· 

Mythen über die Hexen des Mittelalters

Wenn heute von „Hexen des Mittelalters“ gesprochen wird, entsteht in vielen Köpfen ein Bild, das aus düsteren Märchen, romantisierten Fantasywelten und populären Missverständnissen zusammengesetzt ist. Frauen mit spitzen Hüten, Besen, schwarzen Katzen und geheimen Zauberbüchern, die nachts durch die Lüfte reiten und mit dem Teufel paktieren – all das gehört zu einem kulturellen Erbe, das mit der historischen Realität nur wenig zu tun hat. Die tatsächliche Geschichte der sogenannten Hexen ist komplexer, widersprüchlicher und oft tragischer, als es die gängigen Vorstellungen vermuten lassen. Und sie beginnt nicht dort, wo viele sie verorten würden.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, die große Zeit der Hexenverfolgungen habe im „finsteren Mittelalter“ stattgefunden. Tatsächlich erreichte die Hexenjagd ihren Höhepunkt erst in der frühen Neuzeit, also zwischen dem späten 15. und dem 17. Jahrhundert. Die meisten Prozesse fanden zwischen etwa 1560 und 1650 statt, also zu einer Zeit, in der Europa bereits Renaissance, Reformation und wissenschaftliche Umbrüche erlebte. Das Mittelalter selbst – grob zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert – kannte zwar Vorstellungen von Magie, Zauberei und Schadenszauber, aber die systematische, massenhafte Verfolgung, wie sie später stattfand, war damals noch nicht ausgeprägt. In vielen Regionen Europas wurden magische Praktiken im Mittelalter eher als Aberglaube oder harmlose Volksbräuche betrachtet, nicht als teuflische Bedrohung.

Ein weiterer Mythos betrifft die Zahl der Opfer. Oft kursieren Behauptungen, es seien „Millionen“ Menschen als Hexen verbrannt worden. Historische Forschung, die seit Jahrzehnten Archivmaterial auswertet, kommt jedoch zu deutlich niedrigeren, aber immer noch erschütternden Zahlen. Schätzungen gehen heute von etwa 40.000 bis 60.000 hingerichteten Menschen aus, wobei die Gesamtzahl der Angeklagten höher lag. Diese Zahlen variieren je nach Region, Zeitraum und Quellenlage, doch sie liegen weit entfernt von den übertriebenen Angaben, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitet wurden. Die Opferzahlen waren regional extrem unterschiedlich: In manchen Gegenden gab es kaum Prozesse, in anderen – etwa in Teilen des Heiligen Römischen Reiches, der Schweiz oder im Elsass – kam es zu massiven Wellen von Verfolgungen.

Auch die Vorstellung, dass ausschließlich Frauen betroffen waren, ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Zwar waren Frauen in vielen Regionen überproportional betroffen, oft zu etwa 75 bis 80 Prozent, doch es gab auch zahlreiche männliche Opfer. In Island beispielsweise waren rund 90 Prozent der Angeklagten Männer, und auch in Finnland, Estland oder Teilen Frankreichs waren Männer häufiger betroffen als Frauen. Die Geschlechterverteilung hing stark von lokalen Vorstellungen ab: In Gebieten, in denen Magie traditionell als männliche Praxis galt, wurden eher Männer verfolgt. In Regionen, in denen man Frauen als besonders anfällig für Versuchungen des Teufels ansah, traf es überwiegend sie. Die pauschale Vorstellung einer rein weiblichen Opfergruppe ist daher historisch unzutreffend.

Ein weiterer verbreiteter Mythos ist die Annahme, dass die Kirche – insbesondere die katholische Kirche – allein für die Hexenverfolgungen verantwortlich gewesen sei. Die Realität ist komplizierter. Zwar spielten kirchliche Institutionen eine Rolle, vor allem durch die Entwicklung theologischer Vorstellungen über den Teufelspakt und die Dämonologie. Doch viele der heftigsten Verfolgungswellen wurden von weltlichen Gerichten durchgeführt, nicht von kirchlichen. In vielen Regionen war die weltliche Obrigkeit sogar treibende Kraft, weil sie sich von Hexenprozessen politische Stabilität, soziale Kontrolle oder die Demonstration von Macht versprach. Es gab auch kirchliche Stimmen, die vor übertriebenem Eifer warnten. Der berühmte „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum), 1486 veröffentlicht, wurde zwar von zwei Dominikanern verfasst, aber er war keineswegs ein offizielles Dokument der Kirche. Tatsächlich wurde er von einigen kirchlichen Autoritäten kritisiert und nie als verbindliches Werk anerkannt. Dennoch verbreitete er sich weit und prägte das Denken vieler weltlicher Richter.

Der Malleus Maleficarum selbst ist ein gutes Beispiel dafür, wie Mythen entstehen. Das Werk behauptete, Hexen könnten fliegen, Wetter beeinflussen, Männer impotent machen oder Kinder töten – Vorstellungen, die zuvor in dieser systematischen Form kaum existierten. Es verband ältere Volksglauben mit einer neuen, radikalisierten Dämonologie. Die Autoren Heinrich Kramer und Jakob Sprenger konstruierten ein Weltbild, in dem Hexen als organisierte, teuflische Bedrohung dargestellt wurden. Diese Vorstellung war neu. Im Mittelalter hatte man Magie eher als individuelle Handlung gesehen, nicht als Teil einer großen Verschwörung. Erst die frühe Neuzeit entwickelte die Idee eines „Hexensektentums“, das angeblich in nächtlichen Sabbaten zusammenkam. Diese Sabbate – oft mit sexuellen Ausschweifungen, Tieropfern oder Teufelsanbetung beschrieben – waren Fantasieprodukte der Ankläger, nicht historische Realität.

Ein weiterer Mythos betrifft die Folter. Viele Menschen glauben, Folter sei ein rein mittelalterliches Phänomen gewesen, doch die systematische Anwendung von Folter in Hexenprozessen war vor allem ein Produkt der frühen Neuzeit. Die Folter wurde eingesetzt, um Geständnisse zu erzwingen, und sie führte häufig zu absurden Aussagen, die wiederum neue Prozesse auslösten. Unter Folter gestanden Angeklagte oft alles, was die Richter hören wollten – vom Flug auf dem Besen bis zum Geschlechtsverkehr mit dem Teufel. Diese Geständnisse wurden dann als „Beweise“ für die Existenz von Hexen angesehen. Die Folterpraxis war ein Teufelskreis: Je mehr Geständnisse erzwungen wurden, desto mehr glaubte man an die Realität der Hexerei.

Auch die Vorstellung, Hexen hätten tatsächlich Zauberbücher besessen oder geheime Rituale praktiziert, ist historisch kaum haltbar. Die meisten Angeklagten waren einfache Menschen: Bäuerinnen, Hebammen, Tagelöhner, Handwerker. Viele konnten nicht lesen. Die Idee, sie hätten über magische Schriften verfügt, stammt eher aus der Fantasie der Ankläger oder aus späteren literarischen Darstellungen. Zwar gab es in Europa magische Traditionen, etwa die sogenannte „Brauchkunst“ oder volkstümliche Heilpraktiken, aber diese hatten wenig mit den dämonologischen Vorstellungen der Hexenjäger zu tun. Viele der Praktiken, die später als „Hexerei“ galten, waren ursprünglich harmlose Formen der Volksmedizin oder religiöse Rituale, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatten.

Ein weiterer Mythos ist die Annahme, Hexen seien grundsätzlich Außenseiterinnen gewesen – einsame, alte Frauen, die am Rand der Gesellschaft lebten. Zwar wurden ältere Frauen tatsächlich oft verdächtigt, vor allem wenn sie verwitwet oder arm waren, doch die Realität war vielfältiger. Viele Angeklagte waren gut in ihre Dorfgemeinschaft integriert. Manche hatten Familien, manche waren angesehen, manche waren sogar wohlhabend. Hexenprozesse entstanden häufig aus sozialen Konflikten: Nachbarschaftsstreitigkeiten, Erbschaftsfragen, wirtschaftliche Spannungen oder persönliche Feindschaften konnten Auslöser sein. Wenn jemand krank wurde, Vieh starb oder ein Unwetter die Ernte zerstörte, suchte man nach Schuldigen. In einer Zeit ohne moderne Naturwissenschaft war es naheliegend, übernatürliche Erklärungen zu suchen. Hexerei bot eine einfache Antwort auf komplexe Probleme.

Ein besonders hartnäckiger Mythos betrifft die Rolle der Hebammen. Oft wird behauptet, Hebammen seien gezielt verfolgt worden, weil die Kirche ihre medizinische Kompetenz fürchtete oder die Kontrolle über Geburten übernehmen wollte. Historische Untersuchungen zeigen jedoch, dass Hebammen nicht überdurchschnittlich häufig Opfer von Hexenprozessen waren. Zwar gab es Fälle, in denen Hebammen angeklagt wurden, aber sie waren nicht die Hauptzielgruppe. Die Vorstellung einer gezielten Verfolgung entstand erst im 20. Jahrhundert, als feministische Interpretationen die Hexenverfolgungen als Krieg gegen Frauen deuteten. Diese Perspektive hat wichtige Impulse gegeben, aber sie entspricht nicht in allen Punkten der historischen Quellenlage.

Ein weiterer Mythos ist die Idee, Hexen hätten tatsächlich an Zaubertränke, Flugsalben oder magische Rituale geglaubt. Die meisten Angeklagten bestritten vehement, irgendetwas mit Magie zu tun zu haben. Viele verstanden die Vorwürfe nicht einmal. Die Beschreibungen von Flugsalben oder nächtlichen Reisen stammen oft aus den Fantasien der Inquisitoren oder aus unter Folter erzwungenen Aussagen. Es gibt zwar Hinweise darauf, dass bestimmte Pflanzen – etwa Bilsenkraut, Tollkirsche oder Stechapfel – in der Volksmedizin verwendet wurden und halluzinogene Wirkungen haben können. Doch die Verbindung dieser Pflanzen mit Hexenflügen ist eher ein Produkt späterer Spekulationen als historischer Realität.

Auch die Vorstellung, Hexen seien grundsätzlich gegen die christliche Religion gewesen, ist ein Mythos. Die meisten Angeklagten waren gläubige Christinnen und Christen. Sie gingen in die Kirche, beteten, nahmen an religiösen Festen teil. Der Vorwurf des Teufelspakts war eine Konstruktion der Ankläger, nicht das Selbstverständnis der Angeklagten. Viele waren entsetzt, wenn man ihnen vorwarf, sie hätten dem Teufel gehuldigt. Die Idee, dass Hexen bewusst gegen Gott handelten, war Teil eines theologischen Weltbildes, das in der frühen Neuzeit an Einfluss gewann.

Ein weiterer Mythos betrifft die Rolle der Wissenschaft. Oft wird angenommen, die Wissenschaft habe die Hexenverfolgungen beendet. Tatsächlich war der Prozess komplexer. Wissenschaftliche Entwicklungen spielten eine Rolle, aber ebenso wichtig waren politische Veränderungen, juristische Reformen und ein allmählicher Wandel im Denken. In vielen Regionen endeten die Hexenprozesse, weil Gerichte strengere Beweisregeln einführten oder weil Obrigkeiten erkannten, dass die Verfolgungen soziale Unruhe erzeugten. In Preußen etwa erließ Friedrich Wilhelm I. 1714 ein Edikt, das die Anwendung von Folter stark einschränkte. In Österreich führte Kaiserin Maria Theresia ab den 1750er Jahren Reformen ein, die Hexenprozesse praktisch unmöglich machten. Die letzte bekannte Hinrichtung wegen Hexerei im Heiligen Römischen Reich fand 1775 in Kempten statt. In der Schweiz wurde 1782 in Glarus die letzte Frau hingerichtet. Diese späten Fälle zeigen, dass die Hexenverfolgungen nicht abrupt endeten, sondern langsam ausliefen.

Ein weiterer Mythos ist die Annahme, Hexen seien immer verbrannt worden. Zwar war die Verbrennung eine häufige Hinrichtungsart, vor allem im deutschsprachigen Raum, doch es gab regionale Unterschiede. In England wurden Hexen meist gehängt, nicht verbrannt. In Skandinavien wurden sie oft enthauptet. Die Verbrennung war symbolisch aufgeladen, weil sie als „Reinigung“ galt und verhindern sollte, dass der Körper als magisches Objekt weiterverwendet werden konnte. Doch sie war keineswegs die einzige Form der Hinrichtung.

Auch die Vorstellung, Hexenprozesse seien überall gleich abgelaufen, ist ein Mythos. Die Verfahren unterschieden sich stark je nach Region, Gerichtsbarkeit und Zeit. In manchen Gegenden gab es strenge Regeln, die Folter begrenzten oder bestimmte Beweise ausschlossen. In anderen Regionen reichten Gerüchte oder Denunziationen aus, um jemanden anzuklagen. Manche Orte erlebten regelrechte Massenverfolgungen, während andere kaum betroffen waren. Die Hexenverfolgungen waren kein einheitliches europäisches Phänomen, sondern ein Mosaik aus lokalen Praktiken, Ängsten und Machtstrukturen.

Ein weiterer Mythos betrifft die Idee, Hexen seien grundsätzlich Opfer einer patriarchalen Gesellschaft gewesen. Zwar spielte das Geschlechterverhältnis eine Rolle, und viele Frauen wurden Opfer, weil sie in einer Gesellschaft lebten, die ihnen weniger Rechte und weniger Schutz bot. Doch die Verfolgungen waren nicht ausschließlich Ausdruck patriarchaler Unterdrückung. Frauen waren nicht nur Opfer, sondern auch Anklägerinnen, Zeuginnen und manchmal sogar Richterinnen. In vielen Prozessen spielten Frauen eine aktive Rolle, indem sie andere Frauen beschuldigten. Die sozialen Dynamiken waren komplex und lassen sich nicht auf ein einfaches Schema reduzieren.

Auch die Vorstellung, Hexen seien grundsätzlich Heilerinnen gewesen, ist ein Mythos. Zwar gab es Fälle, in denen Heilkundige angeklagt wurden, aber die meisten Angeklagten hatten keine besondere medizinische Rolle. Die Idee der „weisen Frauen“, die von der Kirche verfolgt wurden, ist eher eine romantische Projektion des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie entstand in einer Zeit, in der man die Hexenverfolgungen als Kampf zwischen Wissenschaft und Aberglauben oder zwischen Patriarchat und weiblicher Weisheit deutete. Diese Interpretationen haben kulturelle Bedeutung, aber sie entsprechen nicht immer der historischen Realität.

Ein weiterer Mythos betrifft die Vorstellung, Hexen hätten tatsächlich übernatürliche Kräfte gehabt – eine Idee, die in der Popkultur bis heute lebendig ist. Historisch gesehen gab es keine Beweise für übernatürliche Fähigkeiten. Die Menschen, die als Hexen angeklagt wurden, waren Opfer von Angst, Misstrauen, sozialen Spannungen und einem Weltbild, das übernatürliche Erklärungen für Unglück suchte. Die Vorstellung, sie hätten tatsächlich zaubern können, ist ein Produkt von Legenden, Märchen und späteren literarischen Darstellungen.

Auch die Idee, Hexen hätten sich bewusst zu geheimen Treffen versammelt, ist ein Mythos. Die sogenannten Hexensabbate waren Fantasieprodukte der Ankläger, die aus einer Mischung von antiken Vorstellungen, christlicher Dämonologie und volkstümlichen Erzählungen entstanden. Die Beschreibungen dieser Sabbate – mit Teufelsanbetung, Orgien, Tieropfern und nächtlichen Flügen – spiegeln eher die Ängste und Obsessionen der Inquisitoren wider als die Realität der Angeklagten. Viele dieser Vorstellungen entstanden in den Köpfen der Richter, nicht in den Handlungen der Beschuldigten.

Ein weiterer Mythos betrifft die Rolle der Reformation. Oft wird angenommen, die Reformation habe die Hexenverfolgungen verstärkt oder abgeschwächt. Tatsächlich gab es sowohl in katholischen als auch in protestantischen Gebieten intensive Verfolgungen. In manchen protestantischen Regionen – etwa in Teilen Süddeutschlands oder in Schottland – waren die Verfolgungen besonders heftig. In anderen katholischen Gebieten – etwa in Italien oder Spanien – waren sie vergleichsweise gering. Die spanische Inquisition, die oft mit Hexenverfolgungen in Verbindung gebracht wird, führte tatsächlich nur wenige Prozesse wegen Hexerei durch. Sie betrachtete viele Hexereivorwürfe als Aberglauben und konzentrierte sich auf andere Delikte. Die Reformation spielte also eine Rolle, aber nicht in der einfachen Form, wie es oft dargestellt wird.

Auch die Vorstellung, Hexen seien grundsätzlich aus niederen sozialen Schichten gekommen, ist ein Mythos. Zwar waren arme Menschen besonders gefährdet, weil sie weniger Schutz hatten, aber es gab auch wohlhabende Angeklagte. In manchen Regionen wurden sogar Mitglieder der lokalen Elite beschuldigt, vor allem wenn politische Konflikte oder Machtkämpfe im Spiel waren. Hexenprozesse konnten ein Mittel sein, um Rivalen auszuschalten oder Eigentum zu konfiszieren. Die soziale Dynamik war komplex und variierte stark von Ort zu Ort.

Ein weiterer Mythos betrifft die Idee, Hexenverfolgungen seien ein rein europäisches Phänomen gewesen. Zwar fanden die meisten Prozesse in Europa statt, aber es gab auch Fälle in den amerikanischen Kolonien, etwa die berühmten Prozesse von Salem 1692/93. Diese Prozesse sind ein Beispiel dafür, wie Hexenverfolgungen in einer neuen, kolonialen Gesellschaft funktionierten, in der religiöse Spannungen, soziale Unsicherheiten und politische Konflikte eine Rolle spielten. Die Prozesse von Salem sind heute besonders bekannt, weil sie gut dokumentiert sind und weil sie in der amerikanischen Kultur eine wichtige Rolle spielen. Doch sie waren nur ein kleiner Teil eines viel größeren Phänomens.

Auch die Vorstellung, Hexenverfolgungen seien ein Ausdruck irrationaler Angst gewesen, greift zu kurz. Zwar spielten Ängste eine große Rolle, aber sie waren eingebettet in ein Weltbild, das für die Menschen damals logisch erschien. In einer Zeit, in der Krankheiten, Naturkatastrophen und soziale Krisen kaum wissenschaftlich erklärbar waren, suchte man nach übernatürlichen Ursachen. Der Teufel war für viele Menschen eine reale Bedrohung, und Hexerei schien eine plausible Erklärung für Unglück. Die Hexenverfolgungen waren also nicht einfach irrational, sondern Ausdruck eines Weltbildes, das heute fremd erscheint, aber damals weit verbreitet war.

Ein weiterer Mythos betrifft die Idee, Hexenverfolgungen seien von oben gesteuert worden. Zwar spielten Obrigkeiten eine Rolle, aber viele Prozesse entstanden aus der Bevölkerung heraus. Gerüchte, Denunziationen und soziale Spannungen konnten Prozesse auslösen, die dann von Gerichten aufgegriffen wurden. In manchen Regionen versuchten Obrigkeiten sogar, die Bevölkerung zu beruhigen und übertriebene Ängste zu dämpfen. Die Dynamik zwischen Bevölkerung und Obrigkeit war komplex und variierte stark.

Auch die Vorstellung, Hexenverfolgungen seien ein dunkles Kapitel, das plötzlich begann und plötzlich endete, ist ein Mythos. Die Entwicklung war schleichend. Im Mittelalter gab es Vorstellungen von Magie, aber keine systematische Verfolgung. Erst im späten 15. Jahrhundert entstand eine neue Dämonologie, die Hexerei als teuflische Verschwörung deutete. Diese Vorstellungen verbreiteten sich langsam, beeinflusst von theologischen Debatten, juristischen Entwicklungen und sozialen Veränderungen. Die Verfolgungen erreichten ihren Höhepunkt im 16. und 17. Jahrhundert und ebbten dann langsam ab. Der Prozess dauerte Jahrhunderte und war von vielen Faktoren geprägt.

Ein weiterer Mythos betrifft die Idee, Hexenverfolgungen seien ein rein religiöses Phänomen gewesen. Zwar spielte Religion eine wichtige Rolle, aber ebenso wichtig waren politische, soziale und wirtschaftliche.


© Bild und Texte: Carsten Rau.