Wie entstanden die Mythen? Friedrich L. W. Schwartz und die vergessene Welt des heidnischen Volksglaubens

Woher stammen eigentlich die alten Mythen der Griechen und Germanen? Sind sie das Werk fantasievoller Dichter, die ihre Götter und Helden frei erfanden? Oder verbergen sich hinter ihnen verschlüsselte Erinnerungen an historische Ereignisse? Diese Fragen beschäftigten bereits im 19. Jahrhundert zahlreiche Gelehrte. Einer von ihnen war der Berliner Oberlehrer Friedrich Ludwig Wilhelm Schwartz, der 1860 mit seinem Werk *Der Ursprung der Mythologie* einen damals neuartigen Erklärungsansatz vorlegte. Seine Grundidee war ebenso einfach wie faszinierend: Die Mythologie entstand nicht in den Schreibstuben der Dichter, sondern unmittelbar aus der Naturbeobachtung der frühen Menschen.

Schwartz beginnt seine Untersuchung mit einer Beobachtung, die auch heute noch nachvollziehbar erscheint. Wer auf dem Land lebt, erlebt die Natur anders als der Stadtbewohner. Der Wechsel der Jahreszeiten, Nebel, Gewitter, Sturm oder ein ungewöhnlich roter Sonnenaufgang sind keine bloßen Wettererscheinungen, sondern bestimmen den Alltag. Gerade in früheren Jahrhunderten, als wissenschaftliche Erklärungen fehlten, mussten die Menschen diesen Erscheinungen einen Sinn geben. Aus dieser Suche nach Erklärungen entstand nach Schwartz Schritt für Schritt jene Welt der Sagen und Götter, die uns heute aus der Antike und dem Mittelalter überliefert ist.

Um seine Theorie zu untermauern, bereiste Schwartz gemeinsam mit dem Sprachforscher Adalbert Kuhn zahlreiche Gegenden Norddeutschlands. Beide sammelten Sagen, Volksmärchen, Bräuche und Aberglauben direkt bei der Landbevölkerung. Dabei fiel ihnen auf, dass viele Erzählungen trotz großer Entfernungen erstaunlich ähnlich waren. Fast überall berichteten die Menschen vom Wilden Jäger, von weißen Frauen, Zwergen, Riesen, Hexen oder Irrlichtern. Zwar unterschieden sich einzelne Namen oder Schauplätze, doch die eigentlichen Erzählmuster blieben nahezu unverändert. Für Schwartz war dies kein Zufall. Vielmehr erkannte er darin die letzten Überreste eines uralten Glaubens, der einst das gesamte germanische Europa geprägt hatte.

Besonders faszinierte ihn die Art und Weise, wie einfache Menschen ihre Umwelt deuteten. Ein feuerroter Himmel bei Sonnenaufgang wurde nicht als Ergebnis atmosphärischer Lichtbrechung verstanden. Vielmehr erzählte man sich, „der heilige Christ backe Honigkuchen“. Kleine weiße Schäfchenwolken galten als himmlische Schafherden, während dunkle Gewitterwolken wie riesige Gestalten erschienen, die langsam über den Himmel zogen. Rollte der Donner über das Land, hieß es, Petrus fahre mit seinem Wagen oder schiebe Kegel über das Himmelsgewölbe. Solche Vorstellungen mögen heute naiv wirken. Für Schwartz waren sie jedoch von unschätzbarem Wert, weil sie zeigten, wie der Mensch begann, die Natur in Bilder zu übersetzen. Gerade aus solchen bildhaften Deutungen entwickelte sich nach seiner Auffassung die gesamte Mythologie.

Damit widersprach Schwartz einer damals weit verbreiteten Ansicht. Viele Gelehrte glaubten, die Götter seien ursprünglich historische Könige oder Helden gewesen, die später vergöttlicht wurden. Andere sahen in den Mythen philosophische Allegorien oder bewusste Dichtungen. Schwartz dagegen betrachtete die Mythen als unmittelbaren Ausdruck menschlicher Naturerfahrung. Wenn der Sturm über die Wälder raste, hörten die Menschen nicht bloß den Wind. Sie glaubten, ein gewaltiger Jäger ziehe mit seinem Gefolge durch die Nacht. Wenn Blitze den Himmel durchzuckten, erschienen sie als flammende Speere oder riesige Schlangen. Donner wurde zum Rollen göttlicher Wagen, Wolken verwandelten sich in Drachen, Pferde oder gewaltige Riesen.

Gerade das Gewitter nimmt deshalb in seiner Theorie eine Schlüsselstellung ein. Kein anderes Naturereignis vereint so viele beeindruckende Erscheinungen zugleich. Dunkle Wolken verändern fortwährend ihre Gestalt, grelle Blitze zerreißen den Himmel, Donner erschüttert die Erde, Regen setzt plötzlich ein und der Regenbogen spannt sich wie eine leuchtende Brücke über die Landschaft. Für die Menschen der Vorzeit musste dies wie ein gewaltiger Kampf himmlischer Mächte erscheinen. Daraus entwickelten sich nach Schwartz zahlreiche Götter- und Heldensagen.

Der Wilde Jäger bildet für ihn eines der eindrucksvollsten Beispiele. In zahllosen deutschen Landschaften erzählt man von einem geisterhaften Reiter oder Jäger, der während stürmischer Nächte mit lautem Getöse durch die Lüfte zieht. Schwartz deutet diese Sage als unmittelbare Personifikation des Gewitters. Das Heulen des Windes wurde zum Jagdruf, das Donnerrollen zum Klang eines heranrasenden Wagens und die Blitze zu den Waffen des Himmelsjägers. Selbst einzelne Details der Sage erhalten dadurch eine neue Bedeutung. Wenn der Wilde Jäger seine Keule schleudert oder einen Wanderer mit lautem Ruf erschreckt, erkennt Schwartz darin nichts anderes als den Blitz und den unmittelbar folgenden Donner.

Nach demselben Prinzip erklärt er auch zahlreiche andere Sagengestalten. Weiße Frauen erscheinen ihm als Wolkengebilde, die im Mondlicht über Tälern und Bergen schweben. Riesen verkörpern gewaltige Gewitterwolken, während Zwerge kleinere Wolkenformationen oder Nebelschwaden darstellen. Drachen entstehen aus den gezackten Formen der Blitze oder den bedrohlichen Gewitterwolken, die wie schuppige Ungeheuer den Himmel verdunkeln. Selbst Kobolde und Irrlichter führt er letztlich auf Naturerscheinungen zurück, die von den Menschen mit Leben erfüllt wurden.

Dabei betont Schwartz immer wieder, dass Sprache und Glaube untrennbar miteinander verbunden seien. Sobald der Mensch eine Naturerscheinung mit einem anschaulichen Bild beschreibt, beginne dieses Bild ein Eigenleben zu entwickeln. Aus einer Wolke wird zunächst ein Tier, später ein handelndes Wesen und schließlich ein Gott oder Dämon. Mythologie entsteht somit nicht plötzlich, sondern wächst langsam aus der Sprache und der Vorstellungskraft einer Gemeinschaft heraus.

Besonders bemerkenswert ist, dass Schwartz diese Entwicklung keineswegs auf Deutschland beschränkt. Er erkennt dieselben Grundmuster auch in der griechischen Mythologie. Zeus, Apollo oder Athena seien keine völlig anderen Gestalten als Wodan oder andere germanische Gottheiten. Vielmehr seien sie unterschiedliche Ausprägungen derselben uralten Naturdeutung. Die indogermanischen Völker hätten ähnliche Erfahrungen mit Gewitter, Sturm und Himmel gemacht und daraus vergleichbare religiöse Vorstellungen entwickelt. Die Unterschiede lägen hauptsächlich in der späteren Ausgestaltung, nicht aber im eigentlichen Ursprung.

Daraus entwickelt Schwartz den Begriff einer „niederen Mythologie“. Gemeint ist damit die älteste Schicht des Volksglaubens, in der noch keine eigentlichen Götter existieren. Stattdessen bevölkern Naturgeister, Wolkentiere, Sturmwesen und andere übernatürliche Gestalten den Himmel. Erst im Laufe vieler Generationen entstehen daraus persönliche Gottheiten mit festen Namen, Eigenschaften und Aufgaben. Wodan, Zeus oder Apollo bilden nach seiner Auffassung also nicht den Anfang der Mythologie, sondern ihren Höhepunkt.

Dieser Gedanke eröffnet zugleich einen völlig neuen Blick auf die Geschichte der Religion. Für Schwartz beginnt Religion nicht mit Tempeln oder Priestern, sondern mit dem Staunen des Menschen über die Natur. Gewitter, Nebel, Blitz und Regen wurden als lebendige Mächte verstanden, mit denen man sich auseinandersetzen musste. Erst allmählich entstanden daraus feste Glaubensvorstellungen, Rituale und schließlich die großen Religionen der Antike.

Gerade deshalb misst Schwartz den Volksüberlieferungen eine außergewöhnliche Bedeutung bei. Märchen, Sagen und Bräuche seien keine belanglosen Geschichten, sondern lebendige Fossilien des menschlichen Denkens. Selbst einfache Redensarten könnten uralte Weltbilder bewahren. Wer diese sorgfältig vergleicht und ihre Gemeinsamkeiten erkennt, könne die Entstehung der Mythologie Schritt für Schritt nachvollziehen.

Heute gelten viele Einzeldeutungen von Schwartz als überholt. Die moderne Religionswissenschaft, Archäologie und Sprachwissenschaft erklären die Entstehung der Mythen wesentlich differenzierter und stützen sich auf eine deutlich breitere Quellenlage. Dennoch besitzt sein Werk bis heute einen bemerkenswerten wissenschaftsgeschichtlichen Wert. Es war einer der ersten ernsthaften Versuche, die Mythologie nicht als bloße Sammlung schöner Geschichten zu betrachten, sondern ihre Entstehung systematisch aus dem Denken und Erleben früher Menschen zu erklären.

Gerade darin liegt auch heute noch der Reiz seiner Überlegungen. Sie erinnern daran, dass Mythen weit mehr sind als fantastische Erzählungen. Sie spiegeln den Versuch unserer Vorfahren wider, eine Welt zu verstehen, die voller Rätsel, Gefahren und Wunder war. Lange bevor Naturwissenschaften Blitz, Donner oder Regen erklären konnten, suchten Menschen nach Bildern, die ihnen diese gewaltigen Erscheinungen verständlich machten. Aus den brausenden Stürmen wurden göttliche Reiter, aus den Blitzen feuerspeiende Drachen und aus den Wolken lebendige Wesen. So entstand über Jahrhunderte hinweg jene faszinierende Welt der Götter und Helden, deren Geschichten bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.


Quelle: F. L. W Schwartz: Der Ursprung der Mythologie dargelegt an griechischer und deutscher sage von Dr. F. L. W. Schwartz, Oberlehrer am Hiesigen Friedr. Werderschen Gymnasium. Berlin, 1860.