Romulus gehört zu den bekanntesten Gründungsfiguren der antiken Welt, doch bei ihm verschwimmen historische Realität und Mythos so stark, dass man ihn eher als symbolische Figur der römischen
Identität verstehen muss als als sicher belegbare Person. Die Römer selbst waren sich dieser Mischung durchaus bewusst, doch gerade diese Verbindung aus Legende, Politik und Geschichtsbewusstsein
machte Romulus zu einer zentralen Gestalt ihrer eigenen Herkunftserzählung. Seine Geschichte ist nicht nur die Erzählung über die Gründung einer Stadt, sondern auch über Gewalt, Ordnung, Macht
und die Frage, wie aus Chaos ein Staat entstehen kann.
Der Überlieferung nach wurde Romulus im 8. Jahrhundert v. Chr. geboren, und zwar in eine Linie, die bis zum trojanischen Helden Aeneas zurückreichen soll. Diese Verbindung ist kein Zufall,
sondern Teil einer späteren römischen Konstruktion, die Rom mit den großen Mythen der griechischen Welt verknüpfte. Aeneas, ein Überlebender des Trojanischen Krieges, soll nach der Zerstörung
Trojas in den Westen geflohen sein und dort die Grundlagen für das spätere Rom gelegt haben. Diese mythische Abstammung verlieh Rom eine prestigeträchtige Herkunft und verband es mit der Welt
Homers.
Romulus und sein Zwillingsbruder Remus sollen nach dieser Tradition die Söhne der Vestalin Rhea Silvia und des Kriegsgottes Mars gewesen sein. Die Verbindung zu Mars ist dabei besonders
bedeutend, weil sie Rom von Beginn an eine militärische Identität zuschreibt. Die Geschichte erzählt, dass die Zwillinge nach ihrer Geburt aus politischen Gründen ausgesetzt wurden, da ihr
Großonkel Amulius die Macht im Stadtstaat Alba Longa usurpiert hatte und potenzielle Thronansprüche der Kinder verhindern wollte.
Die berühmte Szene, in der die Zwillinge in einem Korb auf dem Tiber ausgesetzt werden, gehört zu den ikonischsten Motiven der römischen Mythologie. Der Fluss soll sie bis in ein Gebiet getragen
haben, das später das Zentrum Roms werden sollte. Dort wurden sie der Legende nach von einer Wölfin gesäugt, der sogenannten Lupa, bevor ein Hirte namens Faustulus sie fand und aufzog. Diese
Erzählung ist tief symbolisch: Sie verbindet Natur, Überleben und spätere zivilisatorische Ordnung.
Die beiden Brüder wuchsen als Hirten auf und erfuhren erst später ihre wahre Herkunft. Nachdem sie ihre Abstammung entdeckt hatten, kehrten sie nach Alba Longa zurück, setzten den rechtmäßigen
König Numitor wieder ein und beschlossen anschließend, eine eigene Stadt zu gründen. Genau hier beginnt der zentrale Gründungsmythos Roms.
Die eigentliche Gründung Roms wird traditionell auf das Jahr 753 v. Chr. datiert. Dieses Datum wurde später von römischen Gelehrten wie Varro berechnet und entwickelte sich zum festen Bezugspunkt
der römischen Zeitrechnung. Ob es tatsächlich ein einzelnes Gründungsereignis gab, ist historisch nicht belegbar; vielmehr handelt es sich wahrscheinlich um einen langen Prozess der
Siedlungsbildung auf dem Palatin-Hügel und den umliegenden Hügeln im Tibergebiet.
Der Konflikt zwischen Romulus und Remus bildet den dramatischen Kern der Gründungsgeschichte. Die Brüder sollen sich gestritten haben, wo genau die neue Stadt entstehen sollte und wer sie
regieren dürfe. Romulus bevorzugte den Palatin, Remus einen anderen Hügel. Der Streit eskalierte, und Romulus tötete schließlich seinen Bruder. Diese Tat ist zentral für die römische Mythologie,
weil sie zeigt, dass die Gründung Roms von Anfang an mit Gewalt verbunden ist. Die spätere römische Geschichtsschreibung deutete dies oft als Zeichen dafür, dass Ordnung nur durch harte
Entscheidungen entstehen kann.
Nach der Tötung Remus’ soll Romulus die neue Stadt Rom gegründet und ihr seinen Namen gegeben haben. Er begann, erste politische und soziale Strukturen zu schaffen. Da die junge Stadt jedoch
zunächst nur wenige Einwohner hatte, entstand schnell ein demografisches Problem. Um dieses zu lösen, lud Romulus Nachbarn, Flüchtlinge und Abenteurer ein, sich in Rom niederzulassen. Dadurch
entstand eine heterogene Bevölkerung, die aus unterschiedlichen Gruppen bestand.
Ein berühmtes Ereignis in diesem Zusammenhang ist die „Entführung der Sabinerinnen“. Da es an Frauen in der frühen Gemeinschaft mangelte, sollen die Römer während eines Festes die Frauen der
benachbarten Sabiner entführt haben, um sie zu Ehefrauen zu machen. Diese Episode ist weniger als historische Tatsache zu verstehen, sondern als symbolische Erzählung über Integration durch
Konflikt. Sie endet in der Überlieferung mit einem Krieg zwischen Römern und Sabinern, der schließlich durch die Vermittlung der entführten Frauen beendet wird. Am Ende sollen beide Gruppen zu
einem gemeinsamen Volk verschmolzen sein.
Diese Geschichte zeigt bereits zentrale Themen der römischen Identität: Expansion, Integration und die Fähigkeit, aus Konflikten neue politische Ordnungen zu schaffen. Romulus wird in diesem
Kontext als Gesetzgeber und erster König dargestellt. Ihm werden grundlegende Institutionen zugeschrieben, darunter die Einrichtung des Senats, der aus den ältesten und angesehensten Männern der
Stadt bestanden haben soll. Auch die Einteilung der Bürger in militärische Einheiten wird ihm zugeschrieben, was Rom von Beginn an eine militärisch organisierte Struktur verleiht.
Die römische Überlieferung beschreibt Romulus als ersten von insgesamt sieben Königen Roms. Diese frühe Königszeit, die etwa von 753 bis 509 v. Chr. datiert wird, bildet die mythische und frühe
historische Phase der Stadt, bevor die römische Republik entstand. Romulus steht dabei am Anfang einer Reihe von Herrschern, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Stadtentwicklung
verkörpern.
Am Ende seines Lebens verschwindet Romulus in der Überlieferung auf besondere Weise. Er soll während einer Versammlung oder eines militärischen Ereignisses plötzlich in einem Sturm oder einer
göttlichen Erscheinung verschwunden sein und später als Gott Quirinus verehrt worden sein. Diese Vergöttlichung zeigt, wie stark mythologische und religiöse Elemente in der römischen
Geschichtskultur miteinander verbunden waren. Romulus wird dadurch nicht nur als Gründer, sondern auch als göttlicher Beschützer der Stadt verstanden.
Historisch betrachtet gibt es keine direkten Belege für die Existenz Romulus’. Archäologische Funde zeigen jedoch, dass sich im 8. Jahrhundert v. Chr. tatsächlich Siedlungen auf den Hügeln des
späteren Rom entwickelten. Besonders der Palatin und das Forum Romanum wurden in dieser Zeit zunehmend besiedelt. Aus mehreren kleinen Gemeinschaften entstand allmählich eine Stadtstruktur, die
später als Rom bekannt wurde. Der Mythos von Romulus spiegelt also möglicherweise diesen realen Prozess der Vereinigung verschiedener Siedlungen wider.
Die Bedeutung Romulus’ liegt daher weniger in einer historischen Biografie als in seiner Funktion als Gründungsfigur. Er verkörpert die Idee, dass Rom aus einem Akt von Entscheidung, Konflikt und
Ordnung entstanden ist. Seine Geschichte verbindet Gewalt und Legitimation, menschliches Handeln und göttliche Zustimmung. Gerade diese Mischung machte ihn zu einer zentralen Figur der römischen
Selbstdefinition.
In der späteren römischen Literatur, etwa bei Livius oder Plutarch, wird Romulus ausführlich beschrieben und moralisch interpretiert. Dabei wird deutlich, dass die Römer ihre eigene Geschichte
nicht nur als Abfolge von Ereignissen verstanden, sondern als Erzählung über Werte und politische Ordnung. Romulus steht dabei am Anfang dieser Erzählung als Figur, die zeigt, dass aus
Unsicherheit und Konflikt eine stabile politische Gemeinschaft entstehen kann, die später zu einem der größten Reiche der Weltgeschichte wurde.
© Bild und Texte: Carsten Rau.
