Die Burgen des Mittelalters waren nicht nur militärische Anlagen, sondern Zentren höfischer Gesellschaft und Kultur. Feste und Bankette dienten der Repräsentation, der Pflege sozialer Beziehungen
und der Unterhaltung. Dazu entwickelten sich über die Jahrhunderte präzise Regeln des Verhaltens bei Tisch, die Körperhaltung, Umgang mit Speisen und Getränken sowie höfliche Formen der Ansprache
bestimmten.
Bereits im 13. Jahrhundert notierte der Dichter Tanhäuser aus dem salzburgisch-bairischen Raum zahlreiche Vorschriften: Hände sauber halten, Nägel schneiden, gerade sitzen, nicht herumwandern.
Frauen wurden bevorzugt bei Beginn der Mahlzeit; Brot durfte erst nach der ersten Speise angerührt werden; Suppe wurde nicht aus der Schüssel getrunken, Salz und Speisen nicht mit den Fingern
genommen. Jede Bewegung am Tisch hatte eine festgelegte Bedeutung, und Tischmanieren galten als Spiegel von Anstand und Bildung.
Gespräche und Unterhaltung
Die Mahlzeiten waren keineswegs schweigsam. Heitere Unterhaltungen, Minnereden (Liebesgespräche) und Kriegserzählungen verkürzten die Zeit. Dichter trugen epische Werke vor, Spielleute
musizierten, und Tänzer führten akrobatische Kunststücke auf, oft Purzelbäume oder Handstände. Der Burgherr hatte das Privileg, sich von Gast zu Gast zu bewegen, freundlich zu ermuntern und die
Stimmung zu heben.
Nach dem Mahl folgte oft eine Runde von Süßigkeiten, das Händewaschen und der Dankespruch. Die Tische wurden von den Dienern sofort abgeräumt, um Raum für Tanz und Spiele zu schaffen. Tänze
reichten vom höfischen Umgang – leise, schleifend und begleitet von Saiteninstrumenten – bis zum Reigen, der hohe Sprünge und weite Bewegungen beinhaltete. Die Gäste sangen die Lieder mit,
während einfache Gesten die Handlung illustrierten.
Spiele, Musik und Gespräche
Neben Tanz und Musik wurden auch Gesellschaftsspiele gepflegt: Schach, Würfel oder Kartenspiele ab Ende des 14. Jahrhunderts. Die Karten kamen vermutlich aus China über Arabien nach Europa.
Zuschauer beteiligten sich, sangen oder hörten Jungfrauen zu, die im Hofstaat der Burgfrau ausgebildet waren.
Die Burggesellschaft teilte Neuigkeiten, Abenteuer und Erlebnisse der Reise oder des Tages. Erzählungen aus Chroniken, eigene Kämpfe oder Dichtung wurden vorgetragen. Junge Gäste, besonders
Tänzer, suchten das Gespräch mit den Damen, saßen in Fensternischen oder Gruppen um den Kamin.
War das Wetter günstig, verlagerte sich das Vergnügen ins Freie, in Gärten oder auf Burghöfe. Zum Abschluss des Abends wurde der sogenannte Schlaftrunk gereicht – Wein oder Hippokras, oft mit
Süßigkeiten – als Signal zum Aufbruch und Schlafengehen.
Sittlichkeit und Wandel der Umgangsformen
Im frühen Mittelalter herrschte noch ein anständiger, züchtiger Ton in der höfischen Gesellschaft, wenn auch grobe Männer und einfache Frauen sich manchmal ungeniert verhielten. Mit der zweiten
Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde der Umgang zwischen Männern und Frauen zunehmend freizügiger. Zuckerwerk in obszönen Formen, laszive Darstellungen auf Trinkgefäßen und wilde Tänze zeugen vom
Wandel der Sitten.
Die Gesellschaft verwilderte im 14. und 15. Jahrhundert zusehends: Übermäßiger Aufwand bei Festen und Turnieren führte zu finanzieller Schwäche, Wegelagerung und Raub auf manchen Burgen. Die
einstige ritterliche Poesie wurde verdrängt durch unsaubere Possen, Spielwut, Raufereien und Trinkgelage.
Trinken als Ehrenzeichen
Die Fähigkeit, große Mengen Wein oder Hippokras zu trinken, galt als Ruhm. Männer und Frauen nahmen gemeinsam teil, häufig aus einem Becher. Prediger mussten die Trunksucht der Frauen tadeln, da
diese oft den Schleier tranken, während die Männer Schwert und Becher gleichermaßen beanspruchten.
Trinkgelage dienten zugleich als Vorwand für wichtige Angelegenheiten: Turniere, Jagden, Fehden, Familienangelegenheiten, Schenkungen, Käufe und politische Verhandlungen wurden in den Burgen bei
Wein und Humpen beschlossen. Die wichtigsten Urkunden des Landes wurden dabei erstellt, oft unter Zeugen, begleitet von hitzigen Diskussionen, überquellendem Wein und manchmal Blutvergießen.
Quellen:
Tanhäuser, Salzburgisch-bairische Dichtung, 13. Jahrhundert – Vorschriften für höfische Tischsitten.
Cori, Johann Nepomuk: Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter.
Hyams, Paul R.: Renaissance and Medieval Art of Dining, Routledge, 2000 – Unterhaltung und Trinkgelage.
