· 

Tributzahlungen in der Antike

Symbolbild: Tributzahlungen.
Symbolbild: Tributzahlungen.

Kaum ein Phänomen zieht sich so beständig durch die Geschichte der Antike wie die Tributzahlung. Von den ersten Stadtstaaten Mesopotamiens bis zum Untergang des Weströmischen Reiches zahlten Könige, Städte, Stämme und ganze Völker regelmäßig Geld, Edelmetalle, Vieh, Getreide oder andere Wertgegenstände an mächtigere Nachbarn. Tribute waren dabei weit mehr als bloße Steuern. Sie waren Ausdruck von Machtverhältnissen. Wer Tribut zahlte, erkannte die Überlegenheit eines anderen Herrschers an. Wer Tribut empfing, demonstrierte seine politische und militärische Dominanz.

Gleichzeitig gehörten Tributzahlungen zu den umstrittensten Instrumenten antiker Politik. Seit Jahrtausenden wird die Frage diskutiert, ob es sinnvoll sei, einen gefährlichen Gegner durch Geldzahlungen zu besänftigen. Viele Herrscher hofften, durch Tribute Kriege zu vermeiden. Andere warnten, dass solche Zahlungen den Feind nur stärker machten und zu immer neuen Forderungen ermutigten. Die Geschichte der Antike liefert Beispiele für beide Sichtweisen.

Die ältesten bekannten Tributsysteme entstanden bereits in den frühen Hochkulturen Mesopotamiens. Schon die sumerischen Stadtstaaten verlangten von unterworfenen Nachbarn regelmäßige Abgaben. Diese konnten aus Silber, Kupfer, Vieh, Textilien oder landwirtschaftlichen Produkten bestehen. Mit dem Aufstieg größerer Reiche wurde der Tribut zu einem festen Bestandteil imperialer Herrschaft.

Die assyrischen Könige des ersten Jahrtausends v. Chr. perfektionierten dieses System. Ihre Feldzüge dienten nicht immer der dauerhaften Eroberung von Gebieten. Häufig genügte es, einen Nachbarn militärisch zu besiegen und anschließend zur regelmäßigen Zahlung von Tribut zu verpflichten. Assyrische Reliefs zeigen Gesandtschaften aus allen Teilen des Vorderen Orients, die Gold, Silber, Elfenbein, Pferde und exotische Tiere zum König brachten.

Besonders bekannt ist der sogenannte Schwarze Obelisk des assyrischen Königs Salmanassar III. aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. Dort werden zahlreiche Tributpflichtige dargestellt, darunter auch der israelitische König Jehu. Die Inschrift nennt Gold, Silber, goldene Schalen, Zinn und königliche Insignien als Abgaben. Für Assyrien war dies außerordentlich profitabel. Die unterworfenen Staaten blieben für ihre eigene Verwaltung verantwortlich, mussten jedoch einen Teil ihres Reichtums regelmäßig nach Ninive oder Kalhu senden.

Der Nachteil dieses Systems zeigte sich jedoch immer wieder. Sobald die assyrische Militärmacht nachließ, verweigerten viele Vasallen die Zahlung. Nahezu jeder assyrische König musste deshalb neue Feldzüge durchführen, um säumige Tributpflichtige zur Ordnung zu rufen. Der Tribut schuf also keinen dauerhaften Frieden, sondern erforderte ständig die Drohung militärischer Gewalt.

Noch besser dokumentiert sind die Tribute des Perserreiches. Unter Dareios I. entstand um 500 v. Chr. eines der größten und am besten organisierten Tributsysteme der Antike. Der griechische Historiker Herodot beschreibt die Aufteilung des Reiches in zwanzig Steuerbezirke. Jeder Bezirk hatte festgelegte Abgaben zu leisten.

Die Zahlen beeindrucken selbst aus heutiger Sicht. Nach Herodot belief sich der jährliche Gesamtertrag auf etwa 14.560 euböische Talente Silber. Ein Talent entsprach ungefähr 26 Kilogramm Silber. Damit flossen jährlich rund 378 Tonnen Silber in die königlichen Schatzkammern.

Einige Provinzen mussten zusätzlich Goldstaub liefern. Die indischen Gebiete zahlten nach Herodot jährlich 360 Talente Goldstaub. Das entsprach mehr als neun Tonnen Gold. Indien war damit die mit Abstand reichste Tributprovinz des Perserreiches.

Diese Einnahmen ermöglichten den Perserkönigen gewaltige Bauprojekte. Die Paläste von Persepolis, Susa und Ekbatana wurden mit Tributgeldern finanziert. Auch die riesigen Armeen der Achämeniden konnten nur durch dieses System unterhalten werden.

Für die Tributpflichtigen stellte dies allerdings eine enorme Belastung dar. Zahlreiche Aufstände gegen die Perser hatten ihre Ursache in den finanziellen Forderungen des Großkönigs. Dennoch funktionierte das persische Tributsystem erstaunlich lange und trug erheblich zur Stabilität des Reiches bei.

Eine ganz andere Form von Tribut entwickelte sich in der griechischen Welt des 5. Jahrhunderts v. Chr. Nach den Perserkriegen gründeten zahlreiche griechische Städte den Delischen Seebund. Offiziell sollte er dem Schutz gegen weitere persische Angriffe dienen. Die Mitgliedsstaaten verpflichteten sich zu regelmäßigen Beiträgen.

Anfangs konnten diese Beiträge in Form von Kriegsschiffen oder Geld geleistet werden. Die meisten Städte entschieden sich für Geldzahlungen. Dies erwies sich als folgenschwer.

Die Beiträge wurden von Athen verwaltet. Ursprünglich lag die Bundeskasse auf der Insel Delos. Später wurde sie nach Athen verlegt. Aus dem Bündnis entwickelte sich schrittweise ein athenisches Imperium.

Die jährlichen Tribute beliefen sich zunächst auf etwa 460 Talente Silber. Im Verlauf des 5. Jahrhunderts stiegen die Einnahmen auf über 1.000 Talente pro Jahr. Das entsprach mehr als 26 Tonnen Silber jährlich.

Mit diesem Geld finanzierte Athen seine Flotte, seine Verwaltung und zahlreiche Bauwerke. Selbst die berühmten Bauprojekte auf der Akropolis wurden teilweise aus den Kassen des Seebundes bezahlt.

Die Verbündeten empfanden dies zunehmend als Ausbeutung. Mehrfach versuchten Städte, den Bund zu verlassen. Athen reagierte mit militärischer Gewalt. Was als Verteidigungsbündnis begonnen hatte, wurde zu einem Tributimperium.

Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel, dass Tribute durchaus wirksam sein konnten. Die Einnahmen machten Athen zur stärksten Seemacht Griechenlands. Ohne die Tribute des Seebundes wäre der Aufstieg Athens kaum denkbar gewesen.

Als Alexander der Große das Perserreich eroberte, fiel ihm einer der größten Staatsschätze der Antike in die Hände. Die Schatzkammern von Persepolis, Susa und Ekbatana enthielten gewaltige Mengen an Edelmetallen, die über Generationen hinweg durch Tribute angesammelt worden waren.

Antike Autoren berichten von rund 180.000 Talenten Silber, die Alexander erbeutete. Selbst wenn diese Zahlen übertrieben sein sollten, handelte es sich um einen nahezu unvorstellbaren Reichtum. Die persischen Tribute hatten über Jahrhunderte hinweg ein Vermögen geschaffen, das den Eroberer in die Lage versetzte, seine weiteren Feldzüge zu finanzieren.

Auch Rom entwickelte ein ausgeklügeltes Tributsystem. Die Römer unterschieden zwischen verschiedenen Formen von Steuern, Kriegsentschädigungen und Tributen. Nach erfolgreichen Eroberungen wurden Provinzen häufig zu regelmäßigen Abgaben verpflichtet.

Besonders ertragreich waren Sizilien, Ägypten, Afrika und Kleinasien. Die Provinz Ägypten wurde nach ihrer Eingliederung in das Römische Reich zu einer der wichtigsten Einnahmequellen. Jährlich lieferten die ägyptischen Bauern enorme Mengen Getreide nach Rom.

Der Begriff Tribut erhielt in der römischen Politik jedoch noch eine weitere Bedeutung. Immer wieder zahlte Rom selbst Tribute an gefährliche Gegner.

Ein frühes Beispiel liefert der Einfall der Gallier unter Brennus im Jahr 387 v. Chr. Nachdem Rom erobert worden war, mussten die Römer nach traditioneller Überlieferung 1.000 Pfund Gold zahlen, um den Abzug der Gallier zu erreichen.

Ob diese Zahl historisch exakt ist, bleibt umstritten. Doch die Erzählung zeigt, wie demütigend Tributzahlungen empfunden wurden. Der berühmte Ausspruch „Vae victis“ – „Wehe den Besiegten“ – soll in diesem Zusammenhang gefallen sein.

Besonders interessant wird die Frage nach dem Nutzen von Tributen während der Spätantike. Im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. sah sich das Römische Reich einer Vielzahl mächtiger Gegner gegenüber. Hunnen, Goten, Perser und andere Völker bedrohten die Grenzen.

Vor allem das Oströmische Reich griff wiederholt auf Tributzahlungen zurück. Die Hunnen unter Attila stellen das bekannteste Beispiel dar. Bereits vor Attilas Herrschaft zahlte Ostrom erhebliche Summen an hunnische Herrscher.

Im Vertrag von Margus im Jahr 435 verpflichtete sich Ostrom zu jährlichen Zahlungen von 700 Pfund Gold. Ein römisches Pfund entsprach etwa 327 Gramm. Die jährliche Zahlung betrug also rund 229 Kilogramm Gold.

Wenig später erhöhten die Hunnen ihre Forderungen. Nach weiteren militärischen Erfolgen Attilas stieg die jährliche Zahlung auf 2.100 Pfund Gold. Dies entsprach fast 687 Kilogramm Gold pro Jahr. Zusätzlich verlangte Attila hohe Einmalzahlungen. Zeitgenössische Quellen berichten von Tausenden Pfund Gold als Entschädigung und Nachzahlung.

Die zentrale Frage lautet nun: Brachten diese Zahlungen überhaupt etwas?

Kurzfristig lautet die Antwort eindeutig: ja.

Die Tribute verschafften Ostrom wertvolle Zeit. Das Reich konnte seine Grenzen stabilisieren, Truppen verlegen und innere Probleme lösen. Mehrfach unterblieben hunnische Angriffe nach erfolgreichen Verhandlungen.

Langfristig fiel das Ergebnis deutlich schlechter aus. Die gewaltigen Goldsummen stärkten Attilas Herrschaft erheblich. Mit ihnen konnte er Gefolgsleute belohnen, neue Krieger anwerben und seine politische Stellung ausbauen. Jeder Erfolg führte außerdem zu neuen Forderungen. Attila lernte, dass das Reich zahlungsbereit war. Dadurch stieg der Anreiz für weitere Erpressungen.

Historiker haben oft darauf hingewiesen, dass die hunnischen Tribute Attilas Machtbasis wahrscheinlich erheblich vergrößerten. Die Römer kauften zwar Zeit, finanzierten aber gleichzeitig ihren gefährlichsten Gegner.

Ähnliche Erfahrungen machten die Römer mit den Goten. Mehrfach erhielten gotische Gruppen Geldzahlungen, Landzuweisungen oder Versorgungslieferungen. Oft geschah dies im Rahmen sogenannter Foederatenverträge. Diese Vereinbarungen konnten durchaus erfolgreich sein. Viele germanische Krieger dienten anschließend jahrzehntelang in der römischen Armee.

In anderen Fällen erwiesen sich die Zahlungen als kontraproduktiv. Sobald eine Gruppe bemerkte, dass Rom bereit war zu zahlen, entstanden neue Forderungen. Andere Stämme wollten dieselben Vorteile erhalten.

Ein besonders drastisches Beispiel liefert Alarich. Der spätere Eroberer Roms verlangte zunächst keine Vernichtung des Reiches, sondern Geld, Versorgung und politische Anerkennung. Als seine Forderungen abgelehnt oder nur teilweise erfüllt wurden, eskalierte der Konflikt schließlich in der Plünderung Roms im Jahr 410.

Nicht immer stärkten Tribute jedoch den Gegner.

Ein bemerkenswertes Gegenbeispiel findet sich im Verhältnis zwischen Rom und einigen Grenzvölkern. Zahlungen konnten dazu dienen, rivalisierende Gruppen gegeneinander auszuspielen. Indem Rom bestimmte Stammesführer unterstützte, entstanden politische Abhängigkeiten. Der Empfänger wurde dann eher zum Verbündeten als zum Feind.

Auch China verfolgte gegenüber den Nomaden Zentralasiens ähnliche Strategien. Obwohl dies außerhalb des klassischen Mittelmeerraumes liegt, zeigt es ein allgemeines Muster der Antike: Tribute konnten entweder als Zeichen von Schwäche oder als Instrument der Außenpolitik dienen.

Ein weiteres berühmtes Beispiel sind die Kriegsentschädigungen Karthagos nach dem Zweiten Punischen Krieg. Nach dem Sieg über Hannibal zwang Rom Karthago im Jahr 201 v. Chr. zur Zahlung von 10.000 Talenten Silber. Diese Summe sollte über fünfzig Jahre verteilt entrichtet werden. Ein Talent entsprach etwa 26 Kilogramm Silber. Insgesamt musste Karthago also rund 260 Tonnen Silber zahlen.

Bemerkenswert ist, dass Karthago trotz dieser Belastung wirtschaftlich erstaunlich schnell wieder erstarkte. Die Stadt entwickelte erneut bedeutenden Wohlstand. Gerade dieser wirtschaftliche Erfolg trug dazu bei, dass Rom später den Dritten Punischen Krieg begann. Viele Römer fürchteten die Rückkehr einer starken Konkurrenz. Hier zeigt sich ein weiteres Paradox der Tributzahlungen. Sie konnten einen Gegner schwächen, ihn aber nicht zwangsläufig dauerhaft ausschalten.

Ähnlich verhielt es sich mit Antiochos III. Nach seiner Niederlage gegen Rom musste der Seleukidenkönig im Frieden von Apameia 188 v. Chr. insgesamt 15.000 Talente Silber zahlen. Die Summe entsprach etwa 390 Tonnen Silber.

Diese Belastung schwächte das Seleukidenreich tatsächlich nachhaltig. Gleichzeitig führte der finanzielle Druck zu inneren Problemen und regionalen Machtverlusten.

Die Wirksamkeit von Tributen hing daher stark von den Umständen ab.

Waren die Zahlungen begrenzt und dienten dem Kauf von Zeit, konnten sie durchaus sinnvoll sein. Hatten die Empfänger bereits eine starke militärische Organisation, führten zusätzliche Mittel häufig zu weiterer Expansion.

Besonders problematisch waren Tribute gegenüber nomadischen Reitervölkern. Diese verfügten oft über geringe Verwaltungskosten. Zusätzliche Goldzahlungen konnten fast vollständig in militärische Macht umgesetzt werden.

Sesshafte Staaten dagegen mussten große Teile ihrer Einnahmen für Verwaltung, Infrastruktur und Versorgung verwenden.

Die Geschichte Attilas zeigt dies besonders deutlich. Jeder Goldtransport aus Konstantinopel erhöhte letztlich die Ressourcen, die dem hunnischen Herrscher für seine Feldzüge zur Verfügung standen.

Dennoch wäre es falsch zu behaupten, Tributzahlungen seien grundsätzlich nutzlos gewesen. Viele antike Herrscher handelten rational. Sie verglichen die Kosten eines Krieges mit den Kosten einer Zahlung.

Wenn ein Krieg Hunderttausende Menschenleben und enorme Zerstörungen verursachte, konnte ein Tribut die günstigere Lösung darstellen.

Ostrom überlebte Attila. Das Hunnenreich zerfiel wenige Jahre nach dessen Tod. Aus dieser Perspektive könnte man argumentieren, dass die Zahlungen letztlich erfolgreich waren. Sie verhinderten möglicherweise größere Katastrophen und ermöglichten dem Reich, die Krise zu überstehen.

Die entscheidende Lehre der Antike lautet daher nicht, dass Tribute immer falsch oder immer richtig waren. Vielmehr zeigt die Geschichte, dass ihre Wirkung von den politischen Rahmenbedingungen abhing.

Tributzahlungen konnten Frieden kaufen, Bündnisse sichern und Zeit gewinnen. Sie konnten aber ebenso neue Begehrlichkeiten wecken, Feinde finanzieren und deren Macht vergrößern. Gerade deshalb blieb die Frage nach Sinn und Unsinn solcher Zahlungen über Jahrtausende aktuell.

Von den assyrischen Königen über die persischen Großkönige, die athenischen Strategen und die römischen Kaiser bis hin zu Attila den Hunnen zieht sich ein roter Faden durch die Geschichte: Geld konnte Kriege verhindern – doch ebenso oft finanzierte es den nächsten Krieg.


© Bild und Texte: Carsten Rau.

Zurück zur Übersicht