· 

Die Schlacht am Hydaspes (326 v. Chr.) – Alexanders letzter großer Sieg am Rand der bekannten Welt

Symbolbild: Die Schlacht am Hydaspes.
Symbolbild: Die Schlacht am Hydaspes.

Die Schlacht am Hydaspes im Mai oder Juni 326 v. Chr. gehört zu den außergewöhnlichsten Feldschlachten der Antike. Sie war die letzte große Schlacht Alexanders des Großen gegen einen bedeutenden Gegner und zugleich die am weitesten östlich gelegene Entscheidungsschlacht seines gewaltigen Eroberungszuges. Am Ufer des Hydaspes, des heutigen Jhelam in Pakistan, traf die makedonische Armee auf die Streitkräfte des indischen Herrschers Poros. Es war eine Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Militärtraditionen, zweier politischer Welten und zweier Herrscher, die sich durch persönlichen Mut und militärische Fähigkeiten auszeichneten. Die Schlacht brachte Alexander zwar einen Sieg, doch sie zeigte zugleich die Grenzen seiner Expansion auf und leitete die letzte Phase seines Feldzuges ein.

Als Alexander im Frühjahr 334 v. Chr. den Hellespont überquerte und seinen Krieg gegen das Perserreich begann, hatte wohl niemand geahnt, wie weit ihn dieser Weg führen würde. Innerhalb weniger Jahre hatte er die persischen Armeen am Granikos, bei Issos und bei Gaugamela besiegt. Er hatte Kleinasien, Syrien, Phönizien, Ägypten, Mesopotamien und Persien erobert. Die alten Hauptstädte Susa, Babylon, Persepolis und Ekbatana befanden sich in seiner Hand. Nach dem Tod des persischen Großkönigs Dareios III. betrachtete sich Alexander nicht mehr als Eroberer eines fremden Reiches, sondern als dessen rechtmäßigen Nachfolger.

Doch seine Ambitionen endeten nicht an den Grenzen des ehemaligen Achämenidenreiches. In den Jahren nach Gaugamela zog er weiter nach Osten. Er unterwarf die Regionen Baktrien und Sogdiena, die heute Teile Afghanistans, Usbekistans und Tadschikistans umfassen. Diese Feldzüge gehörten zu den schwierigsten seiner gesamten Karriere. Anders als die großen Entscheidungsschlachten gegen die Perser waren sie geprägt von Guerillakriegen, Aufständen und langwierigen Märschen durch Gebirge und Wüsten.

Nach der Sicherung Zentralasiens wandte sich Alexander einem Gebiet zu, das den Griechen bis dahin nur vage bekannt war: Indien. In der antiken Vorstellung galt Indien als geheimnisreiches Land am östlichen Rand der Welt. Berichte über seine Reichtümer, seine Flüsse und seine gewaltigen Armeen kursierten seit Jahrhunderten. Für Alexander war der Vormarsch nach Indien eine Mischung aus strategischem Ziel, persönlichem Ehrgeiz und Entdeckerdrang.

Im Jahr 327 v. Chr. begann der Feldzug auf dem indischen Subkontinent. Alexander überschritt den Hindukusch und zog über die heutigen Grenzregionen Afghanistans und Pakistans nach Südosten. Zahlreiche lokale Herrscher unterwarfen sich freiwillig oder wurden militärisch besiegt. Einer seiner wichtigsten Verbündeten wurde Ambhi, der Herrscher von Taxila, einer bedeutenden Stadt im Punjab.

Doch nicht alle Fürsten waren bereit, die makedonische Oberherrschaft anzuerkennen. Der mächtigste Gegner in der Region war Poros, ein Herrscher, dessen Reich sich zwischen den Flüssen Hydaspes und Acesines erstreckte. Obwohl die antiken Quellen ihn meist als König bezeichnen, ist über die genaue Struktur seines Herrschaftsgebietes wenig bekannt. Sicher ist jedoch, dass er über beträchtliche militärische Ressourcen verfügte und als einer der bedeutendsten Herrscher Nordindiens galt.

Poros war entschlossen, Widerstand zu leisten. Anders als viele andere lokale Herrscher wollte er sich nicht kampflos unterwerfen. Er bereitete sich auf eine Verteidigung am Hydaspes vor, einem Fluss, der während der Regenzeit zu einem beeindruckenden Hindernis werden konnte.

Der Hydaspes war für Alexander eine erhebliche Herausforderung. Im Frühjahr 326 führten Schmelzwasser und Regenfälle große Wassermengen mit sich. Der Fluss war breit, die Strömung stark und die Ufer teilweise schwer zugänglich. Ein Frontalübergang unter den Augen einer feindlichen Armee wäre äußerst riskant gewesen.

Poros wusste dies. Er stellte seine Truppen am gegenüberliegenden Ufer auf und beobachtete jede Bewegung der Makedonen. Besonders seine Kriegselefanten sollten eine entscheidende Rolle spielen. Für Alexanders Soldaten waren diese Tiere eine weitgehend unbekannte Waffe. Zwar hatten die Makedonen bereits von Elefanten gehört und möglicherweise einzelne Tiere gesehen, doch noch nie waren sie einer größeren Elefantenstreitmacht in einer Feldschlacht begegnet.

Die antiken Quellen nennen unterschiedliche Zahlen für die Armee des Poros. Moderne Historiker schätzen, dass er wahrscheinlich zwischen 20.000 und 35.000 Infanteristen, mehrere tausend Reiter und etwa 80 bis 200 Kriegselefanten aufbot. Die genaue Stärke bleibt ungewiss, doch die Elefanten waren zweifellos der auffälligste Bestandteil seines Heeres.

Alexander verfügte vermutlich über rund 40.000 bis 45.000 Mann, darunter seine bewährte makedonische Phalanx, Kavallerieeinheiten, leichte Truppen und zahlreiche Verbündete aus verschiedenen Teilen seines Reiches. Seine Armee war kampferfahren und hatte bereits unzählige Schlachten überstanden.

Die Wochen vor der eigentlichen Schlacht entwickelten sich zu einem nervenaufreibenden Duell der Feldherren. Alexander wusste, dass ein direkter Übergang an der beobachteten Stelle hohe Verluste verursachen würde. Deshalb begann er mit einer Reihe von Täuschungsmanövern.

Immer wieder ließ er seine Truppen am Flussufer aufmarschieren. Lagerfeuer wurden entzündet, Reiterpatrouillen ausgesandt und scheinbare Vorbereitungen für einen Übergang getroffen. Poros reagierte jedes Mal und hielt seine Armee in Alarmbereitschaft. Nach einiger Zeit wurden diese Bewegungen für die Inder zur Routine.

Währenddessen suchte Alexander nach einer geeigneten Stelle für einen tatsächlichen Flussübergang. Etwa 25 Kilometer flussaufwärts entdeckte er eine Insel und einen Abschnitt des Flusses, der bessere Möglichkeiten bot. Dort bereitete er heimlich die eigentliche Operation vor.

In einer stürmischen Nacht setzte sich ein ausgewählter Teil der makedonischen Armee in Bewegung. Regen, Wind und Donner halfen dabei, die Geräusche zu verbergen. Alexander führte die Truppe persönlich an. Die Soldaten überquerten den Fluss mit Booten, Flößen und improvisierten Wasserfahrzeugen.

Der Übergang verlief nicht völlig reibungslos. Einige Einheiten landeten zunächst auf einer Insel und mussten einen weiteren Wasserarm überwinden. Dennoch gelang es den Makedonen, überraschend das gegenüberliegende Ufer zu erreichen.

Poros erhielt bald Nachricht von der Aktion. Zunächst glaubte er offenbar, es handle sich lediglich um eine kleinere Abteilung. Er entsandte eine Vorhut unter dem Kommando seines Sohnes, um die Eindringlinge zurückzuschlagen.

Diese Vorausabteilung wurde jedoch von Alexander besiegt. Im folgenden Gefecht fiel der Sohn des Poros. Nun erkannte der indische Herrscher, dass die Hauptarmee des Gegners den Fluss überschritten hatte. Er marschierte mit seinen Streitkräften zur Entscheidungsschlacht.

Das Schlachtfeld lag auf einer offenen Ebene nahe dem Hydaspes. Der Boden war durch die Regenfälle teilweise aufgeweicht, was insbesondere den Einsatz von Streitwagen erschwerte. Die indische Armee nahm eine beeindruckende Aufstellung ein.

Die Kriegselefanten wurden in regelmäßigen Abständen vor der Hauptlinie positioniert. Sie sollten die makedonische Phalanx aufbrechen und Panik unter den Pferden der Kavallerie auslösen. Hinter den Elefanten stand die Infanterie. Die Reiterei sicherte die Flügel.

Alexander erkannte sofort die Gefahr. Die Elefanten waren eine Waffe, gegen die seine bewährten Taktiken nur begrenzt erprobt waren. Gleichzeitig wusste er, dass die indische Kavallerie geschlagen werden musste, bevor die Elefanten ihre volle Wirkung entfalten konnten.

Die Schlacht begann mit Bewegungen der Kavallerie. Alexander griff mit seinen Reitern einen Flügel der indischen Armee an. Ziel war es, die gegnerischen Reiter zu binden und ihre Formation zu destabilisieren. Wie so oft setzte er auf Schnelligkeit, Flexibilität und die Konzentration seiner Kräfte auf einen entscheidenden Punkt.

Poros reagierte geschickt und versuchte, seine Kavallerie umzudisponieren. Es entwickelte sich ein komplexes Gefecht, in dem beide Seiten wiederholt ihre Formationen veränderten. Schließlich gelang es den Makedonen, die indische Reiterei zunehmend unter Druck zu setzen.

Währenddessen rückte die makedonische Phalanx vor. Nun kam es zur eigentlichen Bewährungsprobe. Die Soldaten sahen sich den Kriegselefanten gegenüber, deren gewaltige Körper und laute Geräusche einschüchternd wirkten.

Als die Elefanten angriffen, entstanden chaotische Szenen. Einige Tiere drangen tief in die makedonischen Reihen ein. Mit ihren Stoßzähnen, Rüsseln und ihrem enormen Gewicht konnten sie schwere Schäden verursachen. Zahlreiche Soldaten wurden niedergetrampelt oder durch die Angriffe verwundet.

Gleichzeitig erwiesen sich die Elefanten nicht als unbesiegbar. Die Makedonen reagierten diszipliniert. Leichte Truppen und Bogenschützen konzentrierten sich auf die Tiere und ihre Führer. Speerwerfer griffen die empfindlichen Stellen der Elefanten an.

Je länger die Schlacht dauerte, desto stärker wurden die Tiere erschöpft und verwundet. Einige gerieten in Panik. In mehreren Fällen wandten sie sich gegen die eigenen Reihen und verursachten dort Verwirrung.

Der Kampf zog sich über Stunden hin. Anders als viele frühere Schlachten Alexanders war Hydaspes keine schnelle Entscheidung. Die indischen Truppen leisteten erbitterten Widerstand. Besonders die Infanterie des Poros kämpfte mit großer Standhaftigkeit.

Schließlich begann die makedonische Überlegenheit in Ausbildung und Koordination den Ausschlag zu geben. Die indische Kavallerie war weitgehend geschlagen, die Elefanten verloren ihre Ordnung, und die Infanterie geriet zunehmend unter Druck.

Poros selbst blieb während der gesamten Schlacht im Kampf. Antike Autoren schildern ihn als außergewöhnlich großen und beeindruckenden Mann. Er kämpfte angeblich von einem Elefanten aus und führte seine Truppen bis zuletzt.

Als die Niederlage unvermeidlich wurde, war Poros verwundet, gab aber nicht auf. Erst nachdem seine Armee weitgehend zerschlagen war, geriet er in makedonische Gefangenschaft.

Eine der berühmtesten Episoden der gesamten Alexanderüberlieferung ereignete sich nach der Schlacht. Als der Sieger den besiegten Herrscher fragte, wie er behandelt werden wolle, soll Poros geantwortet haben: „Wie ein König.“

Alexander fragte angeblich nach, ob er noch weitere Wünsche habe. Poros entgegnete, dass in seiner ersten Antwort bereits alles enthalten sei. Ob das Gespräch exakt so stattfand, lässt sich heute nicht überprüfen. Die Geschichte wurde jedoch schon in der Antike vielfach erzählt und verdeutlicht den gegenseitigen Respekt zwischen beiden Herrschern.

Alexander war von Poros beeindruckt. Statt ihn abzusetzen, bestätigte er ihn als Herrscher seines Gebietes und vergrößerte sogar dessen Reich. Diese Entscheidung entsprach seiner häufigen Praxis, fähige lokale Herrscher in sein System einzubinden.

Die Verluste der Schlacht sind schwer zu bestimmen. Antike Autoren nennen unterschiedliche Zahlen. Wahrscheinlich verloren die Inder mehrere Tausend Soldaten. Auch die Makedonen erlitten spürbare Verluste. Im Gegensatz zu vielen früheren Siegen war Hydaspes kein billiger Erfolg.

Der Sieg hatte dennoch große Bedeutung. Alexander hatte einen starken Gegner besiegt und seinen Einfluss bis in den Punjab ausgedehnt. Zur Erinnerung gründete er zwei Städte. Eine erhielt den Namen Nikaia, „Stadt des Sieges“. Die andere wurde Boukephala genannt, benannt nach seinem berühmten Pferd Bukephalos, das kurz nach der Schlacht starb oder an den Folgen seines Alters verendete.

Trotz des Erfolges zeigte Hydaspes auch die Grenzen der makedonischen Expansion. Als Alexander weiter nach Osten ziehen wollte, verweigerten seine Soldaten den Gehorsam. Am Fluss Hyphasis, dem heutigen Beas, kam es zu einer offenen Krise. Die Männer waren erschöpft. Sie hatten jahrelang gekämpft, waren Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt und hörten Berichte über noch größere Reiche und Armeen im Osten.

Nach langen Diskussionen musste Alexander nachgeben. Zum ersten Mal in seiner Karriere konnte er seinen Willen nicht vollständig durchsetzen. Der Vormarsch wurde beendet.

In der Militärgeschichte nimmt die Schlacht am Hydaspes einen besonderen Platz ein. Sie war die größte Schlacht Alexanders außerhalb des Perserreiches und die einzige große Feldschlacht, in der Kriegselefanten eine zentrale Rolle spielten. Die Erfahrungen, die die Griechen und Makedonen dort sammelten, beeinflussten die Kriegsführung der hellenistischen Staaten für Jahrhunderte.

Zugleich markierte Hydaspes den Höhepunkt von Alexanders Macht. Nie zuvor war ein griechischer oder makedonischer Herrscher so weit nach Osten vorgedrungen. Seine Armee stand am Rand einer Welt, die den Menschen des Mittelmeerraums bis dahin weitgehend unbekannt gewesen war.

Die Ebene am Hydaspes wurde damit zum Schauplatz eines Ereignisses, das nicht nur über das Schicksal eines indischen Königreiches entschied, sondern auch die Grenzen eines der größten Eroberungszüge der Weltgeschichte sichtbar machte. Hier errang Alexander seinen letzten großen Sieg – und hier begann zugleich der Weg zurück aus den fernsten Regionen seines gewaltigen Reiches.


© Bild und Texte: Carsten Rau.

Zurück zur Schlachten-Übersicht