist aus Bronze oder anderem Metall, während der lange Körper aus Stoff gefertigt wurde. Sobald der Reiter sich in Bewegung setzte, blähte der Fahrtwind den Stoffkörper auf. Dadurch entstand der Eindruck einer lebendigen Schlange oder eines fliegenden Drachen. Zugleich strömte die Luft durch Öffnungen im Metallkopf und erzeugte ein eigentümliches Zischen. Wer einer heranstürmenden Reiterabteilung gegenüberstand, sah somit nicht bloß flatternde Fahnen, sondern scheinbar lebendige Drachen, die über das Schlachtfeld flogen und unheimliche Geräusche von sich gaben.

Braun erkennt darin ein bewusst eingesetztes Mittel psychologischer Kriegsführung. Der Gegner sollte eingeschüchtert werden, noch bevor der eigentliche Angriff begann. Die Wirkung solcher Drachenstandarten muss erheblich gewesen sein, zumal sie sich im Sonnenlicht weithin sichtbar über den Reiterformationen bewegten.

Besonders eindrucksvoll schildert Ammianus Marcellinus den feierlichen Einzug Kaiser Constantius' II. in Rom. Vor dem Kaiser wurden zahlreiche Drachenstandarten getragen, deren purpurfarbene Stoffkörper sich im Wind aufblähten. Die langen Schweife flatterten hinter ihnen her, während aus den geöffneten Mäulern ein pfeifendes Geräusch erklang. Der Historiker beschreibt den Eindruck so lebendig, dass man die Bewegung dieser Feldzeichen beinahe vor Augen hat. Für Braun ist dies einer der überzeugendsten Belege dafür, welch große Bedeutung die Drachen im spätrömischen Heer besaßen.

Neben Adler und Drache erwähnt Vegetius weitere Feldzeichen wie vexilla, kleine Fähnchen (flammulae) sowie verschiedene Helm- und Federzeichen. Braun widmet diesen Begriffen lange sprachwissenschaftliche Untersuchungen. Er versucht nachzuweisen, dass manche militärischen Ausdrücke sogar germanische oder skythische Wurzeln besitzen könnten. Auch wenn einzelne dieser sprachlichen Deutungen heute nicht mehr allgemein anerkannt werden, zeigen sie eindrucksvoll, mit welcher Sorgfalt sich der Verfasser jeder Einzelheit widmete.

All diese Überlegungen führen schließlich wieder zu dem eigentlichen Anlass seiner Untersuchung zurück: dem Leoparden von Wüstenrode.

Gerade weil Adler, Drachen und andere Tierstandarten bereits aus den Schriftquellen bekannt waren, besitzt der bronzene Leopard für Braun einen außergewöhnlichen Wert. Er liefert einen seltenen archäologischen Beleg dafür, dass auch weniger bekannte Tierdarstellungen tatsächlich als Kohortenzeichen verwendet wurden. Vermutlich befand sich die Figur einst auf einer langen Stange und wurde vor einer Kohorte hergetragen. Welche Einheit sie führte, lässt sich heute zwar nicht mehr sicher feststellen. Doch allein ihre Existenz erweitert unser Bild vom Erscheinungsbild römischer Truppen erheblich.

Braun war sich bewusst, dass viele Fragen unbeantwortet bleiben mussten. Gerade deshalb fordert er am Ende seiner Einleitung weitere archäologische Untersuchungen. Vielleicht, so hofft er, könne irgendwann ein unscheinbarer Ziegelstempel, ein weiteres Bronzefragment oder eine neue Inschrift entscheidende Hinweise liefern. Tatsächlich sollte sich diese Hoffnung bewahrheiten. Seit dem 19. Jahrhundert sind zahlreiche weitere Feldzeichen und militärische Ausrüstungsstücke entdeckt worden, die unser Wissen über die Symbolwelt der römischen Armee erheblich erweitert haben.

Dennoch besitzt Brauns Schrift bis heute ihren besonderen Reiz. Sie zeigt, dass Feldzeichen weit mehr waren als bloße militärische Kennzeichen. Sie verbanden Religion, Tradition, Disziplin und den Stolz einer Einheit miteinander. Unter ihnen schworen die Soldaten ihren Eid, unter ihnen marschierten sie in den Krieg und für sie waren viele bereit zu sterben. Der Leopard von Wüstenrode erinnert deshalb nicht nur an eine einzelne Kohorte, sondern an eine gesamte Gedankenwelt, in der Tiere zu Symbolen göttlichen Schutzes wurden und bronzene Standarten den Zusammenhalt einer der erfolgreichsten Armeen der Weltgeschichte verkörperten.


Quelle: Johann Wilhelm Joseph Braun: "Der Wüstenroder Leopard, ein römisches Cohortenzeichen: Fest-Programm zu Winckelmann's Geburtstage am 9. December 1857". Bonn, 1857.