
Gefahr, Gewinn und das harte Leben der Jäger im 17. Jahrhundert
Wer heute an die Arktis denkt, hat meist Bilder von Eisbergen, Polarlichtern und endlosen Schneelandschaften vor Augen. Für die Menschen des 17. Jahrhunderts war der hohe Norden jedoch weit mehr
als eine ferne Wildnis. Er war ein Ort des Reichtums. Zwischen Spitzbergen, Grönland, Island, Nordnorwegen und den Küsten Nordrusslands lagen gewaltige Ressourcen verborgen. Neben Walen lockten
vor allem Robben und Eisbären die Jäger in jene eisigen Regionen. Ihre Felle, ihr Fett und ihre Häute waren begehrte Handelsgüter, die auf den Märkten Europas hohe Preise erzielen konnten.
Die Geschichte der Robben- und Bärenjagd ist eng mit der großen Expansion der europäischen Seefahrt verbunden. Während die Waljagd oft im Mittelpunkt der historischen Betrachtung steht, bildeten
Robben und Eisbären für viele Expeditionen eine ebenso wichtige Einnahmequelle. Manche Fahrten wurden sogar ausschließlich wegen der Robbenjagd unternommen. Für zahlreiche Seeleute, Fischer und
Händler bedeutete sie einen bedeutenden Teil ihres Einkommens.
Gleichzeitig gehörte diese Jagd zu den härtesten und gefährlichsten Tätigkeiten ihrer Zeit. Die Männer arbeiteten unter Bedingungen, die selbst erfahrene Seeleute an ihre Grenzen brachten. Eis,
Kälte, Hunger, Stürme und die ständige Gefahr von Verletzungen begleiteten sie auf jeder Reise.
Schon lange vor dem Eintreffen europäischer Jäger nutzten die Völker des Nordens die Tiere der Arktis. Samen, Nenzen, Pomoren, Inuit und zahlreiche andere Gemeinschaften jagten Robben und Bären
seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden. Ihre Jagd diente jedoch vor allem dem eigenen Überleben. Fast jeder Teil eines erlegten Tieres wurde verwendet.
Robben lieferten Fleisch, Fett, Leder und Sehnen. Aus ihren Häuten fertigte man Kleidung, Schuhe und Boote. Das Fett diente als Brennstoff für Lampen und als wichtige Energiequelle in langen
Wintern. Selbst die Knochen fanden Verwendung als Werkzeuge.
Ähnlich verhielt es sich mit den Eisbären. Ihr Fleisch wurde gegessen, ihre Felle dienten als Schutz gegen die Kälte. Die Jagd erfolgte in begrenztem Umfang und war eng an die Bedürfnisse der
lokalen Bevölkerung gebunden. Mit der Ausdehnung des europäischen Handels änderte sich dies grundlegend.
Im Verlauf des 16. und besonders des 17. Jahrhunderts entwickelte sich in Europa eine wachsende Nachfrage nach Pelzen und tierischen Rohstoffen. Die Bevölkerung nahm zu, die Städte wuchsen, und
mit dem Wohlstand stieg der Bedarf an Luxusgütern. Pelze wurden zu einem Statussymbol. Wer es sich leisten konnte, trug Kleidung mit Verbrämungen aus hochwertigen Fellen. Besonders begehrt waren
die Felle nordischer Tiere.
Nordrussland spielte dabei eine herausragende Rolle. Die Küsten des Weißen Meeres und die Regionen entlang der Barentssee wurden zu wichtigen Ausgangspunkten für die Jagd. Hier lebten die
sogenannten Pomoren, erfahrene russische Seefahrer und Jäger, die schon lange vor vielen Westeuropäern die arktischen Gewässer befuhren.
Die Pomoren waren Meister der Navigation in eisigen Gewässern. Mit ihren robusten Schiffen segelten sie entlang der Küsten Nowaja Semljas und bis weit in die Barentssee hinein. Sie jagten Robben,
Walrosse, Polarfüchse und gelegentlich auch Eisbären.
Gleichzeitig begannen niederländische, englische, dänische und später deutsche Schiffe immer häufiger die arktischen Regionen aufzusuchen. Besonders die Entdeckung Spitzbergens im Jahr 1596 durch
die Expedition des niederländischen Seefahrers Willem Barents eröffnete neue Möglichkeiten.
Die ersten Besucher waren überrascht von der Fülle des Lebens. Die Küsten Spitzbergens beherbergten riesige Kolonien von Robben, Walrossen und Seevögeln. In den umliegenden Gewässern lebten
zahlreiche Wale. Eisbären streiften über die Küsten und das Packeis. Für die Kaufleute Europas wirkte diese Region wie eine Schatzkammer.

Die Robbenjagd entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig. Besonders begehrt waren Sattelrobben, Klappmützen und Ringelrobben. Ihre Felle konnten gewinnbringend verkauft werden.
Noch wichtiger war jedoch ihr Fett.
Heute wird oft vergessen, welche Bedeutung tierische Fette vor der Nutzung von Erdöl besaßen. Robbenöl wurde für Lampen verwendet, diente als Schmiermittel und fand sogar in der Lederverarbeitung
Anwendung. In vielen Regionen war es ein unverzichtbarer Rohstoff.
Die eigentliche Jagd begann meist im Frühjahr. Zu dieser Zeit versammelten sich zahlreiche Robben auf den Eisfeldern, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Für die Jäger war dies die günstigste
Gelegenheit.
Die Schiffe erreichten die Fanggebiete oft nach einer wochenlangen Reise. Schon diese Anfahrt war beschwerlich. Die Nordsee galt als eines der gefährlichsten Gewässer Europas. Gewaltige Stürme
konnten Schiffe tagelang durchschütteln. Viele Seeleute litten unter Kälte, Nässe und Erschöpfung.
Je weiter man nach Norden gelangte, desto härter wurden die Bedingungen. Nebel zog plötzlich auf. Treibeis blockierte den Weg. Eisberge tauchten scheinbar aus dem Nichts auf.
War das Fanggebiet erreicht, begann die eigentliche Arbeit. Die Männer verließen das Schiff und bewegten sich über die Eisflächen. Oft mussten sie kilometerweit laufen. Der Untergrund war uneben,
rutschig und voller Spalten. Jeder Fehltritt konnte gefährlich werden.
Die Jagd auf Robben war körperlich außerordentlich anstrengend. Die Tiere mussten aufgespürt, verfolgt und erlegt werden. Anschließend begann die schwere Arbeit des Häutens und Zerlegens.
Besonders belastend war der Transport. Eine Robbe konnte über hundert Kilogramm wiegen. Die Kadaver mussten über das Eis geschleppt oder auf Schlitten verladen werden.
Tagelang arbeiteten die Männer unter eisigen Bedingungen. Ihre Kleidung war ständig feucht. Hände und Füße litten unter Frost. Erfrierungen gehörten zum Alltag vieler Jäger. Auf dem obigen Bild
sind die Jäger barfüßig dargestellt!
Dennoch war die Robbenjagd im Vergleich zur Waljagd oft weniger riskant. Zwar drohten Unfälle, Einbrüche ins Eis und Stürme, doch die Tiere selbst stellten gewöhnlich keine unmittelbare Gefahr
dar.

Anders verhielt es sich bei der Jagd auf Eisbären. Der Eisbär war bereits im 17. Jahrhundert ein Tier, das Respekt einflößte. Viele Reisende beschrieben ihn als den eigentlichen Herrscher der
arktischen Wildnis. Für Menschen, die ihn zum ersten Mal sahen, wirkte er oft wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt.
Ausgewachsene Männchen konnten mehrere hundert Kilogramm wiegen. Sie waren erstaunlich schnell und besaßen enorme Kraft.
Zahlreiche Berichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert schildern gefährliche Begegnungen. Eisbären näherten sich Lagern, griffen Schlittenhunde an oder versuchten, Vorräte zu plündern. Immer wieder
kam es zu direkten Angriffen auf Menschen. Die Jagd auf Eisbären war deshalb wesentlich riskanter als die Robbenjagd.
Gewöhnlich erfolgte sie mit Musketen oder schweren Vorderladergewehren. Doch die Waffen jener Zeit waren unzuverlässig. Ein Schuss konnte fehlschlagen. Pulver konnte feucht werden. Die Ladezeit
betrug oft viele Sekunden. Wenn ein verwundeter Eisbär angriff, blieb den Jägern manchmal nur wenig Zeit.
Zahlreiche historische Berichte erzählen von Männern, die von Bären schwer verletzt oder getötet wurden. Selbst mehrere bewaffnete Jäger konnten Schwierigkeiten haben, ein großes Tier zu
stoppen.
Hinzu kamen die Umweltbedingungen. Wer einen Bären verfolgte, musste sich häufig weit vom Schiff entfernen. Nebel oder Schneefall konnten die Orientierung erschweren. Immer wieder gingen Männer
verloren.
Besonders gefürchtet war das Packeis. Es bewegte sich ständig. Ein Jäger, der einem Bären folgte, konnte plötzlich feststellen, dass sich zwischen ihm und seinem Schiff ein breiter Wasserstreifen
geöffnet hatte.
Nicht selten endeten solche Situationen tödlich.

Trotz der Gefahren waren Eisbären begehrte Beute. Ihre Felle erzielten hohe Preise. In den wohlhabenden Kreisen Europas galten Bärenfelle als Luxusartikel. Sie schmückten Kutschen, Herrenhäuser
und die Kleidung wohlhabender Menschen.
Daneben wurden Schädel, Zähne und Krallen als Kuriositäten gehandelt. Die Jagd besaß daher nicht nur wirtschaftliche, sondern auch prestigebezogene Aspekte. Viele Kapitäne betrachteten die
Erlegung eines Eisbären als besondere Leistung. Reiseberichte erwähnen solche Jagden oft ausführlich. Die wirtschaftliche Bedeutung der Robbenjagd war jedoch deutlich größer.
Während ein Eisbär ein wertvolles Einzeltier darstellte, konnten bei einer erfolgreichen Robbenfahrt Tausende Tiere erlegt werden. Einige Expeditionen kehrten mit gewaltigen Mengen Öl und Fellen
zurück. Dadurch entstanden ganze Wirtschaftszweige. Häfen in Nordnorwegen, Nordrussland, den Niederlanden und später auch in Norddeutschland profitierten von den Erträgen.
Für die einfachen Seeleute war die Situation allerdings komplizierter. Wie bei der Waljagd erhielten viele Männer keinen festen Lohn. Stattdessen wurden die Gewinne nach einem bestimmten
Schlüssel verteilt. War die Saison erfolgreich, konnte ein Jäger gutes Geld verdienen. Blieb der Fang aus oder ging das Schiff verloren, war die Reise wirtschaftlich wertlos. Für viele Familien
bedeutete dies ein Leben voller Unsicherheit.
Die Frauen und Kinder blieben monatelang zurück und wussten oft nicht, ob ihre Männer überhaupt zurückkehren würden. Ein Sturm, eine Krankheit oder ein Unfall konnten jederzeit das Ende einer
Expedition bedeuten.
Besonders in Nordrussland entwickelte sich dennoch eine bemerkenswerte Kultur der arktischen Jagd. Die Pomoren verbanden ihre Fahrten mit Fischerei, Handel und Pelzjagd. Viele Familien lebten
über Generationen hinweg von diesen Tätigkeiten. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts nahm die Jagd jedoch immer größere Ausmaße an. Was zunächst wie eine unerschöpfliche Ressource erschien, zeigte
erste Anzeichen der Übernutzung.
Besonders deutlich wurde dies bei Walrossen und bestimmten Robbenarten. Reisende berichteten, dass Tiere in Regionen verschwanden, in denen sie früher zahlreich gewesen waren. Die europäischen
Jäger arbeiteten nach einer einfachen wirtschaftlichen Logik. Solange eine Region ausreichend Ertrag brachte, wurde sie intensiv genutzt. Erst wenn die Bestände zurückgingen, suchte man neue
Fanggebiete. Ein moderner Gedanke des Naturschutzes existierte kaum. Zwar bemerkten manche Beobachter die Veränderungen. Doch wirtschaftliche Interessen überwogen fast immer.
Die Robbenbestände Spitzbergens wurden bereits im 17. und 18. Jahrhundert spürbar reduziert. Ähnliches galt für Walrosse, die wegen ihres Elfenbeins und Fettes massiv verfolgt wurden. Eisbären
waren weniger stark betroffen, weil ihre Jagd schwieriger war und ihre Zahl von Natur aus geringer ausfiel. Dennoch führte die zunehmende Präsenz von Jägern auch bei ihnen zu regionalen
Bestandsrückgängen. Die eigentliche Katastrophe für viele arktische Tierarten sollte allerdings erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert folgen, als Dampfschiffe, moderne Waffen und industrielle
Fangmethoden eingeführt wurden.
Im 17. Jahrhundert blieb die Jagd trotz aller Härten noch weitgehend handwerklich geprägt. Der einzelne Jäger spielte eine entscheidende Rolle. Erfolg hing von Erfahrung, Mut und Ausdauer ab. Die
Männer mussten Wetterzeichen deuten können, sich auf dem Eis orientieren und mit einfachsten Mitteln überleben.
Viele Reiseberichte schildern eindrucksvoll die Entbehrungen. Männer verbrachten Nächte in Schneestürmen. Sie kämpften gegen Erfrierungen. Sie schleppten schwere Lasten über kilometerweite
Eisflächen. Manche verloren Finger oder Zehen durch die Kälte. Dennoch übte der Norden eine eigentümliche Anziehungskraft aus.
Wer einmal dort gewesen war, kehrte oft zurück. Vielleicht lag dies an der Hoffnung auf Gewinn. Vielleicht an der Abenteuerlust. Vielleicht auch an der besonderen Erfahrung einer Landschaft, die
sich von allem unterschied, was Europa zu bieten hatte.
Die arktische Welt erschien den Zeitgenossen gewaltig und beinahe überirdisch. Das endlose Eis, die langen Sommertage ohne Dunkelheit, die Polarlichter und die Begegnungen mit Tieren, die
anderswo unbekannt waren, hinterließen einen tiefen Eindruck.
Für die Kaufleute der Hafenstädte waren Robben und Eisbären vor allem Waren. Für die Männer, die ihnen gegenüberstanden, waren sie jedoch Teil einer rauen Wirklichkeit, in der jeder Tag neue
Gefahren brachte.
Die Geschichte der Robben- und Bärenjagd im 17. Jahrhundert erzählt deshalb nicht nur von Handel und Gewinn. Sie erzählt von Menschen, die an den Grenzen der bekannten Welt arbeiteten. Sie lebten
in einer Umgebung, die kaum Fehler verzieh. Ihre Arbeit war körperlich extrem fordernd, ihre Reisen lang und gefährlich, und ihr Erfolg hing oft von Umständen ab, die sie nicht kontrollieren
konnten.
Doch gerade weil Europa nach Öl, Pelzen und anderen Rohstoffen verlangte, fuhren Jahr für Jahr neue Schiffe nach Norden. Sie kehrten mit wertvoller Fracht zurück, aber auch mit Geschichten von
Eiswüsten, Stürmen, gewaltigen Bären und endlosen Robbenkolonien. Diese Berichte prägten über Generationen hinweg das Bild der Arktis als einer Region voller Reichtümer, Gefahren und Abenteuer –
einer Welt, in der wirtschaftlicher Gewinn und tödliches Risiko untrennbar miteinander verbunden waren.

Bildquelle: Dritte Theil, Warhafftige Relation. Der dreyen newen vnerhörten, seltzame Schiffart, so die holländischen vnd seeländischen Schiff gegen Mitternacht, drey Jar nach einander, als Ano 1594. 1595. vnd 1596. verricht. Nürnberg, 1602.
© Text: Carsten Rau.
