Wenn heute von den „bekanntesten Hexen des Mittelalters“ gesprochen wird, entsteht oft ein Bild, das aus Legenden, literarischen Überhöhungen und späteren Projektionen besteht. Viele der Namen,
die in diesem Zusammenhang auftauchen, waren in ihrer Zeit keine Hexen im modernen oder volkstümlichen Sinne, sondern Menschen, die in politische Intrigen, religiöse Konflikte oder soziale
Spannungen gerieten. Manche wurden Opfer von Machtkämpfen, andere von Aberglauben, wieder andere von gezielten Kampagnen. Die Geschichten dieser Frauen – und einiger Männer – sind nicht nur
tragische Einzelschicksale, sondern auch Spiegel ihrer Zeit. Sie zeigen, wie unterschiedlich die Vorstellungen von Magie, Schuld und Bedrohung waren und wie leicht ein Gerücht zu einem
Todesurteil werden konnte.
Eine der bekanntesten Figuren, die oft mit Hexerei in Verbindung gebracht wird, ist Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans. Obwohl sie historisch gesehen keine Hexe war und auch nicht wegen
Hexerei hingerichtet wurde, spielte der Vorwurf der Zauberei in ihrem Prozess eine wichtige Rolle. Jeanne wurde 1412 geboren und führte im Hundertjährigen Krieg französische Truppen gegen die
Engländer. Ihre Visionen, die sie als göttliche Eingebungen deutete, machten sie zu einer außergewöhnlichen Figur. Doch genau diese Visionen wurden später gegen sie verwendet. Als sie 1431 in
Rouen vor ein englisch dominiertes Gericht gestellt wurde, warf man ihr unter anderem vor, sie habe mit dem Teufel gesprochen. Ihre Männerkleidung, die sie aus praktischen Gründen trug, wurde
ebenfalls als Zeichen dämonischer Beeinflussung gedeutet. Der Prozess war politisch motiviert, doch die Sprache der Anklage bediente sich der damals gängigen Vorstellungen von Magie und
Teufelspakt. Jeanne wurde schließlich als Ketzerin verbrannt. Erst 1456 wurde der Prozess annulliert, und 1920 wurde sie heiliggesprochen. Ihr Fall zeigt, wie eng religiöse, politische und
magische Vorstellungen miteinander verwoben waren.
Eine andere berühmte Frau, die oft als „Hexe“ bezeichnet wird, ist Alice Kyteler aus Irland. Ihr Fall gehört zu den frühesten gut dokumentierten Hexenprozessen Europas. Alice lebte im frühen 14.
Jahrhundert in Kilkenny und war eine wohlhabende Frau, die viermal verheiratet war. Als ihr vierter Ehemann 1324 unter mysteriösen Umständen starb, beschuldigten seine Kinder aus früherer Ehe
Alice der Hexerei. Sie behaupteten, sie habe ihren Mann vergiftet und mit Dämonen verkehrt. Der Bischof von Ossory, Richard de Ledrede, griff den Fall auf und machte daraus einen der ersten
großen Hexereiprozesse. Alice wurde beschuldigt, Zaubertränke hergestellt, Dämonen beschworen und einen Teufel namens „Robin Artisson“ als Liebhaber gehabt zu haben. Die Anklage war eine Mischung
aus persönlichen Feindschaften, Erbstreitigkeiten und kirchlicher Machtpolitik. Alice selbst entkam der Verurteilung, indem sie nach England floh. Ihre Dienerin Petronilla de Meath jedoch wurde
gefoltert und schließlich verbrannt – die erste dokumentierte Hexenverbrennung Irlands. Der Fall zeigt, wie früh der Vorwurf der Hexerei als Mittel genutzt wurde, um soziale und wirtschaftliche
Konflikte auszutragen.
Auch in Deutschland gibt es Namen, die bis heute bekannt sind. Einer der berühmtesten Fälle ist der der sogenannten „Hexe von Würzburg“, Margaretha Gussbacherin, die 1629 während der Würzburger
Hexenverfolgungen hingerichtet wurde. Diese Verfolgungen gehören zu den größten und brutalsten Europas. Zwischen 1626 und 1631 wurden in Würzburg und Umgebung mehrere hundert Menschen
hingerichtet, darunter Kinder, Geistliche und Mitglieder der städtischen Elite. Margaretha Gussbacherin war eine einfache Frau, die unter Folter gestand, am Hexensabbat teilgenommen zu haben. Ihr
Fall ist exemplarisch für die Dynamik dieser Verfolgungswelle: Gerüchte, Folter und erzwungene Geständnisse führten zu immer neuen Anklagen. Die Würzburger Prozesse zeigen, wie eine ganze Region
in einen Strudel aus Angst und Gewalt geraten konnte.
Eine andere bekannte Figur ist die „Hexe von Bamberg“, Katharina Merckhlerin, die 1627 hingerichtet wurde. Die Bambergischen Hexenverfolgungen, die zeitgleich mit den Würzburger Prozessen
stattfanden, forderten ebenfalls hunderte Opfer. Katharina war die Frau eines wohlhabenden Bürgers und wurde beschuldigt, Unwetter herbeigeführt und Menschen verhext zu haben. Unter Folter
gestand sie alles, was man ihr vorwarf. Ihr Fall zeigt, dass nicht nur arme oder sozial marginalisierte Menschen betroffen waren. In Bamberg traf es auch Bürgermeister, Ratsherren und andere
angesehene Bürger. Die Prozesse wurden erst beendet, als der schwedische König Gustav II. Adolf im Dreißigjährigen Krieg in die Region vorrückte und die politische Lage sich veränderte.
Eine der bekanntesten Frauen, die im Zusammenhang mit Hexerei genannt wird, ist die Waliserin Gwenllian ferch Rhys, die im 12. Jahrhundert lebte. Sie war eine Adlige, die sich gegen die
normannische Herrschaft auflehnte. Obwohl sie nicht offiziell als Hexe verurteilt wurde, wurde ihr in späteren Chroniken magische Macht zugeschrieben. Diese Zuschreibungen dienten dazu, ihre
Rolle als militärische Anführerin zu dämonisieren. Der Fall zeigt, wie Frauen, die politische oder militärische Macht ausübten, leicht in die Nähe von Magie gerückt wurden.
Auch in Skandinavien gibt es bekannte Fälle. Einer der berühmtesten ist der der norwegischen Frau Anne Pedersdotter, die 1590 in Bergen hingerichtet wurde. Anne war die Witwe eines angesehenen
lutherischen Theologen. Nach dem Tod ihres Mannes geriet sie in Konflikte mit der städtischen Elite. Man beschuldigte sie, Krankheiten verursacht und Menschen verhext zu haben. Ihr Prozess war
geprägt von persönlichen Feindschaften und sozialen Spannungen. Anne wurde schließlich verbrannt. Ihr Fall ist in Norwegen bis heute bekannt und wurde mehrfach literarisch verarbeitet.
In England ist Agnes Sampson eine der bekanntesten Frauen, die der Hexerei beschuldigt wurden. Sie war eine Heilerin aus Schottland und wurde 1590 im Rahmen der sogenannten
North-Berwick-Hexenprozesse angeklagt. Diese Prozesse standen in engem Zusammenhang mit den Ängsten des schottischen Königs Jakob VI., der später als James I. König von England wurde. Jakob war
überzeugt, dass Hexen versucht hätten, ihn zu töten, indem sie einen Sturm heraufbeschworen, der sein Schiff auf der Rückreise aus Dänemark bedrohte. Agnes Sampson wurde gefoltert und gestand
schließlich, am Hexensabbat teilgenommen und magische Rituale durchgeführt zu haben. Ihr Fall zeigt, wie politische Ängste und persönliche Überzeugungen eines Herrschers zu massiven Verfolgungen
führen konnten.
Eine weitere bekannte Figur ist die Engländerin Eleanor Cobham, Herzogin von Gloucester. Sie wurde 1441 beschuldigt, Magie angewandt zu haben, um ihrem Mann, Humphrey, Duke of Gloucester, zur
Macht zu verhelfen. Eleanor wurde nicht als Hexe verbrannt, aber sie wurde der Zauberei und Wahrsagerei schuldig gesprochen und lebenslang eingesperrt. Ihr Fall zeigt, wie eng Magievorwürfe mit
politischen Intrigen verbunden sein konnten. Eleanor war eine einflussreiche Frau am Hof Heinrichs VI., und ihre Gegner nutzten den Vorwurf der Magie, um sie auszuschalten.
Auch in Frankreich gibt es berühmte Fälle. Die sogenannte „Hexe von Paris“, Catherine Deshayes, besser bekannt als La Voisin, wurde 1680 hingerichtet. Ihr Fall gehört zur sogenannten „Affäre der
Gifte“, einem Skandal, der den Hof Ludwigs XIV. erschütterte. La Voisin war eine Wahrsagerin und Heilerin, die angeblich Giftmorde organisierte und schwarze Messen abhielt. Obwohl ihr Fall in die
späte Phase der Hexenverfolgungen fällt und stark von Hofintrigen geprägt war, zeigt er, wie der Vorwurf der Hexerei auch in der frühen Neuzeit noch genutzt wurde, um moralische Panik zu
erzeugen.
Eine der bekanntesten deutschen Frauen, die als Hexe galt, ist die sogenannte „Hexe von Rothenburg“, Dorothea Flock. Ihr Fall aus dem Jahr 1630 ist besonders tragisch. Dorothea war schwanger, als
sie verhaftet wurde. Ihr Mann versuchte verzweifelt, ihre Freilassung zu erwirken, und wandte sich sogar an den Kaiser. Doch die lokalen Behörden ignorierten die kaiserlichen Befehle und ließen
Dorothea hinrichten. Ihr Fall zeigt, wie sehr lokale Machtstrukturen und persönliche Feindschaften die Prozesse bestimmten.
Auch Männer wurden beschuldigt. Einer der bekanntesten ist der englische „Hexenfinder“ Matthew Hopkins, der selbst nicht als Hexer angeklagt wurde, aber im 17. Jahrhundert zahlreiche Menschen
beschuldigte. Hopkins war kein offizieller Beamter, doch er nutzte die Ängste der Bevölkerung und die Unsicherheiten des englischen Bürgerkriegs, um sich als Experte für Hexerei zu präsentieren.
Zwischen 1644 und 1647 war er an der Hinrichtung von über hundert Menschen beteiligt. Sein Name steht heute für die Dynamik der Verfolgungen, auch wenn er selbst nicht Opfer, sondern Täter
war.
Ein weiterer bekannter Mann, der der Hexerei beschuldigt wurde, ist der schottische Heiler John Fian, der 1590 im Rahmen der North-Berwick-Prozesse hingerichtet wurde. Fian war Lehrer und wurde
beschuldigt, ein Hexenmeister zu sein. Unter Folter gestand er, am Sabbat teilgenommen zu haben. Sein Fall zeigt, dass Männer ebenfalls Opfer der Verfolgungen wurden, besonders in Regionen, in
denen Magie als männliche Praxis galt.
In der Schweiz ist der Fall der Anna Göldi besonders bekannt. Sie wurde 1782 im Kanton Glarus hingerichtet und gilt als eine der letzten „Hexen“ Europas. Obwohl ihr Fall streng genommen nicht
mehr ins Mittelalter fällt, zeigt er, wie lange sich magische Vorstellungen halten konnten. Anna wurde beschuldigt, ein Kind verhext zu haben. Der Prozess war stark von sozialen Spannungen
geprägt, und Anna wurde erst 2008 offiziell rehabilitiert. Ihr Fall ist ein Beispiel dafür, wie Hexereivorwürfe noch im Zeitalter der Aufklärung genutzt wurden, um unliebsame Personen
auszuschalten.
Auch in Osteuropa gibt es bekannte Fälle. In Polen ist der Fall der Dorota Łazarska aus dem 15. Jahrhundert dokumentiert, die beschuldigt wurde, Unwetter herbeigeführt zu haben. In Ungarn ist der
Fall der Erzsébet Báthory berühmt, die allerdings nicht als Hexe, sondern als Serienmörderin dargestellt wurde. Viele der Geschichten über sie sind späteren Legenden entsprungen, doch sie zeigen,
wie eng Vorstellungen von weiblicher Macht, Grausamkeit und Magie miteinander verknüpft wurden.
In Italien ist der Fall der Matteuccia di Francesco aus Todi bekannt, die 1428 als Hexe verurteilt wurde. Sie war eine Heilerin, die Kräuter verwendete und angeblich Liebestränke herstellte. Ihr
Prozess ist einer der frühesten, in denen der Hexenflug erwähnt wird. Matteuccia gestand unter Folter, auf einem Tier geritten und nachts durch die Luft geflogen zu sein. Ihr Fall zeigt, wie sich
bestimmte Vorstellungen – etwa der nächtliche Flug – im 15. Jahrhundert zu verbreiten begannen.
Auch in Spanien gibt es bekannte Fälle, obwohl die spanische Inquisition insgesamt weniger Hexenprozesse führte als oft angenommen. Der Fall der Frauen von Zugarramurdi im Baskenland ist
besonders bekannt. 1610 wurden mehrere Frauen beschuldigt, an Hexensabbaten teilgenommen zu haben. Die Inquisition führte eine große Untersuchung durch, die jedoch zu dem Ergebnis kam, dass viele
der Vorwürfe auf Aberglauben beruhten. Dennoch wurden einige Frauen hingerichtet. Der Fall zeigt, wie unterschiedlich die Reaktionen auf Hexereivorwürfe sein konnten.
In den Niederlanden ist der Fall der Marigje Arriens bekannt, die 1591 hingerichtet wurde. Sie war eine Heilerin, die beschuldigt wurde, Krankheiten verursacht zu haben. Ihr Fall zeigt, wie
gefährlich es sein konnte, medizinisches Wissen zu besitzen, das von der Bevölkerung nicht verstanden wurde.
Auch in Belgien gibt es bekannte Fälle, etwa den der Tanneken Sconyncx, die 1603 in Flandern hingerichtet wurde. Sie war eine Heilerin, die Kräuter verwendete und angeblich Zaubertränke
herstellte. Ihr Fall zeigt, wie eng Volksmedizin und Hexereivorwürfe miteinander verknüpft waren.
In Luxemburg ist der Fall der Catherine de la Voie bekannt, die 1627 hingerichtet wurde. Sie wurde beschuldigt, Unwetter herbeigeführt und Menschen verhext zu haben. Ihr Fall zeigt, wie sehr
Naturkatastrophen als Zeichen magischer Einwirkung gedeutet wurden.
Auch in Böhmen gibt es bekannte Fälle, etwa den der Katharina Pappenheimer, die 1531 hingerichtet wurde. Sie war eine Zigeunerin, wie man damals sagte, und wurde beschuldigt, Magie angewandt zu
haben. Ihr Fall zeigt, wie ethnische Minderheiten besonders gefährdet waren.
In Österreich ist der Fall der Helena Scheuberin bekannt, die 1485 in Innsbruck angeklagt wurde. Ihr Prozess ist besonders interessant, weil er von Heinrich Kramer geführt wurde, einem der
Autoren des Malleus Maleficarum. Helena widersetzte sich Kramer offen und beschuldigte ihn, ein Lügner zu sein. Der Prozess endete ohne Verurteilung, und Kramer verließ Innsbruck gedemütigt. Der
Fall zeigt, dass nicht alle Anklagen erfolgreich waren und dass manche Frauen sich mutig gegen ihre Ankläger wehrten.
Diese Vielzahl von Fällen zeigt, wie unterschiedlich die Menschen waren, die der Hexerei beschuldigt wurden. Manche waren Heilerinnen, manche Adlige, manche einfache Bäuerinnen, manche Männer,
manche Kinder. Ihre Geschichten sind geprägt von Angst, Macht, Aberglauben und sozialen Spannungen. Sie zeigen, wie leicht ein Mensch in den Verdacht geraten konnte, übernatürliche Kräfte zu
besitzen, und wie schwer es war, sich gegen solche Vorwürfe zu verteidigen.
© Bild und Texte: Carsten Rau.
