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Die altorientalische Lehre und das altorientalische Weltbild

Die Kulturen des Alten Orients – insbesondere die Babylonier, Assyrer, Sumerer, Hethiter und Ägypter – entwickelten bereits Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung ein umfassendes Weltbild, das Religion, Astronomie, Politik, Geschichte und Naturerklärung zu einer einzigen geistigen Ordnung verband. Nach der Darstellung von Alfred Jeremias in seinem Werk "Das Alte Testament im Lichte des alten Orients" beruhte dieses Weltbild auf der Überzeugung, dass Himmel und Erde keine voneinander getrennten Bereiche seien, sondern Teile einer einzigen göttlich geordneten Wirklichkeit. Alles Geschehen auf der Erde besaß sein Gegenstück im Himmel, und alles Wissen hatte letztlich einen göttlichen Ursprung.

Der moderne Mensch trennt gewöhnlich zwischen Religion, Naturwissenschaft und Geschichtsschreibung. Im Alten Orient existierte eine solche Trennung nicht. Die Bewegung der Gestirne war zugleich Naturerscheinung, religiöse Botschaft und historische Weissagung. Der König herrschte nicht allein durch menschliche Macht, sondern als Repräsentant einer kosmischen Ordnung. Selbst Städte, Länder und Völker galten als Abbilder himmlischer Wirklichkeiten.

Der göttliche Ursprung alles Wissens
Im altorientalischen Denken war Wissen niemals das Ergebnis bloßer menschlicher Beobachtung. Alles wahre Wissen stammte von den Göttern. Die Weisheit war eine Offenbarung, die den Menschen durch göttliche Vermittlung zugänglich wurde.

Besonders deutlich zeigt sich dies in Mesopotamien. Die Babylonier glaubten, dass die großen Götter den Menschen die Grundlagen der Kultur übermittelt hätten: Schrift, Mathematik, Astronomie, Landwirtschaft, Gesetzgebung und religiöse Riten. Der Gott Ea (sumerisch Enki), Herr der Weisheit und der geheimen Erkenntnis, galt als Ursprung aller Wissenschaften. Ihm wurden die geheimen Tafeln des Wissens zugeschrieben, auf denen die göttlichen Ordnungen des Universums verzeichnet waren.

Die Priester verstanden sich daher nicht als Erfinder von Erkenntnissen, sondern als Bewahrer uralter Offenbarungen. Ihre Aufgabe bestand darin, die Zeichen der Götter richtig zu lesen. Die berühmten babylonischen Sternbeobachtungen dienten nicht primär der Erforschung des Weltalls, sondern der Entschlüsselung göttlicher Botschaften.

Dieses Denken wirkte weit über Mesopotamien hinaus. Auch in Ägypten galt die Weisheit als Gabe der Götter. Der Gott Thot wurde als Erfinder der Schrift, der Wissenschaft und der Zeitrechnung verehrt. Die Vorstellung, dass alles Wissen ursprünglich göttlichen Ursprungs sei, prägte später auch jüdische und andere religiöse Traditionen des Vorderen Orients.

Die Planeten als Vermittler der Offenbarung
Eine besondere Stellung nahmen die Himmelskörper ein. Für die Babylonier waren die Planeten nicht bloß leuchtende Punkte am Himmel. Sie galten als sichtbare Erscheinungsformen göttlicher Mächte.

Jeder Planet war mit einer bestimmten Gottheit verbunden:

  • Jupiter mit Marduk,
  • Venus mit Ischtar,
  • Mars mit Nergal,
  • Merkur mit Nabu,
  • Saturn mit Ninurta.

Die Bewegungen dieser Gestirne wurden als Sprache der Götter verstanden. Wenn sich zwei Planeten näherten oder besondere Konstellationen bildeten, war dies nach altorientalischer Auffassung kein zufälliges Naturereignis. Vielmehr kündigten die Götter dadurch politische Umwälzungen, Kriege, Hungersnöte oder den Aufstieg neuer Herrscher an.

Aus dieser Vorstellung entwickelte sich die babylonische Astrologie, die später die gesamte antike Welt beeinflusste. Die Priester führten über Jahrhunderte hinweg genaue Aufzeichnungen der Himmelserscheinungen. Sie verglichen astronomische Beobachtungen mit historischen Ereignissen und glaubten, daraus Gesetzmäßigkeiten erkennen zu können.

Die berühmten Omentafeln Mesopotamiens enthalten Tausende solcher Deutungen. Eine bestimmte Stellung des Jupiter konnte den Erfolg eines Königs ankündigen; eine Mondfinsternis galt als Warnung vor drohenden Gefahren für das Reich.

Dabei ging es nicht um Wahrsagerei im modernen Sinn. Die Babylonier waren überzeugt, dass die Götter ihre Absichten durch den Himmel offenbarten. Wer die Zeichen verstand, konnte die göttlichen Pläne erkennen.

Die Dreiteilung der himmlischen und der irdischen Welt
Ein Grundprinzip des altorientalischen Weltbildes war die Dreiteilung des Kosmos.

Der Himmel wurde in mehrere Bereiche gegliedert. Besonders bedeutsam war die Einteilung in drei große Regionen, die den höchsten Göttern zugeordnet wurden:

1. Der Bereich des Anu, des Himmelsgottes.
2. Der Bereich des Enlil, des Gottes der Luft und der Herrschaft.
3. Der Bereich des Ea, des Gottes der Weisheit und der Tiefe.

Diese Dreiteilung spiegelte sich auch auf der Erde wider. Die Welt erschien als geordneter Kosmos mit entsprechenden Ebenen und Bereichen. Himmel und Erde standen in ständiger Wechselbeziehung.

Die Erde selbst stellte man sich meist als Scheibe vor, die vom Urmeer umgeben war. Über ihr spannte sich das Himmelsgewölbe, unter ihr lagen die Tiefen der Unterwelt. Zwischen diesen Bereichen bestanden Verbindungen, über die göttliche Mächte wirkten.

Dieses Modell hatte enorme religiöse Bedeutung. Der Tempel galt als Mittelpunkt der Welt und als Verbindung zwischen den kosmischen Ebenen. Seine Architektur spiegelte die Struktur des Universums wider.

Besonders die babylonischen Zikkurats – gewaltige Tempeltürme – wurden als symbolische Verbindung von Himmel und Erde verstanden. Sie sollten den Verkehr zwischen den göttlichen und menschlichen Sphären ermöglichen.

Der Tierkreis
Eine der bedeutendsten Leistungen der babylonischen Astronomie war die Entwicklung des Tierkreises.

Die Babylonier teilten die scheinbare Bahn der Sonne in zwölf Abschnitte ein. Jeder Abschnitt erhielt den Namen eines Sternbildes. Daraus entstand der Tierkreis, der später von Griechen, Römern und vielen anderen Kulturen übernommen wurde.

Die zwölf Tierkreiszeichen waren:

  • Widder,
  • Stier,
  • Zwillinge,
  • Krebs,
  • Löwe,
  • Jungfrau,
  • Waage,
  • Skorpion,
  • Schütze,
  • Steinbock,
  • Wassermann,
  • Fische.

Für die Babylonier war der Tierkreis weit mehr als ein astronomisches Hilfsmittel. Er bildete eine kosmische Ordnung, in der sich der Lauf der Zeit offenbarte.

Die Sonne wanderte im Jahreslauf durch die zwölf Zeichen. Dadurch entstand ein himmlischer Kalender, der eng mit den Jahreszeiten und den religiösen Festen verbunden war.

Viele Mythen wurden auf den Tierkreis bezogen. Die Wanderung der Sonne durch die Sternbilder konnte als göttlicher Weg oder als kosmisches Drama verstanden werden. Zahlreiche Heldengeschichten und Göttermythen lassen sich auf solche astronomischen Vorstellungen zurückführen.

Die vier „Weltecken“
Ein weiteres wichtiges Element des altorientalischen Weltbildes waren die vier Weltecken.

Die Erde wurde als geordneter Raum verstanden, dessen Grenzen durch vier Hauptrichtungen bestimmt waren. Diese Richtungen besaßen nicht nur geografische, sondern auch religiöse Bedeutung.

Die Herrschaft eines Großkönigs wurde häufig mit der Formel beschrieben, er sei „König der vier Weltgegenden“ oder „Herr der vier Weltecken“. Damit sollte ausgedrückt werden, dass seine Macht die gesamte bekannte Welt umfasste.

In Inschriften assyrischer und babylonischer Herrscher erscheint diese Vorstellung immer wieder. Wer über die vier Weltgegenden herrschte, galt als universaler Herrscher unter göttlichem Auftrag.

Die vier Weltecken waren außerdem mit bestimmten Sternen, Winden, Farben und göttlichen Mächten verbunden. Sie bildeten eine kosmische Ordnung, die sowohl die politische als auch die religiöse Welt strukturierte.

Die Weltrichtungen
Die Himmelsrichtungen besaßen im Alten Orient weit größere Bedeutung als heute.

Osten war die Richtung des Sonnenaufgangs und damit des Lebens, des Neubeginns und der Offenbarung. Westen dagegen wurde häufig mit dem Reich der Toten verbunden, da dort die Sonne unterging.

Norden und Süden waren ebenfalls symbolisch besetzt. Bestimmte Völker, Landschaften und Götter wurden mit ihnen in Verbindung gebracht.

Tempel, Paläste und Städte wurden oft nach kosmischen Richtungen ausgerichtet. Die Orientierung eines Bauwerks war nicht bloß eine praktische Entscheidung, sondern Ausdruck einer religiösen Weltordnung.

Besonders in Babylonien und Assyrien versuchte man, Architektur und Stadtplanung mit den himmlischen Gegebenheiten in Einklang zu bringen. Der Mensch sollte innerhalb der von den Göttern geschaffenen Ordnung leben.

Zeitalter und Kalenderreformen
Das altorientalische Denken war stark von zyklischen Vorstellungen geprägt. Die Geschichte verlief nicht zufällig, sondern nach bestimmten kosmischen Rhythmen.

Die Beobachtung von Sonne, Mond und Planeten führte zur Entwicklung komplexer Kalendersysteme. Bereits die Babylonier verfügten über erstaunlich genaue astronomische Kenntnisse.

Sie verwendeten einen Mondkalender, der regelmäßig an das Sonnenjahr angepasst werden musste. Dazu wurden Schaltmonate eingefügt. Diese Kalenderreformen waren von großer politischer und religiöser Bedeutung.

Darüber hinaus glaubte man an große Weltzeitalter. Bestimmte astronomische Zyklen galten als Hinweise auf den Beginn neuer Epochen. Der Wechsel eines Zeitalters konnte den Aufstieg eines Reiches oder tiefgreifende Veränderungen der Weltordnung ankündigen.

Solche Vorstellungen fanden später Eingang in zahlreiche religiöse Traditionen. Die Idee, dass die Geschichte in große Epochen gegliedert sei, begegnet uns in verschiedenen Formen bis in die Antike und das Mittelalter hinein.

Astralmythus und Geschichtsschreibung
Einer der faszinierendsten Aspekte des altorientalischen Weltbildes besteht in der engen Verbindung von Mythologie und Geschichte.

Nach der von Jeremias vertretenen Auffassung wurden viele historische Ereignisse durch astrale Vorstellungen interpretiert. Die Vorgänge am Himmel galten als Urbilder der Ereignisse auf der Erde. 

Ein König konnte als Verkörperung eines bestimmten Gottes erscheinen. Kriege konnten als Spiegel himmlischer Kämpfe verstanden werden. Der Jahreslauf der Sonne fand sein Gegenstück in Mythen von Tod und Wiedergeburt göttlicher Gestalten.

Viele altorientalische Erzählungen besitzen daher mehrere Bedeutungsebenen. Sie berichten zugleich von Göttern, von Naturvorgängen und von geschichtlichen Ereignissen.

Der moderne Historiker trennt gewöhnlich zwischen Mythos und Geschichte. Für den Menschen des Alten Orients existierte diese scharfe Trennung jedoch kaum. Geschichte war Teil einer kosmischen Ordnung. Die Ereignisse auf Erden wurden als sichtbarer Ausdruck eines größeren göttlichen Plans verstanden.

Deshalb verbanden altorientalische Chroniken häufig politische Ereignisse mit Himmelserscheinungen. Sonnen- und Mondfinsternisse, Kometen oder ungewöhnliche Planetenkonstellationen wurden als Hinweise auf den Sinn geschichtlicher Entwicklungen gedeutet.

Bedeutung des altorientalischen Weltbildes
Das altorientalische Weltbild war einer der einflussreichsten geistigen Entwürfe der Menschheitsgeschichte. Es prägte nicht nur Babylonien und Assyrien, sondern wirkte über Persien, Griechenland und Rom bis in das Mittelalter hinein.

Viele seiner Elemente leben bis heute fort:

  • die Einteilung des Himmels in Tierkreiszeichen,
  • die Siebentagewoche,
  • zahlreiche Kalenderstrukturen,
  • die symbolische Bedeutung der Himmelsrichtungen,
  • die Vorstellung eines geordneten Kosmos,
  • die Verbindung von Himmel und Geschichte.

Zugleich zeigt dieses Weltbild, wie eng Religion, Wissenschaft und Politik in den frühen Hochkulturen miteinander verbunden waren. Der Kosmos erschien als lebendige Offenbarung göttlicher Ordnung. Die Sterne waren keine fernen Sonnen, sondern Zeichen einer höheren Wirklichkeit. Der König war nicht nur Herrscher, sondern Teil eines kosmischen Gefüges. Geschichte war nicht bloß die Abfolge menschlicher Handlungen, sondern Ausdruck eines universalen Plans.

Gerade deshalb bietet die altorientalische Lehre einen einzigartigen Einblick in die Denkweise jener Kulturen, aus denen wesentliche Bestandteile der späteren jüdischen, christlichen und islamischen Tradition hervorgingen. Sie zeigt eine Welt, in der Himmel und Erde, Mythos und Geschichte, Religion und Wissenschaft noch als Einheit verstanden wurden – als Teile eines großen, von göttlicher Weisheit durchdrungenen Kosmos.




Text und Bildquelle: Alfred Jeremias: Das Alte Testament im Lichte des alten Orients; Handbuch zur biblisch-orientalischen Altertumskunde. Leipzig, 1904.