
Die Schlacht von Cunaxa, die im Jahr 401 v. Chr. unweit von Babylon stattfand, gehört zu den folgenreichsten militärischen Ereignissen der antiken Welt. Obwohl sie nicht dieselbe Bekanntheit wie
Marathon, Gaugamela oder Cannae besitzt, hatte sie weitreichende Konsequenzen für die Geschichte des Perserreiches, für die griechische Militärentwicklung und letztlich auch für die späteren
Eroberungen Alexanders des Großen. Berühmt wurde die Schlacht vor allem durch die Teilnahme von rund zehntausend griechischen Söldnern und durch die anschließende Rückkehr dieser Männer aus dem
Herzen des Perserreiches bis an das Schwarze Meer. Die Ereignisse wurden vom griechischen Historiker und Teilnehmer Xenophon in seinem Werk „Anabasis“ beschrieben, das bis heute zu den
bedeutendsten Quellen der antiken Militärgeschichte zählt.
Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. war das Achämenidenreich die größte politische Einheit der bekannten Welt. Seine Grenzen reichten von Ägypten über Mesopotamien und Persien bis nach
Zentralasien und an die Grenzen Indiens. Das Reich war in zahlreiche Satrapien gegliedert, die von Statthaltern verwaltet wurden. Trotz seiner enormen Größe verfügte es über ein bemerkenswert
leistungsfähiges Verwaltungssystem. Königliche Straßen, Poststationen und eine effektive Bürokratie ermöglichten die Kontrolle über riesige Entfernungen.
Im Jahr 404 v. Chr. starb der persische Großkönig Dareios II. Sein Tod löste einen Machtwechsel aus, der zunächst friedlich verlief. Sein älterer Sohn Arsakes bestieg den Thron und nahm den
Herrschernamen Artaxerxes II. an. Doch sein jüngerer Bruder Kyros, der in der Geschichte als Kyros der Jüngere bekannt wurde, akzeptierte die neue Ordnung nicht vollständig. Kyros war ehrgeizig,
energisch und verfügte über eine starke Machtbasis in Kleinasien. Schon bald entstand ein Konflikt zwischen den beiden Brüdern, der schließlich in einem offenen Bürgerkrieg mündete.
Kyros war nicht irgendein Provinzfürst. Er hatte während des Peloponnesischen Krieges enge Kontakte zu Sparta aufgebaut. Die Spartaner hatten gegen Athen gekämpft und dabei finanzielle
Unterstützung aus Persien erhalten. Kyros spielte dabei eine wichtige Rolle. Viele spartanische Politiker und Militärführer schätzten ihn als Verbündeten. Diese Beziehungen sollten später für
seine Pläne von großer Bedeutung werden.
Nach dem Tod seines Vaters begann Kyros systematisch, Kräfte für einen möglichen Kampf um den Thron zu sammeln. Offiziell erklärte er seine Truppenbewegungen mit lokalen Konflikten und
Grenzstreitigkeiten. Tatsächlich bereitete er jedoch einen Marsch gegen seinen Bruder vor. Besonders wichtig war die Anwerbung griechischer Söldner. Die griechischen Hopliten hatten in
zahlreichen Kriegen bewiesen, dass sie zu den besten Infanteristen ihrer Zeit gehörten.
Viele Griechen waren nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges arbeitslos geworden. Jahrzehntelange Kämpfe hatten erfahrene Soldaten hervorgebracht, die nun nach neuen Einkommensquellen suchten.
Der Dienst als Söldner bot gute Bezahlung und die Aussicht auf Beute. Kyros nutzte diese Situation geschickt aus.
Unter den griechischen Kontingenten befanden sich Soldaten aus Sparta, Arkadien, Böotien, Achaia, Thessalien und anderen Regionen der griechischen Welt. Die Gesamtzahl der Griechen wird meist auf
etwa 10.000 bis 13.000 Mann geschätzt. Hinzu kamen zahlreiche asiatische Truppen aus den Gebieten des Kyros. Insgesamt könnte seine Armee zwischen 30.000 und 50.000 Soldaten umfasst haben, wobei
die genauen Zahlen bis heute umstritten sind.
Im Frühjahr 401 v. Chr. begann der Feldzug. Die Armee sammelte sich in Sardes, einer bedeutenden Stadt im westlichen Kleinasien. Von dort marschierte sie ostwärts durch Anatolien. Viele
griechische Söldner wussten zunächst nicht, dass das eigentliche Ziel der Feldzug gegen den Großkönig selbst war. Erst als die Armee immer weiter ins Landesinnere vordrang, wurde deutlich, dass
ein außergewöhnliches Unternehmen bevorstand.
Der Marsch führte durch zahlreiche Landschaften und Klimazonen. Die Truppen überquerten Gebirge, Ebenen und Flüsse. Versorgung und Disziplin stellten enorme Herausforderungen dar. Kyros musste
seine Soldaten regelmäßig bezahlen und dafür sorgen, dass ausreichend Nahrung verfügbar war. Mehrfach kam es zu Spannungen und Verhandlungen mit den griechischen Kommandeuren.
Besonders beeindruckend war die zurückgelegte Strecke. Die Armee marschierte über mehr als 1.500 Kilometer durch Gebiete, die teilweise nur lose kontrolliert wurden. Dennoch gelang es Kyros,
seine Streitmacht weitgehend geschlossen zu halten. Dies spricht für sein organisatorisches Talent und seine Fähigkeit, Loyalität zu erzeugen.
Währenddessen blieb Artaxerxes II. nicht untätig. Als ihm die wahren Absichten seines Bruders klar wurden, begann er, eine Gegenarmee aufzustellen. Das Perserreich verfügte über enorme
Ressourcen. Truppen aus verschiedenen Satrapien wurden zusammengezogen. Kavallerie, Bogenschützen und Infanterieeinheiten rückten dem Großkönig zu Hilfe.
Im Spätsommer 401 v. Chr. näherten sich die beiden Heere einander. Der entscheidende Zusammenstoß sollte bei Cunaxa stattfinden, einer Ortschaft nördlich von Babylon am Ostufer des Euphrat. Die
Region bestand aus flachen Ebenen, die sich gut für große Heeresbewegungen eigneten. Besonders die persische Reiterei konnte hier ihre Beweglichkeit ausspielen.
Die genaue Größe der Armeen ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Xenophon nennt sehr hohe Zahlen für das Heer des Großkönigs. Moderne Historiker halten diese Angaben für
übertrieben. Dennoch bestand kein Zweifel daran, dass Artaxerxes zahlenmäßig überlegen war. Seine Streitmacht war wahrscheinlich deutlich größer als die seines Bruders.
Am Tag der Schlacht nahmen die Truppen ihre Aufstellungen ein. Die griechischen Hopliten standen auf dem rechten Flügel der Armee des Kyros. Sie bildeten die stärkste Kampfeinheit des gesamten
Heeres. Ihre schwere Bewaffnung bestand aus großen Rundschilden, Helmen, Brustpanzern und langen Speeren. In dichter Formation waren sie außerordentlich schwer zu besiegen.
Kyros selbst befand sich mit seinen persischen Elitetruppen im Zentrum. Sein Ziel war klar: Er wollte seinen Bruder töten oder gefangen nehmen. In vielen antiken Monarchien konnte der Tod des
Herrschers den sofortigen Zusammenbruch einer Armee bewirken.
Die Schlacht begann mit dem Vorrücken der Linien. Die griechischen Hopliten griffen energisch an und erzielten schnell Erfolge. Die ihnen gegenüberstehenden persischen Truppen konnten dem Druck
nicht standhalten. Wie schon in früheren Kämpfen zeigte sich die enorme Schlagkraft schwerer griechischer Infanterie gegen leichter bewaffnete Gegner.
Die Griechen drängten ihre Feinde zurück und brachten ihren Frontabschnitt unter Kontrolle. Aus ihrer Sicht verlief die Schlacht zunächst äußerst erfolgreich. Doch das eigentliche Schicksal des
Tages entschied sich an anderer Stelle.
Kyros erkannte während des Kampfes die Position seines Bruders. Getrieben von Ehrgeiz und möglicherweise auch von Ungeduld führte er persönlich einen Angriff gegen den Großkönig an. Antike
Berichte schildern, dass es ihm gelang, bis in die Nähe von Artaxerxes vorzudringen. In der folgenden Auseinandersetzung wurde Kyros jedoch tödlich verwundet.
Die genauen Umstände seines Todes sind nicht vollständig geklärt. Nach einer Überlieferung traf ihn ein Speer oder Wurfspeer im Gesicht. Andere Berichte erwähnen einen Pfeil. Sicher ist
lediglich, dass der Prätendent auf dem Schlachtfeld fiel.
Mit dem Tod des Kyros änderte sich die Lage schlagartig. Obwohl die Griechen auf ihrem Flügel gesiegt hatten, war ihr Auftraggeber tot. Politisch hatte Artaxerxes damit den entscheidenden Sieg
errungen. Die Truppen des Kyros verloren ihren Anführer, und viele asiatische Verbündete liefen zum Großkönig über oder flohen.
Für die griechischen Söldner begann nun eine völlig neue Situation. Sie befanden sich tief im Inneren eines feindlichen Reiches, hunderte Kilometer von der Küste entfernt. Ihr Auftraggeber war
tot, ihre Verbündeten zerstreut, und vor ihnen stand die Macht des persischen Königs.
Zunächst versuchten beide Seiten zu verhandeln. Artaxerxes hoffte offenbar, die kampfstarken Griechen für sich zu gewinnen oder zumindest kampflos zu neutralisieren. Die Griechen wiederum suchten
einen sicheren Rückzug. Die Verhandlungen führten jedoch zu keiner dauerhaften Lösung.
Ein persischer Adliger namens Tissaphernes spielte dabei eine zentrale Rolle. Er überzeugte die griechischen Anführer, zu Gesprächen zu erscheinen. Dort wurden mehrere ihrer Kommandeure gefangen
genommen und getötet. Dieser Vorfall stürzte die Söldner in eine schwere Krise.
In dieser Situation trat Xenophon hervor. Ursprünglich war er weder Oberbefehlshaber noch einer der ranghöchsten Offiziere. Doch seine Fähigkeiten als Organisator und Redner machten ihn rasch zu
einer Schlüsselfigur. Gemeinsam mit anderen Offizieren übernahm er die Führung der verbliebenen Truppen.
Die folgenden Monate wurden zu einer der bemerkenswertesten Militärleistungen der Antike. Die Griechen beschlossen, sich nicht zu ergeben, sondern den Rückweg in die Heimat anzutreten. Ihr Marsch
führte durch Mesopotamien, über die Gebirge Armeniens und durch Gebiete feindlicher Stämme.
Immer wieder mussten sie Angriffe abwehren. Hunger, Kälte und Erschöpfung forderten zahlreiche Opfer. Dennoch blieb die Kerntruppe erstaunlich diszipliniert. Die Hopliten verteidigten sich
erfolgreich gegen persische Reiter, lokale Krieger und schwierige Geländeverhältnisse.
Besonders berühmt wurde der Moment, als die erschöpften Soldaten nach monatelangem Marsch erstmals das Schwarze Meer erblickten. Der Überlieferung zufolge riefen sie begeistert „Thalatta!
Thalatta!“ – „Das Meer! Das Meer!“ Für die Männer bedeutete dieser Anblick die Hoffnung auf eine Rückkehr in die griechische Welt.
Der eigentliche militärische Verlauf der Schlacht von Cunaxa wurde später oft unterschiedlich bewertet. Rein taktisch hatten die griechischen Hopliten ihren Frontabschnitt gewonnen. Strategisch
jedoch siegte Artaxerxes II., weil sein Rivale gefallen war. Die Schlacht zeigt damit eindrucksvoll, wie unterschiedlich taktischer und politischer Erfolg sein können.
Langfristig hatte Cunaxa weitreichende Folgen. Die Leistungen der griechischen Söldner beeindruckten viele Zeitgenossen. Dass eine relativ kleine Streitmacht tief im Perserreich operieren und
sich anschließend erfolgreich zurückkämpfen konnte, offenbarte Schwächen des scheinbar allmächtigen Großreiches.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später sollte Alexander der Große von diesen Erfahrungen profitieren. Die Berichte Xenophons waren in der griechischen
Welt bekannt und machten deutlich, dass persische Armeen nicht unbesiegbar waren. Viele Historiker sehen deshalb in Cunaxa einen wichtigen psychologischen Vorläufer der makedonischen
Eroberungen.
Auch für die Militärgeschichte war die Schlacht bedeutsam. Sie unterstrich erneut die Wirksamkeit schwer bewaffneter Infanterie in geschlossener Formation. Gleichzeitig zeigte sie die Grenzen
rein taktischer Erfolge auf, wenn politische Ziele nicht erreicht werden.
Die wichtigste Quelle zu den Ereignissen bleibt Xenophons „Anabasis“. Das Werk verbindet Augenzeugenbericht, Militärgeschichte und Abenteuererzählung. Es vermittelt
einzigartige Einblicke in den Alltag antiker Soldaten, in die Logistik großer Feldzüge und in die politischen Verhältnisse des Perserreiches. Nur wenige Schlachten der Antike sind durch einen
Teilnehmer so detailliert beschrieben worden wie Cunaxa.
Die Ebene von Cunaxa selbst ist heute längst verändert, und archäologische Spuren der Schlacht sind nur schwer nachweisbar. Dennoch lebt die Erinnerung an das Ereignis fort – als Geschichte eines
persischen Bruderkrieges, eines gescheiterten Thronanspruchs und einer der außergewöhnlichsten Rückzugsoperationen der gesamten antiken Militärgeschichte.
© Bild und Texte: Carsten Rau.
