Die Photographie führt die Aufschrift, die ich gleichfalls nach ihren Reimen abteile:
Man gewahrt auf diesem Blatte ein ritterliches Turnier unter dem Schmettern der Trompeten und dem Lärm der Trommel, dem vom hohen Balkon einige Damen und Herren, hinter denen der Hofnarr mit der Schellenkappe steht, und unten andere Personen als Zuschauer Anteil nehmen.
Dieses Turnier begannen die Fürsten und Herren geharnischt zu Pferde, zwanzig an der Zahl, deren Namen die Liste am Rande angibt, mit ihren Lanzen und griffen wahrscheinlich erst, als dieselben gebrochen waren (was die Trümmer und Federbüsche auf dem Boden zeigen), zum Schwert.
Die Turnierenden gruppieren sich in zwei Hälften, zu je zehn Rittern nach beiden Seiten. Vorne rechts (vom Bilde aus gesehen) sind zwei Paare Ritter mit ihren Lanzen, und zwar der vorderste mit dem einfachen Adler an der Seite des gepanzerten Pferdes, wahrscheinlich das Zeichen des römischen Königs, da Maximilian im kaiserlichen Schmucke wohl nicht turnieren wollte. Ihm gegenüber sieht man einen Ritter, dessen Pferd nach einem Lanzenstoß in die Knie gesunken ist und auf seiner Decke eine unbestimmte Figur trägt, die an Venus (Minne) oder Fortuna erinnert. Dürfte dieser Gegner des Kaisers nicht Prinz Heinrich von Braunschweig, der Jüngere, gewesen sein? Er war ein jüngerer Bruder des erst 28 Jahre alten Erzbischofs Christoph von Bremen, der wegen der feierlichen Doppelvermählung der kaiserlichen Enkel nach Wien gekommen war.
Nachdem der Kaiser seinen ersten Gegner besiegt hatte, wendete er sich mit seiner Lanze gegen dessen Nebenmann, den Freiherrn von Dietrichstein (kenntlich an dessen Winzermessern), dessen Widerpart zu Boden gestreckt liegt. Hinter dem Kaiser gewahrt man einen Ritter, dessen Pferdedecke mehrfach den Buchstaben W, d. i. Wilhelm IV. von Bayern, trägt.
In der Gruppe auf der linken Hälfte ist aus dem mehrfachen A auf der Pferdedecke nur der Fürst von Anhalt erkennbar. Einer der Kämpfenden führt die feurig strahlende Sonne als Emblem, da keinem der zwanzig Fürsten und Edelleute die Sonne als Wappen angehört.
Die zwanzig Fürsten, Grafen und Herren waren:
I. Kaiser Maximilian — geboren 22. März 1459, ward zum römischen König gewählt 16. Februar 1486 und zu Aachen am 9. April gekrönt, römischer Kaiser 10. Februar 1508, † zu Wels 12. Jänner 1519 und ruht zu Wiener Neustadt.
II. Prinz von Braunschweig — Heinrich der Jüngere, geb. 1489, ein Feind der Protestanten, verjagt 1542 und vom Landgrafen Philipp von Hessen 1545 gefangen, 1547 losgelassen, † 1568.
III. Herzog von Bayern — Wilhelm IV., Sohn des Herzogs Albrecht IV. und der Erzherzogin Kunigunde, der einzigen Schwester des Kaisers Maximilian, geb. 1493, sukzedierte seinem Vater 1508 und starb 1550.
IV. Markgraf von Brandenburg — Casimir, Markgraf zu Brandenburg-Kulmbach oder Bayreuth, geb. 1481, † 1527. Gemahlin: Susanna, Tochter des Herzogs Albrecht IV. von Bayern und der Erzherzogin Kunigunde, vermählt am 14. August 1518, † 1543.
V. Herzog von Mecklenburg — Albrecht der Schöne, geb. 1487, † 1547. Ein ungenannter „Herzog zu Mecklenburg" erscheint Nr. 122 in Freydal’s Turnierbuch.
VI. Fürst von Anhalt — entweder der am 15. Juni 1516 verstorbene Fürst Ernst, älterer Bruder des Fürsten Rudolf, des großen Helden, der am 10. September 1513 in Verona starb und im Kloster Stams in Tirol ruht, oder dessen junger Neffe Wolfgang, der 1566 unverheiratet starb.
VII. Graf von Werdeburg — Es gab keine Grafen von Wertenburg; entweder muss der Name Werdenberg oder Westerburg heißen. Meines Erachtens turnierte hier ein Graf von Leiningen-Westerburg, da man in Ricardi Bartholini Hodoeporicon, bei Freheri Scriptor Rerum Germanicarum, Argentorati 1717, Tom. II, S. 653 in der Liste der damals in Wien anwesenden Grafen liest: „N. Comes de Westerburg“.
Die Anwesenheit eines Grafen von Werdenberg muss ich stark bezweifeln, da Graf Felix, der am 11. Mai 1511 bei Riedlingen den unbewaffneten Andreas von Truchsess-Waldburg, den letzten Grafen von
Sonnenberg (im vorarlbergischen Oberlande) ermordet hatte, in der Ungnade des Kaisers stand und nicht an dessen Hof erscheinen konnte. Auch dessen Bruder Christoph, der Letzte dieses uralten
rheinisch-oberschwäbischen Geschlechts der Linie mit der weißen Kirchenfahne († 1534), war damals nicht anwesend.
VIII. Graf von Mansfeld — Graf Hoyer von Mansfeld erscheint auch in Freydal’s Turnierbuch, Bl. 21, in einem Rennen mit demselben und erhielt vom Erzherzog Karl (V.) am 26. Oktober 1516 den Orden des Goldenen Vlieses, starb ohne Erben 1540.
IX. Graf von Mandford — Wir kennen zwei damals hier anwesende Grafen dieses alten Hauses mit der roten Kirchenfahne:
a) Georg von der Linie Montfort-Bregenz-Pfannberg (bei Peckau unweit Graz), der mit seiner Gemahlin Katharina von Polen, einer unehelichen Tochter Kaiser Sigmund I., der
Stammvater der jüngeren, 1789 erloschenen Montfort-Tettnanger Linie wurde. Georg erscheint in Freydal Bl. 35, 81, 236 und 248 und starb 1544.
b) Wolfgang von der Linie Montfort-Tettnang zu Rothenfels, der sich im September 1532 gegen die wieder in Österreich verheerend einbrechenden Türken bei Leobersdorf u. a.
auszeichnete und als Statthalter in Tirol kinderlos in seiner Ehe mit Eleonora Freiin von Wolkenstein-Rodeneck am 21. März 1540 starb.
X. Graf von Haag — Kaiser Maximilian erhob Sigmund von Frauenberg, seinen Gesandten in England und späteren Reichskammerrichter zu Speyer, laut den Akten des Reichsadels-Archivs am 17. Juli 1509 zum Grafen von Haag in Oberbayern, der 1522 starb. Sein Enkel mit dem ungarischen Vornamen Ladislaus schloss diese Linie der Frauenberger 1567, worauf die Grafschaft Haag an Bayern fiel.
XI. Graf von Zorrn — d. i. Zollern. Wahrscheinlich Eitel Friedrich V. (Sohn Eitel Friedrich IV., der als Obersthofmeister des Kaisers Maximilian und Reichskammerrichter 1512 gestorben war), ein großer Feldherr und Minister desselben Kaisers, † 1525.
XII. Herr von Dietrichstein — Freiherr Sigmund von Dietrichstein erscheint in Freydal Bl. 12 in einem Mummenschanz mit Eberhart Hürnhaimer, Volkenstorf und Traun; dessen Vetter Wolf Nr. 60 und Erhärt Nr. 64 ebenfalls. Sigmund starb am 20. Mai 1533 zu Finkendem und ruht in Villach.
XIII. Herr von Görtzeckh — Laut Cuspinian’s Diarium dieser Festlichkeiten (Freher Scriptor rerum Germanicarum II, S. 609 N. de Geroltzeck) gehörte dieser Herr von Görtzeckh dem alten und mächtigen Geschlecht an, das auf Hohen-Geroldseck in der Ortenau saß, die Stadt Lahr erbaute und die Grafschaft Mahlberg innehatte. Im noch ungedruckten Schenkbuch der Stadt Augsburg von 1504 findet sich: „Graf Gangolf von Geretzek“ (d. i. Geroldseck) wurde mit vier Kannen auf Sonntag nach Galle (20. Oktober) geehrt.
Teilnehmer könnte entweder Gangolf der Ältere (verheiratet am 20. Juni 1481 mit Kunigunde, Gräfin von Montfort-Tettnang) oder Gangolf der Jüngere gewesen sein, der vermutlich mit seinem Vetter
Graf Wolfgang von Montfort nach Wien gekommen war. Dieses Geschlecht erlosch 1634 im Mannesstamm.
XIV. Herr von der Weitmül — Cuspinian nennt ihn Sebastian, ein böhmischer Edelmann. Ein Sebastian Weitmül (böhmisch Weitmile) war möglicherweise derselbe, in den Jahren 1542–1543 oberster Münzmeister in Böhmen.
XV. Der von Zellting — Nach Bartholini bei Freher II, S. 653 erscheint unter dem Adel Wilhelm de Zerling (d. i. Zelking), der mit den österreichischen Hilfsvölkern gegen die Venetianer zog. Karl V. schlug ihn bei seiner Krönung in Aachen 1521 zum Ritter. Am St. Emeretiana-Tag, dem 23. Januar 1511, heiratete er die 18-jährige Margaretha von Sandizell und starb 1541.
XVI. Der von Altenhauß — Dieses Geschlecht zählt zum innerösterreichischen Adel.
Balthasar Altenhauser erhielt im Jahr 1507 das Inkolat in Krain, lebte noch 1515 und war 1525 Pfleger zu Völkermarkt in Kärnten. Peter Altenhauser, der 1499 Kaiser Maximilians Stallmeister war,
erscheint in Freydal Nr. 56 bei einem Mummenschanz. Hanns von Altenhaus führte als Hauptmann unter Leonhard Freiherrn von Yels ein Fähnlein Fußknechte bei der ersten Belagerung Wiens, während
welcher Ulrich von Altenhaus von einem Stück Mauer erschlagen wurde.
Deren Wappen ist in dem überaus seltenen steiermärkischen Wappenbuch — gedruckt zu Graz durch Zachariam Bartsch Formscheider 1567 — Bl. 83 abgebildet, nämlich zwei weiße Flügel im roten Feld.
XVII. Der von Frantsperg — Ist wohl der allbekannte und berühmte Georg von Freundsperg (Freundsperg) aus alttyrolischem Geschlecht, Vater der Landsknechte etc., geb. 24. September 1473, gestorben am 20. August 1528 zu Mindelheim, seiner Herrschaft in Schwaben, wo er ruht. (Über ihn und sein Geschlecht siehe meine Medaillen, Bd. I, S. 65 ff.)
XVIII. Der von Embs — Marcus Sitticus von Ems in Vorarlberg, ein tapferer Kriegsmann, der unter anderem auch die Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525 als Oberster mitfocht, war später Kommandant der österreichischen Vesten zu Bregenz und Hoheneck. Er starb 1533 und ruht zu Hohenems. Seine wie andere Rüstungen dieses waffenberühmten Geschlechts, ebenso von Georg von Freundsberg, werden in der k. k. Ambraser Sammlung verwahrt.
Sein Sohn Wolf Dietrich († 1538) ehelichte Clara von Medicis, eine Schwester des Papstes Pius IV. Deren ältester Sohn, Jacob Hannibal I., Graf von Spanien, Generalissimus der päpstlichen Truppen
und der berühmteste Kriegsmann seines Namens, wurde von Kaiser Ferdinand I. am 27. April 1560 in den Reichsgrafenstand erhoben. Dieses alte rhätische Geschlecht erlosch im Mannesstamm mit Graf
Franz Wilhelm, k. k. General und Kommandant zu Graz, am 5./6. November 1759.
XIX. Der von Windischgrätz — Oswald Windischgretzer, Sigmund von Liechtenstein und Erhard von Dietrichstein finden wir in einem Mummenschanz bei Freydal Nr. 64.
XX. Truchsess von Steintz — Da Herr Dr. Schmit, Ritter von Tavera, gewesener provisorischer steirisch-ständischer Archivar, weder in Leopold Freiherrn von Stadls handschriftlichem Ehrenspiegel des Herzogtums Steiermark noch in anderen Hilfswerken, noch in den Verzeichnissen des Archivs irgendeine Notiz über die Truchsesse von Steinz oder Stainz finden kann, ist dieser mitturnierende Edelmann wohl ein Truchsess von Stätz, Staaz oder Staats in Niederösterreich, dessen Name im 12. Jahrhundert Stevze, Steucz, Stouze, Stanz etc. geschrieben wurde. Mehrere Mitglieder dieses ritterlichen Geschlechts ruhen bei den Schotten in Wien, so auch Hanns Truchsess von Stätz, mit dem am 1. August 1545 diese Linie erlosch.
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Teil Sigmunds Freiherrn von Dietrichstein festliches Beilager mit Barbara Freiin von Bottal in Wien am 22. Juli 1515
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Quelle: Mittheilungen der K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale. Wien, 1865.
