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Die Geschichte der Meerjungfrauen

Zeichnung einer Meerjungfrau aus dem Continuatio Americae von 1627.
Zeichnung einer Meerjungfrau aus dem Continuatio Americae von 1627.

Auszug aus dem Continuatio Americae von 1637:
"Allhier kan ich mit stillschweigen nciht vbergehen die wunderliche Creatur / welche ich Anno 1610 selber hab gesehen. Dann als ich einmal deß Morgens sehr frühe an dem Ufer nahe bey dem Meerhafen Sanct Johannis stunde / kam ein Meerwunder mit grosser Geschwindigkeit dahero geschwummen : Es war aber sehr schön / sahe gleich einer Jungfrawen an Angesicht / Augen / Nase / Ohren / Kien / Mundt / Hals und Stirn / hatte auch Haar / welche blawlecht außsahen / vnnd ihm vber die Schultern heruber hiengen: Vnnd wie mich dauchte / so waren es rechte Haar / dann ich solches Meerwunder mit meinem Diener / so noch lebet / lang vnnd wol hab angesehen: Als es aber noch eines langen Spiesses weit von vns war / erschracke ich so sehr / daß ich zuruck wiche. Welches als es solche Creatur sahe / Fuhre es hinunder in das Wasser vnnd kame baldt wider herfůr / begabe sich auch an den Orth / da ich zu Landt war ankommen: Da hab ich es von weitem noch ein wenig angesehen / vnnd hat mich beduncket / es sehe von oben herab biß auff den Nabel einem Menschen gleich / aber von dem Nabel an biß vnden auß einem Fisch: wie es aber auff der andern Seyten oder von hinden vom Hals biß an den Nabel außsehe / hab ich nicht gesehen. Eben dieses Wunderthier ist darauff kommen zu dem Schiff / darinnen war Wilhelm Hacobridge / zu der Zeit mein Diener / jetzunder aber Capitän in den Morgenländischen Indien : Vnnd als es gar an das Schiff ist kommen / hat es sich mit aller gewalt vnderstanden in das Schiff hinein zukommen / darůber dann die jenige / so im Schiff waren / sehr bestürzet worden / vnnd haben mit Bengeln auff solches Meerwunder zugeschlagen / daß es wider in das Wasser hinein sich hat begeben : Es ist auch dieses Meerwunder noch zu zweyen andern Schiffen kommen / darüber dann die Schiffleute also seyn erschrocken / daß sie sich auß dem Schiffe zu Landt begeben haben. Weil nun viel von den Meerwundern vnnd Syrenen / underschiedlich wirde geschrieben / hab ich dieses allhier auch anzeigen vnnd melden wollen / als der ich es selbsten sampt vielen andern habe gesehen. Ob aber eben dieses Wunderthier allhie ein Syren oder etwas anders sey gewesen / wil ich andere darůber disputieren lassen.

 

 

[Mit Bengeln sind Knüppel gemeint. Das "u" wurde damals teilweise als "v" geschrieben. 

Der Begriff "blawlecht" (auch bläulecht oder bläulich) ist eine alte Form des mittelhochdeutschen und frühneuhochdeutschen Adjektivs für „bläulich“. Historisch ist das Wort vor allem aus alten Chroniken, Reiseberichten und naturkundlichen Beschreibungen bekannt.]

Das Meerwunder von Albrecht Dürer.
Das Meerwunder von Albrecht Dürer.

Zwischen Mythos, Seemannsgarn und den Schrecken der Tiefsee

Kaum eine Gestalt der Sagenwelt hat die Fantasie der Menschen über Jahrtausende so stark beschäftigt wie die Meerjungfrau. Sie erscheint als wunderschöne Frau mit dem Schwanz eines Fisches, als verführerischer Geist der See, als Todesbotin, als hilfreiches Wasserwesen oder als geheimnisvolle Bewohnerin einer Welt unter den Wellen. Von den Küsten des Mittelmeers bis zu den Fjorden Skandinaviens, von den Inseln des Pazifiks bis zu den Häfen des mittelalterlichen Europas finden sich Geschichten über Wesen, die halb Mensch und halb Fisch sein sollen. Über sie wurde in Chroniken, Reiseberichten, Naturgeschichten, Märchen, Legenden und sogar wissenschaftlichen Werken geschrieben. Dabei wandelte sich ihr Bild ständig. Die Meerjungfrau der Antike war nicht dieselbe wie die des Mittelalters, und diese wiederum unterschied sich deutlich von der romantischen Meerjungfrau des 19. Jahrhunderts.

Bereits das Wort „Meerjungfrau“ verrät viel über die Vorstellung, die sich die Menschen von diesem Wesen machten. Das deutsche Wort setzt sich aus „Meer“ und „Jungfrau“ zusammen. Der Begriff bezeichnet also ursprünglich eine weibliche Gestalt, die mit dem Meer verbunden ist. Ähnliche Begriffe finden sich in vielen europäischen Sprachen. Das englische „mermaid“ geht auf das altenglische „mere“ für Meer oder Gewässer und „maid“ für junge Frau zurück. Das französische Wort „sirène“ erinnert dagegen an die antiken Sirenen. Die skandinavischen Sprachen kennen Begriffe wie „havfrue“, also „Meeresfrau“. Fast überall wurde das Wesen als weiblich vorgestellt, obwohl es in vielen Überlieferungen auch männliche Gegenstücke gab, die als Meermänner oder Tritonen bezeichnet wurden.

Die Vorstellung von Mischwesen zwischen Mensch und Tier ist uralt. Lange bevor die klassische Gestalt der Meerjungfrau entstand, kannten die Kulturen des Alten Orients zahlreiche Wesen, die menschliche und tierische Eigenschaften miteinander verbanden. Die Ägypter verehrten Götter mit Tierköpfen, die Assyrer stellten geflügelte Stiermenschen dar, und in Mesopotamien begegnet man dem geheimnisvollen Oannes. Dieser sagenhafte Kulturbringer wurde von antiken Autoren als ein Wesen beschrieben, das teilweise Mensch und teilweise Fisch gewesen sei. Er soll aus dem Persischen Golf gekommen sein, den Menschen Schrift, Wissenschaft und Handwerk gelehrt haben und nachts wieder ins Meer zurückgekehrt sein.

In der griechischen Welt entwickelte sich daraus allmählich eine eigene Tradition. Die Griechen bevölkerten das Meer mit zahllosen göttlichen und halbgöttlichen Wesen. Der Meeresgott Poseidon herrschte über die Ozeane, begleitet von Tritonen, Nereiden und anderen Wasserwesen. Triton, der Sohn Poseidons, wurde oft mit menschlichem Oberkörper und Fischschwanz dargestellt. Er gilt als einer der ältesten Vorläufer des späteren Meermanns. Die Nereiden wiederum waren wunderschöne Meeresnymphen, die den Seefahrern helfen oder sie verführen konnten.

Interessanterweise waren die berühmten Sirenen der griechischen Mythologie ursprünglich gar keine Fischfrauen. In den ältesten Darstellungen besaßen sie den Körper eines Vogels und den Kopf einer Frau. Erst viele Jahrhunderte später verschmolzen die Vorstellungen von Sirenen und Meerjungfrauen miteinander. Die Sirenen waren gefürchtet, weil ihr Gesang Seeleute ins Verderben lockte. In Homers Odyssee muss sich Odysseus an den Mast seines Schiffes binden lassen, um ihrem Gesang lauschen zu können, ohne dem tödlichen Ruf zu folgen. Diese Erzählung wurde zu einem der einflussreichsten Motive der europäischen Kulturgeschichte.

Für die Menschen der Antike war das Meer ein Ort voller Geheimnisse. Die meisten Küstenbewohner kannten nur einen kleinen Teil der Welt. Jenseits des Horizonts begann das Unbekannte. Schiffe konnten in Stürmen verschwinden und niemals zurückkehren. Nebel, Strömungen und Untiefen machten jede Reise gefährlich. Unter solchen Bedingungen entstanden zwangsläufig Geschichten über Wesen, die in den Tiefen lebten.

Antike Schriftsteller berichteten gelegentlich sogar von angeblichen Sichtungen. Der römische Naturforscher Plinius der Ältere sammelte in seiner „Naturalis Historia“ zahlreiche Berichte über seltsame Kreaturen. Darunter fanden sich auch Geschichten über Meermenschen, die an Küsten gefunden worden sein sollen. Plinius betrachtete viele dieser Berichte nicht als reine Fantasie, sondern als mögliche Naturerscheinungen. Seine Werke wurden später über tausend Jahre lang als Autorität angesehen und beeinflussten die Vorstellungen Europas erheblich.

Mit dem Aufstieg des Christentums änderte sich die Deutung solcher Wesen. Die Kirchenväter standen heidnischen Meeresgottheiten skeptisch gegenüber. Viele alte Wassergeister wurden nun als Dämonen oder Versucher betrachtet. Dennoch verschwanden die Geschichten nicht. Im Gegenteil: Im Mittelalter erlebten sie eine neue Blüte.

Das mittelalterliche Europa war eine Welt, in der sich religiöser Glaube, Volksüberlieferung und Naturbeobachtung ständig vermischten. Für die meisten Menschen war die Grenze zwischen Wunder und Wirklichkeit viel durchlässiger als heute. Wenn ein Fischer erzählte, er habe eine seltsame Gestalt im Wasser gesehen, wurde dies nicht automatisch als Täuschung abgetan.

In mittelalterlichen Bestiarien, also Tierbüchern, erschienen Meerjungfrauen regelmäßig neben realen Tieren. Dort wurden sie oft mit Spiegel und Kamm dargestellt. Diese Symbole hatten eine moralische Bedeutung. Die Meerjungfrau verkörperte Eitelkeit, Verführung und die Gefahren der sinnlichen Versuchung. Sie wurde zur Warnung vor den Lastern der Welt. Gleichzeitig blieb jedoch die Faszination bestehen. Viele Kirchen Europas zeigen bis heute Steinreliefs oder Holzschnitzereien von Meerjungfrauen.

Besonders interessant ist die Verbreitung entsprechender Geschichten entlang der Küsten Skandinaviens, Schottlands und Irlands. Dort entstanden zahlreiche Legenden über Wasserfrauen und Meeresmenschen. Die schottischen Selkies etwa sollten Robbenwesen sein, die ihre Haut ablegen und menschliche Gestalt annehmen konnten. In Irland erzählte man von den Merrows, freundlichen oder gefährlichen Meerwesen mit menschlichem Aussehen. In den nordischen Ländern gab es Geschichten über die Havfrue, die Meeresfrau, deren Gesang Fischer anlockte.

Für Seeleute waren solche Wesen keineswegs bloße Unterhaltung. Die See war ihr Arbeitsplatz, aber auch ihre größte Bedrohung. Viele glaubten fest daran, dass bestimmte Erscheinungen Glück oder Unglück ankündigten. Eine Meerjungfrau konnte je nach Region als gutes oder schlechtes Omen gelten. Manche Seeleute glaubten, ihr Erscheinen kündige einen Sturm an. Andere sahen darin ein Zeichen für reiche Fischgründe.

Der Aberglaube der Seeleute war außerordentlich vielfältig. Es galt als Unglück, an Bord zu pfeifen, weil dies den Wind herbeirufen könne. Frauen an Bord galten in vielen Gegenden als Unglücksbringer, während nackte Frauenfiguren am Bug eines Schiffes wiederum Schutz bieten sollten. Deshalb erhielten zahlreiche Schiffe weibliche Galionsfiguren. Manche dieser Figuren erinnerten stark an Meerjungfrauen.

Der mittelalterliche Mensch glaubte nicht nur an Meerjungfrauen, sondern auch an eine ganze Welt von Meeresungeheuern. Karten des Mittelalters zeigen häufig riesige Kreaturen in unbekannten Gewässern. Diese Monster dienten nicht nur dekorativen Zwecken. Sie spiegelten die echte Angst vor dem Unbekannten wider.

Zu den berühmtesten Meeresungeheuern gehörte der Kraken. In nordischen Überlieferungen wurde er als gewaltiges Wesen beschrieben, dessen Körper einer Insel gleiche. Seeleute sollten auf ihm gelandet sein, ohne zu bemerken, dass sie sich auf dem Rücken eines Lebewesens befanden. Sobald der Kraken sich bewegte oder tauchte, seien ganze Schiffe untergegangen.

Ähnlich bekannt war der Leviathan. Ursprünglich stammt er aus dem Alten Testament. Dort erscheint er als gewaltiges Seeungeheuer, Symbol chaotischer Naturgewalten. Im Laufe der Jahrhunderte verschmolz die Vorstellung vom Leviathan mit Berichten über Wale, Riesenschlangen und andere Meeresmonster.

Viele dieser Geschichten hatten reale Ursachen. Die meisten Menschen hatten nie einen lebenden Wal gesehen. Traf ein Schiff auf einen Pottwal oder einen gestrandeten Wal, wirkte dies wie die Begegnung mit einem Monster. Riesenkalmare wurden nur selten beobachtet, doch ihre gewaltigen Tentakel konnten an angeschwemmten Kadavern entdeckt werden. Solche Funde lieferten den Stoff für immer neue Erzählungen.

Während der Renaissance begann Europa die Welt intensiver zu erkunden. Portugiesische und spanische Seefahrer erreichten Afrika, Asien und Amerika. Gleichzeitig nahm das Interesse an Naturbeobachtung zu. Dennoch verschwanden die Geschichten über Meerjungfrauen nicht. Viele Gelehrte hielten sie weiterhin für möglich.

Besonders bemerkenswert sind die zahlreichen Berichte über angebliche Sichtungen. Im Jahr 1403 soll nahe Holland eine Meerfrau gefangen worden sein. Die Geschichte verbreitete sich über Jahrhunderte hinweg. Der Überlieferung zufolge habe man das Wesen sprechen gelernt und in menschliche Gesellschaft integriert. Historisch glaubwürdig ist dies kaum, doch die Erzählung wurde immer wieder als Tatsachenbericht wiedergegeben.

Im 16. Jahrhundert berichteten Chronisten von weiteren Sichtungen. Fischer, Kapitäne und Reisende schilderten Begegnungen mit menschenähnlichen Wesen im Wasser. Oft wurden diese Berichte von angesehenen Persönlichkeiten aufgezeichnet, was ihre Glaubwürdigkeit erhöhte.


Das Meerwunder.
Das Meerwunder.

Einen berühmten Fall schilderte Christoph Kolumbus während seiner ersten Reise nach Amerika. Im Jahr 1493 notierte er, drei Meerjungfrauen gesehen zu haben. Allerdings seien sie nicht so schön gewesen, wie die Legenden behaupteten. Heute vermuten Historiker, dass Kolumbus Seekühe oder Manatis beobachtet hatte. Diese Meeressäuger besitzen bei flüchtiger Betrachtung durchaus eine menschenähnliche Silhouette.

Gerade Manatis und Dugongs gelten als die wahrscheinlichste Erklärung für viele historische Meerjungfrauenberichte. Betrachtet man ein solches Tier aus einiger Entfernung, insbesondere bei schlechtem Wetter oder in der Dämmerung, kann seine Gestalt überraschend menschlich wirken. Der Kopf, die Bewegungen im Wasser und das gelegentliche Auftauchen erzeugen leicht Täuschungen. Hinzu kamen Müdigkeit, Erwartungen und die Neigung des Menschen, bekannte Muster zu erkennen.

Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden zahlreiche naturkundliche Werke, die Meerjungfrauen als reale Lebewesen behandelten. Gelehrte diskutierten ernsthaft über ihre Anatomie und ihren Lebensraum. In Wunderkammern wurden angebliche Meerjungfrauen ausgestellt. Viele dieser Präparate bestanden allerdings aus geschickten Fälschungen, bei denen Affenkörper mit Fischschwänzen kombiniert wurden.

Die Renaissance war eine Übergangszeit. Einerseits entwickelte sich modernes wissenschaftliches Denken. Andererseits hielt man viele alte Überlieferungen weiterhin für möglich. Gerade Meerjungfrauen bewegten sich an dieser Grenze zwischen Mythos und Naturkunde.

Die Volkskultur Europas bewahrte zahllose lokale Varianten. In Dänemark erzählte man von Meerfrauen, die auf Felsen saßen und ihr Haar kämmten. In Schottland konnten sie Stürme hervorrufen. In Deutschland berichteten Sagen von Wasserfrauen in Flüssen und Seen. Manche lockten Menschen in die Tiefe, andere verliebten sich in Sterbliche.

Eine besondere Rolle spielte die Vorstellung, dass Wasserwesen menschliche Seelen besitzen oder keine Seele haben. In vielen Erzählungen sehnen sich Meerjungfrauen nach einer unsterblichen Seele. Dieses Motiv wurde später durch das Märchen Die kleine Meerjungfrau weltberühmt. Andersen griff dabei ältere nordische Vorstellungen auf und verlieh ihnen eine romantische Form.

Für Seeleute blieb die See bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein Ort voller Geheimnisse. Selbst erfahrene Kapitäne konnten nicht alle Erscheinungen erklären. Leuchtendes Plankton, Nebelbänke, Fata Morganas und ungewöhnliche Tierbeobachtungen wirkten oft übernatürlich. Manche glaubten an Geisterschiffe wie den Fliegenden Holländer. Andere erzählten von Meerfrauen, die auf Klippen saßen und singend den Tod ankündigten.

Besonders gefürchtet waren Erscheinungen, die als Vorboten eines Unglücks galten. Traf ein Schiff auf ungewöhnliche Tiere, konnte dies als schlechtes Omen interpretiert werden. Auch Albatrosse genossen einen besonderen Status. Sie zu töten galt als schwerer Frevel. Diese Vorstellung wurde später durch Samuel Taylor Coleridges berühmtes Gedicht „The Rime of the Ancient Mariner“ verewigt.

Neben Meerjungfrauen und Meeresungeheuern existierte eine ganze Welt weiterer Wasserwesen. Die griechischen Tritonen, die nordischen Nøkken, die slawischen Rusalki und die japanischen Ningyo zeigen, wie universell die menschliche Vorstellung von geheimnisvollen Bewohnern des Wassers war.

Besonders die japanischen Ningyo sind interessant. Anders als die schöne europäische Meerjungfrau wurden sie oft als unheimliche Mischwesen beschrieben. Ihr Fang sollte Stürme oder Katastrophen ankündigen. Gleichzeitig versprach ihr Fleisch angeblich außergewöhnliche Langlebigkeit. Solche Vorstellungen zeigen, wie unterschiedlich ähnliche Wesen in verschiedenen Kulturen bewertet wurden.

Auch in China finden sich Berichte über Fischmenschen. Arabische Seefahrer kannten Legenden von Meeresmenschen im Indischen Ozean. In Afrika erzählte man von Wassergeistern, die Reichtum oder Verderben bringen konnten. Die Idee eines menschenähnlichen Wesens im Wasser scheint nahezu universell zu sein.

Warum gerade Meerjungfrauen eine solche Anziehungskraft entwickelten, lässt sich teilweise psychologisch erklären. Das Meer war für die meisten Menschen zugleich lebenswichtig und bedrohlich. Es ernährte Fischer und Händler, verschlang aber auch zahllose Leben. Die Meerjungfrau verkörperte diese Ambivalenz. Sie war schön und gefährlich, vertraut und fremd, menschlich und zugleich nicht menschlich.

Hinzu kommt, dass sie die Grenze zwischen zwei Welten überschreitet. Sie gehört weder ganz zum Land noch ganz zum Meer. Solche Grenzgestalten üben in vielen Kulturen eine besondere Faszination aus. Ähnlich verhält es sich mit Zentauren, Werwölfen oder anderen Mischwesen.

Mit der Entwicklung moderner Zoologie verloren Meerjungfrauen allmählich ihren Status als mögliche Naturerscheinung. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden immer mehr Berichte kritisch untersucht. Viele Sichtungen ließen sich durch Robben, Seekühe, Dugongs oder andere Meeressäuger erklären. Andere erwiesen sich als bewusste Fälschungen.

Dennoch verschwanden Meerjungfrauen nicht aus dem kulturellen Gedächtnis. Im Gegenteil: Sie wurden zu einer der bekanntesten Figuren der modernen Populärkultur. Märchen, Romane, Gemälde und später Filme griffen das Motiv immer wieder auf. Die romantische Vorstellung der schönen Meerjungfrau verdrängte vielerorts die ältere Gestalt der gefährlichen Verführerin.

Historisch betrachtet erzählen Meerjungfrauen weniger über tatsächliche Wesen als über die Menschen selbst. Sie spiegeln die Ängste der Seeleute, die Hoffnungen der Fischer, die Fantasie von Dichtern und die Neugier von Gelehrten wider. Von den Fischmenschen Mesopotamiens über die Sirenen Griechenlands, die moralischen Warnfiguren des Mittelalters und die Naturwunder der Renaissance bis zu den Märchen der Neuzeit begleiteten sie die Geschichte der Menschheit über Jahrtausende hinweg.

Und selbst heute, im Zeitalter von Satellitenkarten, Tiefsee-U-Booten und moderner Meeresforschung, bleibt ein Teil jener alten Faszination erhalten. Die Ozeane bedecken mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche, und große Bereiche der Tiefsee sind noch immer kaum erforscht. Vielleicht erklärt gerade dieses Wissen um das noch Unbekannte, warum die Meerjungfrau bis heute nicht aus unserer Vorstellung verschwunden ist. Sie erinnert an eine Zeit, in der hinter jedem Horizont Wunder, Monster und Geheimnisse warten konnten – und in der ein Seemann, der am Abend eine seltsame Gestalt auf einer Klippe sah, ernsthaft glauben durfte, einer Bewohnerin der verborgenen Welt unter den Wellen begegnet zu sein.


Bildquelle 1 und Buchauszug: Continuatio Americae, das ist: Forsetzung der Historien von der Newen Welt, oder Nidergängischen Indien, waran es auff diese Zeit noch anhero ermangelt. Frankfurt, 1627.

Bildquelle 3: Ottmar Friedrich Heinrich Schönhuth: Historie von der edlen und schönen Melusina, welche ein Meerwunder gewesen: Mit schönen Figuren geziert ; auf's Neu erzählt für Jung und Alt. Reutlingen, 1855.

© Text: Carsten Rau.